Campus-Reise Come to Socrates Country
In Deep Springs werden Jungs zu echten Männern. Das Elite-College in Kalifornien - nur für Männer - macht seine Studenten in zwei Jahren zu reitenden Intellektuellen
Das Deep Springs Valley ist ein Tal von der Größe Manhattans. Trotzdem leben hier nur 44 Menschen, von denen zwei bereits morgens um fünf Uhr wach sein müssen. Sie laufen durch kühle, nachtschwarze Einsamkeit, bis es nach Tieren riecht und ein klappriger Kuhstall auftaucht. Toby Altman und Charles Pletcher gehen hinein und machen sich an die Arbeit. Streuen Futter aus. Lärmen mit Kannen herum. Öffnen die Tore, und von der Koppel trotten Milchkühe herein, Olivia, Ruth, Lilith, die Euter prall und rot. Nur Persephone bleibt draußen. Sie ist das tollste Tier des Deep Springs College – eine glubschäugige Diva, die meist das tut, was sie nicht tun soll. Jetzt gerade weigert sie sich, den Stall zu betreten.
»So ist das jeden Morgen«, stöhnt Toby. Er trägt zerrissene Jeans, Flanellhemd und Schiebermütze. Es ist nicht so, dass er diesen Job nicht gewollt hätte. Es ist nicht so, dass er dieses College nicht gewollt hätte. Er hätte nach Harvard gehen können, aber jetzt ist er hier, in der Wüste von Kalifornien, in diesem Holzstall. Olivia pinkelt. Ruth will die Euter massiert bekommen.
Toby hat nur sechs Stunden geschlafen. Aber der Job muss erledigt werden: Nachher werden die 42 Mitbewohner des Tals ihre Frühstücksmilch verlangen. Toby, der sagt, er könne mittlerweile Persephones Milch am Geschmack erkennen, schaut auf den CD-Spieler, der in einer Ecke steht. Er hat schon viele Bands ausprobiert, um seine Kühe zu beruhigen. Als gute Lösung erwies sich Elektrotanzmusik von The Postal Service, aber nicht mal die hilft bei Persephone. Deswegen muss Charles jetzt in die Dunkelheit, man hört Schreie, Geblöke, ein Klirren, dann sitzt die Diva in einem engen Gitter fest; das Melken geht los. Drinnen sitzt Toby auf seinem Schemel, er formt die Finger zu einem Ring, presst ihn auf die Zitzen, Toby, der Dichter, der Platon-Fan. Die Milch schießt hervor, und weil das hier Teil seines Hochschulstudiums ist, sieht es ein bisschen so aus, als hätte Toby eine Prüfung bestanden.
Zwei Stunden später. Toby und Charles laufen zurück zur Ranch. Die Sonne ist da, und eine grandiose Wildwestlandschaft leuchtet auf, leer und eben und schrundig, eingekesselt von Bergen. In der Mitte ein grüner Fleck: Felder, Gärten, dazwischen Häuser im Präriestil, Ställe, Werkzeughallen. Das ist das Deep Springs College. Gegründet 1917 von dem Millionär Lucien Lucius Nunn, der reich geworden war mit Wasserkraftwerken.
Nunn wollte einen Ort schaffen, an dem die künftige Elite Amerikas zwei Jahre lang den idealen Staat simulieren konnte. Die besten jungen Männer sollten ihre College-Ausbildung erhalten und gleichzeitig eine Ranch bewirtschaften. »Die Wüste hat eine Stimme«, schrieb Nunn. Die ockerfarben gebrannte Landschaft hier draußen ist eine hypnotisierende Masse aus Felsen und Staub, sie sagt: Du bist klein. »Die großen Männer aller Zeiten, von Moses bis Roosevelt, sind gekommen, diese Stimme zu hören.« Der Kampf mit der Natur ist die Urerfahrung des amerikanischen Westens, sie wurde Teil von Nunns Bildungsideal. Clint Eastwood trifft Humboldt.
Den Studenten gab Nunn zwei Regeln mit auf den Weg, das Grundgesetz des Deep Springs College. Kein Alkohol, keine Drogen. Und so wenig Kontakt zur outside world wie möglich.
Heute haben sie hier T-Shirts, bedruckt mit zwei Gesichtern, links Lenin, rechts Nunn, der mindestens genauso streng schaut. Dazu ein Spruch: »1917 kamen zwei radikale soziale Utopien zur Welt – eine hat überlebt.«
Um halb acht füllt sich der Speisesaal. 25 Jungen studieren hier, zum Frühstück schlingen sie Eier, fettigen Speck und Brötchen herunter. Viele tragen Vollbärte. Achten darauf, dass unter ihren Fingernägeln immer genug Dreck sitzt. Es sind vor allem Kinder der Mittelschicht, die in diesem schrammeligen Raum sitzen, Sieger in einem Auswahlverfahren, das einmalig ist, auch für amerikanische Verhältnisse. Sieben Essays reicht jeder ein. Reist ins Tal, um zu zeigen, wie er sich anstellt beim Traktorfahren und Bewässern der Felder und ob er vor einem Komitee kritischer Studenten bestehen kann, das ihn anderthalb Stunden lang befragt.
