Titelgeschichte Wie Elite muss ich sein?

Spitzen-Unis, Auswahlverfahren, exklusive Studiengänge: Einfach nur studieren reicht offenbar nicht mehr. Wie man sich wappnet und trotzdem entspannt bleibt

Wenn Louisa Frey, 22, von ihrem Masterstudiengang »Internationale Beziehungen« erzählt, gerät sie ins Schwärmen: Die Politikwissenschaftlerin kann aus einer Fülle von Veranstaltungen auswählen, ein Drittel ihrer Mitstudenten kommt aus dem Ausland, aus Japan und den USA, Russland und Frankreich; die Hälfte der Seminare findet auf Englisch statt.

Rund um die Uhr können Louisa und ihre 29 Kommilitonen eine Mitarbeiterin anrufen, die sie bei Stipendien und Auslandsprogrammen berät. Bis zu dreimal täglich erhält sie Einladungen zu exklusiven Veranstaltungen. Begrüßt wurden die neuen Studenten im vergangenen Oktober von Gernot Erler, dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, bei ihren Vorgängern schaute gelegentlich sogar der damalige Außenminister Joschka Fischer vorbei und lud die Studenten zu sich ins Amt ein.

Von solchen Studienbedingungen kann David Hachfeld, 27, nur träumen. Er studiert im 13. Semester Politikwissenschaft auf Diplom, engagiert sich im Asta und schreibt gerade seine Diplomarbeit über die »Privatisierung von Dienstleistungen«. An seinem Institut hocken die Studenten auf Fensterbänken und Heizkörpern, mit dem Schreibblock auf den Knien.

Manchmal finden die Veranstaltungen auch in Containern statt, die auf einer Wiese aufgestellt sind; im Sommer ist es dort unerträglich heiß, im Winter eiskalt. Der Platz ist das eine Problem, das andere ist, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Lehrstühle fast halbiert wurde, viele Seminare werden jetzt von Dozenten statt von Professoren angeboten. Insgesamt 2500 Studenten hat das Institut; individuelle Betreuung und Beratung sind unter diesen Bedingungen kaum noch möglich.

Wenn Louisa von ihrem Studium erzählt, denkt man an Harvard, Cambridge, Princeton. Wenn David von seinem Studium erzählt, denkt man an eine beliebige deutsche Massenuniversität.

Doch beide lernen in demselben dreigeschossigen Zweckbau im Berliner Bezirk Dahlem: Sie sind beide am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität eingeschrieben, mit fast 40000 Studenten eine der größten Hochschulen Deutschlands. Der Unterschied: Louisa studiert in einem exklusiven Masterstudiengang, für den sie und ihre 29 Kommilitonen unter 300 internationalen Bewerbern ausgewählt wurden. David studiert im regulären Diplomstudiengang, für den, zusammen mit dem parallel laufenden Bachelorstudiengang, rund 320 Erstsemester im Jahr zugelassen werden.

Die unterschiedliche Situation der beiden Studenten an der Freien Universität zeigt im Kleinen, wie sich die Hochschulen in Deutschland derzeit wandeln. »Exzellenz«, »Elite« und »Auswahl« heißen die Schlagwörter, und es scheint, als sei mit einem Mal der vormals verpönte Begriff Elite rehabilitiert. Diese Entwicklungen verändern den Alltag an den Unis, doch vor allem verändern sie das Bewusstsein der Professoren und der Studenten – und entfalten so eine enorme symbolische Strahlkraft.

Als wachsende Ungleichheit nehmen viele Studenten diese Neuerungen wahr. Bei den einen nähren sie den Wunsch, vorne mit dabei zu sein – und bei den anderen die Angst, abgehängt zu werden. Die einen hoffen, in besonderen Studiengängen auch besonders gut gefördert zu werden. Die anderen fürchten, an einer Hochschule ohne Elite-Stempel abgemeldet zu sein. Alle zusammen jedoch stellen sich die grundlegende Frage: Reicht es eigentlich noch aus, ganz normal an einer ganz normalen Uni zu studieren?

Kein einziger der »normalen« Politikstudenten aus den regulären Bachelor- und Diplomstudiengängen am Otto-Suhr-Institut hat es in diesem Jahr in den exklusiven Masterstudiengang geschafft. Die Sonderbehandlung einiger weniger sehen sie daher mit Skepsis, denn: Ein weiterführender Masterstudiengang für sie, die Masse der Studenten, und nicht nur für 30 Auserwählte, existiert derzeit noch nicht. Louisas Mitstudenten kommen dagegen aus der ganzen Welt, jeder Zweite hat seinen Bachelor im Ausland erworben. Auch Louisa kommt nicht aus Berlin, sie hat in Passau studiert, zwischendurch zwei Semester in Lyon verbracht, Praktika bei einer Lobby-Organisation in Brüssel und bei der deutschen Vertretung bei den Vereinten Nationen absolviert. Für die Zukunft träumt sie von einer Karriere im Diplomatischen Dienst. Für das Masterstudium hat sie sich auch bei Universitäten in England beworben und Zusagen erhalten – sich dann aber doch für Berlin entschieden.

