Uni-GrösseMassen- oder Provinz-Uni?

Lieber an einer kleinen oder doch an einer großen Uni studieren? Ein Stimmungstest aus dem kleinen Lüneburg und dem großen Hamburg. von Jasmin Klofta

"Verlaufen kann man sich hier nicht", lacht der 24-jährige Andreas Stolze und zeigt auf die roten Backsteinhäuser. Auf dem Lüneburger Campus ist alles in Ordnung: Die Gebäude der ehemaligen Bundeswehrkaserne sind nummeriert, von 1 bis 16. Sie stehen in Reih und Glied, sehen aus wie Legoklötze oder Tetrissteine. Von der Mensa zum letzten Gebäude mit der Nummer 16 sind es nur 250 Meter die längste Strecke, die Studenten hier zurücklegen müssen.

Andreas studiert seit drei Jahren Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Wenn ihm Freunde aus Berlin oder Hamburg von anonymen und undurchdringlichen Universitätsdschungeln erzählen, zuckt er stets mit den Schultern. Er selbst fand sich auf seinem Campus schnell zurecht, kam problemlos mit seinen Kommilitonen in Kontakt, wusste bald, wer die Ansprechpartner sind. "Die Betreuung ist wirklich gut", sagt Andreas. Viele Dozenten würden die Namen ihrer Studenten kennen, und es werde auch nicht über Tutoren, Sekretärinnen oder Assistenten kommuniziert. Andreas erzählt von einem Referat, das er in einem Seminar über Musikproduktion halten musste. "Mein Dozent hat mir einfach einen Hardware-Sampler zur Vorbereitung mit nach Hause gegeben", sagt Andreas. "Er weiß, dass man ein solches Gerät in Ruhe und vor allem praktisch ausprobieren muss. Da steht dann der Wert des Geräts im Hinter- und das Vertrauen zum Studenten ganz klar im Vordergrund."

Mal so, mal so

Eine Ausnahme, meint dagegen Sabrina Jähner, ebenfalls Studentin an der Uni Lüneburg. Sicherlich gibt es einige engagierte Dozenten an der Uni, die sich intensiver mit den Studenten beschäftigen, doch man solle nicht den Fehler machen, die intensive Betreuung auf die Größe der Universität zurückzuführen. "Auch in Lüneburg sind Dozenten in Eile und Sprechstunden knapp bemessen", sagt Sabrina. "Die sind oft Wochen im Voraus ausgebucht."

Besonders ärgert sich die 25-Jährige über die schlechte Ausstattung: "Bei dem jetzigen Stand der Universitätsbibliotheken halte ich eine ernsthafte wissenschaftliche Arbeit für unmöglich." Das Gros der Lüneburger Studenten ist stets auf die Bibliotheken in Hamburg und auf die Fernleihe angewiesen. Doch gerade die spezialisierten Institutsbibliotheken in Hamburg beteiligen sich nicht an der Fernleihe. "So verbringt man als Lüneburger Studentin dann doch viel mehr Zeit in Hamburg, als man eigentlich will", sagt Sabrina. Ein Bild, das sich aufgrund mangelnder Gelder auch in den nächsten Jahren wohl kaum ändern wird.

Was ist der Grund dieser Unterfinanzierung? Sascha Spoun, Präsident der Universität Lüneburg, erkennt eine Ursache in der Vergangenheit: "Viele Gründungen aus den in den 1970er Jahren entwickelten Programmen, die nicht mit Geldern hinterlegt wurden", sagt der 37-Jährige. Junge Universitäten wie die Lüneburger Universität könnten zudem auf keinen so großen Fundus an Buchbestand oder Infrastruktur zurückgreifen wie alt eingesessene Hochschulen. Für Sascha Spoun gibt es dafür nur einen Ausweg: "Die Gesellschaft muss realisieren, dass Bildung einen Wert hat und dementsprechend investiert werden muss. Wenn im Regierungsbezirk Lüneburg die Arbeitsämter ca. 31 Millionen Euro für Nachschulungen für Arbeitslose ausgeben, das Land aber nur insgesamt rund 43 Millionen für die Universität zur Verfügung stellt, dann repräsentieren diese Zahlen ein falsches Bewusstsein."

Die Unterfinanzierung ist überall ein Problem

Die Mangelsituation zeigt sich jedoch nicht nur an den kleineren Unis, sondern auch den rund 40.000 Studenten der Hamburger Universität. Und da ganz besonders deutlich in der mangelhaften Betreuung. Hiervon sind die großen Studiengänge stärker betroffen, glaubt der BWL-Student Philipp Schalke. Es gebe einfach keinen persönlichen Kontakt zum Lehrkörper. "Eine Hausarbeit im Hauptstudium wird manchmal in ein paar Minuten besprochen", kritisiert der 27-Jährige. Besonders nervt ihn, dass man sich "überall selbst durchkämpfen" muss. "Das kann man zwar als Vorteil sehen, weil es die Selbstständigkeit fördert, aber eigentlich verlängert es nur die Studiumsdauer."

Vor diesem Hintergrund kann es kaum wundern, dass die baldige Einführung von Studiengebühren auf großen Protest stößt. Die Hamburger Universitätspräsidentin Monika Auweter-Kurtz verteidigt jedoch die Campus-Maut in Höhe von 500 Euro: "Sie sollen hauptsächlich in Maßnahmen umgesetzt werden, die die Studienbedingungen verbessern, ohne Studienplätze zu kürzen", sagt sie. Es werde heute allerorten gefordert, dass jede Universität ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nachkomme und Neues schaffe. "Allerdings erhält die Uni dafür keine weiteren oder sogar weniger Ressourcen", erklärt Auweter-Kurtz den Zwiespalt der deutschen Hochschullandschaft. An der Fächervielfalt der Uni Hamburg soll aber festgehalten werden, denn erst damit "verdient sie auch den Namen 'Universität'".

Gerade das breite Angebot für die Studenten, eines der größten deutschlandweit in den Geistes- und Sprachwissenschaften, sehen die Studenten als klaren Vorteil. Die Wahlmöglichkeiten an Fächern und innerhalb des Faches sind größer als bei einer kleinen Universität, vermutet Philipp: "Außerdem ist eine große Universität wie Hamburg für renommierte Professoren sicherlich attraktiver."

Dass so viele Studenten dann letztendlich doch lieber an eine Massen-Uni gehen, hat noch einen weiteren Grund: Das vermeintlich anwechslungsreichere Leben. "Das Studium spielt sich ja eben nicht nur an der Universität ab", meint Morten Armbrecht, Student der Wirtschaftsmathematik. "Große Universitäten sind ja meist in großen Städten. Und da findet sich schneller ein passender Nebenjob und auch Stellen nach dem Studium." Außerdem sei Hamburg kulturell attraktiver als eine kleine Stadt, sagt Morten. "Und wenn alle Unis unterfinanziert sind und die Betreuung dadurch überall gleich mangelhaft ist, dann sollte man zumindest in einer schönen Stadt wohnen, einer wie Hamburg."

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