Campus-Reise Elite-Uni der Herzen

Verlierer bei der Exzellenzinitiative, wenig Forschungsgelder und eine Riesenbaustelle: Die Uni Leipzig ist nicht eben ein Traum für Studenten. Zumindest auf den ersten Blick. Teil 4 einer Reise zu Unis im In- und Ausland

Es gibt einige Gründe, die gegen Leipzig sprechen. »Zunächst sind da die Baustellen, die nerven gewaltig.« Susann Feik lehnt sich zurück und nimmt einen tiefen Schluck aus ihrer Teetasse. Ihre Mimik signalisiert, dass dies erst der Auftakt einer langen Aufzählung ist. Die 25-Jährige studiert seit acht Semestern Amerikanistik und Deutsch als Fremdsprache. Gemeinsam mit ihrer Freundin Ute sitzt sie im Café des neuen Geisteswissenschaftlichen Zentrums und lästert über ihre Uni-Stadt.

Und tatsächlich, Baustellen gibt es hier viele. Ständig umkurvt man in der Innenstadt Absperrungshütchen oder tritt auf lockere Steine. Im Prinzip wird in Leipzig, der Messestadt des Ostens, seit der Wende, also seit fast 18 Jahren, ununterbrochen gebaut. Das freut Stadtplaner und Investoren, weniger indes die Studenten. Schon seit Jahren wirkt sich ein Megaprojekt massiv auf den Hochschulbetrieb aus: die Rundumerneuerung der baufälligen Gebäude. Schließlich soll die Uni pünktlich zu ihrem 600. Geburtstag im Jahr 2009 in neuem Glanz erstrahlen. Mit neuer Mensa und neuem Audimax, viel Glas und weniger Platte.

Bis dahin sind die Studenten einigen Strapazen ausgesetzt. Die einzelnen Institute verteilen sich über die ganze Stadt, viele residieren in provisorischen Gebäuden. Das wohl schönste »Interim«, wie sie in Leipzig sagen, ist das Grassimuseum, ein ehemaliges Kino. Stinkig, aber kurios ist die Mensa am Augustusplatz, die ebenfalls zusätzlich als Ausweichquartier für Einführungsvorlesungen herhalten muss. Die Juristische Fakultät befindet sich in einer turbulenten Einkaufspassage über einem Spielkasino. Geschichte, Religion und ostasiatische Landeskunde werden momentan im Gebäude der Dresdner Bank gelehrt.

So gibt es in Leipzig kaum jemanden, der nicht über weite Wege, Baulärm und komplizierte Raumpläne klagt. Hinzu kommt, dass die Zahl der Studierenden seit 1990 kontinuierlich gestiegen ist. Im Wintersemester 1989/90, in den letzten Wochen als Vorzeige-Uni der DDR, waren 12000 Studenten in Leipzig eingeschrieben. Heute sind es 31000, also fast dreimal so viele. Interessant ist: Mehr als die Hälfte davon sind keine Sachsen, rund ein Sechstel stammt aus dem Westen. Die Stadt Leipzig hat – nach Berlin – die größte Westdeutschen-Dichte in Ostdeutschland. Dem Studentenansturm waren weder die Räumlichkeiten noch das Personal gewachsen, und so gilt mittlerweile für 101 Fächer ein Numerus clausus. »In Leipzig gibt es viel zu wenig Professoren«, sagt auch die Amerikanistikstudentin Susann, »die Betreuungsverhältnisse haben sich verschlechtert.« Seminarplätze oder einen Prüfer für die Abschlussarbeit ergattere man oft nur per Zufallsprinzip. »Statt zu bauen, sollte die Uni-Leitung lieber einstellen.«

Rico, 22, der Soziologie studiert, kennt noch mehr Minuspunkte. Zwar boome und prosperiere die Stadt mit ihrer halben Million Einwohner, aber gleichzeitig zerfalle sie auch. In Leipzig gibt es das größte innerstädtische Leerstandsgebiet Deutschlands. In manchen Bezirken ist nicht mal die Hälfte der Häuser bewohnt. Die Arbeitslosenquote beträgt fast 20 Prozent. »Alle wollen jobben, das drückt die Preise. Ein Student verdient kaum mehr als 5,50 Euro die Stunde«, sagt Rico. Weil es so wenig Jobs gebe, gingen nach dem Studium viele Absolventen in den Westen.

