In der Mensa mit »Ich wollte dünne Bretter bohren«

Die am schnellsten sprechende Frau des deutschen Fernsehens hat in Augsburg Soziologie studiert, eine Hiwi-Stelle abgelehnt und nach zehn Semestern doch nicht ihre Magisterarbeit geschrieben. Nach »Blondes Gift« plant Barbara Schöneberger jetzt eine zweite Karriere: Als Sängerin

Barbara Schöneberger, 33, die Moderatorin der Talkshow Blondes Gift, die gerne enge Lederkorsetts trug, lasziv durch das Studio robbte und um kein Schimpfwort verlegen war – diese Barbara Schöneberger hat zum Interviewtermin ihre Eltern mit in die Augsburger Universität gebracht, wo sie bis 1999 Soziologie, Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaften studiert hat. »Mama, wollt ihr nicht doch schon Kaffee trinken gehen?«, ruft sie durch die ganze Mensa. »Ach, Barbara, mach dir um uns keine Gedanken, sei einfach locker wie immer«, hallt es zurück.

Dann ein Rundgang über den Campus, am Eingang zur Uni-Cafeteria schreit Barbara Schöneberger auf. »Ja, das gibts doch nicht. Dass Sie immer noch da sind!« – »Die Barbara!«, schallt es von der Kasse zurück. »So ein Star!« Die Moderatorin und die Frau hinter der Kasse herzen sich. »Ich war immer in der Mensa«, sagt Barbara Schöneberger, »sogar wenn ich an dem Tag kein Seminar hatte.«

ZEIT Campus: Wann waren Sie das letzte Mal in Ihrer Uni?

Barbara Schöneberger : Ich bin vor acht Jahren hier weg und seitdem nie wieder hergekommen. Das ist echt Wahnsinn.

ZEIT Campus: Sie haben hier zehn Semester Soziologie studiert und dann ...

Schöneberger : Abgebrochen, ja, ja. Und ich bereue das, wenn ich die Leute sagen höre: Du hast abgebrochen. Es wäre irgendwie cooler zu sagen, nee, nee, ich hab es fertig gemacht und hatte eine gute Note. Jetzt wirkt es so, als hätte ich es nicht fertig machen können.

ZEIT Campus: Haben Sie doch auch nicht, oder?

Schöneberger : Ach, die Verlockungen des Was-auch-immer-Lebens waren so groß, ich dachte, jetzt mache ich noch das und das, das war ja alles wahnsinnig aufregend. Da ging es schon richtig doll los, da hatte ich ein-, zweimal die Woche mit Fernsehen zu tun. Und da dachte ich: Na, noch ein Studium nebenher, hmm, ob ich das schaffe?

Studienabbrecher, das waren für mich immer die anderen. Ich dachte mir: Wie kann man nur nach zehn Semestern sein Studium abbrechen! Total bescheuert. Und dann ist es mir wahnsinnig leichtgefallen, es zu machen. Aber ich habe mir ein bis zwei Jahre die Illusion aufrechterhalten: Nächste Woche fahr ich hin und beginne mit der Magisterarbeit. Ich war ja scheinfrei. Und ich hätte eigentlich nur loslegen müssen.

ZEIT Campus: Das Thema stand auch schon fest: »Essen als Machtmittel in der Familie«.

Schöneberger : Ja, weil ich zu der Zeit mit einer Familie zu tun hatte, bei der Essen im Mittelpunkt stand, die Aufnahme des Essens war ein Konstrukt von Machtausübung. Das fand ich ganz interessant.

ZEIT Campus: Das klingt, als hätten Sie ernsthaft vorgehabt, Soziologin zu werden?

Schöneberger : Nein, nie. Ich habe nach dem Ausstreichsystem gearbeitet. Nach dem Abitur und dem Praktikum bei einer Zeitung bin ich alleine nach Paris gefahren, habe mir ein Buch mitgenommen, wo alle möglichen Studiengänge drinstanden. Ich habe einfach alles ausgestrichen, was ich doof fand – jeden Abend: erst 15 Kilometer durch Paris gelaufen, Buch genommen, aufgeschlagen, ausgestrichen. Am nächsten Abend wieder, und was übrig blieb, waren Soziologie, Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaften. So ist das zustande gekommen.

Ich wusste schon ziemlich bald, dass Terrorismusforschung in Südamerika oder so vermutlich nicht mein Hauptjob wird. Aber dafür habe ich es ganz gut gemacht, mein Professor hat mir sogar eine Hiwi-Stelle angeboten. Aber um ehrlich zu sein, konnte ich mir nicht erlauben, die anzunehmen, die haben damals nur 500 Mark im Monat bezahlt, für 20 Stunden Arbeit die Woche. Ich hatte eine Ferienwohnung am Chiemsee, ein Auto und ein Handy. Ich musste Kohle ranschaffen. Deshalb bin ich, als Handy verkleidet, durch die Fußgängerzone gelaufen und habe Flugblätter verteilt, auf Messen gearbeitet und was weiß ich alles gemacht.

ZEIT Campus: Und dann war da noch das Fernsehen.

Schöneberger : Ja. Ich war bei einer Agentur, fragen Sie mich nicht, warum, die haben mich zu dem Casting von Elmar Hörig geschickt. Ich kannte weder Elmar Hörig noch die Show ...

ZEIT Campus: ... Bube, Dame, Hörig; eine Spielshow, bei der die Kandidaten Umfrageergebnisse erraten mussten.

Schöneberger : Ja, jedenfalls kannte ich gar nichts, ich hatte nicht mal einen Fernseher. Das war auch besser so, sonst wäre ich nämlich nicht hingegangen. Und als sie mich dann genommen haben, dachte ich: Keine Sau wird jemals erfahren, was ich hier mache, weil: Morgens um halb elf guckt ja keiner fern. Die Sendung lief genau einen Tag, da haben die Leute an der Uni schon mit dem Finger auf mich gezeigt. Ich habe dann noch zwei Jahre hier studiert.

ZEIT Campus: Wie fand Ihr Professor das?

Schöneberger : Ich habe versucht, es ihm zu verheimlichen. Aber er hat es wohl geahnt. Als ich den Hiwi-Job abgelehnt habe, hat er schon gesagt: Sie müssen wissen, ob Sie lieber dünne oder dicke Bretter bohren wollen. Und ich habe mich für die dünnen Bretter entschieden, wie ja alle wissen.

ZEIT Campus: Das war dann das Ende Ihrer akademischen Karriere?

Schöneberger : Ja, und das war eine gute Entscheidung. Ich glaube, ich gehöre mehr dahin, wo ich jetzt bin, als an den Soziologie-Lehrstuhl. Ich denke, dass ich für die akademische Laufbahn nicht geeignet wäre. Gastdozentin vielleicht. Ich könnte mir vorstellen, mal zu Medienstudenten zu gehen. Denn das größte Problem ist doch, dass Praxis und Theorie extrem weit auseinanderklaffen. Als ich mit dem Studium anfing, hatte ich keinen Plan, was ich hier überhaupt mache.

Du kommst her, kriegst ein Vorlesungsverzeichnis in die Hand gedrückt, und dann trägst du dich irgendwo ein und findest das auch ziemlich cool. Aber im Großen und Ganzen hast du bis zum dritten Semester null Checkung, was eigentlich abgeht, du läufst wie so ein Lemming den anderen hinterher, lernst Sachen auswendig, von denen du gar nicht weißt, was das eigentlich soll. Du verbringst mehrere Jahre deines Lebens in einem Zustand, wo du denkst: Ich weiß nicht genau, worum es geht – aber ich hoffe, es merkt keiner. Und ich glaube, dass das allen so geht.

ZEIT Campus: Soziologie war für Ihre Talkshow »Blondes Gift«, wo fast alle abgehalfterten C-Promis mal zu Gast waren, vermutlich trotzdem ganz erhellend?

Schöneberger : Ach, ich glaube nicht. Aber Studieren an sich war einfach toll. Ich würde es jedem ans Herz legen zu studieren. Ich freue mich, wenn ich jetzt in die SKL-Show gehe, dann kann ich einen Picasso von Matisse unterscheiden, und ich weiß, 1812 ist, ähm – die Wartburg von Studenten gestürmt worden oder so. Aber ob es was für meinen Job gebracht hat? Sozialpädagogik hätte ich da öfter mal brauchen können, ich arbeite ja zum Teil mit Verrückten.

ZEIT Campus: Was war denn Ihr Lieblingsseminar?

Schöneberger : Das hieß »Der Labelling-Approach«, da ging es darum, dass Leute sich immer in das reinfügen, was man ihnen aufdrückt. Wenn einer einmal was klaut, dann sagen alle, der ist ein Dieb. Dann klaut er noch mal aus Versehen was, dann sagen alle wieder, dass er ein Dieb ist – und dann wird er wirklich zum Dieb, obwohl er nur mal aus Versehen was geklaut hat. Damit kann man sehr viele Sachen erklären. In dem Seminar hatte ich eine Einskommanull.

ZEIT Campus: Kann man den Labelling-Approach auch auf Barbara Schöneberger anwenden?

Schöneberger : Ja, wobei ich mich innerhalb des Labellings geändert habe. Ich war schon früh eine Projektionsfläche, deswegen habe ich angefangen, so schnell zu reden, weil ich keine Lust hatte, mich von anderen auf irgendetwas festlegen zu lassen.

ZEIT Campus: Weshalb Sie jetzt mal wieder was anderes machen wollen. Nämlich singen.

Schöneberger : Ja, weil ich gerne beides kombinieren möchte. Ich möchte schnell reden und zwischendurch ein bisschen singen. Ich muss mich nicht entscheiden. Ich mache jetzt ein paar Konzerte – und wenn Deutschland das braucht, dann machen wir weiter.

ZEIT Campus: Aber warum gerade singen?

