Studiengebühren Schulden für die Zukunft

Was man bei Bildungskrediten beachten muss, für wen sie sich lohnen und wo man sogar den Staat anpumpen kann. Ein Überblick über die Studienfinanzierung

1) Alles Wissenswerte über Bildungskredite von A bis Z

Abschreckungseffekt: Schulden machen mit Anfang 20? Klingt abenteuerlich. Schließlich dauert es noch Jahre, bis der erste Gehaltsscheck kommt. Viele Studenten haben deshalb Hemmungen, ihr Studium mit fremden Mitteln zu finanzieren. In Niedersachsen haben statt der erwarteten 4000 bisher nur 713 Studenten einen Kreditantrag bei der Landesbank gestellt. Bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) waren es bis Ende November 19000 Studenten.

Banken: Die Landesbanken vergeben meist nur Darlehen in Höhe der Studiengebühren. Bei den Privatbanken (Deutsche Bank, Dresdner Bank, HypoVereinsbank und andere), Sparkassen und der KfW kann man sich Geld für alle Ausgaben des täglichen Lebens leihen: für Miete, Mahlzeiten und Materialkosten.

Cashflow: Ob nun aus Darlehen, Krediten oder Nebenjobs, der Cashflow muss stimmen – irgendwo müssen die 500 Euro zum Semesterstart ja herkommen. Doch Vorsicht, Nebenjobs können die schlechtere Lösung sein: Vieljobber studieren oft länger. Und laut dem Recruiting-Dienstleister »alma mater« entgehen einem Durchschnittsstudenten pro verbummeltem Semester rund 10000 Euro Gehalt. Fazit: Kredite können sich lohnen!

Einkommensschwelle: Die Bundesländer haben bei den Gebührendarlehen eine allgemeine soziale Sicherung eingebaut: Rückzahlungsraten werden erst fällig, wenn das Monatseinkommen eine gewisse Schwelle (je nach Land rund 1000 Euro) erreicht hat. Bleibt das Einkommen dauerhaft darunter, muss im Extremfall nie zurückgezahlt werden.

Geldgeschenk: Gerade Bafög-Empfänger profitieren trotz >Abschreckungseffekt von den Gebührendarlehen. Für sie haben die Bundesländer Höchstgrenzen bei der >Rückzahlung festgelegt. In Nordrhein-Westfalen müssen Studenten höchstens 10000 Euro zurückzahlen – auch wenn die Gesamtverschuldung aus Bafög und Studiengebühren weit darüber liegt. Je näher ein Bafög-Empfänger also der magischen 10000-Euro-Grenze kommt, desto eher lohnt sich für ihn ein Gebührendarlehen: Er bekommt einen Großteil seiner Studienschulden vom Staat geschenkt.

Humankapitalisten: Sogenannte Bildungsfonds investieren in Studenten, als wären sie ein Anlageobjekt. Ein Fondsmanager testet ihren Marktwert samt Jobchancen und Leistungsfähigkeit, bevor er einen Kredit gewährt. Nach erfolgreichem Berufseinstieg zahlen die Geförderten das Geld einkommensabhängig zurück. Damit ihre Schützlinge später möglichst solvent sind, helfen ihnen die Fondsmanager bei Praktikumssuche, Auslandssemestern und Jobeinstieg. Rechenbeispiele unter www.deutsche-bildung.de und www.career-concept.de.

Karenzzeit: So nennt man die tilgungsfreie Zeit zwischen dem Ende der Kreditauszahlung und der ersten >Rückzahlungsrate. Weil nicht jeder nach dem Studium sofort einen Job findet, bieten manche Banken eine Karenz von bis zu zwei Jahren an.

Laufzeit: Die Laufzeiten der Kredite variieren je nach Anbieter. Allgemein gilt: Wer einen Kredit aufgenommen hat, muss sich sputen. Sobald die Regelstudienzeit – meist etwa zehn Semester – herum sind, drehen die >Banken den Geldhahn zu. Nur die KfW zahlt dann noch weitere zwei Jahre, vorausgesetzt, die Uni bescheinigt nach dem zehnten Semester, dass das Studium innerhalb der nächsten vier Semester abgeschlossen werden kann.

Maximale Kredithöhe: Wie viel Geld pro Monat ausgezahlt wird und wie hoch die >Tilgung ist, kann jeder selbst bestimmen. Durchschnittsstudenten benötigen laut der neuesten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks rund 700 Euro im Monat – Studiengebühren noch nicht mitgerechnet. Die KfW-Bank zahlt monatlich bis zu 650 Euro, die Deutsche Bank höchstens 800 Euro.

Rückzahlung: Die Rückzahlung kann auf elf Jahre (Deutsche Bank) oder sogar auf bis zu 25 Jahre (KfW) verteilt werden. Wer Zinsen sparen will, nimmt am besten einen niedrigen Kredit auf und zahlt ihn mit hohen >Tilgungsraten möglichst schnell zurück.

