Campus-Reise Graue Exzellenz
Die Ruhr-Universität Bochum war verschrien als Betonburg und Reißbrett-Uni. Jetzt ist sie Avantgarde – und sogar eine Elite-Uni. Eine Campus-Reise.
Pling-plong, machen die Betonplatten auf dem Campus. »Unsere Uni hat eine Erkennungsmelodie«, sagt die blonde Studentin mit dem blauen Regenmantel, als sie darüberläuft. Sie grinst und scheint fast ein bisschen stolz zu sein.
So klingt also potenzielle Exzellenz: Die Ruhr-Universität Bochum (RUB), eröffnet 1965, Kandidatin im Elitewettbewerb 2007, ist eine Betonburg. Selten hat der Ausdruck so gepasst wie hier, erst recht an einem stürmischen Vormittag wie diesem, wenn der Himmel oben so grau ist wie die Uni unten. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es eine Hochschule, die in ihrer Ansammlung von Hochhäusern, asphaltierten Wegen und riesigen Tiefgaragen so sehr den Aufbruchsgeist eines ganzen Jahrzehnts verkörpert: Die sechziger Jahre markierten den Anfang der Massen-Uni, die Demokratisierung der Hochschulen und das Ende überkommener akademischer Hierarchien.
Keine architektonischen Schnörkel, pure Funktionalität: Eine Hochschule für alle wollte die Ruhr-Uni sein. Vor allem aber war sie links, waren ihre Studenten gelegentlich radikal, ganz sicher aber antielitär. Umso erstaunlicher ist es, welchen Imagewandel die Ruhr-Uni in den vergangenen Jahren durchgemacht hat. Jetzt will sie also eine der besten Universitäten im Land werden, Plakate verkünden es in der ganzen Stadt. Seit sie sich, keineswegs chancenlos, um den Status einer Elitehochschule beworben hat, kann man manchmal fast vergessen, wie einmal alles angefangen hat.
Bis man über den Campus läuft und die Betonplatten wackeln. Zwei Kilometer Luftlinie von der Betonburg entfernt sitzt Jochen Vollmann in seinem Büro ganz oben über einer ehemaligen Zeche in einem Förderturm aus dem 19. Jahrhundert – und redet seit einer halben Stunde fast pausenlos über all die großartigen Chancen, die sich aus dem Exzellenzwettbewerb des Bundes für Bochum ergeben. Seine Begeisterung ist echt, und sie ist extrem ansteckend. Vielleicht liegt das ja an seinem Arbeitsplatz in einem der wenigen formschönen Gebäude der RUB, eher aber vermutlich an der Aufgabe, die Vollmann übertragen worden ist: Der junge Professor für Medizinische Ethik koordiniert die Bochumer Elitebewerbung und hält den Kontakt zu seinen knapp 70 Kollegen aller Fachrichtungen, die als »Key Researchers« im Förderantrag stehen.
Kürzlich war die internationale Gutachtergruppe zu Besuch, die über die Gewinner des Wettbewerbs entscheiden wird. Vollmann und seine Kollegen haben den Gutachtern in aufwendigen Vorträgen und Präsentationen ihre Version des neuen »Research Campus« nahegebracht, den sie mit den Elitemitteln aufbauen wollen. Getagt haben sie in der frisch renovierten Mensa, dem einzigen bislang sanierten Gebäude auf dem Bochumer Campus. Wie es gelaufen ist? »Hervorragend, wirklich hervorragend«, sagt Vollmann und wirft ein paar Schlagwörter ein: Interdisziplinarität, Zusammenarbeit zwischen den Fakultäten, ein neuer Gemeinschaftsgeist. Und dann der Zwang zur Strukturierung, den die Präsentationen der Forschungsvorhaben mit sich brächten. »Extrem heilsam«, sagt Vollmann und zwinkert. Manche der Geisteswissenschaftler unter den Professoren hätten überhaupt zum ersten Mal mit den Kollegen anderer Disziplinen über Möglichkeiten der Zusammenarbeit gesprochen. »Selbst wenn wir nicht gewinnen, der Mehrwert ist gewaltig«, meint der Professor – und schiebt schnell hinterher: »Aber natürlich wollen wir gewinnen!«
Drüben auf dem Hauptcampus schüttelt Fabian Ferber den Kopf, als er das Wort »Elite-Uni« hört. »Wenn Elite bedeuten soll, dass die Uni ihre angestammte Rolle als regionale Hochschule für das Ruhrgebiet, für die ganz normalen Leute eben, verlieren soll, dann wäre das ein ganz schlimmes Signal«, sagt er. Ferber macht gern lange Sätze. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern im Amt des Asta-Vorsitzenden liefert er aber auch noch die Taten dazu: Er verhandelt mit seinen Gegnern. Ferber ist 20, studiert im vierten Semester Jura und ist der erste gemäßigte Asta-Vorsitzende, den die Ruhr-Uni in vielen Jahren gesehen hat.
