Psychologie Die Glücksfrage
Der Psychologe Tal Ben-Shahar ist einer der populärsten Harvard-Dozenten. Fast 900 Studenten kamen im vergangenen Semester zu seiner Vorlesung. Sein Thema: Glück.
ZEIT Campus : Herr Tal Ben-Shahar, Sie behaupten, dass wir gar nicht glücklich werden können.
Ben-Shahar : Ich sehe Glück nicht als Endzustand, sondern als ein Ziel, das man nie vollständig erreichen wird. Denn was käme danach? Ich glaube nicht, dass man entweder glücklich ist oder nicht – und dass man durch ein äußeres Ereignis plötzlich glücklich werden kann. Glück ist ein kontinuierlicher Prozess: Ich bin heute glücklicher als vor 15 Jahren, als ich mit der Erforschung des Glücks begann. Und ich hoffe, dass ich in 15 Jahren glücklicher bin als heute.
ZEIT Campus : Was ist überhaupt Glück?
Ben-Shahar : Ich definiere Glück als gleichzeitiges Erleben von Bedeutung und Spaß. Es reicht nicht, als Hedonist durchs Leben zu gehen, wir brauchen einen Sinn. Ein glückliches Leben ist aber nicht etwa ein Leben, in dem wir ein kontinuierliches Hoch erleben. Ich sage meinen Studenten: Ich hoffe, ihr scheitert öfter. Denn wir lernen aus Fehlern und entwickeln einen Sinn für positive Gefühle. Darum geht es in der Positiven Psychologie.
ZEIT Campus : Ihre Glücks-Vorlesung war in diesem Jahr mit fast 900 Zuhörern die größte Veranstaltung in Harvard. Warum ist die Sehnsucht nach Glück ausgerechnet an der besten Uni der Welt so groß?
Ben-Shahar : Lassen Sie mich das indirekt beantworten: Ich war selbst Student in Harvard, eingeschrieben für Computerwissenschaften. Ich war gut, ich hatte viele Freunde, ich spielte Squash in der Uni-Mannschaft. Trotzdem war ich unglücklich. Warum, das habe ich selbst nicht verstanden. Weil ich wissen wollte, warum ich so unglücklich war, wechselte ich mein Hauptfach und studierte Psychologie und Philosophie, dabei entdeckte ich die Positive Psychologie. Warum die Vorlesung so beliebt ist? Nun, ich denke, die Studenten spüren, dass sie etwas mit ihnen selbst zu tun hat.
ZEIT Campus : Wie läuft so eine Glücks-Vorlesung ab?
Ben-Shahar : Einerseits lesen die Studenten wissenschaftliche Texte, schreiben Essays und legen am Ende eine Prüfung ab. Andererseits wenden wir das Gelernte auf ihr Leben an. Sie müssen so einfache Fragen beantworten wie: Was macht mir Spaß? Wie würde ich gern künftig leben? Meine Veranstaltung hilft ihnen, das, was sie haben, mehr zu schätzen. Wann schätzen wir das Leben am meisten? Wenn wir jemanden verloren haben. Wann schätzen wir Gesundheit? Wenn wir krank sind. Aber müssen wir erst auf ein tragisches Ereignis warten, um das stärker wertzuschätzen, was wir bereits haben? Ich ermutige die Studenten, jeden Abend aufzuschreiben, wofür sie dankbar sind. Wir müssen uns ständig an das Positive in unserem Leben erinnern, dann werden wir unser Glück auch stärker zur Kenntnis nehmen.
ZEIT Campus : Machen Sie das selbst auch?
Ben-Shahar : Jeden Abend. Ich zeige es Ihnen. (Zieht ein Notizbuch aus der Tasche.) Gestern: Meine Frau, mein Sohn, meine Tochter; die Atmosphäre im Workshop, die wirklich sehr gut war; ein Abendessen mit Lehrern; US Open; Hühnersandwich. Sie sehen, es sind große und kleine Dinge, aber darauf kommt es nicht an.
ZEIT Campus : Wissen Sie, ob die Studenten ihr Leben nach der Vorlesung geändert haben?
Ben-Shahar : Ja, viele sogar. Sie kamen am Anfang mit einer bestimmten Vorstellung von ihrer Zukunft in die Vorlesung – und gingen mit einer ganz anderen hinaus. Einige kamen als Anwälte und endeten als Lehrer. Andere wollten Professor werden und wurden stattdessen Investmentbanker. Vielleicht, weil sie sich zum ersten Mal intensiv mit der Frage beschäftigten, was sie wirklich in ihrem Leben machen wollten. Wir machen das, was von uns erwartet wird, von den Eltern, von der Gesellschaft. Wir sind wie Autopiloten. In der Vorlesung habe ich gesagt: Pause. Stopp. Lass dir Zeit.
