"Das Gute an den Juristen ist, dass man sie sofort erkennen und rechtzeitig die Flucht ergreifen kann, wenn man keine Lust verspürt, von ihren herablassenden Blicken gemustert zu werden. Schon wer sich nicht so anzieht wie sie, gilt in ihren Augen als nicht normal. Selbst zu informellen Besprechungen erscheinen die männlichen Studenten im Anzug mit Krawatte und Manschettenknöpfen, die Frauen wagen sich nicht ohne Kostümchen oder Bluse auf den Campus. Wer denkt, der Yuppie wäre spätestens mit dem Ende der New Economy ausgestorben, sollte einmal die Juristische Fakultät besuchen.

Diese Kleidung tragen die Studenten der Rechtswissenschaft jedoch nicht aus Geschmacksgründen, sondern lediglich zur Unterstreichung ihrer elitären Grundhaltung. Frei nach dem Motto: Hast du was, dann bist du was! So sollte man besonders eines haben, um bei einem Juristen zu punkten: Erfolg. Ein Mangel an solchem gilt den nach Gewinn und Macht strebenden Karrieristen als Charakterschwäche und Schmähgrund. Anwältin oder Richter werden, sich also für Recht und Gerechtigkeit einsetzen, wollen eh nur die wenigsten. Jura studieren sie schließlich nicht um des Faches willen, sondern weil man "vernünftig" ist und was "Anständiges" werden will - z.B. Vorstandsvorsitzender bei McKinsey.

Da die Juristen sich eh nur mit ihresgleichen verstehen, bilden sie Zirkel oder schließen sich Gesellschaften wie dem Lions Club oder den Rotariern an. Da diskutieren sie dann stundenlang über Golf und Aktienportfolios, suchen aber eigentlich nur Kontakte, die ihnen für den Weg nach oben hilfreich sein könnten. Ebenfalls sehr beliebt bei männlichen Jurastudenten ist die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft. Dort bereitet sich der angehende Gestalter der Gesellschaft auf zukünftige Reden und Ansprachen vor, indem er im Vollrausch zu Themen wie "Grüne Politik ist der Untergang des Abendlandes" oder "stalinistische Motive in der Innenpolitik der SPD unter Gerhard Schröder" referiert."

Oksan (26), 8. Semester Germanistik, Hamburg

Aufgezeichnet von Moritz Honert .

Klischee, Klischee - Dichtung und Wahrheit?
Diskutieren Sie mit in der Campus Community und klicken Sie hier !