Fremde Welten »Pass auf, bevor dein Leben zerbricht«
Zwei Tübinger Studenten rappen zusammen mit jungen Strafgefangenen: Gegen die Langeweile im Knast und gewaltverherrlichende Gangsta-Texte.
Die Eisentür öffnet sich mit einem lauten Klack. In der kleinen Zelle der Justizvollzugsanstalt Rottenburg sitzen Aki und Tassim am Tisch und sehen fern. Kaum haben sie bemerkt, wer sie besuchen kommt, springen sie auf. Mit einer Umarmung und lässigem Händeschütteln begrüßen sie »ihre Jungs« (wie sie sagen). Die »Jungs«, das sind der Theologiestudent Ulf Werner, 23, und der Jurastudent Alex Kratzenstein, 24, aus Tübingen : zwei Musiker, die hier im Gefängnis einen Hip-Hop-Workshop betreuen. Sie nehmen gerade die erste CD auf.
Die Idee zu dem Projekt hatte Ulf Werner vor einem Jahr, als er ein Praktikum auf Gut Kragenhof bei Kassel machte, einer Resozialisierungseinrichtung für straffällige Jugendliche. »Viele identifizieren sich mit den gewaltverherrlichenden Texten von Gangsta-Rappern«, erzählt er, »die haben sich gar keine Gedanken gemacht über den Knastalltag und die Hoffnungslosigkeit, die dort herrscht. Wir wollen ihnen durch Musik zeigen, dass das Leben im Knast nichts Erstrebenswertes ist.«
Die Botschaft ist angekommen: Glaub mir, die ganze Scheiße lohnt sich nicht / Pass lieber auf, bevor dein Leben zerbricht, rappt Tassim ins Mikro. Jede Woche schreibt er zusammen mit Aki, Enzo, Pierre und Steve eigene Songs. Die fünf Männer sind zwischen 26 und 35 Jahre alt, zusammengerechnet müssen sie 25 Jahre im Gefängnis absitzen. Ihre Texte drehen sich um den Knastalltag, die Reue und die Wut über die leichtfertig verlorene Freiheit.
Die Proben verliefen von Anfang an unproblematisch: Pierre etwa hatte schon in der Gefängnisband »Panzerknacker« gesungen; er riss die anderen durch sein Können mit. »Als ich den Teilnehmern einen Beat vorgespielt habe, fing Pierre sofort an zu rappen«, erinnert sich Ulf. Die anderen wollten genauso gut sein, sie begannen sofort Texte zu schreiben.
Für Alex war die Arbeit mit Straftätern anfangs allerdings ungewohnt. »Ich war unsicher, wie ich mich ihnen gegenüber verhalten soll. Doch ich habe gemerkt, dass sie auch nur Menschen sind, die sich freuen, wenn sich jemand für sie interessiert.« Inzwischen ist aus dem Projekt der Verein »Fremde Welten« geworden. Er soll Spenden akquirieren, damit die Aufnahmen auch auf Tonträger gepresst und verbreitet werden können. Sie seien so gut, dass sie ein Label finden könnten, meint Alex.
Ihr seht unsre Kinder und rappt über Gewalt / Tut ihr nur so oder seid ihr so kalt / Verdient einen Haufen Geld mit euren Lügen / Die Jugend zieht sich’s rein in vollen Zügen.
Richtig wütend texten Aki und die anderen, wenn es gegen Gangsta-Rapper wie Bushido oder Sido geht, die das Verbrecherleben glorifizieren. »Dieses Gangstatum kommt daher, dass die Rapper nicht wissen, wie es ist, im Knast zu sein«, sagt Pierre. Er selbst weiß es sehr wohl: Seit 22 Monaten sitzt er – wegen Drogenschmuggels. Auf die Frage, was er sich für die Zukunft wünsche, antwortet Aki: »Eine Arbeitsstelle finden und endlich mal wieder an einer Blume riechen.«
- Datum 02.11.2007 - 02:49 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 06/2007
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