Irak Der Papierkrieg

Der britische Student Willem Marx machte ein Praktikum im Irak und manipulierte einen Sommer lang irakische Zeitungen in Bagdad – im Auftrag der Amerikaner. Ein etwas anderer Praktikumsbericht.

Im vergangenen Frühjahr, während meines letzten Semesters in Oxford, bekam ich einen Brief von meiner Cousine. Sie plante ein Sommerpraktikum im Irak und fragte, ob ich mich nicht auch bewerben wollte. Die Firma hieß Iraqex, und auf der Website war zu lesen, dass der Tätigkeitsschwerpunkt in der »Aufbereitung und Auswertung« von Nachrichten liege. Iraqex suchte Praktikanten, die in Bagdad mit den lokalen Medien zusammenarbeiten und Beiträge lancieren würden. Das klang fast zu gut, um wahr zu sein.

Seit ich als Teenager John Simpsons Autobiografie Strange Places, Questionable People gelesen hatte, wollte ich Journalist werden, vorzugsweise Auslandskorrespondent. Auf der Schule hatte ich bei der Schülerzeitung mitgearbeitet, es bis zum Chefredakteur gebracht und in Oxford für eine Studentenzeitung geschrieben. Als der Brief meiner Cousine eintraf, hatte ich schon beschlossen, ab Herbst Journalistik zu studieren, aber vorher wollte ich unbedingt Erfahrungen à la John Simpson sammeln. Tatsächlich hatte Simpson jahrelang in London bei der BBC gearbeitet, bevor er ins Ausland ging. Ich dagegen würde unmittelbar nach dem College diese Chance bekommen.

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Wenige Tage später schickte ich meine Bewerbung los und wartete gespannt (die Eltern meiner Cousine hatten inzwischen beschlossen, dass sie nicht in den Irak gehen sollte, und Iraqex hieß mittlerweile Lincoln Group). Schließlich meldete sich ein Mitarbeiter der Firma. Er war selbst gerade mit dem Studium fertig und fragte zum Schluss unseres Gesprächs, ob ich auch »bei Granatwerferfeuer in der Nähe« konzentriert arbeiten könnte. Über meine Qualifikationen hatte ich wahrheitsgemäß Auskunft gegeben: Ich war schon im Nahen Osten gewesen, als ich dort vor einigen Jahren Urlaub in Ägypten und Syrien machte. Außerdem war ich mit Freunden per Fahrrad von Genf nach Damaskus gefahren. Und auf der Uni hatte ich unter Zeitdruck Cicero und Polybios übersetzt. Was das Granatfeuer angehe, gab ich zu, sei ich mir aber nicht so sicher. Mein Gesprächspartner schien zufrieden.

Einen Monat später, im Juni, bekam ich die Zusage. Meine neuen Arbeitgeber beorderten mich nach Washington. Die Zentrale von Lincoln Group befand sich in der K Street über einem indischen Gemüseladen. Auf einem kleinen Schild in der Eingangshalle stand: Besuche bei Lincoln Group (Iraqex), 10. Stock, nur nach Voranmeldung. Im zehnten Stock waren Handwerker gerade dabei, in einem Zimmer Kabel zu legen, in einem anderen Zimmer saßen Männer im Anzug bei einer Besprechung. Die Personalchefin, die selbst erst kurz zuvor dort angefangen hatte, meinte, dass es in letzter Zeit etwas chaotisch zuginge.

Während ich in einem kleinen Wartezimmer meine Papiere ausfüllte, tauchte Paige Craig auf, der Gründer der Lincoln Group. Er gab mir die Hand und murmelte so etwas wie »Willkommen an Bord«.

Doch bevor ich meine Tätigkeit aufnehmen konnte, war noch eine Formalität zu erledigen. Ich musste nach Fort Belvoir, Virginia, fahren, um mir meine common access card zu besorgen, eine Art Passierschein für sämtliche Einrichtungen der US-Armee weltweit. Die Angestellten dort sprachen voller Anerkennung von den tapferen Männern und Frauen, die von hier aus in den Irak gingen. Eine redselige Krankenschwester, Mitarbeiterin der Halliburton-Tochter Kellogg, Brown & Root (KBR), notierte die üblichen Daten und nahm mir Blut ab. Doch als ich sie fragte, warum sie Röntgenaufnahmen meiner Zähne brauchte, verstummte sie plötzlich. »Das ist für unsere Akten«, sagte sie schließlich, warf mir einen raschen Blick zu und wandte sich ab. Langes Schweigen folgte, dann begriff ich. Als zerfetzte, bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche würde man mich nur aufgrund meines Gebisses identifizieren können.

Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass ich mein Leben riskieren würde für Männer, denen ich gerade erst begegnet war, und für ein Unternehmen, über das ich so gut wie nichts wusste. Mein Gehalt sollte kümmerliche tausend Dollar im Monat betragen, am Ende des Sommers würde ich mit leeren Taschen dastehen. Eigentlich sollte ich noch acht Tage militärisches Training absolvieren, aber die Firma war nur zu gern bereit, meinem Wunsch zu entsprechen und mich sofort nach Bagdad zu schicken. »Für uns macht das finanziell Sinn«, erklärte man mir. »So haben wir mehr von dir.«

Am 7. Juli, nachdem ich in Amman eine knappe Woche auf mein Gepäck gewartet hatte, landete ich in Bagdad. An der Gepäckausgabe riefen die Männer wie Reiseführer nach KBR-Mitarbeitern, die sich an einem bestimmten Ort einfinden sollten, andere hielten Schilder mit den Namen diverser Sicherheitsfirmen hoch, bullige tätowierte Männer bildeten Gruppen. Auf mich wartete niemand. Die Empfangshalle leerte sich. Am Ausgang bemerkte ich einen Mann und eine Frau, die betont desinteressiert herumstanden. Ich fragte sie, ob sie gekommen wären, um Willem Marx abzuholen. So war es. Wir gaben uns die Hand, und dann begleiteten sie mich wortlos hinaus zu einer ramponierten Limousine.