Ausgerechnet am Otto-Suhr-Institut, das sich seiner linken Tradition rühmt und bei den Studentenprotesten der 68er eine Vorreiterrolle spielte, entsteht ein Elitestudiengang, der vor Kurzem sogar vom DAAD unter die »Top 10 der Internationalen Master-Programme an deutschen Hochschulen« gewählt wurde. Gleichzeitig müssen die Berliner Unis zusammen derzeit mit jährlich 75 Millionen Euro weniger auskommen, allein die Freie Universität muss innerhalb weniger Jahre 82 Professuren und 411 Stellen abbauen. Einsparungen auf der einen Seite, höhere Ausgaben auf der anderen Seite: Die Umverteilung innerhalb der Unis hat längst begonnen.

Und nicht nur dort. So sind derzeit drei grundlegende Veränderungen zu bemerken: Erstens haben die Hochschulen in letzter Zeit mehr Freiheit bei der Auswahl ihrer Studenten bekommen. Zweitens entstehen viele neue Programme für Spitzenstudenten. Und drittens verschärft die Exzellenzinitiative, die Suche nach Deutschlands Super-Uni, den Wettbewerb unter den Hochschulen.

Erstens: hochschuleigene Auswahlverfahren. Seit Kurzem dürfen sich die Hochschulen ihre Studenten verstärkt selber aussuchen; für rund zwei Drittel der Bachelorstudiengänge gibt es hochschuleigene Auswahlverfahren. Die Unis und FHs können Bewerber zum Beispiel Tests schreiben lassen, nach Praktika vor dem Studium fragen oder Motivationsschreiben verlangen. Etwa acht Prozent der Studiengänge führen nach einer Untersuchung des Hochschul-Informations-Systems (HIS) Auswahlgespräche durch oder planen dies für die nahe Zukunft. De facto setzen die meisten Hochschulen bei der Studentenauswahl allerdings nach wie vor auf die Abiturnote. Bei manchen Abiturienten und Bachelorstudenten macht sich trotzdem der falsche Eindruck breit, ein Auswahlgespräch oder Test sei mittlerweile der Normalfall bei allen Studiengängen, die etwas zu bieten haben – und folglich stehe die Uni-Welt nur dem offen, der seinerseits Besonderes zu bieten habe. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die Rhetorik mancher Unis, die ihren Anspruch betonen, »die Besten« zu wollen. Wer zum Beispiel an der Uni Tübingen Wirtschaftswissenschaften studieren will, erfährt auf den Internetseiten des Fachbereiches, dass beim letzten Auswahlverfahren nur die »Elite der Bewerber« zum Zuge kam. Die stolz verkündete durchschnittliche Abiturnote: 1,5.

Sehr viele Masterstudiengänge setzen zudem eine Mindestnote beim Bachelorabschluss voraus. So fürchten manchmal schon Erstsemester, nicht gut genug zu sein, um später einen Master dranhängen zu dürfen.

In manchen Fällen ist die Konkurrenz tatsächlich riesig. Für die beiden weiterführenden Studiengänge Molekulare Biologie und Neurowissenschaften in Göttingen bewerben sich pro Jahr insgesamt rund 800 Interessenten um jeweils 20 Plätze, beim Diplomstudiengang Molekulare Biomedizin an der Universität Bonn kommen jährlich 700 bis 900 Bewerber auf 30 Plätze. Dort, wo ein Studiengang Besonderes zu bieten hat, bemüht man sich häufig auch intensiv um ausländische Bewerber; dann konkurrieren die deutschen Kandidaten mit der ganzen Welt: So hält die Graduiertenschule für Chemie an der Uni Münster, die Chemiker in rund drei Jahren zur Promotion führt, ihre jährlichen Auswahlgespräche nicht nur in Deutschland, sondern auch in Asien ab. Für Molekulare Biologie an der Uni Göttingen trafen Bewerbungen aus 70 Ländern ein, mit indischen und chinesischen Kandidaten wurden die Auswahlgespräche per Videokonferenz geführt.

Auswahlverfahren lenken die Studentenströme. »Sie sind eine Einladung für sehr gute Studenten«, sagt Gerhard Teufel, der Generalsekretär der Studienstiftung des deutschen Volkes, der wichtigsten Organisation für hochbegabte Studenten. Anderseits gibt es »eine Ausweichbewegung vor Auswahlverfahren«, wie Kolja Briedis vom HIS festgestellt hat. »Die Masse wählt Hochschulen ohne Auswahlverfahren, wenn sie es kann, nur sehr motivierte Studenten argumentieren andersherum.« Die Ströme sind so stark und teilweise auch so irrational, dass viele Studiengänge vollkommen überlaufen sind, während andernorts Studienplätze frei bleiben.

