In der Mensa der Humboldt-Uni zu Berlin sitzt Jens Friebe skeptisch vor Kohlrabi in Senfsoße. Sein Bruder nimmt nur Kaffee. Beide sind irgendwann zum Studium in Berlin gelandet, beide haben es nicht beendet wie geplant. Jens, 32, der Musiker und Feuilleton-Liebling, der in diesem Jahr seine dritte Platte veröffentlicht hat, ihr Titel:"Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache, Dir ist nichts passiert" – und Holm, 35, der Autor, vor allem bekannt für sein BuchWir nennen es Arbeit. Darin beschrieb er die "digitale Bohème": Selbstständige, deren Büros die Großstadtcafés sind, in denen sie ihren Laptop aufklappen.

ZEIT Campus: Fragen Ihre Eltern manchmal noch: Wann macht ihr mal was Anständiges?

Holm Friebe: Als Jens zwölf war, hat meine Mutter mich gefragt, ob ich das denn gut fände, dass er die ganze Zeit am Klavier säße. Andere Kinder würden wenigstens was mit Computern machen. Eine denkwürdige Überlegung. Die saßen nämlich alle am Computer und spielten.

Jens Friebe: Seit 2002 sorgen sich meine Eltern nicht mehr so sehr, seit meiner ersten Platte. Wenn man das erste Mal in der Zeitung steht, legt sich das.

Holm: Mein Vater wollte, dass ich BWL studiere, um seine Steuerberatungspraxis zu übernehmen. Ich habe artig angefangen, dann aber auf VWL gewechselt. Sein Widerstand gegen meinen Weg ist über die Jahre gebröckelt. Zu Wir nennen es Arbeit sagte er nur: Selten ist Faulheit so eloquent in so viele Worte gefasst worden.

ZEIT Campus: In dem Buch loben Sie das Leben als Freiberufler. So arbeiten Sie ja beide: keine Festanstellung, aber viele gute Kontakte, durch die Aufträge entstehen. Ein klassisches Netzwerk. Sie, Holm, nennen es allerdings charmanter "den Schwarm".

Holm: In klassischen Karrieren heißen diese Seilschaften Filz oder Vitamin B. Man sollte dafür die Freundschaft wiederentdecken. Nicht als Wellness-Naherholungsbereich, in dem man sich von dem ablenkt, was einem der Job so zumutet– sondern als produktives Zentrum des Lebens.

ZEIT Campus: Aber das heißt doch auch, die Freundschaft zu ökonomisieren.

Holm: Die Freundschaft in etwas Produktives zu verwandeln, tut ihr ganz gut.

Jens: Aber du hast immer die Schattenseite der Selbstökonomisierung: Dein Chef ist dein bester Freund, und dein bester Freund dein Chef.

Holm: Wie gehst du denn damit um, dass du als Chef der Band den Kuchen aufteilst und deinen Bandmitgliedern – die ja viel mehr sind als nur das – ihr Honorar gibst?

Jens: Die kriegen mehr als ich. (lacht) Aber das ist natürlich ein Problem. Das Networking – nicht nur in der Musikszene – schafft auch Hierarchien. Zum Glück sind wir kein Wirtschaftsunternehmen wie Bon Jovi, wo Jon Bon Jovi seinen Bassisten nach 20 Jahren Freundschaft rauswirft, weil er sich verspielt hat.

ZEIT Campus: Haben Sie Ihre Seilschaften damals an der Universität geknüpft?

Jens: Die meisten Menschen, die später wichtig waren, habe ich nicht an der Uni getroffen, sondern abends auf Konzerten. Die Uni ist nicht unbedingt dafür geeignet, Menschen von ihrer interessantesten Seite kennenzulernen.

Holm: Neben meinem VWL-Studium habe ich in Berlin auch in die Kulturwissenschaften reingeschnuppert. Die waren schon ein Durchlauferhitzer für die gesamte Off-Kulturszene.

ZEIT Campus: Kann diese "Schwarm"-Bildung außerhalb der Großstädte tatsächlich funktionieren?

Holm: Als Nichtschwimmerbecken sind kleine Uni-Städte wie Münster hervorragend. Dort habe ich angefangen. Man hat ein dankbares Publikum, schließlich gähnt dort kulturelle Wüste.

Jens: Ich will gar nicht wissen, wie diese Städte in zehn Jahren mal aussehen. Das kulturelle Leben wird dort von den Studenten getragen. Wie sollen die das noch machen, wenn sie alle in drei Jahren durch den Bachelor gepeitscht werden?