Sarah Link, 24 Jahre alt und Medizinerin, kam per Los der ZVS nach Leipzig. Die Karlsruherin hat sich, wie sie sagt, ganz gut eingelebt und auch an das Sächsische »notgedrungen« gewöhnt. Richtig geheuer ist ihr Leipzig jedoch nicht: »Alles wird hier geklaut. Fahrräder, Auto-Navis und neulich der Grill vom Balkon.« Außerdem ist die Stadt nach Sarahs Geschmack »etwas zu alternativ, etwas zu wenig Schickimicki«. Die Party- und Galerieszene werde von »Ökos« dominiert. Während sie das sagt, zieht sie ihren rosa Schal zurecht und die Augenbrauen nach oben.

Zumindest was die Tradition angeht, hat die Uni allen Grund, stolz zu sein: Goethe, Wagner, Nietzsche – die Leipzig hat viele Spitzendenker hervorgebracht. Aber ihr zeitgenössisches Renommee sieht eher bescheiden aus. In der Reihe deutscher Hochschulen steht Leipzig hinter Darmstadt, Jena und Ulm auf Platz 40, misst man die Uni an den eingeworbenen Forschungsgeldern in den vergangenen 14 Jahren. Der Rektor Franz Häuser, gebürtiger Hesse und Jurist, verteidigt seine Uni, schließlich habe die westdeutsche Konkurrenz 40 Jahre Vorsprung. »Ich will keinen Ostbonus«, sagt er, »aber man kann doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.« Immerhin biete die Uni 200 Studiengänge an, darunter eben auch viele kleine, wenig prestigeträchtige Fächer wie Namensforschung oder Sorbisch – Letzteres als einzige Uni in Deutschland. »Es gibt keine Ausschläge«, sagt der Rektor, »weder nach oben noch nach unten.« Das Fundament aber sei ein »breites, hohes Niveau«.

Aufschlussreich ist daher ein anderes Ranking, bei dem es statt um Forschungsleistungen um das Können der Studenten selbst geht, der Spiegel fragte hierfür online nach Noten, Stipendien, Preisen, Praktika und Sprachkenntnissen. Die Leipziger landeten auf dem dritten Platz – nach München und Freiburg.

Und deshalb gibt es in Leipzig auch Forscher wie Josef Kaes. Der Professor war früher Hausbesetzer, heute ist er Experimentalphysiker von Weltruf, hat mehrere Jahre in Harvard gelehrt und unterrichtet jetzt International Physics Studies, einen Studiengang, für den er viele Drittmittel akquirieren konnte. Kaes trägt einen kleinen Ziegenbart und sagt Sätze wie: »Leipzig ist oberaffengeil.« Die Stadt sei ein melting pot, eine Drehscheibe, das Tor zum Osten, alles in allem: überaus bunt und dynamisch. Auf die schlechten Ranking-Ergebnisse angesprochen, zwirbelt er an seinem Bärtchen, schwärmt von guten Nachwuchskräften und mokiert sich über die »deutsche Elitengläubigkeit«. Kaes verkörpert eine dynamische Aufbruchsstimmung, die auch im 18. Jahr nach der Wende noch immer typisch für Leipzig ist. »Wir müssen pfiffig und innovativ sein, gerade weil wir auf Platz 40 sind«, sagt Kaes.