Studienkredit: Im Gegensatz zu einem Gebührendarlehen der Länder deckt der Studienkredit auch den Lebensunterhalt ab. Aber Vorsicht: Verschuldungshöchstgrenzen existieren beim Studienkredit (anders als bei den Gebührendarlehen) generell nicht.

Tilgung: Die Höhe der Raten richtet sich nach dem Zeitraum der >Rückzahlung. Ein Beispiel: Wer sich 10 Semester lang bei der KfW-Bank monatlich 500 Euro leiht und die Tilgung auf 20 Jahre anlegt, muss monatlich 215,76 Euro zurückzahlen. Die Faustregel lautet: Je höher die Raten, umso schneller die Tilgung, umso geringer die Zinseszinsen!

Vermögensnachweis: Studenten, die einen Kredit aufnehmen, haben in der Regel weder Einfamilienhaus noch Aktiendepot, die sie als Sicherheit anbieten könnten. Die >Banken fordern deshalb von den Kreditnehmern ausnahmsweise keinen Vermögensnachweis: Sie vertrauen darauf, dass die Studenten künftig genug Geld verdienen werden, um den Kredit zurückzuzahlen.

Zinsfalle: Jeder geliehene Euro kostet im Jahr rund sechs Cent Zinsen. Bei den meisten Studienkrediten werden die Zinsen sofort fällig und automatisch von den Monatszahlungen abgezogen. Die Stiftung Warentest rechnet vor: Wer sich etwa von der SEB-Bank monatlich 100 Euro auszahlen lässt, bekommt schon im ersten Monat 72 Cent Zinsen abgezogen. Und nach neun Semestern überweist die Bank nach Abzug der Zinsen nur noch 57,05 Euro! Nur bei der Deutschen Bank und der Deutschen Kreditbank lassen sich die Zinsen bis Studienende stunden. Damit hat man Zeit gewonnen, bezahlt am Ende aber zusätzlich Zinseszinsen. Beispielrechnungen unter www.stiftung-warentest.de. Grundsätzlich variiert der Zinssatz je nach Kapitalmarkt. Momentan liegt der effektive Jahreszins inklusive Gebühren bei rund 5,9 Prozent, etwa bei der Deutschen Bank und der KfW. Tendenz: ungewiss.

2) Die Regeln für Kredite vom Staat

Niemand soll arbeiten müssen, um die Studienbeiträge zu zahlen – und kein Student aus armem Elternhaus soll gezwungen sein, das Studium deshalb abzubrechen oder gar nicht erst anzufangen. Daher verleihen die staatlichen Landesbanken Gebührenkredite, die direkt an die Uni ausgezahlt werden. Das Geld steht also nicht zur freien Verfügung, sondern dient ausschließlich zur Begleichung der Studienbeiträge. Ausnahme ist Hamburg, dort wird das Darlehen direkt an die Studenten überwiesen. Danach setzt die Hochschule eine Frist von etwa zwei Wochen, in der die Gebühr bezahlt werden muss.

Die Zinssätze sind dabei abhängig vom Geldmarkt und können sich von Semester zu Semester ändern. Derzeit liegen sie zwischen 5,5 Prozent (in Hamburg) und etwa 6 Prozent (in Baden-Württemberg). Dass die Darlehen zu unterschiedlichen Konditionen vergeben werden, liegt daran, dass jedes Bundesland andere Vereinbarungen mit den Banken geschlossen hat. In allen Ländern werden die Zinsen bis zur Rückzahlungsphase gestundet, sodass man während des Studiums keine Kosten für die Zinszahlung hat.

Um die sozialen Belastungen der Darlehen abzufedern, haben alle Länder Einkommensgrenzen bei der Rückzahlung festgelegt. Ein lediger Alumni aus Tübingen beispielsweise muss erst bei einem Monatsverdienst von mehr als 1060 Euro netto seine Gebührenschuld zurückzahlen. Für seinen Marburger Studienkollegen liegt die Grenze bei 1260 Euro netto im Monat. Darüber hinaus gibt es in einigen Ländern Verschuldungsobergrenzen, bei denen die Kredite für Bafög und Studiengebühren zusammengerechnet werden. Besonders niedrig liegt diese Grenze in Nordrhein-Westfalen, nämlich bei 10000 Euro. In der Praxis heißt das: Zwei Drittel aller Bafög-Empfänger müssen keine Gebühren zahlen – wenn sie denn ein Darlehen beantragen. Wer oberhalb dieser Grenzen liegt, muss anderthalb bis zwei (Nordrhein-Westfalen: bis zu elf) Jahre nach Studienende mit der Rückzahlung beginnen.

Nicht jeder Student hat ein Recht auf den staatlichen Gebühren-Pump. Die Regelungen variieren in den Bundesländern. Generell gilt aber: Wer aus der EU kommt oder »Bildungsinländer« ist, also in Deutschland seine Hochschulreife erworben hat, kann ein Darlehen beantragen. In Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen können unter bestimmten Bedingungen allerdings auch Nichteuropäer ein Darlehen in Anspruch nehmen.

Texte: Katja Barthels, Justus Bender und Sebastian Christ.

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    • Quelle ZEIT Campus, 03/2007
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