ZEIT Campus: Professor Roth, warum sind Sie heute Morgen überhaupt aufgestanden?

Gerhard Roth(lacht) : Weil ich ein hinreichendes Pflichtbewusstsein habe und weil ich es gewohnt bin, an Wochentagen ein striktes Arbeitsprogramm zu absolvieren.

ZEIT Campus: Bei Ihnen ist also der Wunsch, im Bett zu bleiben, nicht so stark wie das Motiv: Ich muss meine Pflicht tun?

Roth: Die Entscheidung zwischen Aufstehen und Liegenbleiben ist natürlich ein Kampf. Wie schwer der ist, bedingen zum größeren Teil die Gene und das Temperament, zum kleineren die Erfahrungen. Es gibt Menschen, die trainieren jahrelang das Frühaufstehen, aber ohne großen Erfolg.

ZEIT Campus: Wie trifft das Gehirn diese relativ einfache Entscheidung?

Roth: Das Gehirn funktioniert bei Entscheidungen und Verhaltenssteuerung auf vier Ebenen. Es gibt zunächst die untere limbische Ebene. Dort steckt das drin, was man als Temperament bezeichnet und was weitgehend genetisch bedingt ist. Eltern mit mehreren Kindern wissen, dass Menschen von Geburt an ein unterschiedliches Temperament haben. Auf dieser untersten Ebene des Gehirns heißt es dann zum Beispiel: Ich möchte lange schlafen. In der Ebene darüber, der mittleren limbischen Ebene, finden die Vorgänge der emotionalen Konditionierung sowie unsere individuelle und psychosoziale Erfahrung statt. Dort steckt auch der Antrieb, sich zusammenzureißen und gegen das Langschläfer-Temperament anzugehen. Dann folgt die obere limbische Ebene, die Ebene der bewussten sozialen Erfahrungen und der Verhaltensregeln. Dort fällt einem ein, was man alles noch zu tun hat und dass man jetzt wirklich rausmuss. Darüber gibt es eine vierte, kognitiv-rationale Ebene, aber die spielt bei so einer Entscheidung keine Rolle.

ZEIT Campus: Wenn wir morgens aufstehen, findet also jedes Mal ein Kampf zwischen all diesen Ebenen statt?