Psychologie Niemand ist frei

Ein Gespräch mit dem Gehirnforscher Gerhard Roth über schwierige Entscheidungen, den freien Willen und warum Menschen ihr Verhalten nur schwer ändern können

ZEIT Campus: Professor Roth, warum sind Sie heute Morgen überhaupt aufgestanden?

Gerhard Roth(lacht) : Weil ich ein hinreichendes Pflichtbewusstsein habe und weil ich es gewohnt bin, an Wochentagen ein striktes Arbeitsprogramm zu absolvieren.

ZEIT Campus: Bei Ihnen ist also der Wunsch, im Bett zu bleiben, nicht so stark wie das Motiv: Ich muss meine Pflicht tun?

Roth: Die Entscheidung zwischen Aufstehen und Liegenbleiben ist natürlich ein Kampf. Wie schwer der ist, bedingen zum größeren Teil die Gene und das Temperament, zum kleineren die Erfahrungen. Es gibt Menschen, die trainieren jahrelang das Frühaufstehen, aber ohne großen Erfolg.

ZEIT Campus: Wie trifft das Gehirn diese relativ einfache Entscheidung?

Roth: Das Gehirn funktioniert bei Entscheidungen und Verhaltenssteuerung auf vier Ebenen. Es gibt zunächst die untere limbische Ebene. Dort steckt das drin, was man als Temperament bezeichnet und was weitgehend genetisch bedingt ist. Eltern mit mehreren Kindern wissen, dass Menschen von Geburt an ein unterschiedliches Temperament haben. Auf dieser untersten Ebene des Gehirns heißt es dann zum Beispiel: Ich möchte lange schlafen. In der Ebene darüber, der mittleren limbischen Ebene, finden die Vorgänge der emotionalen Konditionierung sowie unsere individuelle und psychosoziale Erfahrung statt. Dort steckt auch der Antrieb, sich zusammenzureißen und gegen das Langschläfer-Temperament anzugehen. Dann folgt die obere limbische Ebene, die Ebene der bewussten sozialen Erfahrungen und der Verhaltensregeln. Dort fällt einem ein, was man alles noch zu tun hat und dass man jetzt wirklich rausmuss. Darüber gibt es eine vierte, kognitiv-rationale Ebene, aber die spielt bei so einer Entscheidung keine Rolle.

ZEIT Campus: Wenn wir morgens aufstehen, findet also jedes Mal ein Kampf zwischen all diesen Ebenen statt?

Roth: Ja, zwischen Temperament, der emotionalen Konditionierung und der sozial motivierten Angst, dass mein Chef mich rauswerfen könnte, wenn ich zu spät komme.

ZEIT Campus: Was läuft dabei genau ab?

Roth: Die beiden unteren Ebenen geben weitgehend den Rahmen für die Vorgänge auf den höheren Ebenen vor. Ein Beispiel: Sie kriegen einen Anruf vom Chef, dass Sie morgen zu einen Termin nach München müssen. Leider hat auch Ihre Freundin Geburtstag. Die kognitive Ebene des Gehirns – ganz oben– erklärt Ihnen ganz unemotional, welche Alternativen Sie haben. Die bewusste emotionale Ebene eine darunter wägt die Konsequenzen ab: Was macht die Freundin, was der Chef bei einer Absage? Die wirklich wichtige Ebene liegt aber noch tiefer im Unbewussten: Dort spielen Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle, zum Beispiel Selbstwertgefühl oder Bindungsvertrauen. Wenn die Beziehung mit dem Lebenspartner die wichtigste Bindung in Ihrem Leben ist, könnten Sie panische Angst bekommen, verlassen zu werden. Oder Sie suchen Anerkennung, sind sehr karrierebewusst, dann fragen Sie sich, was aus Ihnen werden soll, wenn der Chef Sie rausschmeißt. Tief im Gehirn kämpfen frühkindliche Bedürfnisse miteinander.

ZEIT Campus: Ich kann mich also mit rein rationalen Argumenten nicht gegen meine emotionalen Bedürfnisse durchsetzen?

Roth: Nein. Was Sie dagegen tun können: Bewusst Emotionen wachrufen. Stellen Sie sich vor, wie Ihr Chef tobt, wenn Sie den Termin absagen. Machen Sie sich also selber Angst. Emotionen lassen sich nur durch Emotionen bekämpfen.

ZEIT Campus: Wie viele Faktoren kann das Gehirn überhaupt abwägen?