Früher haben sie im Asta über das allgemeinpolitische Mandat diskutiert und die Ausbeutung der Massen durch das Kapital und aus Protest gegen die Studiengebühren das Rektorat besetzt. Gebracht hat das zwar nichts, aber wenigstens mussten sie keine Kompromisse machen und konnten die reine Lehre vertreten. Fabian Ferber, der Neue, ist ebenfalls gegen Studiengebühren, schließlich gehört er zur Juso-Hochschulgruppe, doch er steht auch einer Koalition mit dem ehemals verfeindeten Ring Christlich-Demokratischer Studenten vor, dem Hochschulverband der CDU.
Am Asta wird der Wandel vielleicht am deutlichsten, den die Ruhr-Uni in der jüngsten Zeit durchgemacht hat. Darum sagt Fabian Ferber auch nicht, dass er grundsätzlich gegen die Bochumer Bewerbung sei. »Wir haben doch nichts gegen Exzellenz, ganz im Gegenteil«, betont er. »Doch die Exzellenz einer Universität muss allen zugutekommen, und zwar in der Lehre, nicht nur einigen wenigen, die das Privileg genießen, an der Spitzenforschung beteiligt zu sein.«
In der Tat hat sich die Ruhr-Uni, lange bevor das Wort »Research Campus« auch nur gedacht worden war, in der Lehre bundesweit einen Namen gemacht. Die Bochumer waren die Ersten in Deutschland, die den Bachelor einführten, 1993 war das, ein halbes Jahrzehnt bevor der sogenannte Bologna-Prozess erfunden wurde. Nur hieß das Projekt zu der Zeit noch anders, ganz unspektakulär: Magister-Reform-Modell. Der Bakkalaureus Artium als Zwischenstufe vor dem Magister sollte vor allem dazu dienen, die exorbitant hohen Abbrecherquoten zu senken. Was eindeutig gelang. Bereits damals haben die Reformer an der RUB erkannt, dass Absolventen gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften neben dem Fachwissen noch etwas anderes brauchen, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein wollen.
Heute sprechen die Bologna-Reformer gern von »Schlüsselqualifikationen«, die Bochumer haben bereits 1993 die Bezeichnung »Optionalbereich« gewählt und sind bis heute dabei geblieben. Gemeint ist das Gleiche: zusätzliche Sprachkompetenzen, wirtschaftswissenschaftliche Grundkenntnisse oder auch Bewerbungstrainings. Das Bochumer Modell hat sich bewährt, das sagen auch die Studenten, und während anderswo noch erregte Debatten über den Sinn oder Unsinn von Bologna laufen, feilen die Professoren an der RUB ganz in Ruhe an der Optimierung der neuen Studiengänge.
Wahrscheinlich das Beste am Erbe der sechziger Jahre ist, dass der Standesdünkel der Professorenschaft in Bochum deutlich geringer ausgeprägt ist als an den Traditionsuniversitäten, sodass die einzelnen Disziplinen nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Das Gemeinschaftsgefühl an der Uni ist stark, berichten Studenten und Lehrende übereinstimmend. Ein gewaltiger Pluspunkt.
