Campus-Reise Ludwigs Luftschloss

Die Münchner LMU wurde zur Elite-Uni gekürt. Doch viele Studenten merken davon nichts – und ziehen weiter ihre Seminarplätze per Los. Teil 2 einer Serie über Unis im In- und Ausland

Wer diese Uni verstehen will, sollte zuerst das Wort »Elite« vergessen. Dann muss man vergessen, dass man diese Uni verstehen wollte. Nicht zu viel denken, einfach die Eindrücke wirken lassen. Dann klappt es.

Also los: durch die Eingangstür des Hauptgebäudes, die Granitstufen hinauf, an den glatt verputzten Wänden vorbei. Mit Sicht auf die goldverzierten Geländer und das riesige Kassettengewölbe, das sich wie bei einem Kirchenschiff über den Köpfen der Studenten auffaltet. Nach der fünfzehnten Stufe öffnet sich der Blick, und man sieht den Lichthof, der von meterhohen Säulengängen flankiert wird. Links und rechts der Stufen sitzen zwei Marmorstatuen, König Ludwig und Prinzregent Luitpold. Marmor an den Sockeln, Marmor an den Wänden, Marmor überall. Und dann dieses filigrane Kuppelfenster an der Decke, durch das die Sonnenstrahlen in den Raum strömen. Das ist der erste Eindruck, den die Ludwig-Maximilians-Universität in München ihren Studenten bietet. Eine Hochschule, die eher einem Palast denn einer Bildungsanstalt ähnelt. Das macht die Atmosphäre hier aus. Es fällt schwer, sich nicht mit der LMU zu identifizieren. Und das, obwohl diese Universität voller Gegensätze und Widersprüche steckt.

Seit Mitte Oktober gehört die LMU ganz offiziell zu den Elite-Unis. Das Wort mag hier kaum jemand aussprechen. Die einen, weil es nach Standesdünkel klingt. Die anderen, weil sie nicht glauben können, wirklich an einer Elite-Uni zu studieren. Es gibt Studiengänge, in denen man beste Bedingungen vorfindet. Andernorts entscheidet eine Lotterie, ob man einen Seminarplatz ergattern kann. Vom Hauptgebäude am Geschwister-Scholl-Platz aus werden in Wahrheit zwei Universitäten verwaltet. Beide haben kaum etwas miteinander gemein.

Die erste Uni ist die alte Massenuniversität, eine typisch deutsche Einrichtung. Natürlich können Studenten hier einen guten Abschluss machen. Aber sie müssen dafür kämpfen.

Die Lehramtsstudentin Sabine Gaumert, 24, hält einen Schuhkarton in den Händen, dessen Deckel längs aufgeschlitzt ist. »Das hier ist so eine Box«, sagt sie, »man zieht eine Biermarke. Die letzten drei Ziffern auf der Marke ergeben deine Wartenummer. Je höher die Nummer ist, desto später kommt man bei der Einschreibung dran.« Was Sabine mit empörtem Unterton erklärt, treibt jedes Jahr Dutzende Erstsemester in den Wahnsinn. Das Losverfahren entscheidet darüber, welchen Platz man in einer Sprachübung bekommt. Auch wenn es genügend Seminarplätze gibt, geregelt zu studieren ist kaum möglich. »Es ist für Erstsemester fast unmöglich, einen Stundenplan zu erstellen, weil man sich für jeden Kurs drei oder vier Alternativen überlegen muss.«

Sabine studiert im dritten Semester Englisch auf Lehramt. Trotz aller Hindernisläufe mag sie ihr Studium und möchte bald nach England, will dort ihre Sprachkenntnisse verfeinern. In München fühlt sie sich wohl, hat während des Studiums viele Freunde gefunden. Sabine stammt aus dem Allgäu und hatte die Wahl zwischen der LMU und der Uni Augsburg. Sie hat sich für München entschieden, weil ihr die Atmosphäre in München gefiel. »Hier ist es so grün um die Uni herum, außerdem gibt es hier ein tolles Angebot an Freizeitaktivitäten.« Auch sie war am Anfang im Hauptgebäude, ging die breiten Stufen hinauf, sah die mächtige Gewölbedecke und den Lichthof. Es hat ihr auf Anhieb gefallen.