Zweitens: Programme für Elitestudenten. Immer mehr Hochschulen legen spezielle Programme auf, mit denen sie »besonders engagierte und leistungsstarke Studenten«, »kluge Köpfe« oder »Topstudenten« fördern wollen – mal konstruieren sie eigene Studiengänge, mal ein »Normalstudium Plus«. Die Studenten bekommen zum Beispiel Professoren als persönliche Mentoren an die Seite gestellt, sie erhalten zusätzliche Seminare, Vorlesungen, Fachvorträge oder Rhetoriktrainings. Manchmal gibt es auch einen eigenen Arbeitsraum mit besonders guter Computerausstattung. Schon früh kommen die Studenten mit Unternehmensvertretern und Forschern zusammen, machen Firmen Stipendien für sie locker. Manche Studenten arbeiten in einem Turbo-Promotionsprogramm nicht nur auf den Masterabschluss, sondern schon auf die Doktorarbeit hin, und für begabte Schüler gibt es an vielen Hochschulen Programme, die es ihnen ermöglichen, noch während der Schulzeit Scheine an der Uni zu machen. Für die Studenten des Würzburger Masterprogramms »Fokus Physik« öffnen sich die Türen der Max-Planck-Institute schon während des Studiums, damit sie dort forschen können. An der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule in Nürnberg empfehlen die Fachbereiche besonders gute Studenten an Förderunternehmen. Wer dort überzeugt, bekommt ein Stipendium und jede Menge Praxiserfahrung. Am wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich der Uni Frankfurt hat man sich das Modell der »Deans List« aus dem angelsächsischen Raum abgeguckt: Jedes Semester werden dort Studenten aufgenommen, die durch herausragende Noten in den vergangenen Monaten auffielen. Wer auf der Liste steht, bekommt Zugang zu ausgewählten Praktika, Stipendien, Sommerjobs und Coaching-Programmen sowie persönlichen Kontakt zu Führungskräften. Am Ende erhält jeder Teilnehmer eine Urkunde mit dem Bild Goethes im Hintergrund, die bestätigt, dass der Besitzer Besonderes geleistet hat.

Bayern hat sich im Mai 2005 sogar ein modernes »Eliteförderungsgesetz« gegeben; bereits seit drei Jahren existiert darüber hinaus ein »Elitenetzwerk« mit 21 staatlich geförderten »Elitestudiengängen«. 223 wissenschaftliche Mitarbeiterstellen an den Universitäten und 14 Millionen Euro stehen dafür bis 2008 zur Verfügung – bisher wurden rund 500 »High Potentials« gefördert. Die zusätzlichen Mittel, und auf dem Wort »zusätzlich« beharren die Befürworter, wurden durch Kürzungen im öffentlichen Dienst frei; im gleichen Jahr wurde jedoch auch der Bildungsetat im Freistaat um fünf Prozent verringert. Das Elite-Paket wird von der Bayerischen Elite-Akademie abgerundet, »eine Herausforderung im besten Sinne«, wie sie der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber nannte. Finanziert wird die Elite-Akademie von der Wirtschaft, Ziel ist die »Persönlichkeitsbildung und das Fördern von Führungsfähigkeit« von 30 Studenten pro Jahr. Kaminabende stehen genauso auf dem Programm wie Talkshow-Trainings, die »Kunst des Überzeugens« oder »Führung mit christlichen Tugenden«.

Drittens: die Spitzen-Unis. Bei der Exzellenzinitiative wurden im vergangenen Oktober drei Elite-Unis gekürt; alle Welt spricht von den Siegern, den Technischen Unis in Karlsruhe und München sowie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, auf die ein Teil der ingesamt 1,9 Milliarden Euro Fördergelder verteilt wurde. Auch wenn die Studienbedingungen dort wie andernorts zum Teil noch immer mies sind und die Gelder ohnehin für Forschung und die Postgraduiertenausbildung gedacht sind: Das Elite-Etikett bleibt haften, und wer dort studiert, darf hoffen, spätestens bei der Jobsuche vom klangvollen Namen zu profitieren. Bei der zweiten Runde der Exzellenzinitiative erging Mitte Januar ein Zwischenbescheid; die Entscheidung fällt im kommenden Oktober, und wieder werden am Ende einige zu Elite-Unis emporgehoben. Die Universitäten bemühen sich nach Kräften, das begehrte Etikett zu erlangen: Die Uni Heidelberg, die überraschend in der ersten Runde gescheitert war, hat etwa einen prominent besetzten wissenschaftlichen Beirat gegründet, der sie bei ihrem »völlig modifizierten Antrag« beraten soll. Die Bonner Uni kündigte an, »weiter hart an einem festen Platz unter den Spitzen-Unis in Deutschland arbeiten« zu wollen. Die Strahlkraft des Wortes Elite geht sogar so weit, dass sich selbst eine bislang eher weniger bekannte Universität wie Gießen um die Auszeichnung bemühte.

Diese Beispiele lassen erahnen, dass am Ende der derzeitigen Entwicklung die deutsche Hochschullandschaft komplett umgegraben sein wird. Über die Bewertung der Folgen sind sich die Experten jedoch uneins. Kritiker befürchten, diese Entwicklung führe zu einer »Zweiklassengesellschaft« der Universitäten: hier die Masse, dort die Elite. Sie sehen eine Dynamik, die Soziologen nach einem Bibelwort »Matthäus-Effekt« nennen. »Wer da hat, dem wird gegeben werden, wer aber nicht hat, von dem wird genommen, was er hat.« Die guten Hochschulen bekommen Geld; die schlechten müssen noch mehr sparen. Die Hochschulen, an denen ohnehin sehr gute Studenten eingeschrieben sind, bekommen noch mehr Leistungsträger; die Hochschulen, an denen nur wenige Spitzenstudenten immatrikuliert sind, werden diese verlieren. Der Darmstädter Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann glaubt, dass sich das Gefälle zwischen den einzelnen Hochschulen verschärfen wird. Hochschulen wie »Oldenburg, Bamberg, Duisburg-Essen, Saarbrücken, Cottbus oder Rostock werden zu regionalen Universitäten absteigen«, während die großen Traditionsnamen bundesweit die besten Studenten anziehen würden.