Roth: Auf unserer bewussten Ebene können wir maximal drei, meistens sogar nur zwei Faktoren miteinander verrechnen. Darüber wird eine Entscheidung qualvoll, da wir die Faktoren nicht mehr auf die Reihe kriegen. Es ist beeindruckend, wie begrenzt unser Verstand bei rationalen Entscheidungen ist. Mehr kluge Ratschläge sorgen also eher für weniger Klarheit.

ZEIT Campus: Trotzdem treffen wir auch komplexe Entscheidungen wie die Wahl eines Studienfachs. Dabei gibt es deutlich mehr als zwei Alternativen und unzählige Faktoren.

Roth: Es gibt einen Trick, die begrenzte Ebene des Bewusstseins zu umgehen, nämlich die Sache eine halbe Ebene nach unten zu schieben: aus dem Arbeitsgedächtnis ins Vorbewusste. Diese Ebene kann sehr viele Faktoren parallel miteinander verrechnen. Setzen Sie sich erst bewusst-rational mit den Argumenten auseinander, aber vertagen sie die Entscheidung. Lenken Sie sich ab, schlafen Sie drüber. Die vorbewussten, intuitiven Netzwerke in Ihrer Großhirnrinde erledigen den Job für Sie.

ZEIT Campus: Können intelligente Menschen sich eigentlich besser entscheiden als weniger intelligente?

Roth: Ja. Intelligente Menschen sind nicht nur rational, sondern auch intuitiv besser. Ihr Vorbewusstes funktioniert einfach effektiver. Ohne dass sie darüber nachdenken, können sie mehr und schneller Faktoren miteinander verrechnen.

ZEIT Campus: In Ihren Arbeiten schreiben Sie, dass der Mensch in seinen Entscheidungen berechenbar ist. Warum ist das so?

Roth: In aller Regel kann man nach längeren Beobachtungen individuelles menschliches Verhalten ganz gut vorhersagen, weil Menschen aufgrund ähnlicher Erfahrungen und Motive sich in ähnlichen Situationen auch ähnlich verhalten. Die subjektiv empfundene Freiheit einer Entscheidung ist eine Illusion, ich werde stets durch meine Motive bestimmt. So wird von mir heute Abend erwartet, dass ich zu einem Vortrag gehe. Ich könnte auch etwas ganz anderes tun, aber ich tue es nicht, eben weil meine Motive mich genau in diese Richtung lenken.

ZEIT Campus: Sie könnten doch auch ein Risiko eingehen und einfach nicht erscheinen.

Roth: Aber auch Risikofreude ist etwas, das durch einen sich selbst bestätigenden Prozess gelernt wird. Als Kind ist man noch relativ variabel in seinem Verhalten, aber die Persönlichkeit zieht sich immer weiter zu, weil jede erfolgreiche Entscheidung sich einbrennt und die nächste Entscheidung vorbedingt. Wenn etwas gut läuft, dann merkt mein Gehirn sich das, und so bilden sich Gewohnheiten aus. Diese Gewohnheiten machen Entscheidungen leichter, weil sie nicht mehr bewusst getroffen werden müssen. Die Umwelt wird dadurch übersichtlicher und der Mensch berechenbar. Glücklicherweise. Wir sind auf unsere Mitmenschen angewiesen, und nichts ist in einer Gruppe schlimmer als ein Mensch, dessen Verhalten nicht vorhersagbar ist.

ZEIT Campus: Kann man dieses gewohnte Verhalten überhaupt ändern?

Roth: Nur sehr schwer, nur in begrenztem Maße und nur in kleinen Schritten.

ZEIT Campus: Was ist mit dem Studenten, der jede Hausarbeit auf den letzten Drücker schreibt, obwohl er weiß, dass es falsch ist? Wie kann er sein Verhalten ändern?

Roth: Er muss gegen einen tief sitzenden Impuls arbeiten. Das geht, wenn überhaupt, nur dadurch, dass er sich kleine, erreichbare Ziele setzt und sich danach belohnt. Deswegen sollte er bei einer Hausarbeit auch immer mit dem leichtesten Teil anfangen, das gibt Erfolgserlebnisse – also eine Belohnung –, und das schafft Mut. Das Wichtigste ist, sich immer wieder vorzustellen, wie toll das ist, wenn man fertig ist, einen guten Job bekommt und von der Familie und den Kollegen gelobt wird.

ZEIT Campus: Aber das ist ja nur die Erwartung einer Belohnung. Ist die denn genauso gut wie eine Belohnung selbst?