Probleme gibt es nicht nur in der Anglistik, sondern auch in anderen Fachbereichen: In der Politikwissenschaft wurden Seminare bis vor kurzem noch an einem zentralen Einschreibungsort vergeben. Nachts kamen die ersten Studenten, morgens um sieben warteten meist schon zweihundert Menschen vor einer schmalen Durchgangstür. Sobald sie sich öffnete, brach Chaos aus, der Menschenstrom war nicht zu beherrschen. Einmal sprang ein besonders eifriger Student über die Tische mit den Einschreibungslisten, erinnert sich ein AStA-Sprecher. Der Student zog sich Prellungen und Verstauchungen zu. Von einem Soziologie- Dozenten erzählt man sich, dass er Studenten mit geradem Geburtsdatum aus seinen überfüllten Seminaren schmeißen würde. Das scheint eine speziell deutsche Definition von Elite-Auswahl zu sein.

Doch es gibt auch noch eine andere LMU. Mit dieser Hochschule kann man Wettbewerbe gewinnen, für die Wirtschaft ist sie schon seit langem ein begehrter Partner.

Münchner Wissenschaftstage, im Herbst 2006: Im Lichthof findet eine Bildungsmesse statt. Firmen haben auf dem Mosaikboden ihre Messestände aufgestellt. Die Menschen dahinter tragen Anzug und sind betont herzlich. Sie suchen vor allem Naturwissenschaftler, sprechen Studenten mit abgeschabten Rucksäcken an und verteilen Broschüren. Von der Decke hängt ein Satellit, mit goldenem Folienbezug und schwarzen Flügeln. Bewerberschauen haben Tradition, denn nicht erst seit der Kür zur Elite-Universität hat die LMU einen guten Ruf.

»Ich mag die Bezeichnung Elite-Uni nicht«, sagt Bernd Huber, Rektor der LMU, »ich spreche lieber von einer Spitzenuniversität.« Das ist aber schon das einzige Problem, das Huber mit dem Aufstieg in die universitäre Champions League hat. Der Rektor freut sich über einen »erheblichen Reputationsgewinn« für seine Hochschule und überlegt, Sonderprogramme für Gastprofessuren einzuführen. Mit den jährlich 40 Millionen Euro aus der Exzellenzinitiative lässt sich einiges bewegen.

Schon einmal, vor zwei Jahren, war die LMU Empfängerin eines dicken Geldgeschenks. Damals etablierte der Freistaat Bayern so genannte Elite-Studiengänge, unter anderem das Fach Osteuropastudien am Historischen Seminar. Doch damit ist das geisteswissenschaftliche Fach ein Sonderfall bei der Eliteförderung – das bestätigte auch die Exzellenzinitiative, die sich wieder einmal auf Natur- und Lebenswissenschaften beschränkte.

»Eigentlich ist dieser Raum nicht dafür bestimmt, dass ich ihn zeige«, sagt Lilla Balint, 26. Dann holt sie doch den Schlüssel aus einem Briefkasten und schließt die Tür auf: ein Lesesaal mitten im Historicum, der nur den Osteuropastudenten zur Verfügung steht. Internet-Arbeitsplätze, ein mehrere hundert Bücher starker Handapparat. »Andere Studierende hier an der Uni haben diese Möglichkeiten nicht. Das bedauere ich sehr«, sagt Lilla, die im dritten Semester hier studiert. Sie hat im Juli und August eine Sommerakademie besucht, für die alle Studenten ihres Jahrgangs nach Dubrovnik und Mostar eingeladen wurden. Ein Bonusprogramm, genauso wie die Vermittlung von Praktika, geförderte Projektarbeiten oder die außerordentlich gute Betreuungssituation, die auch durch eine eigens eingerichtete Koordinationsstelle gesichert wird. Ähnlich wie an teuren amerikanischen Colleges haben Münchner Osteuropastudenten einen Mentor, der ihnen bei Problemen hilft und sie etwa dabei unterstützt, Stundenpläne zusammenzustellen. »Das sind natürlich unvergleichbare Voraussetzungen gegenüber jemandem, der alles Organisatorische allein auf die Reihe bekommen muss«, sagt Lilla. Aber sie lässt keinen Interpretationsspielraum: Als Elite fühlt sie sich nicht. Wenngleich sie, das gibt sie zu, die Segnungen der Spitzenförderung gerne in Anspruch nimmt.

