Referendariat Der Klassenkampf
Nicht nur Schüler sehnen die nächste Pause herbei. Auch junge Lehrer im Referendariat erleben die Schule als Härtetest. Einblick in eine Welt im Ausnahmezustand.
Dass es zwei harte Jahre werden würden, hatte Achim Werner, 29, vorher gewusst. Doch auf permanente 80-Stunden-Wochen war er nicht vorbereitet: »Ich bin Single, habe keine Kinder und schaffe es gerade mal eben so. Ich weiß nicht, wie andere das machen«, sagt er. »Die Arbeit ist mit Abstand das Anstrengendste und Anspruchsvollste, was ich bisher erlebt habe.«
Werner ist kein Unternehmensberater. Er ist Lehrer. Im August 2006 begann er sein Referendariat mit den Fächern Englisch und Erdkunde mit bilingualem Schwerpunkt an einem Leverkusener Gymnasium. Seitdem ist er im Dauerstress: Von acht bis eins ist er in der Schule. Von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr abends sitzt er zu Hause am Schreibtisch. Mindestens. »Man braucht ein gutes Zeitmanagement und einen Ausgleich«, sagt Werner.
Dreimal in der Woche geht er ins Fitnessstudio. Früher hat er mit Freunden Fußball oder Basketball gespielt und als Alleinunterhalter gearbeitet. Dafür fehlt ihm jetzt die Zeit. Freunden und Bekannten kann er sein enormes Arbeitspensum oft nur schwer nahebringen: »Jeder war mal Schüler und denkt, der Lehrer steht vorn und stellt ein paar Fragen. In Wirklichkeit ist Unterrichten aber eine hochkomplexe Angelegenheit.« Für jede Stunde müssen die Referendare ein komplettes Drehbuch schreiben, Lernziele formulieren, Methoden auswählen, Arbeitsblätter entwerfen, Unvorhersehbares erahnen, Alternativen vorbereiten. »Wer nicht schnell und konzentriert arbeitet, ist verloren«, sagt Werner.
So wie dem 29-Jährigen geht es den meisten der knapp 45 000 Lehramtsreferendare in Deutschland. Zwar sind die Anforderungen je nach Schulform, Fach und Bundesland äußerst unterschiedlich, doch eins ist überall gleich: Fast alle jungen Lehrer sind während ihrer praktischen Ausbildung chronisch überlastet; von einem Tag auf den anderen müssen sie den Schülern in den Klassen Respekt einflößen und bei den Kollegen im Lehrerzimmer Anschluss finden.
Sie sollen ihren eigenen Unterrichtsstil entwickeln und in den sogenannten Lehrproben vor den Beurteilern wahre Zauberstunden abliefern. »Im Alltag kann kein Lehrer die perfekte Stunde unterrichten, doch die Referendare sollen das leisten«, sagt der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft Verband für Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger. Mit vertretbarem Aufwand sei das kaum zu machen. »Manch einer ist fertig, bevor er fertig ist«, klagt Eckinger. Nachmittags sitzen die Referendare dann in Fach- und Hauptseminaren, halten Referate und schreiben ihre Abschlussarbeit. Und bei alldem werden sie ständig beobachtet, begutachtet und bewertet, von Schülern und Eltern, Kollegen und Ausbildern. Dafür bekommen sie monatlich etwa 1000 Euro brutto – und in vielen Fällen mehr Gegenwind als Unterstützung.
Die Lehrerausbildung in Deutschland steht nicht erst seit der Pisa-Studie in der Kritik. Angehende Pädagogen verbringen Jahre an der Uni, wo noch immer kaum gelehrt wird, wie man zappelige Erstklässler beruhigt oder übermüdete Teenager motiviert. In den Schulen trifft sie dann der Praxisschock. »Bei uns schaut die Uni oft auf die Praxis herab und umgekehrt. Alles, was beides besser verzahnt, ist ein Fortschritt«, sagt Ludwig Eckinger.