ZEIT Campus : Das klingt so, als wäre Ihre Vorlesung eine Selbsthilfegruppe für Harvard-Studenten.
Ben-Shahar : Nein, keineswegs. Bei der Positiven Psychologie handelt es sich um eine akademische Disziplin, um Wissenschaft. Während traditionelle Psychologie sich mit Krankheiten wie Depression und Schizophrenie beschäftigt, geht es bei der Positiven Psychologie um Liebe, Wohlgefühl, Glück, Selbstbewusstsein, Kreativität.
ZEIT Campus : Wie erforscht man das Glück wissenschaftlich? Man kann es ja schlecht messen, oder?
Ben-Shahar : Doch, kann man. Es gibt heute objektive Methoden, Glück zu erforschen, zum Beispiel mit Hilfe von Gehirnscans. Wir wissen, dass bestimmte Bereiche des Gehirns aktiver sind als andere, wenn wir glücklich sind.
ZEIT Campus : Gibt es nichts Wichtigeres, als das Glück zu erforschen?
Ben-Shahar : Es gibt heute zehnmal mehr Depressive als in den sechziger Jahren. Eine Depression zu überwinden heißt zwar nicht automatisch, glücklich zu werden. Aber wer ein gutes Selbstwertgefühl entwickelt, wer positive Gefühle kultiviert, stärkt sein psychologisches Immunsystem; er ist eher in der Lage, mit Rückschlägen umzugehen.
ZEIT Campus : Wir genießen einen Wohlstand wie nie zuvor, trotzdem sind wir nicht glücklicher. Warum?
Ben-Shahar : Viele denken, dass Glück mit Reichtum verwandt ist. Das ist ein Missverständnis. Vor 30 Jahren gaben Studenten in Umfragen an, dass ihnen ein sinnvolles Leben wichtiger ist als finanzielle Sicherheit. Heute ist es andersherum. Viele sehen Geld als Mittel zum Zweck, dem Zweck, glücklich zu werden. Aber es kommt nicht darauf an, was wir haben, sondern auf unsere Gemütsverfassung. Früher überlebte der den Winter, der viele Vorräte gesammelt hatte. Heute ist das nicht mehr der Fall, aber wir meinen noch immer, dass »mehr« auch »besser« bedeutet. Dazu kommt: Es ist im Alltag sehr schwer, Glück zu messen, aber Geld können Sie messen. Und in unserer rationalen Welt glauben wir eher an das, was sich leicht messen lässt. Wir brauchen ein Basislevel, das es uns erlaubt, Nahrung, Bildung und Unterkunft zu finanzieren. Aber das Geld, das wir darüber hinaus zur Verfügung haben, trägt nicht zur Erhöhung unseres Glücksniveaus bei.
ZEIT Campus : Sind also die Reichen und Berühmten genauso glücklich oder unglücklich wie wir?
Ben-Shahar : Unglücklicher, würde ich sagen. Eltern halten ihren Kinder die Erfolgreichen als Vorbilder vor Augen. Wir lernen: Wer ein berühmter Sportler oder Rockstar ist, ist auch glücklich. Wenn jemand dann selbst erfolgreich wird, merkt er plötzlich, dass sich das Glück nicht zwangsläufig einstellt. Er hat alles getan, um glücklich zu werden, was also soll er noch tun, wenn selbst Ruhm und Reichtum es nicht vermögen? Also wird er depressiv, nimmt Drogen oder wird alkoholabhängig. Studien zeigen, dass ein Lotteriegewinner nach kurzer Zeit genauso glücklich oder unglücklich ist wie vorher. Ein nach einem Unfall Querschnittsgelähmter übrigens auch.
ZEIT Campus : Können wir unser Glück überhaupt beeinflussen, oder liegt es in den Genen?
Ben-Shahar : Wir werden mit einer genetischen Disposition geboren, sind also eher ein glücklicher oder eher ein unglücklicher Typ. Trotzdem haben wir die Möglichkeit, glücklicher zu werden. Glück hängt zum größten Teil von unserem Gemütszustand ab, davon, wie wir unsere Arbeit betrachten, welchen Sinn wir ihr geben.
ZEIT Campus : Aber wenn ich für einen miesen Stundenlohn putzen gehe, dürfte das schwierig sein.
Ben-Shahar : Nicht unbedingt. Es gibt eine Untersuchung dazu: Da ist das Reinigungspersonal in einem Krankenhaus sehr zufrieden, weil es seine Aufgabe als Hilfe für die Heilung der Patienten wahrnimmt; gleichzeitig sind manche Ärzte sehr unzufrieden, weil ihre Arbeit sie langweilt oder sie darin keinen Sinn erkennen.
ZEIT Campus : Wenn ich erst mal unglücklich bin, werde ich nichts Positives an meinem Beruf sehen.