Da sitzt Nate Sibinga, der blonde Schlachter. Nate will Mediziner werden. Jetzt zerlegt er alle drei Wochen eine Kuh. »Beim ersten Mal brauchst du 16 Stunden«, sagt er. »Beim zweiten Mal nur noch fünf. Es ist toll. Du bringst dir selbst bei, ein Lebewesen auseinanderzunehmen.« Rindfleisch ist das Hauptnahrungsmittel in Deep Springs. Und manchmal, wenn Nate mit seinen Metzgermessern hantiert, sinniert er über die Dialektik seines Tuns: »Wann hört es auf, ein Tier zu sein? Wann ist es nur noch Fleisch?«
Da sitzt auch Sudi Sriraman, Sohn eines Bankers aus Bahrain. Sudi hatte Angebote von Yale und Cambridge, entschied sich aber für Deep Springs, was seine Eltern nicht begeisterte. »Früher hatten wir Hausangestellte. Jetzt arbeite ich zum ersten Mal im Leben.« Gerade macht er den Job des Tellerwäschers.
Neben den Studenten leben knapp zwei Dutzend Erwachsene im Tal: Ken Mitchell, professioneller Rancher, zuständig für die Aufsicht über 310 Rinder und Pferde. Kens Frau, die Gärtnerin. Ein ehemaliger Pfarrer, der den Fuhrpark im Auge behält und Rhetorikkurse abhält. Ein paar Professoren, der College-Präsident Louis Fantasia – und David Neidorf, der Dekan, ein dicker Universalgelehrter in Sandalen. David hält in diesem Semester ein Seminar, in dem es darum geht, die Werke Euklids nachzurechnen.
Gerade kippt er sich Persephones Milch in den Kaffee und streitet mit einem Studenten über die Grundlagen der Mathematik. Sergi Garrison ist erst 16, die Highschool hat er in nur zwei Jahren hinter sich gebracht. Am Tisch hört man gebannt zu.
»Du wirfst hier mit Begriffen um dich, die wir noch gar nicht definiert haben«, sagt David. »Was ist Kongruenz? Was ist eine Zahl?« »Ein Messwert der Quantität.« »Come on. Was ist Quantität?« »Das Gegenteil von Qualität.«
Gelächter am Tisch. Das sind die Frühstücksgespräche in Deep Springs, diesem College, das sich bewahrt, was so viele Universitäten längst verloren haben: eine Lebensform. »Wir sind eine politische Gemeinschaft«, hat Toby morgens gesagt, auf seinem Schemel im Kuhstall. Alles wird hier debattiert, egal, ob sie einen Professor berufen oder ein Hausschwein anschaffen wollen, sie klopfen alles auf seinen Wert für die Gemeinschaft ab.
Vormittags studieren, nachmittags arbeiten. Heute als Gemüsepflücker, im nächsten Semester als Mechaniker. Oder Koch. Hühnerbeauftragter. Bewässerungsspezialist. »Du kommst nicht hierher, um ein völlig anderer Mensch zu werden«, sagt Toby. »Aber ein besserer.« Es ist ein sehr amerikanischer Gedanke, er liegt den meisten sozialen Utopien zugrunde, die das Land seit der Zeit der religiösen Siedler gesehen hat: dass Selbstverwirklichung und Dienst an der Gemeinschaft keinen Widerspruch bilden. Deep Springs soll kein weltfernes Aussteigercamp sein, sondern ein Minilabor der Zivilisation.
Toby hat seine Freundin mittlerweile verloren. Die studiert in New York und versteht nicht mehr, welches Leben er führt in dem fernen Tal mit seinen 44 Einwohnern. Andererseits soll es an Orten wie Harvard Mädchen geben, die darauf spezialisiert sind, die ernsten, erfahrungsgesättigten Rancheros aus dem Deep Springs Valley zu verführen, wenn sie später vom College auf die Universität wechseln. Vielleicht glauben sie, dass sie damit der Seele ihres Landes näher kommen: Einen Deep Springer zu kennen, das ist ein bisschen so, wie Songs von Johnny Cash zu hören.