Einen Matthäus-Effekt sehen Skeptiker auch bei den Studenten selbst: auf der einen Seite die Masse der »normalen« Studenten, die sich zu Hunderten in Vorlesungen drängen, auf der anderen Seite eine kleine Elite, die von Anfang an von künftigen Arbeitgebern umworben wird – Spitzenlehre für wenige und Mittelmaß für die Mehrheit, Vorrechte für die einen, Nachteile für die anderen. Am Otto-Suhr-Institut beispielsweise, wo Master- und Diplomstudenten gemeinsame Seminare besuchen, räumen einige Dozenten den 30 Masterstudenten ein »Bleiberecht« in den oft auf 40 Teilnehmer limitierten Seminaren ein; wenn Studenten aus überfüllten Veranstaltungen weggeschickt werden, dann oft die Diplomanwärter. »Da bleiben zehn Plätze für den Rest«, sagt David Hachfeld, der »Ausgrenzungstendenzen« sieht. So habe ein Professor eine Ringvorlesung angeboten und von Anfang an deutlich gemacht, dass er nur Masterstudenten aufnehmen wolle. Die Diplomstudenten sind trotzdem gekommen. »Aber der Professor hat durchgesetzt, dass er die Klausuren und Hausarbeiten dieser Studenten nicht selber korrigieren muss«, empört sich David. »Ein Assistent hat die Arbeit dann übernommen.«

Befürworter der Reformen bezeichnen den Prozess dagegen als »Ausdifferenzierung«: Endlich würden alle Studenten nach ihren Begabungen und Interessen gefördert – die einen machen einen Bachelor an einer FH und starten gleich ins Berufsleben, die anderen bereiten sich in einem Elitestudiengang auf eine Zukunft als Forscher vor. Die Dritten schlagen in einem internationalen Studiengang die Brücke ins Ausland. Und wieder andere spezialisieren sich nach dem Bachelor mit einem Masterprogramm weiter.

Niemand bestreitet, dass es an den Universitäten nicht mehr so weitergehen konnte wie bisher: Die Hochschulen haben seit Jahrzehnten zu wenig Geld, ihre besten Studenten wanderten ins Ausland ab, und im Inland endeten viele nach zahlreichen Semesterrunden als Studienabbrecher. Die deutschen Hochschulen waren lange Jahre ein Instrument der Breitenförderung – nicht der Spitzenförderung. Möglichst viele sollten Zugang zu Bildung haben. Es galt lange Zeit ein dogmatischer Gleichheitssatz: An jeder deutschen Uni sollte man (fast) alles studieren können, und das auch noch genauso gut, egal ob in Heidelberg oder Hildesheim, Karlsruhe oder Kassel. Das wurde in der Praxis zwar nie durchgehalten, hatte aber zur Folge, dass die Hochschulen häufig keine Schwerpunkte setzten, sondern versuchten, alles anzubieten – vieles davon mangels Geld dann eben nur mittelmäßig.

In der Folge nahm die Zahl privater Hochschulen zu, die eine exklusive und teure Fluchtmöglichkeit vor der staatlichen Massen-Uni boten. Statt weiter hervorragenden Nachwuchs an die Privat-Unis oder ins Ausland zu verlieren, gucken sich fleißige Rektoren und Professoren der staatlichen Hochschulen jetzt bei der privaten Konkurrenz ab, womit man die besten Studenten anlocken kann – und dann schlechte erst gar nicht aufnehmen muss. Sie entwerfen Turbo-, Sonder- und Eliteprogramme, in denen die Studienbedingungen oftmals den teuren Privat-Unis nicht nachstehen.

An der Augsburger Universität kann man beobachten, was passiert, wenn eine staatliche Hochschule den Privaten nacheifert. Miriam Hofmann, 23, studiert hier im neuen Elitestudiengang »Finance and Information Management«. Sie selbst und vier Kommilitonen haben schon vorher in Augsburg studiert – als Einzige von den 21 Studenten ihres Jahrgangs. Die anderen stammen aus ganz Deutschland und haben sich gezielt auf dieses Programm beworben. »Die Seminare sind speziell auf uns zugeschnitten«, sagt die Studentin begeistert. »Kein Vergleich zum normalen Studiengang, da saßen auch mal 500 oder 600 in einer Vorlesung! Und jetzt? Nur 21, das ist traumhaft.«

Zusätzlich bekommt Miriam ein Stipendium von IBM, ein Jahr lang zahlt ihr das Unternehmen monatlich 500 Euro, sie wird dort später noch ein Praktikum machen, und eine »hochrangige Führungskraft« betreut sie für die nächsten zwei Jahre als Mentor. Zusätzlich kommen der Studentin Kooperationen mit Universitäten in Singapur, England und Kanada zugute, spezielle Plätze für Auslandsprogramme; sie profitiert von ausländischen Gastdozenten und genießt eine sehr persönliche Betreuung.