Ben-Shahar : Genau das ist es, was wir lernen müssen. Nehmen Sie das Beispiel Investmentbanking: Sie können den Beruf als Mittel sehen, viel Geld zu verdienen. Oder Sie sagen sich, dass Sie damit Wachstum schaffen, durch das Jobs und Wohlstand entstehen. Wer es schafft, den sinnvollen Teil seiner Arbeit zu sehen, wird glücklicher sein.
ZEIT Campus : Trotzdem sehen viele gerade den nicht.
Ben-Shahar : Schon als Kind hören wir: Ohne Fleiß kein Preis. Wir verlagern die Belohnung für unsere Arbeit – das Glück – in die Zukunft. Viele Studenten arbeiten fünf Jahre auf ihren Abschluss hin, und wenn sie fertig sind, geht es so weiter: noch mal fünf Jahre, um sich im Beruf zu etablieren. Dann noch mal fünf Jahre, um sich auf einen Chefposten hochzuarbeiten. Plötzlich sind sie 50. Und merken, dass sie viele Jahre verschenkt haben, in denen sie glücklicher hätten sein können. Ich bin nicht dagegen, dass man mal für eine Weile hart arbeitet. Aber wir müssen Bereiche finden, die unsere harte Arbeit wert sind, die uns etwas bedeuten.
ZEIT Campus : Suchen wir unsere Berufe danach aus?
Ben-Shahar : Viele wählen ihr Fach nach den Berufsaussichten oder den Wünschen der Eltern. Persönliches Interesse, Leidenschaft und Spaß berücksichtigen sie dabei immer weniger, auch weil ihnen eingeredet wird, sie müssten sich nach dem Arbeitsmarkt richten. Was für ein Unsinn! Wenn man sich traut, mutig ist, etwas macht, an das man wirklich glaubt, dann öffnen sich die Türen. Bei der Berufswahl sollten die drei Faktoren »Stärken«, »Bedeutung« und »Freude« zusammenkommen. Man sollte etwas machen, für das man begabt ist, an dem man Freude hat und in dem man einen Sinn sieht.
ZEIT Campus : Selbst wer erkennt, dass er die Weichen falsch gestellt hat, ändert sein Leben nur selten. Warum?
Ben-Shahar : Der britische Dichter John Dryden sagte: Erst prägen wir unsere Gewohnheiten, dann prägen die Gewohnheiten uns. Viele sagen sich: Ich mache jetzt fünf Jahre diesen Job und danach etwas, was mir mehr Spaß macht. Aber wir entwickeln Gewohnheiten, wir ändern uns – und fünf Jahre später kennen wir plötzlich keinen anderen Weg mehr als den, den wir eingeschlagen haben.
ZEIT Campus : Sollte man also nur noch machen, wozu man gerade Lust hat?
Ben-Shahar : Spaß ist wichtig, wichtiger aber sind Ziele. Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und haben nichts zu tun. Sie könnten den Fernseher anschalten, Freunde treffen. Aber das sind nicht die glücklicheren Tage. Die glücklicheren Tage sind die, an denen Sie wissen, was Sie zu tun haben: zum Beispiel drei Stunden lang einen Aufsatz schreiben. Dabei verlieren Sie sich, Sie gehen in Ihrer Arbeit auf. Das ist Glück.
ZEIT Campus : Leider kommt es im System Uni vor allem auf das Ergebnis an.
Ben-Shahar : Ja, das ist in der Tat ein Riesenproblem. Die Universität konzentriert sich auf die gute Note am Ende des Semesters, auf das Diplom. Nicht aber auf den Prozess. Dabei ist das Ziel – die Note, der Abschluss – nur wichtig, indem es uns hilft, die Reise intensiver zu genießen.
ZEIT Campus : Was raten Sie Studenten?
Ben-Shahar : Dankbarkeit. Großzügigkeit, denn wenn wir anderen helfen, helfen wir auch uns. Seinen Leidenschaften folgen, nicht immer den einfachen Weg wählen. Mindestens dreimal pro Woche 30 Minuten Sport machen. Es ist erstaunlich, wie sehr das unser Wohlbefinden beeinflusst. Viel Schlaf. Nur das tun, was man wirklich tun will. Sich Fehler und schlechte Phasen zugestehen. Freundschaften pflegen, denn nichts macht unglücklicher als das Alleinsein. Eigentlich ist es ganz einfach. Aber wie heißt es so schön: Common sense is not that common.
Tal Ben-Shahar lehrt in Harvard seit fünf Jahren »Positive Psychologie«. Mit dem Thema Glück beschäftigt er sich, seit er mit 16 Jahren israelischer Meister im Squash wurde und sich danach trotzdem nicht glücklich fühlte. Sein Buch »Glücklicher« ist gerade erschienen. Glücklicher, Riemann Verlag; 256 S., 14,95 Euro
- Datum 11.04.2008 - 09:11 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 01/2008
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren