KinoHerrschaft der Hausfrauen

In "Absurdistan" rufen brave Dorffrauen einen Sexboykott aus und errichten ein Matriarchat – weil ihre faulen Männer die Wasserleitung nicht reparieren. von 

Vor sieben Jahren traten die Frauen in dem türkischen Dorf Sirt in einen Streik: Sie warfen ihre Männer aus den Schlafzimmern und verweigerten ihnen den Sex. Der Grund war eine kaputte Trinkwasserleitung im Dorf – welche die Männer wenig scherte, doch die Frauen waren es bald leid, für sauberes Wasser kilometerweit zu laufen. Der Streik wirkte. Nach ein paar Wochen Sexboykott war die Leitung repariert, das Wasser floß wieder, und die Körpersäfte taten es vermutlich auch.

Eine kleine Zeitungsmeldung über den türkischen Sexboykott lieferte dem Regisseur Veit Helmer die Idee zu seinem neuen Film Absurdistan . In einem kleinen Dorf in der Steppe, irgendwo zwischen Europa und Asien, leben die Jugendlichen Aya und Temelko. Seit ihrer Kindheit sind sie einander versprochen. Doch über das Datum der ersten Liebesnacht entscheiden die Sterne, die Ayas Großmutter deutet. Ganze vier Jahre müssen sich die beiden noch gedulden – die Enttäuschung ist groß, denn das Leben im Dorf bietet nicht viel mehr als Eselreiten und Herumstromern.

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Alsbald verlässt Temelko sein Zuhause, um in der Stadt ein Studium zu beginnen. So ist es Tradition. Die Männer sollen in der Fremde lernen, um später mit ihrem Wissen die Geschicke im Dorf zu bestimmen. Tradition ist auch, dass zwei Liebende ihre erste Nacht mit einem gemeinsamen Bad beginnen.

Doch als Temelko aus der Stadt zurückkehrt, sickert das Wasser nur noch tropfenweise aus der Leitung. Die Dorfbewohner sind schmutzig, die Frauen müssen das Geschirr mit trockener Erde sauber reiben, und das Land verdorrt. Doch die Männer stört all das nicht, sie vertreiben sich lieber die Zeit mit Brettspielen und Diskussionen, als sich um die Wasserleitung zu kümmern.

Den Frauen reicht es, und so errichten sie ein Matriarchat. Sie ziehen eine Grenze durch das Dorf, bewaffnen sich und schicken ihre Männer zum Schlafen in den Stall. Temelko jedoch gelingt es schließlich, seine Liebesnacht mit Aya zu retten und Männer und Frauen im Dorf wieder miteinander zu versöhnen.

Regisseur Veit Helmer entführt in Absurdistan die Zuschauer in eine andere Welt. Nicht nur, dass es dieses seltsame Land auf keiner Weltkarte gibt, auch in welcher Zeit sich die Geschichte zuträgt, vermag der Zuschauer nicht so recht zu sagen. Telefone und Autos gibt es zwar, doch die Bewohner sind so schrullig, ihre Kleidung ist so seltsam, die Ausstattung des Films so detailverliebt und fantasievoll, dass man sich fühlt wie in einem irrwitzigen Traum – oder eben in einem sehr fremden Land.

Genau das macht den Zauber dieses Films aus. Tritt man aus dem Kino, fühlt man sich wie beim Verlassen des Flughafenterminals nach einer langen, schönen und aufregenden Reise.

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  • Quelle ZEIT Campus 02/2008
  • Schlagworte Kino | Film
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