Roth: Sogar noch viel wichtiger. Was uns antreibt, ist nicht so sehr die Belohnung, sondern die Erwartung dieser Belohnung.

ZEIT Campus: Aber grundsätzlich wäre es möglich, sich selbst so abzurichten, dass man früher aufsteht, pünktlicher ist oder seine Arbeit rechtzeitig erledigt?

Roth: Ob und inwieweit ein Mensch sich selbst stark ändern oder durch andere geändert werden kann – das ist weitgehend Veranlagung. Es gibt ein Drittelgesetz in der Psychotherapie: Ein Drittel der Menschen ist gut therapierbar, ein Drittel mäßig, ein Drittel nicht. Das gilt auch hier. Man kann sich nur unter günstigen Umständen und in engen Grenzen ändern: wenn man ein bestimmtes Temperament hat und wenn die Gene und frühkindlichen Prägungen es zulassen. Die Ratgeberliteratur gaukelt einem vor, dass man sich ändern könne, wenn man nur wolle. Das stimmt nur begrenzt. Und man vergisst etwas Entscheidendes dabei: Veränderung muss man wollen. Doch der Wille ist nicht so frei, wie viele gern glauben, er wird wesentlich von unserer unbewussten Erfahrung gesteuert.

ZEIT Campus: Schopenhauer schrieb: »Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will.« Hat er recht gehabt?

Roth: Ja. Die Arbeit von Schopenhauer ist wohl die beste, die je über den freien Willen geschrieben wurde. Der Mensch hat zwar einen Willen, aber er kann diesen Willen nicht selbst willentlich beeinflussen. Das ist auch logisch unmöglich: Wenn wir unseren Willen beeinflussen könnten – wodurch würde der Wille, der unseren Willen treibt, beeinflusst? Wieder durch einen Willen, einen dritten, vierten, fünften? Schon seit dem Mittelalter haben kluge Menschen dieses Problem der willentlichen Willenssteuerung erkannt.

ZEIT Campus: Gibt es überhaupt Entscheidungen, die der Mensch völlig frei trifft? A oder B, Aufstehen oder Liegenbleiben?

Roth: Unser Strafrecht beruht auf der Annahme, dass das möglich sei und der Mensch die objektive Fähigkeit habe, sich für das Recht und gegen das Unrecht zu entscheiden, und selbst wenn jemanden alle seine Lebensmotive zur Tat trieben, gäbe es immer noch die Möglichkeit, Nein zu sagen. Aber: Selbst dieses Neinsagen muss durch irgendetwas motiviert sein, sonst wäre es zufällig. Motivdeterminiertheit und das Gefühl der Freiheit schließen sich nicht aus: Meine Motive bilden ein so komplexes Netzwerk, dass es für mich undurchschaubar ist. Wenn kein innerer und äußerer Zwang erlebt wird und ich nicht zu viel und nicht zu wenig Auswahl habe, fühle ich mich also frei– obwohl ich determiniert bin.

Gerhard Roth, 65, ist Hirnforscher, Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs und Direktor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. Er studierte Philosophie, Musikwissenschaft, Germanistik und Biologie und promovierte in Zoologie und Philosophie. 2007 erschien sein Buch »Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern«. Klett-Cotta; 349 S., 24,50 Euro

Interview: Philipp Schwenke .