Darüber spricht man am besten mit dem College-Präsidenten. Der Weg zu ihm führt vorbei am Wohnheim, das sie mit dem Schädel eines geschlachteten Rindes dekoriert haben. Auf der Veranda sind zu sehen: Schaukelstühle, ein Ölkanister, Einzelteile eines Grills und ein Labrador namens Tofu, dagelassen von einem, der jetzt am Massachusetts Institute of Technology promoviert.
Ein alter Feuerwehrtruck braust über staubige Wege, bestückt mit einer Horde johlender 19-Jähriger. Links liegen die Seminarräume, in denen etwa die Epen Homers studiert werden: Deep Springs ist ein Ort, an dem es um die Grundlagen des Wissens geht, die Werke der großen Denker; nichts passt weniger hierher als das Wort Sekundärliteratur. Dann das Hauptgebäude, wo gerade ein Student am Steinway-Flügel sitzt.
Louis Fantasia heißt wirklich so und ist ein Mann mit Glatze und rundem Gesicht. Seit drei Monaten leitet er das College. Fantasia ist ein gefeierter Theaterregisseur, deswegen hat er ein Auge für die Art, wie die Jungen hier draußen ihr Leben inszenieren. Er steht in seinem Büro und spricht von der Ästhetik des amerikanischen Westens, dem Leben der Pioniere und davon, wie das alles den Kindern der Mittelschicht als Verhaltensmodell dienen könne. Eine Aufgabe haben. Verantwortung tragen. Fertig werden mit der Wildnis und der Einsamkeit. Also: ein Mann sein.
Deswegen ist Deep Springs heute ein Ort, an dem es noch Cowboys gibt.
Bryce Kellogg ist 21 Jahre alt, er schneidet einmal im Jahr seinen Bart und hat den Sommer in den Bergen verbracht, auf 3300 Meter Höhe, im Cow Camp. Er ist der Cowboy seines Jahrgangs, eine besondere Auszeichnung, die ultimative Deep-Springs-Erfahrung. Bryce musste dafür ein Bewerbungsschreiben an Ken Mitchell schicken, den Chef der Ranch; vier seiner Kommilitonen haben dasselbe getan. Aber Ken hat ihn zum Cowboy bestimmt. Zwei Monate lang ist er verantwortlich für die 85 Rinder im Cow Camp. Jetzt gerade treiben Bryce, Ken und ein paar professionelle Rancher sie hinunter ins Tal, wo sie den Winter verbringen werden. Es ist ein harter Job: den ganzen Tag im Sattel zu sitzen und über steile Pässe zu reiten, von denen manche mit Schnee bedeckt sind.
Die lange, schmale Wand aus Rinderleibern trampelt ins Tal, umzirkelt von Reitern. Eli, Sam und Jesse sehen sie als Erste, sie springen in den alten Ford F 100 und rasen los, nach draußen, auf die Straße. Eli dreht die Musik auf, und sie fahren dieser majestätischen Szene entgegen, dem Trampeln, dem aufgewirbelten Staub zwischen den Hängen, den lauten Rufen der Cowboys. Sie sind Zuschauer in ihrem eigenen Film. »We’re on a road to nowhere«, singen die Talking Heads.
Der Cowboy-Mythos zählt immer noch viel in diesem gespaltenen Land – und zwar in allen Lagern: bei Demokraten und Republikanern, Großstädtern und Provinzlern, Aufklärern und Traditionalisten. Viele in Deep Springs empfinden es als Befreiung, sich nicht in den liberalen Gelehrtenghettos der Studentenstädte zu verschanzen. Sie machen hier eine Art Auslandsstudium, bei dem sie ihr eigenes Land neu kennenlernen, und ohne die Ranchero-Ästhetik, die sie aus Filmen und Songs kennen, wäre das Tal für sie nur eine schlangenverseuchte Wüste.
Am nächsten Morgen versammeln sich fünf Jungen vor den Pferdeställen. Weiter hinten auf der Koppel brüllen die Kühe. Heute gehe es darum, die Rinder auf die andere Seite des Tals zu treiben, erklärt Bryce, zu den Weideflächen rund um den großen See. Er bindet die Pferde los, schleppt Sättel und Zaumzeug heran. Er erklärt noch, dass die Pferde an Studenten gewöhnt sind, die wenig Ahnung haben; dass sie geduldige Tiere sind, die nicht zur Nervosität neigen. Dann sitzen die fünf Jungen schon im Sattel und treiben die Rinder hinaus auf die staubige Ebene. Bryce reitet vorneweg.