Wir fuhren zum Camp Victory, dem Hauptquartier der US-Truppen in Bagdad. Auf dem kurzen Weg zu dem weitläufigen Komplex auf einem der vielen Areale, die früher einmal Saddam Hussein gehört hatten, sah ich meinen ersten zerbombten Palast. Die Kuppel war eingestürzt, freigelegte Träger ragten in den Himmel. Ich fragte meine Kollegen, worin ihre Arbeit bestünde und was sie vorher gemacht hätten. Gina, blass und Ende 20, und Ryan, vermutlich nicht viel älter als ich, waren zuvor bei der Armee im Irak gewesen. Ihre Antworten waren so knapp, dass ich nicht weiter nachhakte.

Im Camp Victory musste ich mir erst einmal eine Hülle mit Anhänger für meine ID-Card besorgen. Im Supermarkt der Basis stand ich hinter ein paar Soldaten, die selbst dort ihr Gewehr dabeihatten. Dann wurde ich in einem staubigen Container abgesetzt, wo ich den ganzen Tag herumhockte und auf einem riesigen Flachbildschirm Lara Croft und andere Actionfilme schaute.

Noch vor Tagesanbruch wurde ich geweckt, und in einer Art Greyhound-Bus mit Panzerung und Sicherheitsglas ging es zu der Villa, in der ich den Sommer über wohnen würde. Die Straße in die Grüne Zone von Bagdad, wo sich die Villa der Lincoln Group befand, ist bekannt als »Highway of Death«, wegen der vielen Konvois, auf die dort Bombenanschläge verübt wurden. Und so fuhren wir auf dieser gefährlichen Straße in völliger Dunkelheit, eskortiert von vier Humvee-Geländewagen und überwacht von Helikoptern mit Nachtsichtgeräten.

Eines der vier Schlafzimmer in der Villa sollte ich mir mit einem Iraker namens Ahmed teilen. Ahmed, der die American University in Washington besucht hatte, war immer perfekt rasiert und trug makellos gebügelte Hemden. Weil meist eine seiner Bagdader Freundinnen die Nacht mit ihm verbrachte, suchte ich mir schon bald ein anderes Zimmer. Mein neuer Zimmergefährte Steve, ehemaliger Student der amerikanischen Brown University, hatte sich für ein ganzes Jahr bei der Lincoln Group verpflichtet und führte sich entsprechend auf. Abends trank er meistens Bier und schlief bis in den Nachmittag hinein.

Leser-Kommentare
  1. vor der Courage, diese Geschichte oeffentlich zu machen! Der Vergleich zu einem anderen jungen Mann draengt sich auf, der 2003 auf eigene Faust in den Irak ging, nicht, um sich in das Getriebe der Nachrichtenmanipulation einbinden zu lassen, sondern im Gegenteil um moeglichst viele Satellitenschuesseln installieren zu helfen, die den Irakern wirkliche Informationen zugaenglich machen wuerden. Nick Berg wurde nach einiger Zeit vom US-Militaer verhaftet, seine Eltern erstatteten zu Hause in den USA Anzeige gegen die US-Regierung. Daraufhin wurde Berg in Baghdad freigelassen und in einem Hotel eingecheckt, wenige Tage spaeter befand er sich in der Gewalt einer Gruppe von Irakern und wurde ermordet, ein Video seiner Enthauptung kursierte im Internet. Im Zusammenhang mit diesem Video tauchte erstmals der Name "Al Sarkawi" auf.

    • lef
    • 06.07.2007 um 15:13 Uhr

    muss man sein, um auch nur ansatzweise glauben zu dürfen, dass im Irak eine unabhängige Medienwelt existiert?!?

    Da kämpfen nur Mafiabanden jedweder Art (kriminelle, religiöse, meist Beides fff) gegen Alle, wie soll da ausgerechnet die Medienwelt unabhängig sein?

    Was an diesem Artikel stört, ist nicht der Bericht selbst (der ist wohl authentisch), sondern die Einseitigkeit der Vorstellung.
    Die USA sind auch nur eine Partei in diesem zerrissenen Lande, sie haben dort Viel investiert und kämpfen auf allen Gebieten darum, diese Investition zu sichern, warum auch nicht? Nur ganz Naive glauben, dass ein Staat wie die USA aus reinem Altruismus handelt.
    (Wahrscheinlich die gleichen Naivlinge, die glauben, Deutschland würde in Afghanistan von edlen Motiven bewegt sein)

    Immerhin haben die USA dem Volk des Iraks vor 4 Jahren ein faires (relativ) Angebot gemacht: Demokratie und dann weltoffener Handel. Das war auch ziemlich naiv, OK. Dass das irakische Volk nicht demokratiefähig ist, wird hoffentlich Jede/r inzwischen gemerkt haben. Wenn überhaupt eine Weltmacht dort Erfolg haben könnte, ist das China mit dessen rigorosen und menschenverachtenden Methoden.
    Komischerweise kriegt China weltweit Respekt für dessen Regierungsstil, die USA wird angeprangert.

    Naja, die Öffentlichkeit ist nun Mal naiv in der Mehrzahl, hier wie da und überall.
    Da kommt ein Bericht wie dieser in genau die richtigen weit offenen Schubladen: USA = böse, alles Andere = gut, da fühlt man sich doch gleich richtig wohl, gelle?

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