Der Spalter

Lasst Euch Zeit!

Kant und Adorno versteht man nicht nach einem Kurzreferat. Unsere Autorin Tanja Krämer hat dafür 15 Semester gebraucht. An der Uni zu bummeln ist keine Faulheit, findet sie. Es bringt einfach Spaß

Ein ganz neuer Ehrgeiz hat die deutschen Studenten erfasst – sie unterbieten sich in der Studiendauer. Drei Semester bis zur Zwischenprüfung? Das ist doch zu toppen! Es geht immer noch straffer, effizienter, schneller. Warum eigentlich? Ist ein Schmalspurstudium die bessere Berufsvorbereitung?

Für mich hat hektisches Scheinemachen wenig mit Bildung gemein. Ich habe mir beim Studieren Zeit gelassen. Während laptopbewehrte Wirtschaftsstudenten ins nächste Seminar hetzten und sich abends zum Memorieren in ihren Wohnsilos einsperrten, las ich in aller Ruhe die Metaphysik der Sitten und diskutierte beim Bier die Dialektik der Aufklärung. Wer sagt, er verstehe Kant und Adorno nach einem Kurzreferat im Einführungskurs, der lügt: Ich habe mehrere Jahre gebraucht – und würde noch immer nicht die Hand dafür ins Feuer legen.

Ein Bummelstudium ist einfach das bessere Studium. Nur mit Muße reift Erkenntnis, entwickeln sich eigene Ansichten. Außerdem hat man den Kopf frei für spontane Ereignisse. Für die Diskussionen in der Uni-Cafeteria oder bei Vollversammlungen würde ich noch immer jede Vorlesung sausen lassen. Denn erst der Blick aus dem Seminarraum hinaus öffnet die Horizonte. Für Bummler wie mich bedeutet das auch: Eintauchen in die Welt der Nebenjobs und Kurzzeitbeschäftigungen. Denn die ausgiebige Lektüre von Luhmann und Hawking erkauft man sich mit Schichtdiensten in Kantinen, in Kneipen oder am Kopierer. Bummeln ist keine Faulheit. Es ist Methode und Ziel in einem. Inzwischen sind wir Langzeitstudenten jedoch zu den schwarzen Schafen der Bildungslandschaft mutiert. Selbst an der Universität Bremen, dem Hort meiner vergangenen 15 Semester, schämt man sich nun der egalitären Anfänge einer »roten Kaderschmiede«. Statt studentischer Selbstbeteiligung gibt es »Career Center« und Existenzgründerberatung. Die zottelhaarigen Parka-Träger meiner Erstikurse sind karrierebewussten Jungmanagern gewichen; die Bummler sterben aus. Inzwischen gibt es sogar Philosophie als Bachelorstudiengang. Worüber sollen dessen 21jährige Absolventen denn philosophieren? Über die Pubertät? Jungsein ist keine Fähigkeit und Schnelligkeit nicht kategorisch gut. Deshalb bin ich dafür, das Studium zu entschleunigen – für mehr Spaß am Leben und mehr Lebenserfahrung durch ein wenig gut dosierte Ziellosigkeit.

Tanja Krämer, 28, hat an den Universitäten Trier und Bremen insgesamt 15 Semester Philosophie und Germanistik studiert (mit gelegentlichen Ausflügen in die Kulturwissenschaft und die Psychologie). Nebenbei hat sie an der Uni, in der Krankenhauskantine, in einer Schokoladenfabrik und bei Mercedes gejobbt und mehrere Praktika gemacht.

Wie finden Sie ein Bummelstudium? Lieber länger studieren oder kürzer? Diskutieren Sie mit unter www.zeit.de/campus/spalter

Illustration: Robert Nippoldt, Foto: André Schubert

 
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