Auch wenn es keinen größeren Unterschied geben kann als zwischen einem schlauen Deep Springer und der blöden Masse der Kühe, lassen sie sich beide auf ein ritualisiertes Kräftemessen ein: Kuh frisst Gras. Cowboy kommt, scheucht Kuh weiter. Kuh blökt, läuft ein Stück, stoppt, frisst wieder Gras. Und so weiter, Stunde um Stunde. So schiebt man sich durch die Wüste. Bryce reitet an der linken Flanke des Zuges auf und ab, das Fernglas in der Hand, und ruft Kommandos; und manchmal singt er ein Rind an: »Get up, stand up – stand up for your rights!«
Vier Stunden brauchen sie, bis die komplette Herde, 300 Rinder, auf der anderen Seite des Tals ankommt. Die Cowboys haben ihren Job gut gemacht. Sie hocken hinten auf der Ladefläche eines Pick-ups und lassen sich heimfahren, die Sonne scheint noch, aber der Mond poppt schon hinter den Bergen hervor, für die Euklid-Hausarbeit haben sie einen Tag Aufschub bekommen. Es ist ein Moment der Müdigkeit und der Erfüllung.
Später an diesem Tag halten die Studenten ihre Vollversammlung ab. Sie sitzen auf speckigen Sofas im Kreis, 25 Jungen, die eine Dusche gebrauchen könnten, und diskutieren über die Gesetze, die sie ihrem Wüstenstaat geben wollen.
Lucien Lucius Nunn, der große Gründergeist, schwebt mit im Raum: Heute geht es um seine Vorschrift, keinen Kontakt zur Außenwelt zu pflegen. Was bedeutet das in Zeiten des Internets? Die Leitung ist langsam; aber sie funktioniert. Soll man sie abschalten? Eine schnellere installieren? Eli Schmitt, den die Studenten zu ihrem Präsidenten gewählt haben, leitet die Debatte, Eli, dessen Vater sich in Holland vor den Nazis versteckte und nun ein berühmter Philosoph ist, drüben an der Ostküste.
Sie streiten um den Unterschied zwischen EMails und Briefen, die manipulierende Kraft der Medien und darum, ob ein talweites Facebook-Verbot mit den Freiheitsrechten des Individuums kollidieren würde. Vier Stunden dauert die Diskussion. Beifall wird durch Fingerschnipsen signalisiert, Eli behält den Überblick, und auch Toby, der schon so lange auf den Beinen ist, gönnt sich nur einen Sekundenschlaf. Am Ende setzen sich die Traditionalisten durch. Ihr Slogan lautet: »Technik soll unser Leben einfacher machen. Wir sind aber nicht hier, um ein einfaches Leben zu haben.«
Hinterher stehen alle auf der Veranda und rauchen, sie sind jetzt kleine Punkte im Dunkeln, Zigarettenlichter. Keiner sagt ein Wort, sie blicken hinaus in die Wüste, deren Stimme sie hören sollen. Auch das ist ein Ritual. Dann gehen sie hinein, drehen israelische Technomusik auf, knipsen Stroboskoplicht an, ziehen sich aus bis auf die Unterwäsche, jemand trägt ein Superman-Kostüm, und sie hüpfen und tanzen, so lange, bis sich das komplizierte, anstrengende Leben hier draußen in einer großen Jungsparty aufgelöst hat.
Toby, der Milchjunge, hat noch keine Pläne für seine Zukunft. Nur eines weiß er: Nächstes Jahr, nach seinem Abschluss, will er an einen Ort gehen, der noch einsamer ist als Deep Springs Valley. Die US-Forschungsstation in der Antarktis sucht ständig Hilfskräfte; mit Leuten aus Deep Springs haben sie dort unten gute Erfahrungen gemacht. »Die brauchen jemanden, der hart arbeiten kann, ohne verrückt zu werden.«
Deep Springs College
Deep Springs ist ein privates Liberal Arts College; jedes Jahr werden etwa zwölf männliche Studien- anfänger aufgenommen – über die Frage, ob auch Frauen dort studieren sollten, wird seit Jahren gestritten. Ausländer können sich bewerben. Das Studium dauert zwei Jahre und kostet nichts, dafür müssen die Studenten alle Arbeiten auf der Ranch erledigen. Die meisten Absolventen setzen später ihr Studium in Harvard, Chicago oder Yale fort.
Bekannte Ehemalige sind der Schriftsteller Benjamin Kunkel (»Unentschlossen«), diverse Politiker sowie der Software-Milliardär Dave Hitz. Deep Springs Valley liegt an der Grenze von Kalifornien und Nevada, in der Nähe des Death Valley, nordwestlich von Las Vegas. Bis zur nächsten größeren Ortschaft (Bishop, CA, 3575 Einwohner) sind es 65 Kilometer.
Infos unter: www.deepsprings.edu
- Datum 31.01.2008 - 10:57 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 01/2008
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