Die LMU hat zurzeit etwa 45000 Studenten; jedes Jahr liefert sie sich mit der Kölner Universität ein Wettrennen um den Rang als größte Hochschule Deutschlands. Baulich ist sie nach Angaben von Rektor Huber jedoch nur auf 25000 Studenten ausgerichtet. Trotzdem hat der Professor für Finanzwissenschaft ambitionierte Pläne mit seiner Hochschule. »Wir wollen in die Top 25 der weltweit besten Unis aufsteigen«, sagt er. Der Weg dahin wird freilich hart. Denn um mit den weltweiten Spitzenunis konkurrieren zu können, muss vor allem mehr in die Lehre investiert werden. Und zwar nicht nur punktuell. Sondern flächendeckend. Genau hier liegt das Hauptproblem der Exzellenzinitiative, und in München kann man es besichtigen: Zwar ist die LMU jetzt als eine von drei deutschen Elite-Universitäten geadelt worden, die Fördergelder fließen jedoch größtenteils in die Forschung. Die Studenten werden davon zunächst wenig haben. Ihr Rektor fordert deswegen schon jetzt eine weitere Initiative, um die Situation an den Hochschulen zu verbessern. »Wir müssen zu einem Hochschulpakt kommen, der es ermöglicht, die Lehre zu fördern.«

Wer trotzdem ein paar Minuten von einer deutschen Spitzenuniversität für alle träumen will, kann sich auf die Stufen im Lichthof setzen. Riesige, bunte Marmorsäulen ragen dort zur Decke empor. Die Mauern für ein deutsches Harvard stehen schon. Wenigstens das.

Eine aus der Masse: Sabine Gaumert studiert Englisch auf Lehramt– und muss für jedes Seminar anstehen. Dafür kann sie sich zumindest im Lichthof der LMU wie in Harvard fühlenEine aus der Elite: Lilla Balint studiert im Fach Osteuropastudien. Mit Betreuer, eigenem Lesesaal und Sommer-akademie auf dem Balkan


Info: Die LMU und die Exzellenzinitiative

Die Ludwig-Maximilians-Universität wurde im Oktober zu einer von drei deutschen Elite-Unis gekürt – neben dem Lokalkonkurrenten Technische Universität München sowie der Technischen Hochschule Karlsruhe. Bei der so genannten Exzellenzinitiative wurden aber nicht nur drei »Zukunftskonzepte zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung« ausgezeichnet, sondern auch deutschlandweit 18 Graduiertenschulen und 17 Exzellenzcluster. Die LMU darf sich nun mit drei Clustern und einer Schule schmücken.

Im Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung hat die LMU in vielen Fächern gut abgeschnitten, auch in den Geisteswissenschaften. Mehr Informationen zur LMU und alle Ergebnisse des Hochschulrankings gibt es unter www.zeit.de/campus/hochschulranking

Die Redaktion von ZEIT CAMPUS präsentiert online mit einem Schwerpunkt zudem die Ergebnisse der Exzellenzinitiative: www.zeit.de/campus/elite-unis

Campus-Reise, Teil 1 :
Bächle, Gässle, gute Menschen - Freiburg und seine Uni .

 
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    • Quelle ZEIT Campus, 01/2007
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