Charles Darwin Der Netzwerker

Charles Darwin, der Vater der Evolutionslehre, studierte erst Medizin, dann Theologie – mit wenig Begeisterung. Was für ein Student wäre er heute?

Charles Darwin im Alter von 40 Jahren

Charles Darwin im Alter von 40 Jahren

Sein Vater bezeichnet ihn als »unterdurchschnittlich begabt«, der Schulleiter tadelt ihn als »wenig bemüht«, und seine älteren Schwestern bemängeln seine Langsamkeit beim Lernen. Kein Wunder, dass sich Charles Darwin, geboren 1809, für einen Versager hält. »Ich war einfach in vielen Punkten ein ungezogener Junge«, schreibt er später.

Heute hätten vielleicht eifrige Pädagogen eine Hochbegabung des Jungen festgestellt und ihn auf ein naturwissenschaftliches Elitegymnasium verfrachtet. Damals hat irgendwann der Vater Erbarmen, ein angesehener Arzt. Er holt seinen Sohn aus dem verhassten klassischen Internat im mittelenglischen Shrewsbury und schickt ihn mit 16 Jahren auf die Universität nach Edinburgh, die weder Schulabschluss noch Aufnahmeprüfung verlangt. Dort soll Charles nach guter Familientradition Medizin studieren.

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Bevor er im Herbst 1825 sein Studium beginnt, macht er ein »Berufspraktikum« beim Vater und bewährt sich dort. Doch die Medizinvorlesungen, etwa in Arzneimittellehre oder Anatomie, langweilen ihn bald noch mehr als die Griechisch- und Lateinklassen in der Schule. Monatelang quält er sich in die Seminare, fertigt akribische Mitschriften an und besucht regelmäßig das Königliche Hospital, um dort die an der Uni vernachlässigte Praxiserfahrung zu sammeln.

Tapfer beobachtet er zwei Operationen, die damals noch ohne Betäubung durchgeführt werden. Beide Male verlässt er – der Ohnmacht nahe – vorzeitig den Saal. Spätestens jetzt ist Charles klar: Arzt will er nicht werden. Doch der Mut, dies dem Vater zu beichten, fehlt ihm.

Immer stärker betreibt er ein eigenes »Studium generale«. Schon als kleiner Junge streifte er durch die Natur, sammelte Blätter und Insekten, beobachtete Vögel und fing Fische. Er ist ein guter Reiter und leidenschaftlicher Jäger, hält die Ausbeute einer Saison penibel in einem Notizbuch fest.

In Edinburgh besucht Charles Vorlesungen in Zoologie und Geologie. Er knüpft Kontakte zu den bekanntesten Forschern der Stadt – heute würde man ihn als Netzwerker bezeichnen. Vor der studentischen Plinian Society hält der 18-Jährige seinen ersten wissenschaftlichen Vortrag über die Larven einer Seetang-Art.

Doch trotz erster Erfolge ist das Edinburgher Experiment nach zwei Jahren beendet; Vater Darwin erlöst den Sohn ein zweites Mal: Statt Arzt soll Charles nun Landpfarrer werden und am Christ’s College in Cambridge Theologie studieren.

Die drei Jahre in der englischen Studentenstadt beschreibt Charles Darwin später als »die vergnüglichsten meines glücklichen Lebens«. Er organisiert sich hier das Studium selbst. Ohne große Begeisterung besucht er die Pflichtkurse, lernt immer genug, um erfolgreich zu sein (sein Theologieexamen macht er 1831 zum eigenen Erstaunen sogar als Zehntbester der 178 Studenten seines Jahrgangs).

Sonst widmet er sich seinen Hobbys – und finanziert diese mit dem Geld seines Vaters. Er besucht Konzerte und ist Mitglied im studentischen Gourmet Club. Da verkostet er einmal in der Woche als ungenießbar geltende Speisen wie Falken oder alte Eulen. Mit Hingabe vergrößert er seine beachtliche Käfersammlung, beschäftigt sogar einen Hilfsarbeiter, der für ihn im Winter die Tiere von den Bäumen kratzt.

Auch in Cambridge gelingt es Charles scheinbar mühelos, die richtigen Leute kennenzulernen. John Stevens Henslow, einer der bedeutendsten Botaniker Englands, wird sein Mentor. Bald kennt man Darwin in der ganzen Stadt als »den Mann, der mit Henslow spazieren geht«.

Diesen Kontakten verdankt er auch die Chance seines Lebens. Als die Königliche Marine 1831 einen Naturforscher für ihr Vermessungsschiff H.M.S. Beagle sucht, fällt immer wieder der Name des jungen und unerfahrenen Theologen, damals 22 Jahre alt. Er sagt zu und startet im Dezember seine fünfjährige Expedition um die Welt – allerdings nicht, ohne dem Vater fest zu versprechen, danach als respektabler Landpfarrer sein Geld zu verdienen.

Zunächst allerdings sammelt er unterwegs Steine, Pflanzen und Tiere, die er sorgsam konserviert, katalogisiert und in riesigen Kisten nach Cambridge schickt. Nach seiner Rückkehr – von der Theologie ist keine Rede mehr – widmet er sich ganz der Analyse und wissenschaftlichen Aufbereitung seiner reichen Ausbeute. Doch erst im Jahr 1859 veröffentlicht er sein spektakuläres Buch über die natürliche Selektion und die Entstehung der Arten.

Denn Charles ist kein rebellischer Abenteurer, der seine Erkenntnisse in die Welt posaunt, sondern ein besonnener Mensch, der es allen recht machen will. Was wäre heute aus ihm geworden? Sicher würde er sich von seinen Eltern zu einem soliden Studium wie Medizin überreden lassen. Er würde die langweiligen Vorlesungen schwänzen, sich stattdessen die Mitschriften von Kommilitonen oder aus dem Internet besorgen. Er säße bei Gastvorträgen berühmter Professoren vorne, würde sie in Gespräche verstricken und bald zu nationalen und internationalen Kolloquien eingeladen werden. Irgendwann würde er sich zu seiner wahren Leidenschaft – vielleicht der Erforschung des Alls – bekennen und als jüngster Teilnehmer an einer Forschungsmission der Nasa teilnehmen. Und zwischendurch immer wieder an seinen Fähigkeiten und Forschungen zweifeln.

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Leser-Kommentare
    • andrku
    • 10.09.2007 um 8:54 Uhr

    Was heute aus ihm geworden wäre, nun hängt wahrscheinlich davon ab, welchen Vater er heutzutage gehabt hätte:

    Einen armen Vater:
    Nach dem ersten Studium-Fehlversuch BaFöG weg, Studienschulden, ständiger Zwang sich mit billigen Gelegenheitsjob über Wasser zu halten. Vielleicht hätte er irgendwann H4 bekommen oder einen zweitklassigen Abschluß gemacht und trotzdem Käfer sammeln können, die "richtigen Leute" hätte er dann aber wohl nicht mehr kennengelernt.

    Einen reichen Vater:
    Gelangweilt hätte er sich mit Sicherheit auch, er schien ein rechter Freigeist zu sein, ich bin nicht sicher ob ihn heutige "Eliteschulen" (wie ich das Wort hasse) besser gefallen hätten. Sicher hätte er sich, mit der Unterstützung des Vaters, wieder die entsprechenden Freiräume geschaffen um eigenständig zu forschen.

    MfG
    AKu

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