 
Leser-Kommentare
  1. Unter der Ueberschrift 'Freier Wille' werden in diesem Interview ungefaehr ein dutzend Themen besprochen hinter der ein riesiger Berg von teils widerspruechlicher Literatur steht.
    Zum Beispiel:
    "Es gibt einen Trick, die begrenzte Ebene des Bewusstseins zu umgehen, nämlich die Sache eine halbe Ebene nach unten zu schieben: aus dem Arbeitsgedächtnis ins Vorbewusste. Diese Ebene kann sehr viele Faktoren parallel miteinander verrechnen. Setzen Sie sich erst bewusst-rational mit den Argumenten auseinander, aber vertagen sie die Entscheidung. Lenken Sie sich ab, schlafen Sie drüber. Die vorbewussten, intuitiven Netzwerke in Ihrer Großhirnrinde erledigen den Job für Sie." - Diese These ist, unter anderem, kuerzlich von Ap Dijksterhuis (2004, 2006a, 2006b) im Bereich der Entscheidungsprozesse propagiert worden. Zuvor allerdings hatten wir jahrelang kognitive Modelle welche die beste Loesung komplexer Fragestellungen gewichteter Auswertung von Optionen zugeschrieben haben. Die Gewichtung laesst sich besser bewusst als unbewusst durchfuehren. Eine Meta-Analyse von Acker die naechsten Monat im Journal of Judgement and Decision Making erscheinen wird, bestaetigt dies.
    Auch ansonsten wandeln Doktor Roths Ausserungen merkwuerdig an. Das Argument, freier Wille existiere praktisch nicht, da jede Taetigkeit auf eine Form der Belohnung (oder aber die Abwehr von Unannehmlichkeiten) ausgerichtet sei ist wenig hilfreich. Tatsaechlich kann ich mir schlecht vorstellen warum irgendjemand sich selbst den groesstmoglichen Schaden zufuegen sollte. Das allerdings hat wenig mit unserem subjektiven Empfinden von freiem Willen zu tun und kann zu bizarren Erklaerungen fuehren: Angenommen ich wollte, im Sinne Camus, beweisen, dass ich freien WIllen habe und waehle daher den Freitod, obwohl mir das Leben doch sehr lieb ist. Roth muesste nun argumentieren, dass mir die Bestaetigung meiner These mehr wert ist (eine groessere Belohnung darstellt), als das Leben an sich. Diese Argumentation deckt sich nicht mit unserem subjektivem Empfinden von freiem Willen und offenbart, das Roths Prinzip eben doch nicht immer gelten kann. Dann gibt es da ja auch noch den literarischen Ansatz, wie er beispielsweise in Luke Rheinhards 'Dice Man' zum Ausdruck gebracht wird, aber das nur als Nebengedanke.Schlussendlich gibt es nicht weiter neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit Freiem Willen und einem Phenomaen das 'Ego-Depletion' genannt wird, was so ungefaher der Auszehrung von Willenskraft entspricht. Hat man sich einmal zu sehr willentlich angestrengt, zum Beispiel um morgens frueh aus dem Bett zu kommen, dann wird die naechste mentale Anstrengung (nicht laut schreien wen man den Bus um eine Minute verpasst hast) umso schwerer - der freie Wille seine Impulse zu kontrollieren laesst nach. Was tun? Am besten ein Snickers essen, denn Glukose reduziert Ego Depletion und laesst daher den Willen erstaerken (Baumeister et al., 2007). Froehliches mampfen!
    Gruesse aus Melbourne,EsCiMater

    • fablen
    • 22.03.2008 um 11:17 Uhr

    Lieber EsCiMater,Das ist gerade das Schwere, natürlich sind unsere Handlungen determiniert. Gott würfelt nicht. Alles ist eine überaus unüberschaubare Abfolge von gegenseitigen Abhängigkeiten. Alles hat einen Vorgänger und einen Nachfolger. Zumindest in einem "überschaubaren" Zeitbereich von wenigen Millionen Jahren. Aber dennoch ist mir das das im Erleben meines Freien Willens egal. Ich erlebe ihn und mich dennoch als Frei. All die Schneckenhaus- Gedanken "verkopfter" Philosophen nützen da auch nichts. Wie jetzt im Einzelnen eine optimale Entscheidung getroffen werden kann, hängt auch davon ab was optimal ist. In der Unternehmensführung ist das sicher berechenbarer als in der Ehe oder Kindererziehung. Ich versuche allen meinen bewussten und unbewussten Entscheidungsebenen einigermaßen zu vertrauen und mich von ihnen getragen zu fühlen. Warum soll ich einen wirklich freien Willen haben, wenn mein Unbewusstes gut für mich sorgt? Mir reicht das Erleben.GrußFablen Berlin

  2. Freud und der Keim seiner Theorien sind in der spiessigen österreichischen Gesellschaft seiner Zeit entstanden, als Antwort auf eben diese Verhältnisse. In dem Zusammenhang haben sie auch quasi eine BefreiungsWirkung gehabt.Aber auf wen das ganze _heute_ noch anwendbar ist, der sollte sich mal bei seinen Eltern beschweren, darüber, dass diese nicht auf der Höhe der Zeit mitgekommen sind.

