Alltag Die Kopfzerbrecher

Der Philosoph ist der Prototyp des Geisteswissenschaftlers. Aber was tut er den ganzen Tag? Zu Besuch in den Studierzimmern dreier Nachwuchsdenker

Erst vor Kurzem wurde Birte Schelling, 29, mal wieder gefragt, was sie beruflich mache. Sie stand mit einer Flasche Astra in der Hand an der Theke einer Kneipe im Hamburger Schanzenviertel. Es war das zehnjährige Abiturtreffen; ab und an nahm sie einen Schluck und war eigentlich ganz zufrieden mit ihrem bisherigen Leben. Bis Mark auf sie zukam, ein ehemaliger Mitschüler, der gerade seine Doktorarbeit in Physik schreibt, und fragte: »Und? Was machst du jetzt so?«

Birte Schelling ahnte, was jetzt kommen würde. »Ich schreibe meine Doktorarbeit. Über den Wissensbegriff. Philosophie!«, schrie sie Mark ins Ohr; der lauten Musik wegen. »Was willst du denn damit?«, schrie Mark zurück. »Und überhaupt: Was machst du da den ganzen Tag? Denken?«

Das Urbild des Philosophen ist jetzt genau 2410 Jahre alt: ein alter Grieche mit Rauschebart namens Sokrates, der so hässlich war, dass er selbst Späße darüber machte. Sokrates hing in der Athener Mittagshitze gern unter Olivenbäumen herum und verwickelte Passanten in verzwickte Dialoge über Wahrheit und die Möglichkeit von Wissen. Er war ein Kauz; trug auch im Winter keine Schuhe und ließ sich, wie alle Athener Geistesgrößen damals, gern mit hübschen Knaben ein. Will man seine Bedeutung ermessen, muss man wissen, dass sein Schüler Platon hieß und dass der ganze Rest der europäischen Geistesgeschichte, wie es in Philosophenkreisen heißt, nur eine Fußnote zu den beiden ist.

Heute tragen Philosophen Schuhe, und sie treiben sich auch nicht mehr in Olivenhainen herum. Aber trotzdem weiß niemand, was sie eigentlich den ganzen Tag über machen. Was das für ein seltsamer Beruf ist, der nur vom Denken handelt und doch offenbar wenig produziert außer komplizierten Texten, über die der Leser noch einmal so viel nachdenken muss wie der Autor, bevor er sie versteht.

Will man Birte Schelling bei der Arbeit besuchen, muss man hoch hinaus. Das Büro der Doktorandin befindet sich im zehnten Stock des Philosophenturms der Hamburger Universität, also fast im Penthouse dieses Elfenbeinturms. Über ihr sitzen nur noch die Slawisten. Darunter: alle anderen Geisteswissenschaften. Oben angekommen, öffnet sich die Tür mit einem »Ping«, und man betritt die Lebenswelt der Denker.

Vermutlich sehen so alle Philosophie-Institute Deutschlands aus und deren Bewohner auch: quietschender PVC-Boden mit dem Charme der sechziger Jahre. Fahles Neonlicht. Schlaksige Kerle in Trenchcoats aus schwarzem Leder. Und genauso viele konservativ gekleidete Männer mit Seitenscheitel. Das sind, erfährt man, meistens die Religionsphilosophen.

Birte Schellings Büro gleicht einer Landschaft mit Gebirgen aus Papierstapeln, in denen der Wind blättert, mit wiesengrünen Sofakissen und einem Uralt-Computer, der ein zufriedenes Brummen von sich gibt. Hier oben thront Birte Schelling, eine eloquente junge Frau mit roten Haaren, die nicht weiß, ob sie mit dem gleichnamigen Großphilosophen Friedrich Schelling verwandt ist, und genießt den Blick aus dem Fenster.

Vielleicht sei das die Essenz ihres Berufs, sagt sie. »Diese Distanz zur Welt, ohne sie dabei aus dem Blick zu verlieren.« Philosophen seien viel entspannter als andere Menschen. Denn gegenüber den großen Menschheitsfragen, über die sie jeden Tag nachdächten, wirkten die Probleme des Alltags so klein wie die Passanten unten auf der Straße. Für Birte Schelling gilt noch das Motto »Philosophie ist eine Grundlagenwissenschaft«. Will heißen: tonangebend für alle anderen Geisteswissenschaften.

Ihre Doktorarbeit beschäftigt sich mit dem Kohärenzbegriff in der Wissenstheorie, manchmal, wenn sie einen Geistesblitz hat, schreibt sie fünf Seiten am Tag. Öfter sitzt sie im Café, diskutiert mit Kommilitonen, rührt in ihrem Milchkaffee und grübelt.

