Wenn Henry Borgwardt, 21, das Wort Bachelor hört, winkt er ab, zu schlecht sind seine Erfahrungen. Dabei studiert er gar nicht auf Bachelor. Borgwardt gehört zu den »Alten«: Er ist an der Universität Rostock im fünften Semester für Wirtschaftsingenieurwesen eingeschrieben – auf Diplom. Vor anderthalb Jahren wurde sein Studiengang zum letzten Mal angeboten, seitdem hat sich vieles verändert. Die Termine der Pflichtkurse orientieren sich nun an den Zeitplänen der Bachelorstudenten. Die alten Diplomstudenten müssen sehen, wo sie bleiben.

»Wir werden schlicht benachteiligt. Viele Kurse können wir wegen Parallelveranstaltungen gar nicht belegen«, beschwert sich Borgwardt. Zu den einzig möglichen Terminen seien die Räume überfüllt. Diplomstudenten müssten frustriert nach Hause gehen. Borgwardt macht die Universität verantwortlich: »Die denken sich wahrscheinlich, sie bieten einen Kurs viermal an, und dann regelt sich das schon von alleine.«

Wie es sich anfühlt, eine sogenannte Altstudierende zu sein, erfuhr auch Véronique Lutz, 29. Sie hat vor Kurzem ihre Magisterprüfung in Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Stuttgart abgelegt. Lange machte sie sich um ihren Abschluss Sorgen, musste ihn sogar verschieben. »Es wurden nicht mehr genügend Pflichtseminare zur Soziologischen Theorie angeboten, um zügig studieren und die Leistungsanforderungen erfüllen zu können«, klagt Lutz. Erst 2011 wird ihr Studiengang vollständig eingestellt, doch schon in den vergangenen Semestern herrschte Informationsmangel: »Die Vorlesungsverzeichnisse wiesen nur noch sporadisch darauf hin, welche Lehrveranstaltungen für Magisterstudenten verpflichtend sind und wie die neuen Bachelorkurse in unserem Studiengang angerechnet werden.«

Mit ihren Erfahrungen sind Henry Borgwardt und Véronique Lutz nicht allein. Immer mehr Hochschulen stellen im Rahmen des Bologna-Prozesses auf die neuen internationalen Bachelor- und Masterstudiengänge um. Das Problem: Wer einen Diplom-, Magister- oder alten Lehramtsabschluss anstrebt, wird dabei häufig vernachlässigt. Hannes Ortmann, 23, vom Asta der Universität Potsdam kennt die Schwierigkeiten: »Bis zum endgültigen Auslaufen der alten Studiengänge ist die Uni zwar noch verpflichtet, Veranstaltungen anzubieten, allerdings tut sie das in immer geringfügigerem Maße.« Außerdem würden Bachelor- und Masterstudenten teilweise deshalb bevorzugt, weil ihnen kurze Studienzeiten garantiert würden, klagt Ortmann. »Das Problem wird sich noch verschärfen.«

So heißt es vielerorts: alt versus neu, M.Sc. Environmental Engineering versus Diplom-Umwelttechnik. Wie sich die Situation bundesweit entwickeln könnte, zeigt das Beispiel Berlin. Die dortigen Hochschulen gehören zu den Pionieren der Studienreform. Im Sommersemester 2007 waren in der Hauptstadt bereits 81 Prozent des Studienangebotes umgestellt, der Bundesdurchschnitt lag bei 48 Prozent. Altstudenten wird in Berlin ein sogenannter Vertrauensschutz gewährt: Innerhalb der Regelstudienzeit plus zwei Semestern soll jeder die Möglichkeit haben, sein Studium zum Abschluss zu bringen.

Was danach folgt, ist ungewiss. Laut einer von Studentenvertretern initiierten Erhebung an der Berliner Humboldt-Universität meinen immerhin ein Drittel der Altstudenten, es innerhalb der »Schutzfrist« angesichts der Lehrsituation nicht schaffen zu können. Thomas Richter, Sprecher der Humboldt-Universität, kennt diese Befürchtungen, rät aber zu Optimismus: »Es ist unser Ziel, unsere Studenten zu einem erfolgreichen Studienabschluss zu bringen, möglichst in der Zeit des Vertrauensschutzes. Wo dies nicht möglich ist, suchen wir nach Individuallösungen – für einzelne Studiengänge oder einzelne Studenten.«

Auf die Frage, warum es überhaupt zu Umstellungsschwierigkeiten kommt, antworten die Hochschulen meist mit finanziellen Argumenten. Die Einführung der neuen Studiengänge und das doppelte Lehrangebot für neue und alte Studiengänge kosteten Geld, das schlicht nicht vorhanden sei. Ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebener Bericht stützt dieses Argument. Er kritisiert, den Hochschulen seien keine zusätzlichen Lehrkapazitäten zur Verfügung gestellt worden. Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, findet klare Worte: »Länder und Bund müssen endlich angemessene finanzielle Bedingungen schaffen und damit ihren Beitrag zum Erfolg der Reform leisten.« Nur mit mehr Personal könnten die Hochschulen ihren Ausbildungsauftrag erfüllen, so Wintermantel.