In letzter Zeit passiert es immer öfter: Im Postfach liegt eine Mail von einem vergessenen Kindergartenfreund oder verschollenen Kommilitonen, in der es heißt: »Tom Silbersack lädt Sie in sein Netzwerk auf der Plattform openBC ein.« Ich kriege diese Mails meist von Menschen, die ich nicht so richtig cool finde. Das BC in openBC steht für Business Club, ein Netzwerk im Internet, das sich neuerdings XING nennt. Alle reden von Netzwerken, aber was bringen sie? Ich will es ausprobieren und melde mich an. Für zwei Wochen. Mit mir und zwei ausgedachten Identitäten. © Illustration: Julia Pfaller BILD

Tag 1: Der Anfang

Xing/ openBC treten pro Woche 25000 Mitglieder bei, rund zwei Millionen Nutzer insgesamt sind es inzwischen seit der Gründung vor über drei Jahren. So schwer kann es da ja nicht sein, jemanden kennen zu lernen, wenn man kontaktfreudig ist. Zwar gibt es im Internet noch andere Netzwerke wie StudiVZ und MySpace. Aber ich suche für meine drei Profile ernsthafte Kontakte und sogar einen Job, also entscheide ich mich für Xing/ openBC.

Drei verschiedene Profile gebe ich in die Maske ein, drei Steckbriefe mit drei unterschiedlichen Fotos von mir. Meine drei Identitäten verfolgen unterschiedliche Ziele: Identität Nummer eins, das bin ich selbst, Anne Kunze, 25, ich erwähne, dass ich Journalistin bin und für wen ich schreibe, dass ich in Hamburg, Berlin, Rom und Mexiko studiert habe und berufliche Kontakte suche. Das zweite Profil gehört zu Johanna Breuer, 27, angeblich eine Hamburger Juristin, die gerade ihr erstes Staatsexamen gemacht hat und jetzt eine Stelle in einer Kanzlei sucht. Karen Singer nenne ich das dritte Profil, sie soll eine 23 Jahre alte Architekturstudentin aus Stuttgart sein, die gern in einem Architekturbüro jobben würde. Mal sehen, für wen sich die Leute bei Xing/ openBC mehr interessieren: die Jura-Schnitte Johanna oder die coole Karen. Und vor allem: Wie schneidet Anne ab?

Tag 3: Die erste Freundin

Virtuelles Wiedersehen. Der ehemalige Kollege begrüßt Anne mit: »Bist du auch endlich hier!« Die Berliner Freundin, die große Karriere macht, schreibt: »Hätte nie gedacht, dass ich Dich hier finde, Du linke Socke.« Johanna hat schon 45 Klicks auf ihr Profil, aber noch kein Jobangebot. Sie ist enttäuscht. Karen geht es besser: Ein Frankfurter Architekt bietet ihr ein Praktikum in seinem Unternehmen an. Außerdem wird sie von einer Kommilitonin entdeckt, die gleichzeitig eine Freundin von Anne ist.