Diese Bedingungen kann der Studiengang bieten, weil die Uni für insgesamt hundert in den nächsten Jahren so geförderte Wirtschaftsstudenten einen zusätzlichen Zuschuss von zwei Millionen Euro aus dem bayerischen Etat erhält, 1,6 Millionen Euro spendiert die Wirtschaft, und noch einmal 400000 Euro zahlen die Uni Augsburg und die TU München für das gemeinsame Projekt. In komplett eigenen Seminaren und Vorlesungen werden pro Semester seitdem maximal 25 »hochtalentierte Studierende« zu »Top-Führungsnachwuchskräften« ausgebildet, wie es in der Eigenwerbung heißt. Am Ende steht der Abschluss: ein »Master of Science with Honors«. Die ein, zwei einschlägig interessierten Jahrgangsbesten aller deutschen Unis wolle man ansprechen, sagt der Wirtschaftsprofessor Hans Ulrich Buhl, der den Studiengang ins Leben gerufen hat und für das vergangene Wintersemester mit Kollegen und Vertretern aus der Wirtschaft aus 200 Bewerbern 21 ausgewählt hat.

Die traumhaften Bedingungen stoßen innerhalb der Uni durchaus auf Kritik. »Das größte Problem ist doch: Diese Studiengänge sind nur anschubfinanziert und laufen jetzt aus«, kritisiert der Augsburger Asta-Vorsitzende Andreas Busen. Wer einspringe und zahle, sei noch nicht gesichert. »Aber keine Uni wird ihre Elite wegkürzen, eher wird anderswo gestrichen.«

Bisher jedoch ist das Geld da, stehen zwölf Professoren für die ExtraLehre zur Verfügung, mindestens fünf von neun Wochenstunden lehren sie weiterhin im normalen Studiengang, die anderen vier Wochenstunden in Lehrveranstaltungen mit den Elitestudenten. »Dazu kommt die sehr viel individuellere Betreuung der Studierenden im Elitestudiengang«, sagt Hans Ulrich Buhl. Im normalen Studiengang ersetzt ein Assistent die fehlenden Lehrstunden des Professors. »Jeder dieser Professoren freut sich: Endlich kann er das machen, was sonst an der Universität nicht möglich ist«, sagt Buhl.

Darf man ein paar wenigen, handverlesenen Studenten ein Premiumprogramm beim Professor bieten, während die Masse in überfüllten Seminaren von seinem Assistenten unterrichtet wird? »Den Besten muss man das Beste bieten, aber das kann man nicht zum Standard für alle machen«, sagt Ernst-Ludwig Winnacker, der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und zugleich einer der Väter des Elitenetzwerks Bayern. »Es kann doch nicht sein, dass wir die Besten nach Amerika schicken müssen.« Es gebe eben Menschen unterschiedlicher Intelligenz, für die unterschiedliche Förderangebote bereitgestellt werden müssten, »irgendwann trennt sich die Spreu vom Weizen«. Dass die besseren Studienangebote für wenige zulasten der Masse gehen, glaubt Winnacker nicht: »Das fällt doch für die restlichen 99 Prozent gar nicht ins Gewicht.« Die neuen Angebote ermöglichen vielen Studenten auch einen besseren Einstieg in den Arbeitsmarkt – »es können nicht alle Direktoren werden, es muss auch Sachbearbeiter geben«, sagt Winnacker.

Die ersten Absolventen im Augsburger Elitestudiengang starten gerade erfolgreich in Beruf oder Promotion – und auch Miriam sieht die Zusatzqualifikation als große Chance, ihrem angestrebten Job in der ITBeratung ein ganzes Stück näherzukommen. »Ich glaube schon, dass die Chancen auf einen interessanten und abwechslungsreichen Job mit diesem Programm enorm steigen.« Das sehen auch die Unternehmen so, die sich von dem Programm sehr gut ausgebildete, vor allem aber »bestens vorselektierte Leute« erhoffen, wie der Wirtschaftsprofessor Hans Ulrich Buhl sagt. Damit ihre künftigen Mitarbeiter auch nach ihren Maßstäben ausgewählt werden, sitzen Vertreter einiger Unternehmen beim Auswahlgespräch mit in der Jury. Dort werden die Studenten, allesamt von ihren Professoren empfohlen, auf »Leadership-Qualitäten« und »soziale Kompetenz« abgeklopft. »Wenn wir als Professoren eines können«, sagt der Studiengangsleiter Buhl, »dann einschätzen, wie jemand in diesem Alter sich in zwei Jahren entwickeln wird, wenn er optimal gefordert und gefördert wird.«

