Homosexualität "Scheiß Lesbe!"
Studenten gelten als besonders tolerant. Doch sind sie das wirklich? Nein, sagt unsere lesbische Autorin. Eine Anklage.
Es ist die allererste Woche an der Uni, viele neue Bekannte; mit drei Studentinnen sitze ich beim Kaffee zusammen. »Habt ihr eigentlich einen Freund?«, fragt eine. Die Frage brennt in meinen Ohren. Jeder glaubt, dass er alles über den anderen erfahren muss, schon beim ersten Treffen. Also: »Habt ihr eigentlich einen Freund?«
»Nein. Ich habe eine Freundin«, sage ich.
Geschockte Blicke. Entsetzen in den Gesichtern. Reaktionen, die ich oft erfahre, wenn ich sage, dass ich lesbisch bin; die mir zeigen, dass Lesben in der Mitte der Gesellschaft immer noch nicht richtig akzeptiert werden, auch wenn Medien und prominente Homosexuelle den Standpunkt vertreten, »uns« ginge es gut. Aber das stimmt einfach nicht.
Lesbischsein ist für die meisten Leute ja »irgendwie ganz okay«. Das sagen sie öffentlich. Doch dieses Lippenbekenntnis steht im Kontrast zur Wirklichkeit. Wenn Schwule und Lesben im Alltag angefeindet oder angepöbelt werden, hilft ihnen kein Antidiskriminierungsgesetz und meistens auch kein couragierter Bürger. Wir Lesben haben es sogar noch etwas schwerer als Schwule. Schwule werden oft weiblich-süß verklärt und nutzen ihre Sexualität als Teil ihrer Extrovertiertheit. Lesben hingegen werden bevorzugt mit oft negativen männlichen Attributen assoziiert.
Weil mir die dummen Sprüche meist türkischer Jungs die gute Laune verderben, überlege ich mir zweimal, ob ich meine Freundin in der Fußgängerzone von Hannover küsse. Und es sind nicht nur Sprüche, sondern Glotzen, Tuscheln, Lachen. Sogar Gewalt. Echte Angriffe sind mir zum Glück bis jetzt erspart geblieben, aber es gibt Menschen, die zählen »Leuten wie mir« auf, was sie machen würden, wenn sie uns im Dunkeln begegneten: uns zusammenschlagen, abstechen oder aber »es uns so richtig besorgen«. Wir seien ja schließlich »pervers«.
Man sollte meinen, dass an der Universität alles anders ist. Die Uni: eine Insel der Bildung. Die Studenten: eine geistige Elite, bekannt für oft alternatives, nicht regelkonformes Denken. Das kann doch eigentlich nur ein Ort der Toleranz sein! Die unverbesserlichen Türkenjungs in der Stadt sind das eine. Das andere ist der aufgeklärt-wissensdurstige Teil der Gesellschaft. Wenigstens hier sollte nur der Mensch zählen. Hier sollte der Ort sein, an dem Werte nicht nur gelehrt, sondern gelebt werden. Aber so ist es hier nicht.
Die Uni ist keine Person mit einer Einzelmeinung, sondern besteht aus vielen Teilen einer Gesellschaft – einer Gesellschaft, die in manchen Bereichen noch immer intolerant ist. Ob ein homosexueller Student sich an der Uni wohl fühlen kann, hängt von der Einstellung der Kommilitonen und dem allgemeinen Klima an der Hochschule ab. An vielen Unis aber herrscht eine Atmosphäre der Unsicherheit, der Doppeldeutigkeiten und des Unwohlseins.
Natürlich kann ich nicht für alle sprechen. Natürlich mag es Homosexuelle geben, die ganz viele positive Erfahrungen machen. Sie sind beneidenswert. Denn bei mir – und vielen homosexuellen Freunden, mit denen ich spreche – sieht es anders aus.
Verglichen mit Freunden, die tagtäglich offenen Anfeindungen begegnen, geht es mir noch vergleichsweise gut in einem kleinen Studiengang an der Uni Hildesheim, einer kleinen Uni auf der grünen Wiese, in die ich jeden Tag pendele. Doch hier in Hildesheim stehe ich zwischen Kommilitoninnen, die Homo-Witze reißen, weil ihnen die »Single-Männer hier auf dem Land« nicht ausreichen. Sie müssten »dann ja lesbisch werden, und das muss nun wirklich nicht sein«; und dann lachen sie. Ich denke, sie lachen da auch irgendwie über mich. Sie meinen es nicht böse, hoffe ich. Aber warum tun sie das? Respektieren sie mein Leben nicht? Und dann schweige ich manchmal und sage nichts. Und denke, wie wenig sich die von vielen öffentlich vor sich hergetragene Toleranz im wahren Leben wiederfindet.