Schöneberger : Ich komme aus einer Musikerfamilie, ja man könnte fast sagen: einer Musikerdynastie. Mein Vater ist Klarinettist, mein Uropa war Dirigent. Wir sind eine sehr musikalische Familie, was nicht heißt, dass sich jeder hinstellen und unbedingt Musik machen muss. Bei mir war das so: Wann immer es etwas zu singen gab, habe ich das gemacht, und es hat mir immer wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber ich habe mich nie darauf vorbereitet. Der Ton war einen Halbton zu tief angelegt, oder ich hatte doch nicht den ganzen Text im Kopf. Jetzt will ich richtig professionell singen und mir dabei selbst aussuchen, was ich singen möchte und mit welchem Orchester.

ZEIT Campus: Was singen Sie denn?

Schöneberger : Ich werde alles von den zwanziger bis zu den achtziger Jahren singen, begleitet vom The Berlin Pops Orchestra. Von If you could read my mind bis hin zu Smile, von Lass mich einmal deine Carmen sein bis zu Hildegard Knefs Ich glaub, ne Dame werd ich nie. Wirklich ganz, ganz viel – insgesamt 25 Lieder. Es wird grandios. Und dazwischen gibt es eine klassische Entertainment-Show.

ZEIT Campus: Klingt ein wenig nach Harald Juhnke. Ist das der Versuch, jetzt erwachsen zu werden?

Schöneberger : Ja, ich finde es super, man muss ja mal in Würde altern. Ich bin jetzt 33, ich kann einfach nicht mehr jede Woche auf allen vieren durchs Studio krabbeln und mit dem Gesicht in einen Käsekuchen fallen. Irgendwann muss man mal sagen: Ich bleibe bis zum Ende der Show auf dem Stuhl sitzen. Ich habe keine Lust, irgendwann doppelt so alt zu sein wie meine Zielgruppe – und außerdem möchte man doch auch eher von den Leuten gemocht werden, die man selber mag. Ich mache jetzt daher einfach nur noch Sachen, auf die ich Lust habe.

ZEIT Campus: Sie haben inzwischen keine eigene Show mehr. Haben die Verrisse damals wehgetan?

Schöneberger : Nachwuchstalent sein ist die geilste Zeit, keine Frage. Da finden einen alle, wirklich alle cool. Und keiner hat große Erwartungen. Aber danach wird’s schwer, weil dann heißt es nämlich: Ah, das ewige Talent, jetzt wollen wir mal sehen, was die wirklich kann. Und dann macht man Sachen, die nicht so gut funktionieren, kriegt den Spagat noch nicht so gut hin zwischen Geld verdienen und sich gleichzeitig treu bleiben ... Aber wenn man schon so lange dabei ist, ist man auch in sich gefestigt und weiß, was man kann und was nicht. Das hilft schon mal bei Kritik. Du musst irgendwann einfach aufhören, zu denken, dass dich jeder lieben muss.

ZEIT Campus: Das war es also mit dem Fernsehen?

Schöneberger : Nein, natürlich nicht! Alle wollen gerne Shows im Fernsehen haben, ich natürlich auch! Aber eben nicht um jeden Preis und nicht in der ersten Reihe. Alle tun immer so, als wäre es das größte Glück auf Erden, eine Samstagabendshow zu präsentieren, dabei ist es eigentlich schrecklich. Du bist auf dem Präsentierteller, und jeder quatscht mit rein. Du musst dann plötzlich sieben Millionen Leuten gefallen – und das funktioniert nur über ein extremes Abrunden der Kanten.

ZEIT Campus: Was könnte denn die eigene Show sein?

Schöneberger : Ideen habe ich mir abgewöhnt. Es gab ja schon viele Produzenten, die sagten, sie hätten eine tolle Idee für mich. Aber ich habe keine Lust auf 80 Jahre Udo Jürgens, 130 Jahre Stadtsparkasse München oder den großen Soundso-Test.

ZEIT Campus: Welche Show im deutschen Fernsehen würden Sie gerne machen?

Schöneberger : Die NDR Talk Show.

ZEIT Campus: Die ja leider schon in festen Händen ist.

Schöneberger : Ja, ich habe mehrfach versucht, von Julia Westlakes Auto die Bremsseile durchzubeißen, aber das hat leider noch nicht geklappt. Na ja. Auch in diesem Sommer werde ich wieder versuchen, es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Aber was soll ich sagen: Leider macht sie ihren Job ja ziemlich gut.

ZEIT Campus: Jetzt singen Sie sich eben in die Herzen der Menschen?

Schöneberger : Jetzt singe ich mich erst mal in die Herzen der Menschen, um mich dann ganz fies von hinten anzuschleichen. Wer sagt denn eigentlich, dass diese Show nicht von drei Leuten moderiert werden kann? Dann muss halt ein Gast weniger kommen.

ZEIT Campus: Die haben Sie ja schon immer gut ersetzt.

Schöneberger : Ja, eben. Ich bin sowieso der Meinung, ich würde gerne mal eine Talkshow ohne Gast moderieren, da ist einfach mehr Zeit.

Barbara Schöneberger startet ihre Tournee am 24. September in der Hamburger Laeiszhalle.

Interview: Juliane von Mittelstaedt .

Live-Mitschnitt : Barbara Schöneberger zu Gast beim ZEIT Campus Talk am 24. April 2007 in der Mensa der Universität Augsburg

 
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    • Quelle ZEIT Campus, 04/2007
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