  3. Dieser Artikel schafft keine Klarheit, sondern hinterläßt Ratlosigkeit. Nähme man ihn als Quintessenz des Forschungsgebietes, käme man zu dem Schluß, daß viele Worte und ein Potpourri gängiger Begriffe den Nebel sicherlich nicht lichten können.
    Den Einstieg (Aufstehen-Liegenbleiben) halte ich für keine überzeugende Wahl. Schon gar nicht, wenn er unter dem Gesichtspunkt des sozialen Druck's von Belohnung und Strafe (Chef = Angst) betrachtet wird. Es gibt auch die einfache, keinem Zwang unterworfene, Überzeugung des Nicht-mehr-Schläfers, daß es nun im Bett einfach langweilig ist. Muß man hier limbische Ebenen bemühen? Ebenen, deren scharfe Abgrenzungen und sicheren (?) Zuordnungen des Verhaltens mir ähnlich überzeugend erscheinen, wie astrologische Deutungen. 
    "Wenn etwas gut läuft, dann merkt sich mein Gehirn das, und so bilden sich Gewohnheiten aus.  Diese Gewohnheiten machen Entscheidungen leichter", heißt es. Wahrscheinlich soll doch hier auch der Umkehrschluß  erlaubt sein: wenn es schlecht läuft, merkt sich das Gehirn dies ebenfalls. Dann aber ginge es bei der Entscheidung nicht mehr um Gewohnheiten, sondern um Erfahrungen. Die Handlung wäre also Folge kognitiver Prozesse und nicht im Bereich der Beliebigkeit (Gewohnheit) versunken.
    Es mag schon sein, daß wir uns - wie behauptet - in ähnlichen Situationen ähnlich verhalten. Nur ist dies kein Hinweis auf die fehlende Freiheit des Willens. Der Schwerpunkt der Betrachtung sollte nicht nur auf dem Verhalten liegen, sondern zuerst auf der auslösenden Situation. Denn der hier insinuierte - allein bestimmende - Automatismus negiert, daß auch eine Analyse/Erkenntnis der Situation, der zu treffenden Entscheidung vorausgehen kann. Wenn sich also aus gleichen Situationen ähnliche Handlungen ableiten, dann gegebenenfalls deshalb, weil dies subjektiv vorteilhaft, vielleicht sogar lebenserhaltend ist und damit die einzig richtige Reaktion. Erfahrung (kognitive Wertungen) und möglicherweise Intuition, wirken hier also zusammen. Schon eine geringfügige Änderung der Ausgangssituation hätte vielleicht eine abweichende Handlung zur Folge. 
    Der Autor scheint überhaupt einem erstaunlich steifen Muster: hier Belohnung (Wohlgefühl), dort Strafe (Unangenehm) zu folgen. Das wird beim Beispiel des Studium's (Hausarbeit) gut sichtbar. Aber nicht nur wegen des guten Gefühls der Belohnung, wie geraten, sollte man (z.B. bei einem Examen)  mit dem leichtesten Teil  beginnen, sondern aus der nüchternen Erkenntnis der Zeiteinteilung: verbeiße ich mich zu Beginn in die schwere - vielleicht unlösbare - Aufgabe, fehlt mir u.U. danach ganz einfach die Zeit, die eigentlich mögliche Lösung der leichteren Aufgaben noch durchzuführen.
    "Mehr kluge Ratschläge sorgen also eher für weniger Klarheit", steht da. Wenn man "Ratschäge" durch Behauptungen ersetzt, könnte dieser Satz hier wahrscheinlich  noch mehr überzeugen. Ich habe grundlegende Zweifel, ob man dem "freien Willen" je zwischen Großhirn und Hirnstamm oder beim Betrachten synaptischer Kontakte auf der Spur kommen kann! 

    • Chi
    • 23.03.2008 um 17:51 Uhr

    Vielleicht liegt ein Problem in der ungeklärten Freiheitsfrage, dass die meisten Menschen mit dem Begriff verbinden:
    Freiheit/frei sein von....
    und zu wenig bedenken, dass es eventuell aber darum geht um
    Freiheit/freiwerden für....
     
    Der Unterschied zwischen den beiden beträgt Welten. Auch Freiheitswelten.
    Freiwerden von ... (Gefangenschaft, Rechtlosigkeit, Hunger, Krankheit und tausend anderem Unbill) ist für die Egopersönlichkeit eine anzustrebende Qualität, die aber ab einem bestimmten (!) Level auch Suchtcharakter bekommen kann und bekommt. Man will immer mehr... MEHR an Freiheit, die sich längst in den Begriff der Freizügigkeit (bis hin zur Zügellosigkeit) verabschiedet hat und dort lockt und verführt.
     
    Freiwerden für ... (Verantwortung, Hilfe, schöpferisches Tätigsein auf allen Ebenen) jedoch geht den anderen Weg (der jedoch eine Mindestbasis von Freiheit von... braucht, die jedoch mindestens 1-2 Milliarden durchaus haben... und damit genug Menschen, um diese zweiseitige Freiheitsalternative sehr konkret für sich privat und kollektiv mal auszutesten.
     
