Geisteswissenschaften
Der Tod des promovierten Taxifahrers
Die Berufsaussichten von Geisteswissenschaftlern werden oft schlechtergeredet, als sie sind. Sieben Fragen und Antworten zu Jobperspektiven, Branchen und Gehalt
Was sollte ich neben dem Studium lernen? »Vertiefte IT-Kenntnisse sind wichtig«, sagt Michael Weegen vom Institut Studienwahl und Arbeitsmarkt an der Uni Duisburg (ISA). Und das, was alle Arbeitgeber gern verlangen: Sozialkompetenz, gutes Englisch, zusätzliche Fremdsprachen. BWL-Kenntnisse helfen auch. Wer später in der Wirtschaft arbeiten will, braucht sie sogar fast zwingend.
Kommt es auf meine Abschlussnote an? »Sie ist zweitrangig – wenn sie nicht gerade schlechter als befriedigend ist«, sagt Weegen. Allerdings nicht überall. Unternehmensberatungen erwarten zum Beispiel, wenn sie Geisteswissenschaftler einstellen, exzellente Noten.
Ist es besser, nach dem Studium zu promovieren oder früh in den Job zu gehen? In manchen Berufen ist der Doktortitel unverzichtbar. Zum Beispiel bei Kunsthistorikern, die in einem Museum arbeiten wollen. Für die meisten aber gilt, was Cem Bayazit vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln sagt: »Lieber den frühen Berufseinstieg wählen, so können früh Kompetenzen aufgebaut werden.« Wer will, kann später immer noch promovieren.
Wo soll ich mich bewerben? Zum Beispiel in der PR oder der Unternehmenskommunikation, bei Werbeagenturen, Kulturbetrieben, Personalabteilungen oder Beratungsfirmen; außerdem natürlich in klassischen geisteswissenschaftlichen Branchen. Laut der Arbeitsagentur suchten im Jahr 2006 besonders Bildungseinrichtungen, Interessenvertretungen und Sozialverbände nach Geisteswissenschaftlern.
Habe ich auch bei einem Wirtschaftsunternehmen eine Chance? »Ja. Unbedingt«, sagt ISA-Experte Weegen. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass 86 Prozent der befragten Unternehmen die »interkulturelle Kompetenz« für immer wichtiger halten, zum Beispiel in Verhandlungen oder bei der Informationsbeschaffung. Und diese Kompetenz haben viele Geisteswissenschaftler.
Wie gut sind die Aussichten für Geisteswissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt? Viel besser, als immer behauptet wird. »Der promovierte Taxifahrer ist, von Ausnahmen abgesehen, auf dem Weg zum Mythos«, sagt Weegen. Fast 50Prozent der Unternehmen beurteilen laut einer Umfrage die Berufschancen von Geisteswissenschaftlern als gut oder sehr gut. Weil Geisteswissenschaftler meist nicht auf ein konkretes Berufsziel hinstudiert hätten, dauere die Jobsuche aber oft länger als zum Beispiel bei Ingenieuren oder Medizinern, sagt Weegen.
Welches Einstiegsgehalt kann ich erwarten? Laut einer Statistik des Hochschul-Informations-Systems starten Geisteswissenschaftler im Schnitt mit einem Bruttoverdienst von 2000Euro in ihren ersten Job.
- Datum 4.4.2008 - 08:47 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 02/2008
- Kommentare 26
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Fasziniert hat mich Ihre Abbildung gleich zu Beginn des Artikels. Mit 1,2 und 3 sind die Tasten auf der Tastatur beschriftet, die man benötigt, um Inhalte zu kopieren und wieder einzufügen. Mit "Copy-Paste" zur Promotion. Haben Sie dieses Bild aus Ihrer Datenbank erhalten, nachdem Sie den Suchbegriff "Geisteswissenschaftler" und "Promotion" einegeben haben?
@MeyselStimmt doch gar nicht. Auf dem Bild sind Alt-X und Alt-C abgebildet. Für's Kopieren braucht man Strg-C-Strg-V. Für meine Promotion habe ich übrigens letzteres sehr häufig gebraucht, um nämlich Zitate aus den zahlreichen Exzerptedateien im Haupttext unterzubringen - die musste ich allerdings sorgfältig aus den Quelltexten kopieren - der süffisante Seitenhieb gegen geisteswissenschaftliche Promotionen ist also wie üblich unnötig.
Abgebildet ist eine Mac-Tastatur, und (1) Apfel- bzw. Command Taste festhalten (2) C tippen (3) V tippenist tatsaechlich der allgemeine Paste-And-Copy Handgriff.Was sagt das jetzt ueber geisteswissenschaftliche Promotionen?
Liebe ZEIT,Der Kommentar-Editor ist ein ausgesprochen schlechter Witz.Das hat zwar nichts mit dem Artikel zu tun, aber man kann es trotzdem leider nicht oft genug sagen.