Im Moment habe ich lange Haare und entspreche zum Glück nicht so schnell dem Lesben-Klischee. Diese Klischees sind etwas Furchtbares. Mir dreht sich der Magen um, wenn ich höre, welche Haarlänge angeblich zu einer lesbischen Identität passt und welche nicht. Wenn meine Freundin jemandem erzählt, dass sie lesbisch ist, sind die Gesprächspartner oft perplex und sagen: »Du wirkst doch überhaupt nicht so!« Dabei sind Homosexuelle doch keine homogene Gruppe! Abgesehen davon, dass wir gleichgeschlechtliche Partner lieben, sind wir gar nicht so gleich, wie es in der Öffentlichkeit gerne dargestellt wird.
Meine Freundin studiert Psychologie, und in ihrer veralteten Prüfungsliteratur findet sie noch Experimente zur »Heilung« von Homosexualität mittels Elektroschocks. Ein Skript regt zu der Diskussion an, ob Schwule Kinder adoptieren dürften, das sei doch schädlich für das Kind, oder? In einem Seminar zu Sexualidentitäten fand eine geheime Umfrage unter den Studenten statt. Drei oder vier haben angegeben, dass sie homosexuell sind, bei der Auswertung hören sie genießerisch-schaudernde »Wer ist es denn?«-Fragen, mehrdeutiges Raunen und schockierte Kommentare.
An vielen der großen Massenunis leben Lesben und Schwule daher in einer Welt der Selbstverleugnung. Sie verheimlichen ihre Sexualität, weil die Menschen hier keinen Deut toleranter sind als außerhalb der Campusmauern. Viele meiner homosexuellen Freunde und Freundinnen trennen strikt Privates von Beruf und Studium, aus Sorge, von Kommilitonen und Professoren gemieden oder diskriminiert zu werden. Ich habe immer das Gefühl, nicht überall vor jedem alles frei sagen zu können, und ich sorge mich vor Nachteilen.
Diese Sorge beherrscht mich. Sie führt dazu, dass ich in den Seminaren nichts sage, wenn die Themen »kritisch« werden. Ich studiere Philosophie-Künste-Medien, ein Fach der Kultur- und Geisteswissenschaften, da kommt das Schweigen sehr schnell. Denn eigene Texte werden in diesen Studiengängen auf sehr persönlicher Ebene analysiert: Was denke ich? Was fühle ich? Was möchte ich, wenn ich etwas so oder so ausdrücke? Wie fühle ich mich, wenn ich den Text von jemand anderem lese? Die Veranstaltungen geben die Selbstoffenbarung fast vor: Ein Ethik-Seminar fragt nach »guter« Sexualität, und eine andere Veranstaltung kategorisiert Geschlechtsidentitäten. Selbst ohne Geheimniskrämerei ist es da schwer, sich frei zu äußern. Wer will schon jeden Satz mit »Passt auf, das ist alles ganz anders, als ihr denkt, ich bin nämlich lesbisch, und eigentlich ist es so…« beginnen müssen?
In meinem Hinterkopf immer die Fragen: Soll ich den Kommilitonen die Wahrheit sagen? Was geschieht, wenn ein Professor davon erfährt, behandelt er mich dann anders? Kann ich noch unvoreingenommene Zuhörer in Vorlesungen und Seminaren, eine unvoreingenommene Benotung erwarten? Oder werde ich gemieden, ausgegrenzt, oder sogar gemobbt?
Ich will mich nicht vorstellen mit »Guten Tag, mein Name ist Maren Lachmund, ich bin lesbisch«. Und wenn ich mich doch oute, will ich mir weder das blöde »Du doch nicht!« anhören noch dumme Verkupplungsversuche mit Hetero-Kommilitonen erleben!