Kritiker der »Elitisierung« warnen davor, dass die Verlierer Kinder aus einfachen Elternhäusern sein werden. Elitenforscher Michael Hartmann befürchtet, dass Arbeiterkinder künftig an der Uni chancenlos sind. »Die soziale Selektivität wird sich immer weiter verschärfen«, prognostiziert er. Wenn immer mehr Hochschulen Auswahlverfahren für ihre Studiengänge einführten, zählten nicht nur harte Faktoren wie die Schulnoten, um in einen Studiengang zu kommen. Viel entscheidender sei es dann, sich bei Auswahlgesprächen besonders gut zu verkaufen, selbstsicher aufzutreten – und das könnten Studenten aus bürgerlichen Elternhäusern eben besonders gut. »Sicherheit und Souveränität kann man kaum lernen«, sagt Hartmann, »wer als Professorenkind schon viele andere Professoren kennengelernt hat, kann bei solchen Gesprächen ganz anders auftreten als ein Kind aus einer Arbeiterfamilie.« Aus diesen Gründen ist Hartmann strikt gegen Auswahlgespräche und empfiehlt – stattdessen und trotz aller Probleme – eine alte (und für ihn altbewährte) Lösung: die ZVS. Die Entscheidung nach Noten statt nach der Eloquenz im Vorstellungsgespräch sei für die meisten noch immer die gerechteste Lösung.

Ungerecht und vor allem höchst selektiv ist das Bildungssystem allerdings bisher auch schon – obwohl es bis vor kurzem nicht einmal Studiengebühren gab. Schon jetzt nimmt ein Kind gut verdienender, gebildeter Eltern mit 7,4-fach höherer Wahrscheinlichkeit ein Studium auf als ein Arbeiterkind. »Bildungschancen werden vererbt«, heißt es im Armutsbericht der Bundesregierung.

Auch der Augsburger Studiengangsleiter Hans Ulrich Buhl sagt zu den Verfahren: »Es bleibt eine subjektive Auswahl.« Und fügt nachdenklich hinzu: »Die Achillesferse bei jeder Auswahl ist, dass viele von sich aus nicht auf den Gedanken kommen, sich zu bewerben.« Einige seiner Studenten musste er erst ausdrücklich dazu auffordern, sie hätten es sich sonst wohl nicht zugetraut. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir tatsächlich alle geeigneten Studenten erwischen.«

Armin Naraghi gehört zu denen, die schon von Anfang an wussten, was sie wollen. »Ich habe mich wegen des Elitestudiengangs für Regensburg entschieden«, sagt der 23 Jahre alte Wirtschaftsinformatik-Student, dessen Vater Kernphysiker ist. »Und ich wusste: Ich muss in dieses Programm, das war ein hochgestecktes Ziel von mir.« Wer im Vordiplom besser als mit 2,5 abschließt, wird in Regensburg eingeladen, sich für den Studiengang »Honors-Wirtschaftswissenschaften« zu bewerben – das sind etwa 30 Prozent der Studenten, etwa fünf Prozent werden schließlich nach einer Auswahlrunde genommen, das sind acht bis 15 Studenten pro Semester.

Armin Naraghi hat es geschafft und studiert jetzt seit einem Semester im Elitestudiengang. Im Gegensatz zum Augsburger Angebot finden die meisten Veranstaltungen gemeinsam mit den »normalen« Studenten statt, darüber hinaus kommen die Auserwählten in den Genuss einer intensiven Betreuung, einer Honors-Akademie und von Exkursionen. Bei Auslandsaufenthalten werden sie durch eine Firmenstiftung finanziell unterstützt, Studenten machen ein »Honors-Projekt« in direkter Absprache mit dem Professor und haben ebenfalls Mentoren in den Unternehmen, einer der Partner ist zum Beispiel die Unternehmensberatung Accenture. Mit etwa einer Million Euro unterstützt das Elitenetzwerk Bayern das Programm für fünf Jahre, drei Assistentenstellen und Sachmittel werden so finanziert.

»Wir wollen ähnliche Bedingungen bieten wie WHU und EBS«, sagt der Leiter Michael Dowling. Die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung und die European Business School sind zwei private Wirtschaftshochschulen, die bis zu 5000 Euro Studiengebühren pro Semester verlangen. Michael Dowling ist Amerikaner, seit zehn Jahren lehrt er in Deutschland und leitet den Lehrstuhl für Innovations- und Technologiemanagement. »Man hört immer, die deutschen Unis sollten so werden wie Harvard, das funktioniert im Großen natürlich nicht«, sagt er. »Aber mit den Honors-Studiengängen schaffen wir im Kleinen ähnliche Bedingungen.« Klein und fein solle es daher auch bleiben, betont Dowling, der, wie er sagt, »alle Studenten mit Vornamen kennt« und sich mit seinem Programm gegen »große Konkurrenten wie München und die Privat-Unis« durchsetzen will, um unter die Top 10 der Wirtschaftsfakultäten in Deutschland zu kommen – die Privaten mit eingeschlossen. Die aktuelle Elite-Debatte gefällt ihm: »Als wir mit dem Studiengang begonnen haben, wurden wir noch gewarnt, ihn bloß nicht ›Elite‹ zu nennen. Heute ist es genau andersherum.«

Der Elite-Begriff hat in den vergangenen Jahren beträchtlich an Prestige gewonnen, nachdem er jahrzehntelang verpönt war. Durch den Nationalsozialismus war er im Nachkriegsdeutschland diskreditiert, weil das Elitedenken zentraler Teil der Ideologie gewesen war und darüber hinaus nie mehr Einzelne aus der Masse emporstechen und sie führen sollten. Man behalf sich in der neuen Bundesrepublik damit, »die« Elite in verschiedene Eliten aufzusplitten und ihre Existenz dadurch zu camouflieren – es gab eine »Funktionselite«, eine »Werteelite« und eine »Leistungselite«.

