Laufbahn Der Zufällige
Er wollte ein Enthüllungsbuch über die Musikbranche schreiben – und wurde Chef von Universal. Tim Renner erzählt: Wie ich wurde, was ich bin
Mit 15 Jahren musste ich eine Schularbeit zum Thema »Hobby« schreiben. Ich habe unabhängige Musikmacher interviewt und daraus eine Kassettenzeitung gemacht, die sich rund tausendmal verkaufte.
Mit 16 Jahren bekam ich daher eine Radiosendung beim NDR. Da telefonierte ich mit Musikkorrespondenten in unterschiedlichen Städten. In München war das ein gewisser Christoph Schlingensief.
Mit 17 Jahren ergab sich der Einstieg in den schreibenden Journalismus. DDR-Punkbands schickten mir ihre Tapes, weil sie in der Sendung vorkommen wollten – und ich fuhr in die DDR und schrieb für das Musikmagazin Sounds über sie.
Mit 19 Jahren begann ich, Germanistik zu studieren. Nach einem Semester wurde ich zum Glück zum Zivildienst einberufen. Die Rentner liebten mich, und ich hatte neben der Arbeit beim mobilen Hilfsdienst viel Zeit – so gründete ich eine Presseagentur für Musikjournalismus.
Mit 20 Jahren wollte ich nicht weiterstudieren, also bewarb ich mich bei einer Journalistenschule. Leider wurde meine Reportage über die Bundeswehr als nicht gut genug befunden, und ich flog in der ersten Runde raus.
Mit 21 Jahren hatte ich dann eine Buchidee: Ich wollte über die Skandale in der Musikindustrie berichten. So bewarb ich mich bei der Plattenfirma Polydor – die mich sofort einstellte. Leider musste ich feststellen: Die Verschwörungstheorien, die man sich als junger Linker ausgearbeitet hat, sind viel intelligenter als die Industrie. Stattdessen fand ich Spaß an diesem Job. Ich begann, Künstler unter Vertrag zu nehmen, die mir selber gefielen, wie Element of Crime und Philip Boa.
Mit 28 Jahren bescherte ich Polydor mit dem Einkauf von Das Boot den ersten Nummer-eins-Hit für 13 Wochen. Danach ging ich zu meinem Chef und sagte: Mir ist nach einer eigenen Firma. So entstand Motor Music als eigenständige Plattenfirma unter dem Dach von Polydor.
Mit 34 Jahren wurde ich Musikpräsident von Universal Music Deutschland, nachdem Universal uns übernommen hatte. Ich merkte schnell, dass das weniger mit Musik zu tun hatte als damit, sich mit Unternehmensberatern rumzuschlagen. Ich entließ 120 Leute, und zum ersten Mal fand ich meinen Job zum Kotzen.
Mit 36 Jahren wurde ich Vorstandschef. Das Headquarter wollte immer weiter sparen, primär auf Weltstars setzen. Drei Jahre später verkündete mein Chef bei einem Treffen weitere Einsparungen. Daraufhin sagte ich selbstbewusst: »Nur über meine Leiche.« Und er sagte: »Dann bist du jetzt tot.« Also ging ich, um nicht als rückgratloser Bettvorleger zu enden.
Mit 40 Jahren brachte ich Motor FM in Berlin auf Sendung, die Namensrechte für »Motor« habe ich gegen 168 nicht beanspruchte Urlaubstage bei Universal eingetauscht. Wir wollen Musik als Ganzes denken: Plattenfirma, Website, den Fernsehsender Motor TV. Aber der Bereich, der mich nach wie vor juckt, ist der Journalismus. Und vielleicht gehen wir irgendwann in Richtung Print. Dann bin ich wieder da, wo ich angefangen habe.
- Datum 19.03.2008 - 04:55 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 02/2008
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nach zufälligen dauerdepressionen, aber es scheint gut zu sein, dass es oben gibt, da fällt das unten nicht so schwer.
oder umgekehrt.
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