Viele Pädagogen stoßen während der zweijährigen Ausbildung an ihre Grenzen. »Lehrer werden oder Mensch bleiben?« und »Das Referendariat ist die Hölle« – auf der gut besuchten Internetseite referendar.de sind solche Einträge dutzendfach zu lesen. Die Seite wurde 1999 von bayerischen Referendaren ins Netz gestellt, um die gestressten Junglehrer deutschlandweit zu vernetzen. Inzwischen gibt es eine Tauschbörse für Referendariatsplätze, eine Datei für Seminarbewertung befindet sich in der Aufbauphase. »Vielen tut es einfach gut, sich einmal den ganzen Frust von der Seele zu tippen«, sagt einer der Initiatoren.
Auch Christina Brandenburg, 30, fühlte sich während ihres Referendariats oft überfordert, aber das sollte an ihrer Schule keiner merken. »Ich stand vor der Klasse und wusste nicht mal, wo der Kopierer steht«, erzählt sie. Unkenntnis bei solchen Details habe sie zu verheimlichen gesucht: »Da habe ich dann geschauspielert.« Ihre Ausbilderin hatte ihr anfangs geraten, sich zumindest einen Abend in der Woche freizunehmen. Brandenburg hielt das zunächst für einen Scherz: »Mensch, ich war in Berlin, wollte jeden Tag ausgehen. Am Ende war es aber wirklich schwer, sich wenigstens diesen einen Abend freizuschaufeln!«
Seit August hat Christina Brandenburg ihre erste Stelle als Englisch- und Französischlehrerin an einem Hamburger Gymnasium. Sie ist erleichtert, dass die stressige Ausbildung vorbei ist. Endlich kann sie sich ganz auf ihre Arbeit als Lehrerin konzentrieren. Sie muss nicht mehr nachmittags nebenbei eigene Seminare vorbereiten. Und auch die Kollegen nehmen sie jetzt ernster als im Referendariat. »Das Paradoxe ist: Obwohl ich mehr unterrichte und eine größere Verantwortung trage, ist es jetzt leichter«, sagt Brandenburg, »ich habe sogar wieder etwas Zeit für mich!«
Harter Job – Zahlen zum Lehrerdasein
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Der durchschnittliche Schallpegel im Klassenzimmer erreicht mit 65 Dezibel fast die Lautstärke eines Rasenmähers.
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Studie Institut für interdisziplinäre Schulforschung, Uni Bremen, 2004
)
- Der Spitzenwert beträgt bis zu 86 Dezibel – das entspricht etwa dem Lärm einer stark befahrenen Straße.
(
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2004
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29 bis 35 Prozent der Lehrer leiden am Burn-out-Syndrom, weitere 30 Prozent fühlen sich überfordert.
(
Studien der Universitäten Potsdam und Freiburg, 2004
)
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Bei Studierenden und Referendaren gelten jeweils 25 Prozent als Burn-out-gefährdet.
(
Studie Uni Potsdam, 2004
)
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Ein Lehrer für Deutsch und Englisch am Gymnasium verbringt pro Schuljahr rund 1000 Stunden mit Korrigieren.
(
Studie des Deutschen Lehrerverbandes
)
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Für die Vorbereitung einer Schulstunde benötigt ein routinierter Lehrer eine halbe bis eine dreiviertel Stunde – ein Referendar zwei- bis dreimal so lang.
(
Schätzung von Oliver Arlt, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Junglehrer beim VBE
)
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Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Lehrern liegt bei 42 bis 46 Stunden.
(
Arbeitszeitstudie des Lehrerverbandes. Die Ferien sind auf gängige Urlaubszeitregelungen umgerechnet.
)
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Im Saarland fallen wegen Stimmproblemen der Lehrer rund 11.000 Unterrichtsstunden pro Jahr aus.
(
Studie Uni Saarland, 2003
)
Tipps und Tests:
Für alle, die überlegen, Lehrer zu werden, gibt es online-gestützte Selbsteinschätzungstests, zum Beispiel unter
www.cct-germany.de
,
www.dbb.de/lehrerstudie/start_fit_einleitung.php
oder unter
www.boyng.de
und dort unter der Rubrik Ausbildungsplätze/Übersicht Berufe, dann unter »L« wie Lehrer.
