Studiengebühren Kunde, aber nicht König

Durch die Studiengebühren nehmen die Hochschulen Millionen ein. Damit sollen sie die Lehre verbessern, aber keine zusätzlichen Profs einstellen

Was man für sein Geld erwarten kann ...

1.Längere Bibliotheks-Öffnungszeite n: Keine Ausreden mehr für Nachteulen, fast überall haben die Uni-Büchereien künftig auch abends geöffnet. Die Universitäten wollen zusätzliche Bibliothekare einstellen und so die Öffnungszeiten bis in die Nacht hinein verlängern. In Hannover beispielsweise ist schon seit dem vergangenen Semester bis 22 Uhr geöffnet, in München können Studenten vom Sommersemester an werktags von 8 bis 24 Uhr und am Wochenende von 9 bis 22 Uhr in den Lesesaal.

2.Große Technik-Offensive : Viele Universitäten wollen Laptops samt Beamer als Standardausstattung für jeden Hörsaal kaufen. Bislang sind die teuren Geräte meist nur in den größten Veranstaltungsräumen installiert, überall sonst müssen die Dozenten tragbare Projektoren herumschleppen oder ganz auf multimediale Präsentationen verzichten. Große Universitäten wollen außerdem W-LAN-Netze auf dem Campus einrichten, über die sich die Studenten von ihren eigenen Computern aus ins Internet einklinken können. Außerdem planen zahlreiche Fakultäten, ihre Computerräume zu modernisieren und neue Software anzuschaffen.

3.Fremdsprachen und Soft Skills : Sprachen lernen ist meist ein einziger Kompromiss: Beliebte Kurse wie Italienisch und Spanisch sind hoffnungslos überlaufen, anderswo sind die Lehrmaterialen schon deutlich angegraut. Das soll sich ändern: Die Uni München etwa will im kommenden Semester ihr zentrales Medienlabor aufrüsten. Neue Software auf den Computern soll das Lernen erleichtern, neue Tutoren und Lektoren sollen die Betreuungssituation verbessern. Auch andere Universitäten setzen auf Zusatzangebote und stellen neue Mitarbeiter ein.

4.Neue Tutorien : Lernen in kleinen Gruppen – an vielen Universitäten dürfte das künftig häufiger vorkommen. Für Erstsemesterkurse, in denen Neulinge das Uni-Leben erklärt bekommen, gibt es mehr Geld. So können zusätzliche Tutoren bezahlt werden, meistens ältere Studenten, die sich mit dem Hochschulalltag und seinen Tücken auskennen. Bislang gingen viele ihrer Ratschläge im Lärm überfüllter Einführungskurse unter. Mehr Geld versprechen die Unis auch den Kursen zur Examensvorbereitung, etwa für Juristen und Mediziner. Einziger Wermutstropfen: Neue Professoren werden nirgendwo eingestellt: Prof-Gehälter dürfen laut Gesetz nicht über die Studiengebühren finanziert werden (siehe rechte Seite).

5. Besserer Service : Welche Unterlagen brauche ich für meine Immatrikulation, und wann, bitte, hat die Studienberatungsstelle geöffnet? Viel Rennerei und nervige Telefongespräche sollen künftig nicht mehr nötig sein, um die Antworten auf solche Fragen zu bekommen. Die Uni Hannover hat ein Service-Center eingerichtet, in dem viele Probleme gleich vor Ort gelöst werden. In einem neuen Call-Center, das aus dem Studiengebühren-Topf bezahlt wird, gibt es diese Informationen sogar telefonisch. Auch andere Unis gehen in die Service-Offensive: In München soll ein Betreuer für behinderte Studenten eingestellt werden, die Hamburger Universität plant ein Karrierezentrum mit umfangreichen Beratungsangeboten, Heidelberg will die allgemeine Studienberatung ausbauen.

6. Laborplätze : In den technischen Fakultäten werden die Einnahmen aus den Studiengebühren meist in eine bessere Laborausstattung gesteckt. Das Problem: Die Anschaffungskosten für die Geräte sind oft so hoch, dass das zusätzliche Gebührengeld nicht ausreicht. Viele Hochschulen verteilen ihre Einkäufe deshalb auf mehrere Jahre. In Paderborn etwa schaffen die Hauswirtschaftler zwölf neue Küchenlabor-Arbeitsplätze an, bei den Physikern und Chemikern werden vorhandene Arbeitsplätze verbessert.

7. Exkursionen : Mit dem Anglistikprofessor nach Großbritannien oder mit dem Elektrotechnikkurs ins nächste Kernkraftwerk – Exkursionen gibt es an den meisten Universitäten schon länger, künftig sollen alle Studenten dafür einen Zuschuss erhalten. In Hamburg und in Paderborn sind entsprechende Mittel bereits bewilligt. So will man besonders auch den ärmeren Studenten ermöglichen, an solchen Fahrten teilzunehmen.

... und warum trotzdem nicht alles besser wird

Die Betreuungssituation an deutschen Hochschulen ist bekanntlich schlecht. Trotzdem dürfen die Unis mit den Gebührenmillionen keine Professorengehälter bezahlen – so steht es in den Hochschulgesetzen der Länder. Eigentlich ein Widerspruch: Ein Gesetz zur Verbesserung der Lehre verhindert neue Professorenstellen. Ein Skandal? Nicht unbedingt.

So paradox es klingt: Würden mit den Studiengebühren auch neue Professorenstellen geschaffen, könnte das den Studenten mehr schaden als nützen. Warum? Weil die Länder sich schleichend aus ihrer Verantwortung stehlen könnten. Warum sollen die Kultusminister noch Geld für Profs ausgeben, wenn die Studenten sie selbst bezahlen? Deshalb dürfen die Unis die Gebührengelder nur für Dinge wie Bibliotheken und Tutorenstellen verwenden, welche einer »Verbesserung der Lehre« dienen, wie es im Gesetz heißt, nicht aber für Profs, die nicht nur Lehrer, sondern im Hauptberuf auch Forscher sind.

Aber was verbessert die Lehre, was nicht? Nur das Sinologie-Tutorium oder auch die neuen Heizkörper für Hörsaal A? Einige Hochschulen haben diese Vorgaben großzügig interpretiert und sind dafür kritisiert worden. So heißt es, die Uni Aachen habe von dem Geld der Studenten Image-Broschüren drucken lassen. Oder: Die Universität Göttingen habe das Geld für neue Sportgeräte für den Hochschulsport ausgegeben. »Gerade am Anfang geben viele Hochschulen das Geld problemorientiert aus«, erklärt Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Die Studiengebühren fließen also erst mal in Projekte, für die in der Vergangenheit kein Geld da war – etwa neue Computerräume und zusätzliche Laborarbeitsplätze. »In Zukunft brauchen wir eine Diskussion darüber, wie man das Geld strategieorientiert ausgeben kann«, sagt Müller – beispielsweise für eine gezielte Verbesserung der Betreuungssituation.

Kritisiert wird auch, dass nicht die ganze Summe der Studiengebühren bei den Studenten ankommt – denn der bürokratische Aufwand zur Verwaltung der Einnahmen ist immens. Die Heidelberger Universität rechnet mit Ausgaben von jährlich 500000 Euro für neue Mitarbeiter und Büros, in München sind knapp 680000 Euro eingeplant. Je nach Bundesland fließen außerdem zwischen 10 und 20 Prozent in sogenannte Ausfallfonds, die die Studienkredite absichern.

Was mit dem verbleibenden Geld passiert, kann jede Universität selbst entscheiden. Meist gibt ein Gremium aus Studenten und Professoren die Richtung vor: Oft wird ein Grundbetrag verwendet, um die Studienberatung zu verbessern oder die Öffnungszeiten der Bibliothek zu verlängern (siehe linke Seite). Der Rest des Geldes wird dann auf die Fakultäten verteilt, meist proportional zur Studentenzahl.

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Leser-Kommentare
  1. Was soll eigentlich immer diese "laengere Buechereioeffnungszeiten" Geschichte? Es gibt nun wirklich Wichtigeres! Meine kleine Fachbibliothek war (und ist) immer bis 17 Uhr bzw. 14 Uhr geoeffnet. Das reicht voellig aus. Das Geld kann man sinnvoller anlegen. Und ich finde es immer noch vollkommen unglaublich, dass das Geld aus den Studiengebuehren nicht fuer das draengendste Problem der deutschen Universitaeten ausgegeben wird: Lehrkraefte. Das Gegenargument aus dem Text, die Politik wuerde dann versuchen sich aus der Verantwortung zu stehlen, ist garnicht mal so schlecht. Andererseits: Wer sagt denn, dass die Oeffentlichkeit das zulaesst? Und wer sagt denn, dass die Wissenschaftsminister nicht schon jetzt das Hochschulbudget zusammenstreichen, da die Studiengebuehren ja fuer Dinge aufkommen, fuer die bisher das Geld vom Staat (bzw. Land) kam?Ich weiss aus eigener Erfahrung welche Auswirkungen Lehrkraeftemangel hat. In grossen Fakultaeten (Anglistik) gibt es dann Vorlesungen mit hunderten von Studenten (sinnfrei!), in kleinen Fakultaeten gibt es dann (zum Teil) nicht genug Lehrangebot um auch nur seine Pflichtstunden abzusitzen. Von Auswahl zwischen verschiedenen Themen mal ganz zu schweigen.MfGein ehemaliger deutscher Student

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  • Quelle ZEIT Campus, 03/2007
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