@neleabelsEs ging um die Auswahl des Fotos, dass dieses Klischee (wahrscheinlich unwissentlich) bedient. Das hat mich amüsiert. Ich habe mir den Vorgang vorgestellt, wie es zu diesem Foto kam. Nun hat sich der Ersteller sicher etwas gedacht, genau diese Tasten zu beschriften. Nur derjenige, der evtl. "Promotion" in der Bilddatenbank eingegeben hat, hat daraus dann eben den Untertitel zu der Abbildung daraus gemacht: "Schritt für Schritt" und nicht weiter groß drüber nachgedacht. Es tut mir leid, wenn Sie sich als Geisteswissenschaftler angegriffen gefühlt haben. Sie haben es sicher schon so schwer genug, das war keine Absicht.
...war natürlich auch nicht vor dem Hintergrund gemeint, dass Sie Geisteswissenschaftler sind, solche Verallgemeinerungen lägen mir völlig fern! Da dürfen Sie mich bitte nicht falsch verstehen.Sie war nur der Tatsache geschuldet dass Sie sofort einen Seitenhieb vermutet haben. Und Ihnen mit der Auffassung "Stimmt ja gar nicht" auch offensichtlich nicht mehr die Zeit blieb, Ihre falsche Hypothese bezüglich der X und C Tasten zu prüfen. Was sicher viel einfacher gewesen wäre, als eine Dissertation zu schreiben, da man ja das N auf dem Bild ganz gut erkennen kann.
TiSe Um mal sinnvoll beim Artikel zu bleiben: Ich hatte eh den Quatsch über den Geisteswissenschaftler als Taxifahrer nie ernst genommen, da die Geisteswissenschaften gerade in ihrer Universalität unerlässlich sind. Leider wurde damit auch oft ein Klischee geschürt, das die Studenten in Studiengänge wie Medizin und Ingenieurwesen trieben. Wenn man sich aber anschaut, dass ca. 70 % aller Medizin-Studenten in die Wirtschaft gehen und nicht zu Ärzten werden, sondern viel mehr der Pharmaindustrie helfen den Kranken das Geld aus der Tasche zu ziehen oder ein Patienten unfreundliches Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten, ist es vielleicht nicht schlimm, wenn man in ein Klischee fällt. Ingenieurwesen bietet auch ein interessantes Feld, wie lange wird schon danach geschrieen, dass Ingenieure gebraucht werden, das sind schon so einige Jahrgänge bei den Ingenieursstudenten. Wo sind die denn alle hin? Vergessen wir mal die Mediziner oder Ingenieure und tun alle Spezialisten zusammen. Geht das überhaupt? In Wirklichkeit können doch Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen gar nicht miteinander verständlich kommunizieren, da sie ihr entsprechendes Fachchinesisch sprechen. Leider gibt es nur wenige, die sich aus dem Problem heraus mit der anderen Disziplin auseinandersetzen, um in der Kommunikation voran zu kommen. Der Großteil ruht sich vielmehr auf seinem Disziplinen-Wissen, so etwa in der Art: "Ich habe meinen Teil dazu beigetragen. " Da liegen dann hoch entwickelte und fortschrittliche Erkenntnisse, die nicht zusammenpassen, wie auch, wenn die Spezialisten nicht miteinander sprechen können und die Erkenntnisse entsprechend anpassen. Der Laie ist dabei auch ein Spezialist, denn er ist irgendwie der Konsument. Das Problem bleibt also bestehen, keine wirkliche Kommunikation. Was nun? Wie wäre es mit annähert dem Universellen, wie ein Geisteswissenschaftler, zu diesem Bereich gehören schließlich einige Disziplinen, in denen Kommunikation großgeschrieben wird und auch die Fähigkeit zum Anpassen. Das Leben lange Lernen ist des Geisteswissenschaftlers Disziplin und dabei das Finden des Konsens zwischen den Spezialisten. Für mich ist der Geisteswissenschaftler mehr als man ihm leider zuspricht und leider wird er für seine eigentlich unverzichtbare Eigenschaft zu gering geschätzt.
Ich muss meinem Vorgänger (TimmyS) in einem Punkt widersprechen. Auch wenn natürlich die Theorien in „fachchinesisch“ geschrieben werden, gibt es immer wieder Annäherungsversuche und oft sogar interdisziplinäre Forschung, die erfolgreich betrieben wird.Das „Zentrum für Wissenschaftstheorie“, ein philosophisches Zentrum an unserer Universität, sucht regelmäßig den Austausch mit anderen – vor allem naturwissenschaftlichen - Disziplinen. Das Fesselnde ist hierbei, bestimmte Probleme aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen. Es gibt viele Dinge, denen sich der Geisteswissenschaftler nicht bewusst ist, die dem Naturwissenschaftler aber jedem Tag vor Augen sind. Und umgekehrt kann der Naturwissenschaftler seine Disziplin mit anderen Augen sehen, wenn er eine distanzierte und zugleich philosophische Position einnimmt.Zudem ist der interdisziplinäre Austausch keine Erfindung der letzten Jahre. Zu diesem Thema empfehle ich: Werner Heisenberg, Der Teil und das Ganze, München 1996.
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