Viele Heterosexuelle scheinen ja tatsächlich zu glauben, Homosexuelle seien grundsätzlich polygam. Wenn ich eine Kommilitonin zur Begrüßung freundschaftlich umarme, wird das schnell aufgegeben, sobald ich mich oute. Wenn ich mich mit einem Mädchen anfreunde, kann ich eigentlich nur alles falsch machen: Sobald ich mich als Lesbe zu erkennen gebe, denkt sie, ich will was von ihr, egal, ob ich es gleich sage oder erst später.
Zugegeben, im Kosmos Uni ist die Ablehnung oft nur unterschwellig zu spüren. Nicht unbedingt Hass oder Homophobie führen zu dieser Haltung. Sie erklärt sich hauptsächlich aus Dummheit, Unkenntnis und totaler Überforderung, wenn bestehende Geschlechts- und Sexualidentitäten plötzlich ins Wanken geraten.
Doch auch an der Uni gibt es direkte Angriffe. Immer wenn einem Gegenüber im Streit kein schlimmeres Schimpfwort einfällt, sagt er: »Scheiß Lesbe!« Und dann sind da noch die dummen Sprüche und Anspielungen: Kritisiere ich die Theorie eines Mannes, kann es passieren, dass mir jemand vorwirft, ich sei voreingenommen. Die krude Logik: Klar, dass die keinem Mann recht gibt! Gebe ich der Position einer Frau den Vorzug, geht das Gejohle erst recht los. War ja klar, die Männerhasserin!
Ich komme gut mit Scherzen über mich klar, aber ich möchte nicht nur über meine Sexualität definiert werden. Vor allem sollen meine Meinungen und Argumente ernst genommen werden und nicht in Situationskomik untergehen. Gefühlte und tatsächliche Intoleranz mögen sich voneinander unterscheiden, für den Ausgegrenzten sind sie gleich schlimm.
Ich lebe als Lesbe in einer Gesellschaft, die mit meiner Sexualität immer noch ein Problem hat, obwohl sie zu mindestens fünf bis zehn Prozent aus Homosexuellen besteht. Zählt man noch Trans- und Bisexuelle hinzu, ist unsere Minderheit gar nicht so klein. Gesetzlich ist die Gleichstellung zwar auf dem Papier versprochen– in der Praxis muss die Mehrheit Toleranz aber erst noch lernen. Das gibt es auch an der Universität– dem Ort, der immer vorgibt, ganz anders zu sein. Von wegen.
Maren Lachmund, 20, studiert im dritten Semester Philosophie-Künste-Medien an der Universität Hildesheim. Sie ist seit zweieinhalb Jahren mit ihrer Freundin zusammen, mit der sie auch zusammenwohnt.
- Datum 08.02.2008 - 09:39 Uhr
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- Quelle ZEIT Campus 01/2008
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seite1"jeder glaubt, dass er alles über den anderen erfahren muss, schon beim ersten Treffen"mag skurril klingen, falls man links daneben eine Foto + Namen sieht.seite 1- ....Weil mir die dummen Sprüche meist türkischer Jungs die gute Laune verderben..-.....Die unverbesserlichen Türkenjungs in der Stadt sind das eine...Anbei das Abstrakt des Artikels :.Studenten gelten als besonders tolerant. Doch sind sie das wirklich? Nein, sagt unsere lesbische AutorinSeite eins reichte dann auch. Ist das ein Satireartikel? Wenn ja, dann
eher schwach und bitte ins betreffende Verzeichnis verschieben,
ansonsten kaum zu glauben.markus
Das Recht sich frei zu entfalten schließt leider das Recht auf Sympathie und Verständnis nicht mit ein. Was gibt´s also zu beklagen?
ist immer zuerst ein Mangel an eigener sexueller Identität. Homophobie ist nicht umsonst der "Normalfall" in in islamischen Kreisen mit ihrer repressiven, menschenverachtenden Haltung zu Sexualität. Und es sind sehr oft die schwächlichen, unattraktiven Single-Männer, die mit offen vor sich hergetragenem Schwulenhass, Verdächtigungen über sich zuvorkommen wollen, die sie wohl auch selbst anstellen.
