Irak Der PapierkriegSeite 4/4

Einige Stunden später fuhr ich in die Stadt, um mit Muhammad und seinen Mitarbeitern zu sprechen. Jim, der behauptet hatte, er sei ein ehemaliger FBI-Agent, hatte mir einige Ratschläge gegeben. So sollte der Verhörte stets in der Mitte des Raums sitzen, denn ohne eine Wand in der Nähe, erklärte Jim, würde dieser sich unsicher fühlen und die Nerven verlieren. Ich selbst sollte ruhig, aber bestimmt auftreten und verschiedene Szenarien durchspielen, indem ich meine Beschuldigungen jedes Mal auf andere Weise vorbrächte. Jim zufolge würde ich dann in der Lage sein, aus den Leugnungen die Schuld herauszuhören. Um Muhammads Leute zusätzlich zu verunsichern, sollten während der Befragung noch zwei Sunniten anwesend sein, ehemalige Mitarbeiter von Saddam Husseins berüchtigtem Geheimdienst Mukhabarat. Und ich hatte einen Iraker namens Hamza gebeten mitzukommen, hauptsächlich als mein persönlicher Bodyguard und Dolmetscher. Hamza arbeitete für eine andere amerikanische Firma, ebenfalls auf dem Gelände unserer Villa ansässig, und war dafür zuständig, uns mit Softdrinks zu versorgen. Ich bot ihm hundert Dollar für seine Hilfe.

Wir quetschten uns alle in Muhammads enges Büro voller protziger Aschenbecher und tiefer Ledersessel, und ich begann, Muhammad zu befragen. Ich saß an seinem Schreibtisch, links neben mir Hamza, mit Baseballkappe und Oakley-Sonnenbrille. Die Sunniten saßen auf einem Sofa an der Wand, Muhammad blieb neben dem Stuhl in der Mitte stehen. Auch er war überrascht über die Unregelmäßigkeiten, und sein Verdacht fiel auf zwei Christen im Büro, Faruk und Majid – diejenigen, die die übersetzten Artikel zu den Zeitungen schafften. Faruk, meinte er, sei unser Mann. Auch mir erschien Faruk gerissen.

Also riefen wir Faruk herein und baten ihn, auf dem leeren Stuhl in der Mitte Platz zu nehmen. Er beteuerte schon seine Unschuld, bevor er sich gesetzt hatte, das Gesicht hochrot, die Lippen unter dem buschigen Schnurrbart bebten vor Empörung. Während ich versuchte, Hamza zu folgen, der wie ein Schnellfeuergewehr übersetzte, lenkte mich die geladene Pistole ab, die ich mir zuvor in den Hosenbund gesteckt hatte und die mir jetzt in die Leiste stach. Wir waren im Allgemeinen bewaffnet, wenn wir uns außerhalb der Grünen Zone bewegten, und diesmal musste ich in Betracht ziehen, dass die irakischen Mitarbeiter sich von ihrem jungen britischen Ankläger vielleicht provoziert fühlen würden. Ich rutschte hin und her, um den Schmerz zu lindern, konnte die Waffe aber bald nicht mehr ertragen. Ich zog sie aus meiner Hose und legte sie auf die polierte Oberfläche von Muhammads Tisch. Faruk starrte auf die Waffe, dann zu mir und dann wieder auf die Waffe, und zu spät wurde mir klar, wie bedrohlich meine Aktion wirken musste. Leider konnte ich mich jetzt nicht einfach entschuldigen und die Pistole wieder einstecken – das wäre als Zeichen von Schwäche angesehen worden. Faruk geriet in Panik und flehte verzweifelt, ich möge seine Existenzgrundlage bedenken, das Wohl seiner jungen Familie.

Neben Adrenalin und Angst stieg nun auch eine tiefe Abscheu in mir hoch. Ich war eine dieser Filmfiguren geworden, die ich kategorisch verachtete. Ich hasste Waffen und Gewalt, war gegen die Anwesenheit der Amerikaner im Irak und sympathisierte mit fast allen Irakern, denen ich im Sommer begegnet war. Der Pistolenlauf zeigte direkt auf Faruk, um Himmels willen! John Simpson mag solche Verhöre vielleicht miterlebt haben, selbst durchgeführt hat er sie bestimmt nie. Und all das tat ich, um ein paar tausend entwendete Dollar einer Firma wiederzufinden, die an dem amerikanischen Krieg im Irak Millionen verdienen würde.

Es war ein sehr langer und anstrengender Tag gewesen, ich war erschöpft und mehr als nur ein bisschen erschüttert. Das Geld aus dem Safe in meinem Zimmer war zu einer Bank im Stadtzentrum geschafft worden. In meinem Posteingang fand ich eine Nachricht von meinen Eltern, die wissen wollten, wann ich den Irak endlich verlassen würde; hoffentlich bald, fügten sie hinzu. Lincoln Group hatte mir einen neuen Vertrag zugeschickt. Sie boten mir 70000 Dollar, wenn ich weitere zehn Monate für sie in Bagdad arbeitete. Doch ich hatte genug. Ich war, wie ich mir eingestehen musste, das genaue Gegenteil eines Journalisten geworden. Und wenn ich damit weitermachte, irakische Reporter mit dem Geld der US-Armee zu bestechen, würde ich sicher selber nie als Reporter arbeiten können.

