Vielleicht liegt es an den anstrengenden Studienbedingungen, den schweren Prüfungen und dem vielen Auswendiglernen: Medizinstudenten aller Jahrgänge kämpfen jedenfalls nicht nur mit dem Lehr- sondern auch dem ein oder anderen Suchtstoff. Ein Hang zu handfesten Alkoholika und Drogen aller Art ist bei den angehenden Halbgöttern in Weiß weit verbreitet. Wer dies nachprüfen möchte, besuche doch einfach mal eine Medizinerparty seiner Wahl und er wird wissen, wovon ich spreche. Eine mögliche Konsequenz wäre dann allerdings die Angst vor Operationen, denn wer möchte schon auf dem OP-Tisch landen, wenn der Operierende seine Abende regelmäßig weit oberhalb der Promillegrenze beendet?Eigentlich ist das paradox. In der Schule nämlich waren die zukünftigen Medizinstudenten immer die Streber aus der ersten Reihe. Bereits in der Grundschule protzten sie in der Vorweihnachtszeit beim Gedichtaufsagen und glänzten beim Krippenspiel mit ihrer Textsicherheit. Eine gute Übung, denn nicht Denken, Planen oder Organisieren ist Inhalt ihres Studiums, sondern stures Auswendiglernen.Semesterlang pauken die Mediziner lateinische Fachbegriffe, die sie eigentlich nicht kennen müssten, weil sie eh von niemandem außer den Kollegen verstanden werden. Vielleicht ist das aber auch Absicht und Ausdruck ihres Standesdünkels. Die einsame Beschäftigung mit Krankheit und dem menschlichen Körper führt nach einer Weile zwangsläufig dazu, dass sich ein Gefühl für die physische Zerbrechlichkeit einstellt. Bereits vor dem Physikum haben sich große Teile der Medizinstudenten in komplette Hypochonder verwandelt. Einmal gehustet, lautet die Selbstdiagnose unausweichlich: Krebs!Das Ärzteleben ist bei weitem nicht wie im Fernsehen, was ein Großteil der Absolventen erst nach einem kurzen Flirt mit der Notaufnahme lernt, auf welcher es so ganz anders zugeht als bei "Emergency Room". Überarbeitet und überfordert verabschieden sie sich dann in Richtung Pharmaindustrie. Da gibt es eh mehr Geld zu holen. Und das zu verdienen, ist etwas, was sich viele inniger geschworen haben als den Hippokratischen Eid.Philipp (28) 6. Semester Wissenschaftsjournalismus, Bonn

Aufgezeichnet von Moritz Honert .