Beim ersten Mal ist sie noch vorbeigegangen an der Menschentraube, ganz souverän, mit einem Lächeln auf den Lippen. Doch als sie ein paar Minuten später zurückkam, den Kurfürstendamm hinunterlief, da hat es sie gepackt. Da hat sie in ihrem Portemonnaie gekramt, dem Hütchenspieler 40 Euro hingehalten und auf die kleine Schachtel ganz links außen gezeigt. Fünf Sekunden später war sie um 40 Euro ärmer. "Dabei war ich mir so sicher, dass ich richtig geguckt hatte", sagt sie und schüttelt ihre schwarzen Locken. "Typisch Mädchen aus der Provinz, oder?"

Dörte Dahse, 20, kommt aus Glövzin in Mecklenburg-Vorpommern: 200 Einwohner, zwei Straßen und zwei Gasthöfe, die ihrer Eltern nämlich. Seit Oktober studiert sie in Berlin. Das hat 3 399 000 Einwohner, 5342 Kilometer Straßen und ein paar Tausend Kneipen. Womit die Anpassungsprobleme, mit denen Dörte zu kämpfen hat, im Wesentlichen umrissen wären.

Wie Dörte geht es jedes Jahr Zehntausenden Studienanfängern vom Land, die schon zum Gymnasium kilometerweite Strecken im Schulbus zurücklegen mussten und nun nach dem Abitur in die Stadt ziehen. Während ihre Kommilitonen, die schon in den Uni-Städten aufgewachsen sind, die Logis im Hotel Mama um ein paar Semester verlängern können, müssen sich die Provinzler mit einer Mischung aus Begeisterung, Neugier und Verzweiflung in ihr neues Leben stürzen. Ihnen bleibt ja auch nichts anderes übrig.

Manche suchen sich dabei den kleinsten Flecken mit einer Uni darin aus, den sie finden können. Die meisten jedoch denken sich: Wenn schon raus, dann richtig – und landen wie Dörte in Berlin. Oder in Hamburg, München, Frankfurt. So werden sie zu Pendlern zwischen Heimat und Hochschule, zwischen Stadt und Land und zwischen zwei gegensätzlichen Welten.

Der bekannteste Landflüchtling der vergangenen Jahre war Lolle, die Heldin der Fernsehserie Berlin, Berlin. Sie kam aus dem Dorf Malente nach Berlin, zog in eine chaotische WG mit einer lesbischen Mitbewohnerin und jobbte in einem Comicladen. Ähnlich wie der Fernsehheldin geht es vielen Provinzlern: Die Metropole verändert sie, und sie verändern die Metropole.

"Die großen Städte leben vom Zustrom solcher jungen Menschen", sagt die Stadtsoziologin Christine Hannemann. "Sie sind kreativ, sie sind offen für Neues, sie erobern und verändern städtische Räume." So haben die jungen Provinzler in ihrem Anflug von Großstadtwahn in den vergangenen Jahren ganze Stadtteile geprägt und sind dabei mancherorts sprichwörtlich geworden: die Schwaben von Prenzlauer Berg in Berlin etwa.

Bevor aus Dorfbewohnern Städter werden, kommt allerdings das Lehrgeld. Von dem hat Dörte Dahse reichlich bezahlt. Da war ja nicht nur die Sache mit dem Hütchenspieler. Da war auch der kleine Junge mit den flinken Fingern auf dem Potsdamer Platz, der ihr um ein Haar ihr ganzes Monatsgeld aus dem Rucksack geklaut hätte, das sie dummerweise bar mit sich herumtrug – in der Außentasche. Ihr Fahrrad, das sie vor ihrem Studentenheim mit einem Kabelschloss gesichert hatte, war natürlich auch weg, als sie nach drei Wochen aus dem Heimaturlaub wiederkam.