ZEIT Campus : Sie haben in Ihrer Diplomarbeit Orte fotografiert, an denen Menschen anonym Sex haben. Wie sind Sie darauf gekommen?

Holger Stöhrmann : Ich habe zufällig in einer Zeitung gelesen, dass solche Treffpunkte immer beliebter werden. Das fand ich spannend. Hinter der öffentlichen Welt, die wir alle gut zu kennen glauben, liegt ein ganzes Paralleluniversum verborgen.

ZEIT Campus : Was sind das für Orte?

Stöhrmann : Meist befinden sich die Orte in Großstädten oder der näheren Umgebung. Es gibt etwa sogenannte Cruising Areas, an denen sich hauptsächlich Homosexuelle zum Sex treffen, spontan, ohne sich vorher zu verabreden. Es sind Parkplätze darunter und Orte in Parks. Kennzeichnend für die Treffpunkte ist, dass sie öffentlich sind und unbeteiligte Menschen sie oftmals durchqueren – ohne etwas zu ahnen.

ZEIT Campus : Haben diese unterschiedlichen Orte etwas gemeinsam?

Stöhrmann : An all diesen Orten findet anonymer Sex statt. Es geht heute nicht mehr nur um Erotik, sondern vor allen Dingen um größtmögliche Effizienz. Man fährt mit seinem Auto vor, befriedigt seine Triebe, und das war’s. Man muss sein Gegenüber nicht kennen. Oftmals muss man noch nicht einmal miteinander sprechen. Dafür gibt es ausgeklügelte Zeichensysteme: Einige Homosexuelle etwa tragen in ihren Gesäßtaschen farbige Tücher, mit denen sie ihre Vorlieben anzeigen. Auch eine Zeitung hinter der Windschutzscheibe oder ein rotes Bändchen an der Antenne kann bedeuten, dass man nicht zum Parken gekommen ist.

ZEIT Campus : Auf Ihren Bildern sind keine Personen zu sehen. Kann man eine Arbeit über Sexualität fotografieren, ohne Menschen zu zeigen?