Ulrike Meinhof Das Blockflötenmädchen

Die Studentin Ulrike Meinhof spielt Geige und betet in der Mensa. Sie wird als Hochbegabte gefördert und endet später als Terroristin. Was wäre heute aus ihr geworden?

Ulrike Meinhof bei ihrer Verhaftung im Juni 1972

Ulrike Meinhof bei ihrer Verhaftung im Juni 1972

»Das ganze Klassiker-Studium dient nur einem Zweck , demselben, dem alles andere Studium dient: der Praxis, unserem Job, was wir vorhaben, die Revolution. Praxis ist: bewaffneter Kampf, Organisation, Propaganda.« So spricht eine, die sich im Nahen Osten als Guerillakämpferin ausbilden lässt und in Deutschland im Untergrund Attentate plant. Sprengstoff gegen das kapitalistische System, gegen die »Ausbeuter- und Marktneurose«: Ulrike Meinhof ist Anfang der Siebziger die Stimme der Roten Armee Fraktion (RAF).

Zusammen mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und anderen erklärt sie mit Bombenanschlägen dem »Imperialismus« den Krieg. Sie werden 1972 gefasst und in Stuttgart-Stammheim inhaftiert, wo Ulrike Meinhof am 9. Mai 1976 erhängt in ihrer Zelle aufgefunden wird. »Die Bullen sind Schweine, und natürlich kann geschossen werden«, lautet Ulrike Meinhofs Devise bei der RAF. Nur wenige Jahre vorher hörte sich das anders an: »Schießenderweise verändert man nicht die Welt, man zerstört sie.« Was war geschehen?

Anzeige

Ulrike Meinhof wächst bei der politisch engagierten Professorin Renate Riemeck auf, die sie nach dem Tod der Mutter aufgenommen hat. Da war Ulrike Meinhof vierzehn; mit fünf hatte sie bereits den Vater verloren. Beide Eltern waren Kunsthistoriker und evangelische Christen, im »Dritten Reich« hatten sie sich der freikirchlichen Gemeinde Hessische Renitenz angeschlossen, die sich gegen die staatliche Einmischung in kirchliche und religiöse Fragen stellte.

Auch Ulrike Meinhof ist ihr Glaube wichtig. Schon in ihrer Schulzeit lehnt sie sich gegen Autoritäten und ungerechte Behandlung auf. In der Oberstufe beschäftigt sie sich mit dem Urchristentum, daneben liest sie, ganz bildungsbürgerlich, viele Werke der Weltliteratur, übt ausgiebig Geige und überlegt gar, Musik zu studieren.

Nach dem Abitur 1955 entscheidet sich Ulrike Meinhof für Psychologie und Pädagogik, studiert zunächst in Marburg und später in Münster; sie will Lehrerin werden. Die Pädagogikprofessorin Elisabeth Blochmann, eine gute Bekannte Renate Riemecks, wird Ulrike Meinhofs Mentorin und empfiehlt ihre Studentin für die Hochbegabtenförderung der Studienstiftung des deutschen Volkes. Bei Blochmann beginnt Ulrike Meinhof auch eine Promotion, die sie aber nicht beenden wird. Sie belegt Seminare über »Christliche Pädagogik« oder »Das Problem der moralischen Erziehung«. In der Mensa betet sie vor dem Essen.

Noch ist die Lehramtsstudentin keine politische Kämpferin, geschweige denn Terroristin, aber es treibt sie die Frage um, was ihre Eltern gegen Hitler hätten tun können. Als die Bundesregierung 1957 die neu gegründete Bundeswehr mit Atomwaffen ausrüsten will, bekommt Ulrike Meinhof Angst vor dem Atomkrieg, fühlt die moralische Pflicht, ihn um jeden Preis zu verhindern. Und dann das: Ihr Verlobter Lothar promoviert in Kernphysik! Das Paar trennt sich; vielleicht gab sein Spezialgebiet den Ausschlag, Anlass für Streit war es allemal.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
    • Serie Ehemaligenverein
    • Quelle ZEIT Campus, 01/2007
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Student | RAF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service