Wie man die Karriere im Klassenzimmer plant, erfahren Studenten, Berufseinsteiger und Lehrer ebenfalls unter www.cct-germany.de . Onlinegestützte Selbsterkundungsverfahren sind geplant.
Wer den Anschluss an Leidensgenossen sucht, kann sich unter www.referendar.de mit anderen Referendaren austauschen und von deren Erfahrungen profitieren.
- Datum 04.02.2008 - 11:23 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 01/2008
- Kommentare 24
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Treffender Artikel, leider sinnlos. Der geneigte Lehrerfeind lässt sich nun mal von Fakten nicht beeindrucken.
nicht die Schüler,das ist die Quitessenz dieser Betrachtung, zum Glück dauert das aber nur 2 Jahre lang - dann kann der selbe Lehrer als Mitglied des Kollegiums und vielleicht auch bald als Prüflehrer die nächstfolgenden Junglehrer piesacken. Ich habe wirklich mal gedacht, daran hätte sich in den letzten 30 Jahren etwas verändert (als ich mal überlegte, Lehrer zu werden und von diesen Riten abgeschreckt wurde).Dass die Lehrer eine arrogante Bande sind, wusste ich ja schon vorher,aber dass diese grausamen Aufnahmeriten für Einsteiger dort immer noch praktiziert werden, war mir neu.Da sind ja selbst die Aufnahmeriten bösester Mafiabanden als Schülergruppen noch als harmlos zu betrachten - die sind zumindest zeitlich wesentlich kürzer angelegt.
.....sollte seine Konfession wechseln." Mehr muss man dazu nicht sagen.
Die Crux im Ref liegt -- glaube ich -- weniger an sado-masochistisch veranlagten Lehrern, die an uralten Inttiationsriten festhalten, sondern an der absoluten Ueberfrachtung dieses Ausbildungsabschnitts. Hat ein Referendar zuvor 4, meist 5 Jahre in einem wissenschaftlichen Studium zugebracht, gilt es nun, sich in Schullehrplaene einzuarbeiten, Lehrmaterial zu horten bzw. selbst zu entwickeln, und gleichzeitig zuegig mit dem eigenen Unterricht anzufangen (und hier methodisch und fachlich souveraen zu agieren -- Schueler wissen ja genau, dass sie es mit einem Anfaenger zu tun haben), obwohl man selbst ja noch am Nachmittag Seminare in Didaktik, Paedagogig und Psychologie hat, die eigentlich auf diesen Arbeitsalltag vorbereiten sollten, aber im deutschen System irgendwie nebenherlaufen muessen. Ebenfalls nebenher -- wie in jedem anderen Betrieb auch -- muss der Anfaenger noch das Betriebsklima auskundschaften, sich moeglichst unauffaellig eingliedern (er ist, wie jeder Auszubildende, das letzte Glied der Nahrungskette), und es den verschiedenen Parteien, die ihn staendig beobachten und bewerten, moeglichst allen gleichermassen recht machen. Das ist ein bisschen, als wuerde man einem Fahrschueler die erste Stunde im Freitagnachmittagsverkehr in einer deutschen Innenstadt erteilen, und ihm nebenher noch die Verkehrsregeln vorlesen. Allerdings nicht mit einem, sondern mindestens zwei Fahrlehrern an Bord. In Baden-Wuerttemberg wurde ein einsemestriges (unbezahltes) Schulpraktikum eingefuehrt, das -- angeblich -- diesen Stress mindern soll (und zudem dazu da ist, ungeeignete Kandidaten abzuschrecken). Sicher eine gute Idee, nur dass man im Gegenzug das Referendariat dann auf 1,5 Jahre verkuerzt hat, was den ganzen Zauber als reine Sparmassnahme entlarvt.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/mo.