Keine Frage, dass es die (fast) gedankenlose Homophobie, von der die Autorin berichtet, auch an Unis gibt, wo man sie nicht zu allererst vermuten würde. Und keine Frage, dass solche dummen, hingeworfenen Bemerkungen schmerzen, gerade weil klar ist, dass hier (meist) keine verletztende Absicht spricht, sondern schlicht und einfach tief in Denk- und Redeweisen eingewachsene Vorurteile und Ablehnung dessen, was anders ist als das, was man kennt.Aber darauf mit dem Rückzug ins Schneckenhaus zu reagieren, ist gefährlich, weil es den eigenen psychischen Innendruck nur noch verstärkt und den anderen die Auseinandersetzung mit ihrer Gedankenlosigkeit oder ihren Vorurteilen erspart.Und ebenso muss man aufpassen, nicht in paranoideWahrnehmungs- und Argumentationsmuster zu verfallen. Natürlich findet die Psychologen-Freundin "in ihrer veralteten Prüfungsliteratur [...] noch Experimente zur »Heilung« von Homosexualität mittels Elektroschocks" - aber doch nicht, weil das der aktuelle Stand der Wissenschaft wäre, sondern weil Studenten auch die Geschichte ihrer Disziplin verstehen müssen, einschließlich dessen, was daran diskreditiert ist. Einen Text auf eine Literaturliste zu setzen, heißt doch nicht, ihn damit implizit zu autorisieren - Studenten müssen lernen, dass das, was ihn Büchern und Artikeln steht, nicht deshalb schnon 'stimmt', sondern dass es das ist, worüber kritisch nachzudenken ist. Sonst verfehlen sie das Ziel eines Hochschulstudiums.Und natürlich regt ein "Skript [...] zu der Diskussion an, ob Schwule Kinder adoptieren dürften, das sei doch schädlich für das Kind, oder?" Aber doch nicht, um das als die Wahrheit in der Sache hinzustellen, sondern um die Studenten herauszufordern, Argumente zu finden, mit denen sich die Behauptung diskutieren lässt.Hinter der Kritik der Autorin in diesem Absatz ihres Textes steckt nicht nur ihre eigene Geschichte von Verletzungen, sondern auch ein eigenartig naives Wissenschaftsverständnis, das davon auszugehen scheint, dass Unis ihren Studenten in erster Linie die richtigen Erkentnnisse in die Köpfe zu gießen haben, wo ihre Aufgabe doch darin liegt, die Studenten in die Lage zu versetzen, die Wahrheitsansprüche von Aussagen kritisch zu beurteilen.
Also, die Autorin ist jetzt im 3. Semester, "geoutet" hat sie sich anscheinend schon im ersten, imho ein Fehler. Ich habe selber bekannte die schwul sind, und das habe ich von Anfang an wenn nicht gewusst, aber geahnt, obwohl sie sich bei mir nie "geoutet" haben. Im neuen Kollektiv erzählt man ja auch nicht welche Pronodarstellerin oder Fussballmannschaft man mag, weil das auch solche Sachen sind, mit denen man sich schnell Feinde machen kann. Aber nein, statt einfach "nein, ich habe keinen Freund" zu sagen (obwohl das auch Wahrheit gewesen wäre) muss man unbedingt alle über sein Schwulsein informieren. Statt bestimmte Sachen zu verschweigen oder das unangenehme Thema zu wechseln (gehört eigentlich auch zur Toleranz), spuckt man - wohlwissend über mögliche Konsequenzen - alles raus und wundert sich dann warum alle so feindselig sind.Wenn die Autorin und ihre Freundin beide Geisteswissenschaften studieren, dann sollten sie schon einiges über menschliches Verhalten wissen - ob das gut oder schlecht, ob im Sinne des Antidiskriminierungsgesetzes oder nicht - es gibt halt Dinge, über die man lieber schweigen soll, zumindest am Anfang. Wenn dich aber alle schon kennen und dich ohne Vorurteile als einen Menschen, als eine Person einschätzen können, dann brauchst du dich vielleicht nicht mehr zu outen.PS. Wenn ich in einem Artikel über meine glückliche Ehe auch ein Foto von mir und meiner Frau im Bett zeigen würde (wie die Autorin in diesem Artikel), wäre ich bestimmt auch auf Inakzeptanz gestoßen.
(entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/jk)
(entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/jk)
Schwache These, wenn man Ihre These umkehrt, heisst Sie, dass Kinder von heterosexuellen Eltern nur heterosexuell werden. Wie erklaeren Sie sich, dass sich manche Personen trotzdem zum eigenen Geschlecht hingezogen fuehlen?Was ist fuer Kinder wohl besser, in einem Waisenhaus grosszuwerden, oder zwei homosexuelle Adoptiveltern zu haben?
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