»Wir haben hier in Bochum schon 15 Jahre Erfahrung mit der Studienreform«, sagt Rektor Elmar Weiler, Professor für Pflanzenphysiologie und eine internationale Kapazität auf seinem Gebiet. »Wir wollen beides: eine hochwertige Ausbildung für die große Zahl unserer Bachelorstudenten, wie wir sie seit den Neunzigern aufgebaut haben. Und Exzellenz für jene, die länger bleiben und einen Master oder sogar die Promotion anschließen wollen.« Das ist Weilers Antwort auf die Befürchtungen des Asta-Vorsitzenden, mehr Elite könne auf Kosten der ganz normalen Studenten gehen.
Draußen pladdert derweil der Regen auf die Betonplatten, doch Josef König, seit 17 Jahren Pressesprecher der RUB, sieht ihn nicht auf seiner Tour über den Campus. Er sieht nur die Hochschule, wie sie in ein paar Jahren aussehen wird. Die Landesregierung hat versprochen, den ganzen Komplex von Grund auf zu sanieren, über anderthalb Jahrzehnte hinweg. Kostenpunkt: rund eine Milliarde Euro. In ein paar Monaten geht es los. Ein weiterer Schritt weg vom Schmuddelimage, nun auch äußerlich.
Seit die RUB auf Elite macht, ist auch dafür Geld da. »Jetzt meckern viele über das Grau des Betons und vergessen dabei manchmal die Schönheit der Formen«, sagt König, als er auf der Terrasse hinter der Mensa steht und auf das Grün hinunterschaut, das die Betonburg von allen Seiten umgibt. »Doch wenn die Sanierung erst mal fertig ist, werden alle nur noch von der Schönheit des Ruhrtals reden.« Wenn der Spruch stimmt und das Sein tatsächlich dem Bewusstsein folgt, sind die Aussichten für Bochum prächtig. Denn an Selbstbewusstsein herrscht in der Betonburg schon lange kein Mangel mehr.
Die zweite Runde der Exzellenzinitiative
Am 19. Oktober wird es spannend: Dann werden die Sieger in der zweiten Runde der Exzellenzinitiative gekürt. Die Bundesregierung hatte sich die Initiative ausgedacht, um den im internationalen Vergleich mittelmäßigen deutschen Unis einen Anreiz zu bieten, zur Weltspitze aufzuschließen. Beworben haben sich neben Bochum die Freie und die Humboldt-Uni in Berlin, die RWTH Aachen sowie die Unis Freiburg, Göttingen, Heidelberg und Konstanz. Internationale Gutachter haben die Bewerber in den vergangenen Monaten besucht und erstatten dem gemeinsamen Gremium von Deutscher Forschungsgemeinschaft und Wissenschaftsrat Bericht.
Dort sitzen Politiker und Wissenschaftler zusammen, sie treffen die letzte Entscheidung über die Förderung und können theoretisch bis zu sieben Sieger zulassen. Wahrscheinlicher ist aber eine geringere Zahl erfolgreicher Bewerber. Im ersten Durchgang vor einem Jahr waren von zehn Antragstellern nur die Münchner LMU und TU sowie die Uni Karlsruhe erfolgreich. Sie erhalten über fünf Jahre hinweg jeweils mehr als 100 Millionen Euro. Zusätzlich wurden aber auch Gelder für 18 Graduiertenschulen und 17 Forschungsschwerpunkte (sogenannte Exzellenzcluster) an insgesamt 23 Universitäten vergeben.
- Datum 04.12.2007 - 07:05 Uhr
- Quelle ZEIT Campus, 06/2007
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Ist ZEIT campus der Ort wo
angehende Journalisten solange üben dürfen bis sie ausreichend gut
recherchieren können, dass die Leserbrief-Sektion der ZEIT nicht
überquillt vor empörten Kommentaren ob der armseeligen Leistung?Wenn
man diesen Artikel liest, drängt sich dieser Eindruck förmlich auf.