Der Physiker ist bei Weitem nicht der einzige Leipzigfan. Auch Marcus Engert, 23 Jahre alt und Chefredakteur des Uni-Radios Mephisto 97.6, ist ein überzeugter Hinzugezogener. Auch er kann den Rankings wenig abgewinnen: »Da schneidet doch Zwickau immer so gut ab. Ich komme aus der Gegend, möchte aber wirklich nicht dort leben.« Vielleicht locke Leipzig nicht mit Spitzenforschung, sagt Marcus, dafür aber mit »Soft Skills«. Zum Beispiel? »Hier kann man unglaublich attraktiv leben. Ab 200 Euro bekommt man ein WG-Zimmer in Toplage. So hat der Wohnungsleerstand für Studenten auch sein Gutes.«

Keine Frage, Leipzig bietet Freiraum und ist preiswert. Der Semesterbeitrag beträgt gerade mal 44,50 Euro – und allgemeine Studiengebühren muss man in Sachsen, zumindest bis zu den nächsten Landtagswahlen, auch nicht fürchten. Addiert man die dauerhaften Ausgaben eines Durchschnittsstudenten, also die Kosten für Miete, Kleidung, Bücher und Mensa, und vergleicht diese mit westdeutschen Lebensverhältnissen, wird klar: Im Gegensatz zu ihren Kommilitonen in München oder Frankfurt sparen Leipziger Studenten während des Studiums insgesamt rund 10000 Euro, wie das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft errechnete.

Neben den finanziellen gibt es aber vor allem auch atmosphärische Gründe, die für Leipzig sprechen. Eine kleine Großstadt, mit Parks und nahen Seen, in der Hoch- und Subkultur nebeneinander existieren. Thomanerchöre, Gewandhaus und mehrere Kunsthochschulen können mit dem Kulturangebot Berlins oder Hamburgs mithalten. Gleichzeitig ist die Leipziger Off-Kultur-Szene eine der lebendigsten der Republik. Ihr Dreh- und Angelpunkt, gleichzeitig Heimat vieler Künstler, ist der beliebte Süden Leipzigs. Entlang der Karl-Liebknecht-Straße hat sich in den Nachwendejahren ein mit dem Berliner Prenzlauer Berg vergleichbarer Kiez etabliert. In verlassenen Gründerzeitvillen und Fabrikgebäuden wurden Bars, Start-up-Firmen und Programmkinos eröffnet. Feiern kann man in der Stadt mit den vielen Studentenklubs und Kellergewölben gut, das bestätigen die Studenten und Professor Kaes. Sogar die kritische Medizinerin Sarah räumt ein, dass man »auch ohne Schickeria« seinen Spaß haben könne.

Überhaupt ist auffällig: Auf Leipzig als Lebensraum lässt fast keiner etwas kommen. Im Gegenteil, man trifft hier auf eine außergewöhnliche lokalpatriotische Zuneigung. Offenbar lebt es sich prächtig im akademischen Souterrain. Warum nicht? Elite klingt ja auch irgendwie ungemütlich.

Universität Leipzig: Die Elite von morgen?

Die 1409 gegründete Universität Leipzig ist nach Heidelberg die zweitälteste Hochschule auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Während der DDR-Zeit war sie als Karl-Marx-Universität ein akademisches Aushängeschild, der neu errichtete Lehrturm in Form eines aufgeschlagenen Buches war eines der Wahrzeichen der DDR. Seit der Wende kämpft die Hochschule um ihren Ruf als Zentrum hochklassiger Wissenschaft und Forschung. Bei der ersten Runde der Exzellenzinitiative fielen die Leipziger durch. Im zweiten Anlauf erreichten sie mit ihren Plänen für einen Exzellenzcluster in Mathematik und eine Graduiertenschule für Nanotechnologie die Endrunde – gemeinsam mit 35 anderen deutschen Hochschulen. Die endgültige Auswahl findet im Herbst 2007 statt.

Die Campus-Reise geht weiter:

Studieren im Bunker - Die Pariser Sorbonne
Ludwigs Luftschloss - Die neue Elite-Uni LMU in München
Bächle, Gässle, gute Menschen - Die Uni Freiburg

 
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    • Quelle ZEIT Campus, 03/2007
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