WG-Wohnen »Willst du ’nen Tee?«

Bei Wohnungen hat Peter Richter schon so einiges durchgemacht. Ein Gespräch über die Suche nach dem perfekten Mitbewohner und die Entwicklung zum neurotischen Kleingärtner.

Der Autor und Kunsthistoriker Peter Richter, 33, wohnte in den vergangenen fünfzehn Jahren in den unterschiedlichsten Wohngemeinschaften – in einem besetzten Haus in Dresden, zur Untermiete bei einem Schauspieler, in einem Studentenwohnheim sowie in diversen WGs in Hamburg, Berlin und Madrid. Vor sieben Jahren zog er in eine WG im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Nach seinem Erfolg mit Blühende Landschaften rechnet er jetzt inDeutsches Haus mit der Schöner-wohnen-Gesellschaft ab.

ZEIT Campus: Sollte jeder mal in einer WG wohnen?

Peter Richter : Unbedingt. Man muss lernen, diese Reibung auszuhalten.

ZEIT Campus: Welche Reibung denn zum Beispiel?

Richter : Nach dem Abi habe ich in einem besetzten Haus in Dresden gewohnt. Wir haben in Gemeinschaftssälen geschlafen, ohne warmes Wasser. Es war die Hölle: Da kommt es zu unfassbaren Intrigen, die Leute benehmen sich irgendwann wie Kleingärtner. Das bereitet aufs spätere Leben vor.

ZEIT Campus: Gibt es den perfekten Mitbewohner?

Richter : Meistens merkt man schon bei den ersten Sätzen, ob man sich mit jemandem unglaublich zerstreiten wird. Üblicherweise wird ja jeder Kandidat in jeder WG Deutschlands nach der Zimmerbesichtigung gefragt: »Willst du ’nen Tee?« Da kommen Leute, die sich dann an den Tisch setzen, als ob sie beim Yoga seien, so extra verknotet, mit untergeschlagenen Beinen, die an ihrem Pullover rumkauen, den Tee mit beiden Händen umklammern und vom Soziologiestudium erzählen, in das sie jetzt mal so reinschnuppern wollen – da weiß man gleich: So einer wird auch mit der Miete Probleme haben und ewig am Küchentisch rumhocken und von seinen Projekten erzählen. Das kann belastend werden.

ZEIT Campus: Weshalb zieht es viele nach dem Abitur in abgerockte Wohnungen, manche sogar mit Ofenheizung und Außenklo?

Richter : Man wächst wohlbehütet auf, vielleicht in einer süddeutschen Kleinstadt, im Häuschen mit Garten. Der Blick in die Welt geht durchs Velux-Fenster. Das weckt natürlich den Wunsch nach Großstadt, urbaner Enge, Hinterhof, Durchmischung; da ist sogar noch die Mülltonne vorm Fenster willkommen.

ZEIT Campus: Und irgendwann ist man es doch leid, dass die Besoffenen in den Hausflur pinkeln.

Richter : All das ändert sich allerspätestens nach dem Studium, dann landen viele doch wieder in Süddeutschland, weil es da Jobs gibt. Oder wenn man zusammenzieht, dann werden die Karten neu gemischt. Und natürlich sobald der Wunsch nach Kindern da ist: Dann entsteht bei den härtesten Großstadtdesperados plötzlich wieder die Sehnsucht nach Grün. Aber ich glaube, mit dem Kind wird oft auch der eigene Wunsch nach etwas mehr Bequemlichkeit gerechtfertigt.

ZEIT Campus: Deshalb sind Schrebergärten auf einmal wieder so cool?

Richter : Ja, genau! Ich kenne viele junge, urbane Hipster, die einen Schrebergarten haben. Und da ist diese Judith-Hermann-Sommerhaus-Romantik: Die Leute träumen vom Sommerhäuschen am See.

ZEIT Campus: Werden also bald die Neubausiedlungen am Stadtrand von Hornbrillen tragenden Künstlern und Boutiquenbesitzerinnen bevölkert sein?

Richter : Im Moment kann ich mir das eher nicht vorstellen. Die Studenten von heute werden später vermutlich entweder in einer schicken Villa mit Garten leben oder in der Innenstadt, wo sie eine begrünte Dachterrasse haben.

ZEIT Campus: Und wie protestieren unsere Kinder dann mal gegen uns?

Richter : Vielleicht werden sie sich gegen uns extrem liberale Lifestyle-Spießer nur dadurch zu behelfen wissen, dass sie sich genau in diesen öden Einfamilienhaus-Vororten zusammenrotten, über die wir so die Nase rümpfen. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine verpönte Wohnform als Waffe im Generationenkonflikt plötzlich wieder hip wird: Den Alt- und den Plattenbauten ist das auch schon so gegangen. interview: juliane von mittelstaedt

Peter Richter: Deutsches Haus. Eine Einrichtungsfibel. Goldmann; 213 S., 18 Euro

Interview: Juliane von Mittelstaedt .

 
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    • Quelle ZEIT Campus, 01/2007
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