Irgendwann gewöhnt man sich an alles. Sogar an die blöden Sprüche von Freunden, nachdem sie dein Antlitz wieder von einer Plakatwand haben grinsen sehen. Seit fünf Jahren vermiete ich mein Aussehen an die Werbung. Ich bin Model. Wer jetzt aber an internationalen Jetset-Glamour denkt, sollte das lieber in einer anderen Branche suchen. Topmodels oder international bekannte Produzenten habe ich noch nie getroffen und Koks hat mir auch noch keiner angeboten. Ab und zu trifft man mal einen bekannten Fotografen. Allerdings sieht man ein bisschen was von der Welt - wenn man Glück hat. Gelegentlich wird nämlich im Ausland gefilmt. Für den Spot einer Hamburgerkette ging es mal drei Tage nach Kiew.Ganz wichtig: Man sollte aufpassen, bei welcher Agentur man unterschreibt. Es gibt Büros, die wollen für die Probeaufnahmen, die sie machen, Geld sehen. Wenn sie kassiert haben, heißt es dann, sie würden sich melden, und das war's dann. Meine Agentur habe ich über die Freundin einer Freundin meiner WG-Mitbewohnerin vermittelt bekommen. Die fragte mich eines Tages, ob ich nicht Lust hätte, mich mal für Geld vor die Kamera zu stellen. Nun sehe ich nicht aus wie ein Hollywoodstar, aber die Agentur suchte "Typen", keine Schönlinge mit Waschbrettbauch. Also bin ich hin, es wurden ein paar Polaroids gemacht, ich habe einen Fragebogen mit Körpermaßen und Hobbys ausgefüllt, und zwei Monate später kam der erste Auftrag.Der Job ist alles in allem ziemlich lukrativ und nicht besonders zeitaufwendig, weswegen viele meiner Kollegen das neben dem Studium machen. Je nach Auftraggeber kann man locker 500 bis 1200 Euro am Tag verdienen. Für Filmaufnahmen wird in der Regel mehr gezahlt und noch mehr gibt es, wenn die Kampagne nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland läuft. Der Nachteil ist, dass die Aufträge relativ unberechenbar reinkommen.Es ist schon seltsam, sich selbst im Werbefernsehen zu sehen. Aber noch verrückter ist es, von Unbekannten angesprochen zu werden. Das passiert aber eher selten. Das Werbegeschäft ist dafür zu schnelllebig. Nach ein paar Monaten erinnern sich manche vielleicht noch an ein Plakat oder einen Spot, den sie gesehen haben, die wenigsten aber an das dauarf abgedruckte Gesicht. Zum Star wird man also nicht so leicht. Ein einziges Mal wollte aber tatsächlich doch jemand ein Autogramm von mir. Es besteht also noch Hoffnung!Gilbert (28), Grafikdesign, BerlinMehr zum Thema :
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