Insgesamt flach, kaum mehr als die üblichen Clichees, die Schilderung
des AStA-Vorsitzenden schlägt dem Fass jedoch den Boden aus:
"Im Gegensatz zu seinen Vorgängern im Amt des Asta-Vorsitzenden liefert er [Ferber] aber auch noch die Taten dazu: Er verhandelt mit seinen Gegnern."Vielleicht
möchte der Autor nochmal bei den Fachschaften (z.B. der
Fachschaftsvertreter-Konferenz) oder den studentischen Senatoren
nachfragen: Das Gremium, in dem die "Gegner" aufeinandertreffen ist auf
universitärer Ebene nunmal der Senat. Man sollte also davon ausgehen,
dass der AStA-Vorstand sich besser mit den dortigen Vertretern
abstimmt. Stattdessen kürzt der AStA die Aufwandsentschädigung des Gremienberaters, der für die Koordination der verschiedenen studentischen Vertreter zuständig ist und die AStA-Vertreter glänzen bei
den Sitzungen i.A. durch Abwesenheit. Die Kommunikation mit dem "Gegner", also dem Rektorat, fördert Fabian Ferber in Zeiten des Wahlkampfes leider nicht sonderlich. Nachdem
die Senatsvertreter in mühsamer Diskussionsarbeit dafür gesorgt haben,
dass das durch vergangene, beiderseitige Provokationen unterkühlte Klima
zwischen Rektorat und Studenten wieder einigermaßen tragbar ist,
schiesst der wahlkämpfende AStA-Vorsitzende mit einem spontanen Antrag auf Abschaffung der Studiengebühren aus billigem Populismus quer und
macht all das zunichte. Ein Antrag ohne jede Chance schadet mehr als er nützt.Nebenbei: Den Rektor freundlich zu Grüßen,
wenn man ihm über den Weg läuft, ist eine Selbstverständlichkeit und
keine Verhandlung!
Ernsthaft engagiert gegen Studiengebühren hat sich der
Juso-RCDS-LHG-AStA leider nicht. Die Bochumer Studierendenschaft ist
eine der wenigen, sich nicht weiter an der Sammelklage (die
Sinnhaftigkeit sei dahingestellt) gegen Studiengebühren beteiligt hat.Weiterhin
ist es dem AStA unter Ferber gelungen, innerhalb nur eines Semesters
die über lange Jahre angesparten Rücklagen der Bochumer
Studierendenschaft in Höhe von 155.000 Euro in ein Defizit von ca.
einer viertel Million Euro zu verwandeln (laut den noch inoffiziellen
Zahlen des Landesrechnungshofs NRW). Aufgrund von Unregelmäßigkeiten
in der Buchführung des AStAs empfahl der Landesrechnungshof dem
Finanzreferenten des aktuellen AStA (Jusos), Strafanzeige gegen
einzelne seiner Parteigenossen zu stellen.
Das war nun ein kleiner Abriss dessen was Ferber so für uns geleistet hat. Einiges (wie die tatsächliche Höhe des Defizits, sowie
auch das Defizit selbst) waren zum Zeitpunkt, als Sie, Herr Wiarda, den
Artikel verfasst haben, selbstverständlich noch nicht öffentlich oder
Zukunftsmusik. Eine einfache Nachfrage bei den Fachschaftsvertetern,
immerhin den unmittelbarsten Vertretern der Studierenden an einer Universität, hätte allerdings genügen dürfen, Ihrem Lobgesang auf
Ferber Einhalt zu gebieten. Es war von Anfang an unser Geld, dass er zu
seiner Profilierung verschleudert hat. Herrn Ferber sage ich dennoch eine große, oder zumindest ganz einträgliche Zukunft in den Rängen seiner Mutterpartei vorraus, sein Wahlkampf klingt schon ganz wie bei den Großen ...
(Ich studiere an der RUB und bin nicht hochschulpolitisch aktiv,
wenn man von meiner persönlichen Meinungsbildung zum Zwecke einer
Wahlentscheidung absieht. So bitte ich auch den obigen Text zu
verstehen: als Meinung, geäußerte)
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