Was tut man, wenn man als Philosoph arbeitet? Das könnte man eigentlich Malte Engel fragen. Wie Birte Schelling ist er 29 und Philosoph von Beruf, ein sanfter Mann mit rostbraunem Kinnbart und einem kleinen Ring im linken Ohr. Er hat eine Promotionsstelle an der Berliner School of Mind and Brain, an der Hirnforscher, Philosophen und Mediziner gemeinsam Fragen des Geistes erforschen.

Was er den ganzen Tag macht, hängt damit zusammen, wo er es tut. Eigentlich wohnt Malte Engel in Berlin-Mitte. Seine Doktorarbeit schreibt er momentan aber lieber in Schlangenbad, einem Dorf im Taunus, ohne Handyempfang, wo seine Eltern wohnen.

Sein Arbeitszimmer dort ist so still, dass einem der Herzschlag in den Ohren pocht. Auf einem Holztisch liegen Wälzer moderner Philosophen, Strawson, Bieri, Wallace, daneben klein bekritzelte Notizzettel, zwei Flaschen Wasser und der Laptop, auf dem gerade der Bildschirmschoner läuft mit Fotografien des verstorbenen Hermeneutikers Hans Georg Gadamer.

Hier sitzt Malte Engel jeden Tag auf einem Stuhl aus Hartholz, morgens vier Stunden zum Schreiben, dann drei Stunden Mittagsschlaf, nachmittags vier Stunden zum Lesen. Momentan liest er gerade R. Jay Wallace, Responsibility and the Moral Sentiments , Kapitel 3.1, den Teil über »moralische Praxis«. Versteht er etwas einmal nicht, springt Malte Engel vom Stuhl auf, geht durchs Zimmer, die Faust vor der Stirn, das ist, wenn man so will, seine Denkerpose. »Das Schönste ist, wenn die Knoten im Kopf platzen und alles auf einmal ganz klar ist.«

Manchmal spricht Malte Engel tagelang mit keinem Menschen außer seinen Großeltern unten im Ort, die er zum Mittagessen besucht. Dann ist der einzige Gesprächspartner Gini, eine kleine Mischlingshündin. Mit ihr streift er durch die Wälder, in denen der Nebel aus dem Rheintal hängen bleibt, blickt hinunter ins Tal auf den Feldweg nach Niedergladbach – und denkt. »Ich konnte schon immer gut nachdenken beim Spazierengehen«, sagt er und klingt ungewollt wie der alte Heidegger, der Frischluftfanatiker und Wandersmann unter den abendländischen Philosophen.

»Heidegger? Ich? Bitte nicht!«, ruft Malte Engel, der alte Meister sei ihm zu geschwollen. Es war Heidegger, der die Philosophie die erste von allen Wissenschaften nannte. Ein stolzes Selbstbild. Aber die Zeit der großen Systemdenker wie Hegel, Kant und Heidegger sei vorbei, meint Malte Engel. »Wir Philosophen sind heute nur noch die Begriffsklärer.«

Man könnte auch sagen, moderne Philosophen sind die freundlichen Pfadfinder im öffentlichen Diskurs, die sagen, welche Denkwege gehbar sind, welche Positionen konsistent und welche widersprüchlich sind. Die man fragen kann, wenn man nicht weiß, ob ein Argument stichhaltig ist. Entsprechend genau müssen philosophische Texte geschrieben sein, sonst führen sie auf die falsche Fährte.

Wenn Malte Engel Philosophie liest, dann schafft er maximal zehn Seiten am Tag. Wenn er schreibt, dann stehen da schmucklose Argumentationsstränge nach dem Muster: erstens, zweitens, drittens. Dann reihen sich in mathematischer Schärfe Begriffsdefinitionen an logische Gleichungen. Für alle X, wobei X Element ist von Q, gilt, dass wenn P, dann auch X. Und dann dämmert es einem, dass moderne, analytische Philosophie etwas anderes ist als die Mischung aus Glückskeksweisheiten und Psychologie, für die sie oft gehalten wird.

Wenn Jan Gertken, 28, morgens zur Arbeit geht, dann spaziert der blonde Zweimeterkerl mit den blauen Adleraugen Unter den Linden in Richtung Brandenburger Tor, atmet Hauptstadtluft, biegt scharf rechts in den klassizistischen Vorhof der Humboldt-Universität ein und beschreitet den Marmor der Eingangshalle mit einer gewissen Selbstverständlichkeit.

