Geisteswissenschaften Die Nachdenker
»Was willst du mit deinem Studium nur werden?«, diese Frage hören Geisteswissenschaftler oft. Der Arbeitsmarkt ist schwierig, Jobs gibt es trotzdem. Drei Beispiele zum Mutmachen
Nur ein Stichwort: »Kirchen«. Und schon folgt ein turbulenter, zweiminütiger Monolog in reich bebilderten Erklärsätzen, an dessen Ende man zwei Dinge über Peter Stuckenberger feststellen muss: Der Mann hat als promovierter Kunsthistoriker mehr Ahnung von Sakralarchitektur als manch ein Architekt. Und: Es gibt Leidenschaften, die einen wohl nie wieder loslassen. Selbst wenn man sich beruflich längst umorientiert hat.
Denn
Peter Stuckenberger
arbeitet inzwischen in einem ganz anderen Bereich. »Irgendwann kam bei mir der Punkt, wo ich mich umgesehen habe: Wer von meinen Kommilitonen hat einen Job, wer sucht noch«, sagt der heute 37-Jährige. »Und dann merkt man auf einmal, dass es mit einer Stelle an der Uni eng werden könnte.«
Eigentlich hätte er sich sehr gut vorstellen können, eine klassische geisteswissenschaftliche Uni-Karriere einzuschlagen. Als Dissertationsthema wählte er den »Modernen Kirchenbau«, beschrieb und analysierte dafür 130 Kirchen. Ein arbeitsintensives Projekt, das ihm sehr viel Freude bereitete. Doch noch während seines Promotionsstudiums an der Uni Erlangen-Nürnberg entschied er sich für einen Beruf in der Wirtschaft.
Fast sechs Jahre ist das jetzt her. Genau eine Bewerbung hatte Stuckenberger damals geschrieben. »Ein Schuss, ein Treffer«, sagt der Niederbayer stolz. Er ist Redenschreiber bei Siemens geworden. Damit ist sein Werdegang so gebrochen wie typisch für einen Geisteswissenschaftler. Wer sich für ein Studium der Sprachen, Geschichte oder Politik entscheidet, hat sich damit noch lange nicht auf einen Beruf festgelegt. Geisteswissenschaftler gehen ihren Weg, auch wenn er lang und kurvig ist. Und der führt sie in die verschiedensten Gebiete.
Henning Schierholz ist erst 27 Jahre alt und hat schon seit zwei Jahren einen Doktortitel. Der Politikwissenschaftler hat ein Schnellstudium hingelegt: Abitur 1998, Bundeswehr, danach Studium in Heidelberg, Bonn und Hamburg. Die Promotion leitete er noch während des Hauptstudiums in die Wege. Heute ist er Berater bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group in Hamburg. Ein Job, bei dem man eigentlich eher einen Betriebswirt erwarten würde.
»Ich habe in meinem Studium gelernt, klare Kriterien zu definieren, anhand deren ich bestimmte Modelle bewerte«, sagt Henning Schierholz. »Heute muss ich bei bestimmten Entscheidungen auch in der Lage sein, ein komplexes Thema schnell zu durchdringen und das Für und Wider mit klaren Maßstäben abzuwägen.«
Bevor er zu der angesehenen Beratungsfirma kam, arbeitete der Niedersachse unter anderem bei einer kleinen Stiftung und für einen Autoteilezulieferer in Südafrika. Zum ersten Treffen mit den Beratern von Boston Consulting kam es, als das Unternehmen sich an seiner damaligen Uni in Bonn vorstellte. »Der Kontakt zur Wirtschaft war immer da«, sagt er heute.
»Geisteswissenschaftler zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Studium früh einüben, sich selbstständig in Problemlösungen einzuarbeiten«, sagt Marion Rang von der Bundesagentur für Arbeit. »Sie lernen die schnelle Verarbeitung von Informationen, blicken eher über den Tellerrand als andere Studierende, sind besonders kreativ und kommunikationsfähig.«
Die meisten neuen Jobs für Geisteswissenschaftler werden zurzeit im Sozialwesen, in der Erwachsenenbildung, aber auch in der Verwaltung, in Museen und in der Öffentlichkeitsarbeit geschaffen. Aber: »Einen wirklichen Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler außerhalb von Hochschulen oder der öffentlichen Hand gibt es eher nicht«, sagt Rang. Die vorhandenen beruflichen Nischen sind mitunter so klein, dass sie kaum identifizierbar sind. Unter den 30 Unternehmen, die im Aktienindex Dax gelistet sind, sind fachfremd angestellte Geisteswissenschaftler die Ausnahme, wie eine Umfrage von ZEIT Campus ergab.
Kristina Winzen , 38, arbeitet bei einem Dax-Unternehmen, ist jedoch in einer Abteilung untergekommen, die schon fast traditionell von Geisteswissenschaftlern dominiert wird: der Öffentlichkeitsarbeit. Winzen hatte 1994 ihren Magister in Sozial- und Wirtschaftsgeschichte gemacht. Danach begann sie eine Promotion über die »Handwerkspolitik des Reichstags«. Über ein Praktikum bei einem Industriemuseum fand sie schließlich den Weg zum Chemiekonzern BASF. Dort arbeitete sie zuerst im Firmenarchiv und schrieb ihre Doktorarbeit an den Wochenenden fertig.
Heute ist sie nach verschiedenen Stationen in der internen Kommunikation tätig. Jetzt schreibt sie etwa Newsletter an die Mitarbeiter eines Unternehmens, das die BASF kürzlich übernommen hat. »Was oft unterschätzt wird: Man lernt an der Uni, selbständig zu denken«, sagt Kristina Winzen.
Die tatsächlich erlernten Fachkenntnisse spielen bei vielen geisteswissenschaftlichen Quereinsteigern eher eine Nebenrolle. Manchmal jedoch kann dieses Wissen sehr nützlich sein. Zum Beispiel für den Redenschreiber und Kunsthistoriker Peter Stuckenberger. »Stellen Sie sich vor, der Vorstandschef von Siemens will in München eine Rede vor italienischen Gästen halten«, sagt er. »Dann kann ich im Manuskript wunderbar auf die italienischen Architektureinflüsse Bezug nehmen. Das freut die kunstinteressierten Kunden aus Italien.«
Genau das ist der Unterschied zu früher: Zwar redet Peter Stuckenberger immer noch gern über Kirchen. Heute kann es jedoch auch sein, dass er andere darüber reden lässt. Und das ist sein Erfolgsrezept.
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- Quelle ZEIT Campus, 02/2007
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