In derselben Nacht rief ich Christian Bailey und Paige Craig in Washington an und teilte ihnen mit, dass ich nach Hause wollte. Am 20. August stieg ich ein Flugzeug, und mein Praktikum in Bagdad war vorbei.

Wie ging es weiter?

»Ich habe diesen Artikel drei Monate nach meinem Irak-Aufenthalt in New York geschrieben, wo ich mein Studium fortsetzte. Zu dieser Zeit machte die Lincoln Group Schlagzeilen. Landesweit berichteten Zeitungen und Fernsehsender über die Firma und ihre unmoralischen und wahrscheinlich illegalen Operationen. Ich selbst habe nur noch einmal von der Lincoln Group gehört, als die Dokumentare von ›Harper’s Magazine‹ die Fakten überprüften: Der Vizepräsident, der in meiner Geschichte als Engländer Christian Bailey auftaucht, rief mich an und drohte mit juristischen Konsequenzen, wenn ich bei meiner Version bleiben würde. Aber ich stehe zu der Geschichte und tue es heute noch. Die Lincoln Group bekommt immer noch lukrative Aufträge vom US-Militär im Irak. Doch seit die Demokraten die Mehrheit im US-Kongress haben, geraten diese und ähnliche Firmen nun stärker ins Blickfeld.«

Willem Marx, 24, hat mittlerweile sein Journalistikstudium beendet und arbeitet als Reporter und Producer für den Nachrichtensender ABC News in New York.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Copyright 2006 by Harpers Magazine. Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck aus der September-Ausgabe mit besonderer Genehmigung

 
Leser-Kommentare
  1. vor der Courage, diese Geschichte oeffentlich zu machen! Der Vergleich zu einem anderen jungen Mann draengt sich auf, der 2003 auf eigene Faust in den Irak ging, nicht, um sich in das Getriebe der Nachrichtenmanipulation einbinden zu lassen, sondern im Gegenteil um moeglichst viele Satellitenschuesseln installieren zu helfen, die den Irakern wirkliche Informationen zugaenglich machen wuerden. Nick Berg wurde nach einiger Zeit vom US-Militaer verhaftet, seine Eltern erstatteten zu Hause in den USA Anzeige gegen die US-Regierung. Daraufhin wurde Berg in Baghdad freigelassen und in einem Hotel eingecheckt, wenige Tage spaeter befand er sich in der Gewalt einer Gruppe von Irakern und wurde ermordet, ein Video seiner Enthauptung kursierte im Internet. Im Zusammenhang mit diesem Video tauchte erstmals der Name "Al Sarkawi" auf.

    • lef
    • 06.07.2007 um 15:13 Uhr

    muss man sein, um auch nur ansatzweise glauben zu dürfen, dass im Irak eine unabhängige Medienwelt existiert?!?

    Da kämpfen nur Mafiabanden jedweder Art (kriminelle, religiöse, meist Beides fff) gegen Alle, wie soll da ausgerechnet die Medienwelt unabhängig sein?

    Was an diesem Artikel stört, ist nicht der Bericht selbst (der ist wohl authentisch), sondern die Einseitigkeit der Vorstellung.
    Die USA sind auch nur eine Partei in diesem zerrissenen Lande, sie haben dort Viel investiert und kämpfen auf allen Gebieten darum, diese Investition zu sichern, warum auch nicht? Nur ganz Naive glauben, dass ein Staat wie die USA aus reinem Altruismus handelt.
    (Wahrscheinlich die gleichen Naivlinge, die glauben, Deutschland würde in Afghanistan von edlen Motiven bewegt sein)

    Immerhin haben die USA dem Volk des Iraks vor 4 Jahren ein faires (relativ) Angebot gemacht: Demokratie und dann weltoffener Handel. Das war auch ziemlich naiv, OK. Dass das irakische Volk nicht demokratiefähig ist, wird hoffentlich Jede/r inzwischen gemerkt haben. Wenn überhaupt eine Weltmacht dort Erfolg haben könnte, ist das China mit dessen rigorosen und menschenverachtenden Methoden.
    Komischerweise kriegt China weltweit Respekt für dessen Regierungsstil, die USA wird angeprangert.

    Naja, die Öffentlichkeit ist nun Mal naiv in der Mehrzahl, hier wie da und überall.
    Da kommt ein Bericht wie dieser in genau die richtigen weit offenen Schubladen: USA = böse, alles Andere = gut, da fühlt man sich doch gleich richtig wohl, gelle?

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