Vom Ende der fünfziger Jahre an ging es Politikern darum, möglichst viele Menschen an die Universitäten zu bringen: erst, um nach dem Sputnik-Schock genügend qualifizierte Arbeitskräfte für den sich verschärfenden Kalten Krieg auszubilden, dann, um weite Teile der Bevölkerung an Bildung und Politik partizipieren zu lassen. Elite war out und blieb es lange, bis in die vergangenen Jahre hinein. Zeitgleich wurde Leistung geschmäht, bekamen gute Schüler und Studenten einen Streber-Stempel aufgedrückt. Selbst von der Studienstiftung des deutschen Volkes, einer der wenigen wirklichen Elite-Einrichtungen dieses Landes, wird das Etikett nur mit Manschetten angefasst – unter dem Arbeitstitel »virtuelle Elite-Universität« plante die Stiftung, sehr gute Studenten über Jahre hinweg vor Semesterbeginn zu mehrtägigen Kursen zusammenzuholen und danach im Internet zu vernetzen. Die Idee wurde umgesetzt, doch der Name geändert, »weil viele Leute mit dem Elitebegriff doch etwas querlagen«, wie der Generalsekretär der Studienstiftung, Gerhard Teufel, zugibt. Die Akademien heißen nun »Wissenschaftliche Kollegs«.

Armin Naraghi stört sich nicht am Elite-Begriff, auch wenn er einschränkend sagt, er sehe sich höchstens als »potenzielle Elite«, weil der Honors-Studiengang die »Grundvoraussetzung für Elite« schaffe. »Das ist gedacht für Leute, die später Führungspositionen einnehmen wollen.« Aber nicht jeder wolle das schließlich, glaubt Armin, viele seien ja auch mit einem normalen Job zufrieden, mit weniger Stress und mehr Freizeit. Er selber fühlt sich gut aufgehoben in Regensburg: »Man genießt als Honors-Student eine hohe Wertschätzung und mehr Ansehen bei den Professoren.« Wie ein Kunde fühle er sich fast, ein ungewohntes Gefühl an einer deutschen Uni. »Das kommt mir fast schon so vor wie das amerikanische System«, schwärmt der Student, der ein Jahr an der University of Colorado in Boulder verbracht hat.

Mit seinem Mentor bei BMW könne er »über Karrieremöglichkeiten reden«, den Abschluss mit dem Honors-Prädikat sieht Armin als »großen Mehrwert auf dem Arbeitsmarkt, weil man sich von der Masse abhebt«, und er hofft, anschließend nicht den »normalen Bewerbungsgang« gehen zu müssen. Drei Praktika hat er bereits gemacht, zwei plant er noch, er weiß schon genau, dass er Unternehmensberater werden will, Schwerpunkt Strategieberatung, er sagt: »Logistikthemen reizen mich sehr.« Fast alle der Honors-Studenten im letzten Semester haben bereits einen Arbeitsvertrag sicher. Ein Semester schneller als der Durchschnitt sind sie auch, trotz Mehrarbeit – und die Absolventen verdienen im Schnitt 5000 bis 10000 Euro mehr pro Jahr. »Wir suchen die Besten aus, bilden sie besser aus und präsentieren sie dann den Firmen«, erklärt Dowling das Erfolgsrezept. Er sehe die Honors-Studiengänge auch als Möglichkeit, »die besseren Studenten besser zu vermarkten«. Und das sei dann eben auch »für die ganze Fakultät ein Marktvorteil«.

Das Elite-Etikett spornt vielerorts alle an, sich mehr ins Zeug zu legen: Rektoren richten Innovationskommissionen ein, Professoren werden plötzlich kreativ, kooperieren mit Unternehmen und werben Fördergelder ein, die Studenten, bestärkt im Gefühl, zu den Besten zu gehören, arbeiten freiwillig mehr, fahren zu Fachtagungen und forschen in ihrer Freizeit. Das klingt wie in einem Märchen. Die Kehrseite allerdings ist: Wer dabei nicht mithalten kann oder will, der wird künftig vielleicht abgehängt werden. Das gilt für ganze Universitäten – und für jeden einzelnen Studenten.

Der neue Wettbewerb betrifft alle, und er setzt unter Zugzwang: Und zwar nicht nur die Studenten, die ihre Semesterferien am Strand verbringen und das Semester hinter einer Bartheke, sondern auch diejenigen, die ganz normal sind, ein bisschen unentschlossen vielleicht und nicht über alle Möglichkeiten informiert; die ihr Studium und ihre Zukunft nicht gezielt planen und die Dinge eher auf sich zukommen lassen. Doch wer heute nicht aufpasse, warnt der Augsburger Wirtschaftsprofessor Hans Ulrich Buhl, für den schlössen sich schon im Grundstudium viele Türen. »Heute reicht es einfach nicht mehr, nur zu studieren. Die Top 10 unter den Studenten haben zwar bessere Chancen als früher, der Durchschnitt aber wird es künftig schwerer haben.« Nach dem Abitur müsse man eine bewusste Entscheidung treffen: »Was kann ich leisten, und: Was bin ich bereit zu leisten?« Wer das noch nicht weiß, wer sich für die erstbeste Uni entscheidet, der könnte zu den Verlierern des neuen Wettbewerbs gehören.

