Studenten-Nebenjobs Die Glücksspielerin

Sie waren jung und brauchten das Geld: Studenten tun fast alles, um mit einem Nebenjob ihren Verdienst aufzubessern. Moritz Honert traf einige Studenten, die sich auf besonders skurrile, peinliche und lustige Weise, ihr Taschengeld verdienen. Teil 3: Tanja, die Glücksspielerin

Eines Tages wedelte meine Mutter mit einem Boulevardblatt. Im Anzeigenteil wurde eine Stelle in einem Pferdewettbüro ausgeschrieben. Wo sich andere Mütter sicherlich Sorgen um ihre Tochter gemacht hätten, hielt das meine Mutter für total "englisch". Ob ich mir das nicht mal ansehen wolle, wo ich doch so "England-affin" sei? Eine Woche später kletterte ich beim Bewerbungsgespräch in einem viel zu kurzen Rock vor meinem zukünftigen Chef die Treppe hoch ins Büro und bekam den Job.

Die meiste Zeit stand ich dann hinter dem Schalter des Wettbüros und hämmerte die Tipps der Kunden in den Zentralcomputer. Spätestens an dieser Stelle verpufften die Bilder der typisch englischen Pub-Atmosphäre, die die ganze Zeit noch an mir vorbeigezogen waren. Nix mit schick und edel, mit Klasse und Stil. Die Wettkultur in Deutschland ist eine ganz andere als die auf der britischen Insel. Dort wetten die Menschen ja auf alles, weshalb dort auch die verschiedensten Schichten zusammenkommen. Bei uns verkehrten vor allem viele Alkoholiker und einsame Menschen, die nur ins Wettbüro kamen, um mal mit jemanden zu reden. Man sollte sich da nichts vormachen: Wetten ist auch nur eine Sucht.

So waren die Spieler auch nur so lange nett, wie sie gewannen. Verloren sie, wurden sie meist gleich ausfallend. Ziemlich oft kam es auch vor, dass jemand noch unbedingt auf den letzten Drücker einen Tipp abgeben wollte. Für die Spieler war ich so etwas wie einen lebendigen Roboter, der auf Knopfdruck hin zu funktionieren hatte. Da sie aber meist viel zu knapp kamen, konnte ich für sie auch nichts mehr in den Computer eintippen. Die Wette war damit ungültig, das Geld futsch und man selbst plötzlich nicht mehr das "Prinzesschen", das man während der Gewinnsträne noch war. Viele wurden in solchen Momenten richtig beleidigend - von wegen stilvoll englisch.

Der Verdienst war allerdings ganz gut. Der Stundenlohn von umgerechnet sechs Euro war zwar nicht sehr hoch, das Trinkgeld dagegen war sagenhaft. Es kam durchaus vor, dass ein Gewinner mal einen Hunderter auf dem Tisch liegen ließ.

Doch irgendwann hat das dicke Fell einfach nicht mehr gereicht. Außerdem konnte ich mir wahrlich Schöneres vorstellen, als mich bei einem Studentenjob von wildfremden Leuten anmeckern zu lassen. Ich bin dann lieber ganz klassisch in die Gastronomie hinter die Bar gewechselt. Natürlich gab es auch dort Betrunkene, aber da konnte ich die Leute bei Bedarf einfach ignorieren oder nicht bedienen, wenn sie mir dämlich kamen.

Tanja (29), BWL, Berlin

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    • Quelle ZEIT online, 19.3.2007
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    • Schlagworte Bewerbungsgespräch | Roboter | Sucht | Gastronomie | Berlin
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