Das am Treppenaufgang in goldenen Lettern prangende Karl-Marx-Zitat würdigt er, wie immer, keines Blickes. Es lautet: »Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.« Jan Gertken schimpft: »Die Philosophen! Wenn ich das schon höre. Da sollte stehen: ›Hegel hat die Welt nur interpretiert.‹ Für Kant mit seinen politischen Streitschriften kann das ja wohl nicht gelten!«

Mit einem Plastikbecher Kaffee steigt Jan Gertken die Treppe hinauf und geht grußlos vorbei an den Porträts der ehemaligen Berliner Professoren, einer Art Ikonensammlung des deutschen Idealismus. Fichte. Schelling. Hegel. Alle hatten sie hier ihre Büros. Bei Hegel, der wie immer traurig dreinschaut, biegt Jan Gertken noch einmal scharf rechts ab. Hier ist es. Sein Büro. Es gibt schlechtere Adressen für einen jungen Philosophen mit Lehrauftrag.

Täglich schreibt Jan Gertken hier an seiner Doktorarbeit über die Prinzipien der Urteilskraft. Je nachdem, woran er gerade arbeitet, hört er dabei Musik: Geht es um den strukturellen Teil, das argumentative Gerüst, dann Orgelkantaten und Cellosuiten von Bach; geht es um das Redigieren fertiger Texte, dann am liebsten Iron Maiden. Unter seinem Fenster verkaufen die Flohmarkthändler Hegel-Bücher für 2,50 Euro. Und in 50 Jahren dann vielleicht auch den Gertken, als Paperback zu 1,90, wer weiß? Jan Gertken lacht. Das glaube er nicht, sagt er. Ein Traum ist es trotzdem.

Soll Jan Gertken einem Laien erklären, was Philosophie eigentlich ist, dann bemüht er gerne das Bild des Zauberwürfels, jenes Spielzeugkubus aus den Achtzigern, den man so lange dreht, bis alle Seiten die gleiche Farbe haben. »Eine Seite schafft man leicht, genauso wie man leicht eine philosophische Position einnehmen kann«, sagt er. Aber alle Seiten und Argumente in Einklang zu bringen, das sei die Schwierigkeit. So gesehen, ist es mit der philosophischen Wahrheitssuche wie mit einem Knobelspiel. Ein Hin und Her aus Argumenten und Gegenargumenten. Ein Drehen und Wenden.

Und eine ganz große Geduldsprobe. »Man braucht eine hohe Frustrationstoleranz. Ich überarbeite manche Texte fünf- oder sechsmal und merke dann: Ich muss alles noch mal umschmeißen!« Und dann reicht es ihm manchmal, dann macht er was »Hirnloses«, geht heim und zockt Jump-’n’-Run-Spiele auf seiner Playstation.

Kommt die Sprache auf Vorurteile über Philosophen, dann haben sie alle drei eine Geschichte zu erzählen. Malte Engel erzählt dann die Geschichte von den arbeitslosen Philosophen. »Sie stimmt nämlich«, sagt er. Von allen einstigen Kommilitonen, die er kenne, hätten nur diejenigen heute einen Job, die eine Promotionsstelle ergattern konnten. Die anderen hangeln sich von einem Verlagspraktikum zum nächsten oder jobben im Archiv der Unibibliothek.

Tatsächlich gibt es keine genauen Zahlen, wie viele Philosophen arbeitslos sind. Malte Engel möchte nach der Promotion jedenfalls in der Erwachsenenbildung arbeiten. Die anderen zwei hoffen auf eine akademische Karriere, so wie die meisten ihrer Kommilitonen.

Jan Gertken erzählt die Geschichte vom Sinn des Lebens. Er kann es nicht mehr hören, danach gefragt zu werden. Das Klischee, nach dem Philosophen über das gute, sinnvolle Leben sinnieren, ist so weit verbreitet, dass sich Jan Gertken vorgenommen hat, es spaßeshalber einmal ernst zu nehmen – und so wird er im nächsten Semester ein Seminar unter dem Titel »Das gute Leben« anbieten.

In Nachbarschaft zu Logikkursen und Kolloquien über postanalytische Philosophie klingt das wie ein Lausbubenstreich, auch Jan Gertken selbst ist sich noch unsicher, was daraus wird. »Wir werden sehen, ob die Philosophie überhaupt etwas zu dieser Frage beitragen kann«, sagt er. Ein Riesenwälzer zum Thema »Glück« liegt jedenfalls schon auf seinem Schreibtisch.

Birte Schelling erzählt die Geschichte vom Ruf der Philosophie, ein Laberfach zu sein. »Es gibt Erstsemester, die melden sich und sagen: ›Ja, also, äh, ich habe mir da mal überlegt…‹« Und geben dann statt eines Arguments einen Schwank aus ihrem Leben zum Besten. »Aber das ist keine Philosophie!«, sagt sie scharf.

