Film Die Reise ins Ich

Roadmovies: Niemand kann sich selbst davonreisen, nicht mal im Kino. »The Darjeeling Limited« und »Hotel Very Welcome«

Wenn Staaten einen Konflikt zu lösen haben, treffen die Parteien sich auf neutralem Boden. Fern von den Zwängen der Heimat lassen sich Krisen am besten beilegen. Auf Reisen ist es genauso: Die Ferne, der Sehnsuchtsort kann alles heilen. The Darjeeling Limited von Wes Anderson und Hotel Very Welcome von Sonja Heiss erzählen von diesem Wunsch, in der Fremde alles hinter sich zu lassen– auf sehr unterschiedliche Weise. Und mit dem neutralen Terrain ist das so eine Sache: Manchmal knallt es dort erst recht.

Ziemlich kaputt sind die drei Brüder, die Wes Anderson in einem Zug durch Indien schickt: Unter den Verbänden an Francis’ Kopf heilen die Narben eines Motorradunfalls. Peter quälen Kopfschmerzen, er wird Vater, dabei wollte er sich demnächst mal scheiden lassen. Und Jack hört heimlich den Anrufbeantworter seiner ebenso schönen wie beängstigenden Exfreundin ab.

Wie in The Royal Tenenbaums wimmelt es in Andersons Filmen vor seltsamen Details, und doch sind hier die Brüder das eigentlich Exotische, die durch den Zug stolpern und anfangs nicht mehr teilen als ihre Schmerzmittel. Seit dem Tod ihres Vaters vor einem Jahr haben sie sich nicht mehr getroffen. Für ihr Wiedersehen hat Francis einen minutiösen Zeitplan ausgearbeitet– von der Reihenfolge beim Duschen bis zu einem spirituellen Erlebnis, das die drei wieder zusammenbringen soll. Doch trotz Guru-Federn und Beten vor Altären klappt es nicht. Wenn Jack auf die Frage »Spürst du schon etwas?« nur: »Hoffentlich!« sagen kann, dann ist das ein echter Anderson-Moment: sehr traurig und sehr komisch.

Man kann auf Reisen das Suchen planen, aber nicht das Finden. Auch Sonja Heiss erzählt mit Ironie und Ernst von diesem Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit, aber anders als Anderson in fast dokumentarischem Stil. Auch das funktioniert, denn Heiss hat genau beobachtet, was dem Backpacker auf Reisen tatsächlich begegnet: traurige Wahrheiten– etwa den beiden Engländern, die in Thailand merken, dass sie nichts verbindet; Verblendungen– wie Liam, der bei einem One-Night-Stand eine Frau schwängert und seinen Kamelführer um dessen arrangierte Ehe beneidet; absurde Romantik, wie Svenja, die am Telefon einen Flirt mit dem Angestellten des Reisebüros beginnt. Und allen begegnet die Erkenntnis, dass in der Fremde die eigenen Unzulänglichkeiten vor all dem Bunten und Lauten zwar kurz verblassen, dass sie einen aber trotzdem immer begleiten, wie ein lästiger Reisegefährte. Vielleicht wird der ja erträglicher, wenn man sich ein bisschen mit ihm anfreundet.

Hier treffen sich beide Filme wieder. Am Ende von The Darjeeling Limited , nach einem weiteren Begräbnis, rennen die drei Brüder dem abfahrenden Zug hinterher, fast schaffen sie es nicht, bis sie endlich ihre 13 roten Ledertaschen von sich werfen. Auf Reisen sollte man nie schweres Gepäck mitnehmen. Und im Leben erst recht nicht.

The Darjeeling Limited Start: 3.1.2008, Regie: Wes Anderson
Hotel Very Welcome Start: 29.11.2007, Regie: Sonja Heiss

 
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    • Quelle ZEIT Campus 01/2008
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