Von wegen "burn out" bei Lehrer! Vor kurzem gab es eine tolle Studie zum Thema, anscheinend aber Frau Söhring nicht bekannt, wohl nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Also: laut Prof. Rauin von der Goethe-Uni Frankfurt haben die meisten Lehrer, die angeblich „ausgebrannt“ sind, überhaupt nie richtig gebrannt, und entscheidende Motivation bei der Studienwahl für ein Lehramtsfach war eher „pragmatisch“ (das ist nett formuliert, heißt im Klartext: Schielen nach Rundum-sorglos-Versicherung des Beamtenstatus, gutem Geld und den bekannten vielen Ferien).
Hier zum Nachlesen:
http://bildungsklick.de/a/57651/studie-ausgebrannte-lehrer-waren-bereits-im-studium-ueberfordert/
Sorry, aber so ein Gejammer wie der Artikel von Frau Söhring ist ja wohl wirklich überflüssig!
... zu wiederholen, liebe Leute, macht es nicht wahr. Lieber Palamedes, die Realität sieht anders aus als Sie es sich da vorstellen. Anstelle jetzt jeden einzelnen Punkt (na ja.. fast jeden...) minutiös zu widerlegen, was schon unzähligst im Internet gemacht wird, und wie eingangs erwähnt, jemanden der es sich nun mal in den Kopf gesetzt hat ein bestimmtes Bild des Lehrerberufs zu haben auch nicht überzeugen wird, rufe ich Ihnen nur zu: kommen Sie vorbei, Sie sind herzlich eingeladen, gucken Sie es sich live und vor Ort an. Sie werden feststellen dass dieser Beruf - wie übrigens jeder und sicher auch der Ihre... - von verschiedenen Menschen verschieden ausgeübt werden kann, dass die Bedingungen von Ort zu Ort sehr unterschiedlich ausfallen, und sogar die Bezahlung und Zuteilung diverser Anreize zur Ergreifung des Berufs zum Teil von Person zu Person in einer Form differieren, auf die der durchschnittliche Arbeitnehmer höchstens noch mit einem empörten Arbeitskampf reagieren würde.Wenn ich mal so überlege... sollten ich und meine anderen angestellten Kollegen (steigende Prozentzahl der Gesamtmenge, da die ganzen Beamten ja langsam in Rente gehen...) vielleicht demnächst genau das mal angehen. Dürfen wir ja. Ich würde in erster Linie mal dafür streiken, dass ich mir nicht immer alle meine Materialien selber kaufen muss, damit von meinen 1500 Euro noch etwas übrig bleibt. Aber ach.. ich wollte mich doch nicht in Einzelposten verstricken... und ich werde mir dann demnächst vielleicht auch den Hinweis zu Herzen nehmen, und die Religion wechseln... äh... die Profession.. sorry. Ich hoffe Sie sind dann gewappnet für mich einzuspringen. Wie gesagt, kommen Sie vorbei, sehen Sie sich ihren neuen Arbeitsplatz schon mal an, Ich freue mich!Viele GrüsseKirachan
Schon erstaunlich, was hier für ein Futterneid herrscht. Die "Bubis", verehrter Palamades, von denen Sie schreiben, haben bereits ein abgeschlossenes wissenschaftliches Hochschulstudium hinter sich, und wissen sehr wohl, was ackern heißt. Es geht auch gar nicht darum, daß ihr Berufseinstieg mit Arbeit und Anstrengung verbunden ist, es geht um die enorme Belastung, der sie in diesen zwei Jahren ausgesetzt werden, in denen sie quasi alles schon können und praktizieren sollen, was sie selbst noch gar nicht gelernt haben. Daß Lehrer nicht die einzigen sind, die am Abend und am Wochenende noch eine Schicht einlegen, ist geschenkt. Allerdings -- was machen Sie mit den Tabellen, die Sie abends erstellen? Erarbeiten Sie das am nächsten Tag mit einem Rudel Kinder und Jugendlicher, im Fünfundvierzigminutentakt, mit flippigem Einstieg und so?
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