Grunge Happy Birthday, Kurt!
Am 20. Februar wäre Kurt Cobain 40 Jahre alt geworden – hätte er sich nicht 1994 auf dem Dachboden seiner Garage erschossen. Ein Brief zum Geburtstag von
Hey Kurt,
es fühlte sich klasse an damals, mit der Fresse im Dreck zu liegen. Ich war 15, und es war ein kalter Frühlingsabend im nordhessischen Bergland. Ein paar Freunde hatten ein Sportlerheim zum Partyraum umgebaut. An der Wand hingen Bilder von Uschi Disl und Wimpel von Bayern München. Als
Smells Like Teen Spirit
aus den Boxen dröhnte, fing die Menge an zu pogen. Uschi wackelte, die Bayern schwankten. Und irgendwann ging ich zu Boden. Selten hat mir etwas wieder so viel Spaß gemacht, weil meine Begeisterung für Deine Musik echt war. Unser Englisch war schlecht. Und natürlich verstanden wir nicht alles, was Ihr gesungen habt. Aber es gab einen Song, der absolut entscheidend war. Weil wir uns darin wiederzufinden glaubten:
Come as you are, as you were, as I want you to be.
Wir wollten eine authentischere Welt, gleichzeitig mussten wir aber einsehen, dass die Markenpullis unserer Klassenkollegen bei den Mädchen besser ankamen als unsere Aldi-Sweater. Wir hassten jegliche Form von Verlogenheit, wussten aber nicht, wohin mit der großen Desillusion, die wir zugleich verspürten. Die Welt auf und um den Schulhof war nun mal anders, als wir sie uns vorstellen wollten.
Und dann kamt Ihr: drei Jungs aus einer glanzlosen Gegend, aus dem Nirgendwo von Nordwestamerika, die sich weigerten, das ganze Strahlemann-Kommerz-Geplänkel mitzumachen. Die sich aus dem Halb-Playback einer Liveshow ausklinkten. Die auf der Nevermind -Releaseparty nach einer Salatdressing-Schlacht von den Sicherheitsleuten der eigenen Plattenfirma rausgeschmissen wurden – weil keiner sie erkannte. Wir glaubten an Euch und lebten für einige Zeit in der Gewissheit, auf der richtigen Seite der Jugendkultur zu stehen.
Natürlich habe ich mittlerweile erfahren, dass auch um Euch herum viel inszeniert wurde. Kurt, Du sollst bis zu Deinem Tod systematisch auf Ruhm und Reichtum hingearbeitet haben. Deine Erben verdienen angeblich heute mit Dir besser als die von Elvis, Einstein und John Lennon. Deine Indie-Kollegen waren Dir angeblich scheißegal. Klar sollte ich jetzt empört sein. Irgendwie bin ich es auch, weil es der Verrat an allem ist, an was ich damals geglaubt habe. Aber letztlich ist es mir viel wichtiger, was Du mir gegeben hast.
Wenn ich heute auf meinem Bett liege und die alten Alben anhöre, transportieren die Gitarrenriffs immer noch dieselben Gefühle. Ich frage mich dann, wo die Inbrunst geblieben ist, mit der ich damals gegen all die Bösen dieser Welt gekämpft habe? Und die Furchtlosigkeit, mit der ich Niederlagen ins Auge gesehen habe? Eigentlich sollte alles wieder ein bisschen so wie damals mit 15 sein. Kurt, die Lage ist einfach: Es gibt keine Rocker mehr. Dabei brauchten wir sie so dringend!
Dein Sebastian Christ
- Datum 21.02.2007 - 02:31 Uhr
- Quelle ZEIT Campus, 02/2007
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Aha. Igendwie ist mir der Sinn und Zweck des Artikels immer noch nicht so wirklich klar, fürchte ich...
Vielleicht ist es ganz gut für Kurt Cobain, dass er nicht 40 geworden ist. Schließlich gehört die Desillusionierung mittlerweile dem Mainstream, v.a. der sogenannten Mittelschicht - wie ich in der letzten Zeit-Ausgabe nachlesen durfte. Was hätte Kurt noch anstellen können, um die Sinnlosigkeit unserer Generation X zum Ausdruck zu bringen? Reicht es nicht schon, wenn abgewrackte Ex-Popstars sich eine Glatz rasieren und Ex-Boygroupstars zwischen Nervenheilanstalt und Drogenklinik hin- und herpendeln? Und deutsche Teenie-Bands ihren ganzen Weltschmerz, ihre ganze Magdeburger Lebenserfahrung mit voller Inbrunst herausschreien und dabei so herrlich depri-geschminkt sind? Vielleicht hätte Kurt irgendwann einfach keine Platten mehr verkauft und keine Musik mehr gemacht. Vielleicht hätte er versucht, à la Adam Green sonderbare Gedichte zu schreiben und schrottige Filme zu machen. Aber fernab all dieser Konjunktive muss ich doch sagen... ich habe sämtliche Nirvana-Alben. Und ich höre sie noch.
Ich denke, was uns der Author mit diesem Brief sagen will, ist folgendes.
Kurt Kubain war ein Rebel, der jedem von uns klarmachen wollte, dass jeder zu seiner Person stehen sollte.
Keiner sollte sich verändern oder anders verhalten, nur weil das bei der "Masse" besser ankommt.
Andererseits war Kurt nicht allein auf diese Botschaft aus, sondern auch auf Erfolg und Ruhm.
Besonders seinen Tod hat er perfekt geplant, denn er wurde zur Legende, auch wenn die Tat die er begangen hat keines wegs heldenhaft war.
Dennoch hat er einigen Menschen genau das gegeben, was sie gebraucht haben um die Augen zu öffnen und zu verstehen.
Kurt hat super Musik gemacht und auch wenn ich nicht direkt ein Fan von ihm bin, so muss ich sagen haben viele seiner Lieder sowohl tiefsinnigen Inhalt als auch klangvolle Melodien.
sl bLo!T
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