Doch es gibt auch andere Stimmen: Frank Stefan Becker, Hochschulexperte bei Siemens, empfiehlt, jede Uni kritisch zu prüfen und vor allem den gewünschten Fachbereich und den Lehrstuhl genau unter die Lupe zu nehmen. »Das Etikett Elite bezieht sich oft nur auf einzelne Bereiche«, sagt Becker, »doch weil die Technische Universität Karlsruhe nun Elite-Uni ist, heißt das noch nicht, dass wirklich alle ihrer Professoren Elite sind.« Wenn sich Studenten schon früh sicher seien, in welche berufliche Richtung sie wollten, sollten sie sich ganz gezielt einen Studiengang auswählen – »und dann lieber einen passenden Studiengang an einer normalen Uni als einen unpassenden an einer Elite-Uni«.

Auch wenn die Elite-Etiketten eine gewisse Anziehungskraft haben – wer sich nur danach richtet, wird nicht zwangsläufig Erfolg haben. Viel eher kommt es darauf an, nicht in Panik zu verfallen, sondern aus den Tausenden von Studienangeboten das passende für sich herauszusuchen. Das kann sogar ein Studiengang an einer Massenhochschule sein, wenn man denn raus aus der Anonymitätsfälle springt und einige Hinweise beherzigt (siehe Kasten auf S. 32). Die Hamburger Jurastudentin Katharina Schuwalski beispielsweise hat sich trotz ihres Abis mit 1,2 und der Ratschläge ihrer Eltern wie Lehrer für die Hamburger Uni entschieden – und gegen ein Studium an einer kleinen, feinen Privat-Uni. »Ich bin äußerst zufrieden. Es ist eine Massen-Uni, und sie hat einen schlechten Ruf«, sagt die Studentin lachend. Aber: Die Vorlesungen seien gut, die Bibliothek sei hervorragend ausgestattet, und Kontakt zu ihren Professoren habe sie auch gefunden. »Und wer mehr Kontakt zu seinem Professor will, kann sich ja nach vorne setzen«, sagt Katharina, »in der ersten Reihe sind immer viele Plätze frei.«

Manchmal sei es auch sinnvoll, »nach kleinen Unis mit sehr guten Studienbedingungen zu fahnden – und dann dafür auf den Eliteruf einer Uni zu verzichten«, rät Kolja Briedis, der für das Hochschul-Informations-System immer wieder Absolventen befragt hat. »Man muss sich die Unis sehr gut ansehen.« Zudem müssen sich Studenten fragen, welcher Lerntyp sie sind und in welchem Umfeld sie sich wohlfühlen. Lernt man selber besser, wenn man von lauter Spitzenstudenten umgeben ist? Oder spornt es einen eher an, an der Spitze eines Schwarms schwächerer Studenten zu schwimmen? Beide Strategien können erfolgversprechend sein, man muss nur wissen, welche für einen selber am besten passt.

Für den, der weiß, was er will, könne das Studium – auch ohne Eliteprogramm und ohne die Einschreibung an einer Elite-Uni – zum Erfolg führen, beruhigt Hochschulforscher Briedis. »Arbeitgeber schätzen es durchaus, wenn jemand an einer Massenuniversität zurechtgekommen ist.« Denn: »Wer sich in einem großen, anonymen Betrieb voller Ellbogenmentalität durchgesetzt hat, der wird auch im Beruf zurechtkommen.«

 
Leser-Kommentare
  1. Mittlerweile gibt es also auch kritische Kommentare zu dem neuen Unisystem. Wär ja schön gewesen, hätte die Presse die Kritiker früher sprechen lassen. Damals, als es noch möglich war, dem großen Umbauprojekt entgegenzutreten..Tschüss, Zeit

  2. Die guten Hochschulen bekommen Geld; die schlechten müssen noch mehr sparen.
    Das erinnert mich an den Profifußball. Die reichen Vereine nehmen den ärmeren ständig die guten Spieler weg, so dass ein armer Verein nie das Elite-Niveau erreichen kann.
    Des weiteren möchte ich dazu anmerken, dass durch diese Entwicklung die soziale Schere sich weiter öffnen wird. Da kann es dann auch für die "Elite" schnell mal eng werden. Aber den Politikern, die diese Entwicklung vorantreiben, scheint der schnelle Reichtum mehr wert zu sein, als langfristige Stabilität. Das ist ja auch kein Wunder, instabile Verhältnisse haben sie ja noch nicht kennengelernt.
    Außerdem muss an dieser Stelle die deutsche "Kleinstaaterei" im Bildungswesen nochmals kritisiert werden. Sie verhindert gleiche Maßstäbe an Schulen z.B. in Sachsen und Hessen. Daraus ergeben sich z.B. zumeist bessere Abiturnoten in Hessen, was wiederum den Hochschulzugang erleichtert.

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