    All die philosophischen Ideen zur Freiheit mögen intellektuell ja spannend sein, entscheidend ist jedoch, ob und wie ich sie lebe und anstrebe. Wie bewusst bin ich mir meiner Freiheitsfallen, die ich mir selbst mit ständigen Wünschen (nach Sicherheit, Wärme, Sattheit, Geborgenheit usw.) denn stelle und immerzu möchte, dass sie mir ein anderer bitteschön schenkt und befriedigt (Eltern, Partner, Chef, Wirtschaft, Staat ).
     
    Freiheit kann nur der in dem Maße leben, wie er sie zunächst auch er- und begriffen hat und diesem Begreifen in seinem eigenen Sosein auch gewachsen ist und sie nicht nur finster rumrhetorisiert, bis man sie nicht mehr erkennt.
     
     
     
    Lesen heißt durch fremde Hand träumen. (F.Pessoa)

  4. ...welche die seit ca. hundert Jahren bekannten Gesetze der Quantenphysik vollständig ignorieren.Erstens ist der mikroskopische Determinismus eindeutig widerlegt. Zweitens, was noch viel wichtiger ist, setzt die Quantenphysik das Vorhandensein eines abstrakten "Beobachters" voraus, dessen Einwirken auf das beobachtete System sich in noch unverstandener Weise in einem Auslösen des "Zufallsgenerators" äußert. Ob und in welcher Weise der Mensch einen freien Willen besitzt ist eine gänzlich unbeantwortete Frage. Es gibt sicherlich stark determinierte Aspekte des menschlichen Handelns, die sich sehr gut durch Modelle beschreiben und vorhersagen lassen. Es leugnet auch niemand, dass sich die Entscheidungsfindung durch äußere Einwirkung stark beeinflussen lässt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die bewusste Erfahrung die der Mensch beim Treffen einer Entscheidung macht gänzlich unverstanden und in ihrem Wesen nach, von sämtlichen bekannten Naturgesetzen grundverschieden ist.

  5. 080325di1954Aber Hallo, liebe Mit-Leut,klaro bin ich frei in meinen Entscheidungen, denn meine Determinanten, das bin auch ich. Und, ich kann mich ja (frei) entscheiden und trotzdem nix tun. Also entscheiden aufzustehen und dennoch liegen bleiben.Wenn aber der "Kleine" nachts auf die Toilette muß, dann erledige ich das inzwischen sofort, denn der gibt keine Ruhe. Und außerdem will ich nicht lebendig tot sein:"Eigentlich sind wir tot, es sei denn wir entscheiden uns."(Martin Heidegger)was ich wie folgt weiterentwickelt habe:"...oder wir werden entschieden."Wenn ich mich gar nicht entscheiden kann und ich habe noch ne Nacht Zeit, dann schlaf ich mit dem Problem, der Aufgabe ein und am Morgen habe ich meist die Lösung. Bekomme ich keine Lösung gebacken, dann habe ich Albpträume - so gut wie nicht mehr. Weil ich mich frei gemacht habe.Also horcht mal tief in Euch hinein, dann bekommt ihr die Antworten auf die gestellten Fragen selber gebacken. Ganz so, wie der Herr Roth auch.Der Roth will sein Buch verkaufen. Was ihm ja keiner verübelt, gelle?Mit herzlichem Gruß und kühl-rauchendem Kopfe
    Ihr Mit-Leid -äh- Mit-Leut
    klaus w.
    Dat KlaKoWa
    Mit Glied der MU - materiellen Unterschicht

  6. auf der wissenschftlichen Landkarte.Bei allem Respekt vor den Erkenntnissen der Wissenschaft, wenns um komplexe, dynamische Prozesse wie die menschliche Psyche geht, dann erscheint ihre analytische Technik unbeholfen, wenn nicht naiv.Kein Musikliebhaber wuerde auf die Idee kommen eine CD mit einem Computertomographen zu lesen, aber genau das tun die Hirnforscher ununerbrochen.Sie wollen einen Film anhand von undeutlichen Eizelbildern lesen, obwohl erst die zeitlich exakt aneinander gereihte Summe aus tausenden von Einzelbildern die Botschaft  deutlich macht.Ich halte mich aus diesem Grund, wenns um die menschliche Psyche geht, lieber an die Literatur, oder die Religion.       

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  • Quelle ZEIT Campus 02/2008
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