Studentenproteste Reden statt demonstrieren

Der »Summer of Resistance« hat es von der Straße ins Vorlesungsverzeichnis geschafft. Nicht alle Protestler sind davon begeistert

Montagabend im Raum 1101 der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt: Es riecht ungelüftet, wie immer nach einem langen Seminartag. Gerade beginnt eine Veranstaltung der besonderen Art, sie heißt »Summer of Resistance« – nach jenem Sommer 2005, in dem Hunderttausende Studenten gegen Studiengebühren und Bologna-Prozess demonstrierten.

Wo befinden wir uns also? Auf einer Aktivistenschulung von Attac? In einer Sitzung des AStA? Falsch: Hier findet ein Hochschulseminar statt, Leistungsnachweise inklusive. Wer eine Hausarbeit schreibt oder ein kritisches Referat zur Hochschulreform hält, bekommt dafür einen benoteten Schein. Und wer einen Schein hat, kann nach geltender Prüfungsordnung auch seine Zwischenprüfung zum selben Thema absolvieren. Das hätten sich nicht einmal die Studenten der 68er-Generation träumen lassen: ein Zeugnis mit einer Note in Resistance.

Entsprechend groß war die Euphorie unter den reformkritischen Studenten, als sie das Seminar im Vorlesungsverzeichnis entdeckten. Martin Mauch, 21, studiert Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaften und ging im Sommer 2005 lieber auf die Straße als in den Hörsaal. Jetzt möchte er »auf jeden Fall« einen Schein machen mit einem kritischen Referat über die Auswirkungen des Bologna-Prozesses. Bleibt nur die Frage, wie das überhaupt zusammenpasst, Widerstand und Wissenschaft. Und von Autoritätspersonen verteilte Scheine auf subversive Gedanken. Steht Studentenprotest in Frankfurt jetzt offiziell auf dem Lehrplan?

So will Dozent Oliver Brüchert das Seminarthema nicht verstanden wissen: »Wir reflektieren den ›Summer of Resistance‹ auf einer kognitiven, wissenschaftlichen Ebene«, sagt er. Beispielsweise diskutiere man den Neoliberalismus als theoretischen Unterbau von Studiengebühren und Hochschulreformen. »Voraussetzung für einen Schein ist die aktive Teilnahme am Seminar, das kann auch ein Bericht in einer Studentenzeitung sein, in den die Ergebnisse des Seminars eingeflossen sind.«

Das Seminar sei ein Angebot an die Studenten, die durch ihren Protest im Studium zurückgefallen seien, sagt Brüchert. Damit aus denen, die sich gegen Studiengebühren engagierten, nicht automatisch Langzeitstudenten werden – und damit Gebührenzahler.

Viele Studenten nehmen das Angebot dankbar an, für sie ist der Streik längst vorbei. Nicht aber für Simon Frankenbach. »Immer nur reden, reden!«, sagt der 24-Jährige, der Brücherts Seminar seit drei Wochen nicht mehr besucht, »das bringt doch nichts, wer hört uns denn im Seminarraum? Da gehe ich lieber wieder auf die Straße!«

Für ihn geht es weiter, bis die neuen Hochschulgesetze doch noch zurückgenommen werden. Etwas aber haben er und seine Mitstreiter jetzt schon erreicht: Über sie werden wissenschaftliche Hausarbeiten geschrieben. Immerhin.

 
Leser-Kommentare
  1. leider kann ich auch nach mehrmaliger lektüre des artikels, diesem keine konkrete aussage entnehmen. ja es wurde über den 'summer of resistance' (man könnte ihn auch sommer 2005 oder den letzten sommer vor 2006 nennen) diskutiert. ja es wurde darüber hinaus über studiengebühren, die konsequenzen und die ursprünge diskutiert. ja es ist tatsächlich auch mal der begriff 'neoliberalismus' aufgetaucht (und keiner ist vom stuhl gefallen). und lastbutnotleast wurde für entsprechende leistung, die wie in jedem anderen seminar auch vom dozenten (deren 10+ an der zahl im seminar anwesend waren) bestimmt wurde, ein schein vergeben, was vielleicht letzendlich nur die hälfte der beteiligten auch nutzten. so und weiter? angenommen das seminar wäre gänzlich unproduktiv gewesen, ist das anlass genug für eine, nach meiner meinung, polemische darstellung nach dem motto 'wieder nur rumsitzen und nichts bewegen...'. eines ist doch klar, selbst wenn wir unproduktiv gewesen wären, zumindest waren wir nicht kontraproduktiv, d.h. wir haben nichts kaputt gemacht. mit sicherheit gab es diejenigen, die dem seminar nichts abgewinnen konnten, die vielleicht etwas mehr aktionismus erwartet hatten, nur ist die darstellung aus dieser sicht doch etwas zu einseitig und stellt das seminar verzerrt dar. dieses war von anfang an konsequent offen gestaltet und alle! teilnehmer hatten die möglichkeit zur mitgestaltung. einige haben sie weniger andere mehr genutzt. und man darf nicht vergessen, dass dieses ringseminar nach langer zeit wieder die möglichkeit zu neuen formen der lehre bot. dass dabei erst verkrustete denkmuster in den köpfen aller 'aufgebrochen' werden musste/muss erklärt sich nach meiner Einschätzung von selbst.weiterhin kann ich die wiederholte hervorhebung der vergabe von leistungsscheinen in diesem kontext nicht nachvollziehen. dürfen scheine nur in kontra-kritischen oder antirevolutionären seminaren erworben werden? gerade die nicht-vergabe von scheinen würde doch deren wichtigkeit untermauern und weiter manifestieren. um nochmal darauf hinzuweisen, die modalitäten der scheinvergabe unterschieden sich nicht im geringsten von denen aus anderen seminaren. im seminar stand der scheinerwerb nur bei den wenigsten teilnehmern im vordergrund, war aber, aus bekannten gründen, für viele teilnehmer eine erleichterung der studiensituation.

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  • Quelle ZEIT Campus, 02/2007
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