Auch ihr Schulfreund auf dem Klassentreffen hielt Philosophie eher für Kaffeeplausch. Die beiden diskutierten an der Theke lange über den Begriff des Wissens. Über die Frage, ob man das, was Mark in seinem Labor herausfindet, Wissen nennen kann oder nicht. Und als alle nach Hause gingen, merkte Mark, was er – der nicht gewusst hatte, was Philosophie sein sollte – getan hatte: Er hatte zwei geschlagene Stunden lang philosophiert.

Vier A-posteriori-Wahrheiten über das Philosophiestudium :

Immer weniger studieren Philosophie: Im Wintersemester 1993/94 gab es laut Statistischem Bundesamt noch rund 22500 Studenten, im Wintersemester 2006/07 nur noch rund 14700. Die Abbrecherquote liegt bei 90 Prozent.

Philosophen lassen sich Zeit: Magisterstudenten beenden ihr Studium im Schnitt nach 11,3 Semestern und mit 31,8 Jahren. Bachelorstudenten schaffen ihren Abschluss nach 6,8 Semestern und mit 26,4 Jahren.

Jeder Zweite promoviert: Rund 40 bis 50 Prozent der Absolventen schreiben im Anschluss ihre Doktorarbeit.

Jobs sind rar: Nur 2,6 Prozent der Stellenangebote für Geisteswissenschaftler richten sich explizit auch an Philosophen; aussagekräftige Arbeitslosenzahlen sind nicht bekannt. Als Quereinsteiger haben sie Chancen in Medienberufen und bei Unternehmensberatungen oder als selbstständige »philosophische Lebensberater«.

Quellen: Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt, 2005; Bundesagentur für Arbeit, 2007

 
Leser-Kommentare
    • TDU
    • 28.03.2008 um 12:29 Uhr

    Sie sollten so weiter gehen, diese Drei, die ihre Sache mit dem ihm zu kommenden Ernst betreiben und ihre geistige Unabhängigkeit, so gut es geht, zeitgeistigen Strömungen gegenüber bewahren.
    Berufliche Zukunft? Vielleicht sind sie Handwerker, Künstler oder einfach arbeitende Menschen, wenn sie ihr Studium abgeschlossen haben. Und wer kann sich da eines "angemessenen" Arbeitsplatzes sicher sein? Die Kraft ihres ausgebildeten Verstandes kann ihnen jedenfalls keiner nehmen.   

  1. Ich möchte ohne Rechthaberei darauf hinweisen, dass J.S.Bach keine "Orgelkantaten" geschrieben hat. Man nennt diese Musikstücke eher Kirchenkantaten.Entschuldigung, aber in einem schlauen Kommentar über schlaue Leute sollte kein Unsinn stehen.

    • lef
    • 28.03.2008 um 18:34 Uhr

    es war schon im antiken Griechenland ein Zeitvertreib von reichen Shmarotzern,und es ist heute nicht anders.wenn "Philosophen" sich dazu herablassen würden, mit anderen Wissenschaften zusammen zu gehen - z.B. den Pädagogen - dann KÖNNTE der Philosophie ja noch ein Sinn zugestanden werden.Beispiele für solche Zusammenarbeit gibt es ja, aber die Philosophie als Lehre lehnt das prinzipiell ab.Das gilt auch für andere "philosophische" Fakultäten, insbesondere für die Soziologie.Meine Meinung:Lernen von Sokrates heißt:Das Studium Philosophie, alle Lehrstühle abschaffen und konsequent privatisieren:Wer das gern studieren möchte, soll es tun, aber nicht auf Staatskosten.Eine Finanzierung über Aufträge ist natürlich möglich - dann kämen die Philosophen wenigsten ETWAS auf den Boden zurück.So tat es Sokrates ja auch.

  2. Klar, Philosophie brauchen wir nicht. Demokratie,DiplomatieMenschenrechte, die Idee, dass soziale Ungleichheit nicht einfach gottgegeben und gerecht istetc.... das haben alles Maschinenbauingenieure erfunden, die von der Privatwirtschaft dafür bezahlt wurden!

  3. 1. Beitrag:Ein paar persönliche Anmerkungen und Erfahrungen, die man als studierter Philosoph in unserer Gesellschaft machen kann:Ich habe in den 70gern an der Uni Düsseldorf Germanistik und Philosophie auf Lehramt Gymnasium studiert.Nach dem 1. Staatsexamen ging es in das Referendariat nach Krefeld. Nach weiteren 2 Jahren und dem 2. Staatsexamen für das Lehramt am Gymnasium (wie es offiziell mal hieß) wurde ich Anfang der 80ger arbeitslos. Ich gehörte mit zu dem ersten großen Schwung arbeitsloser Gymnasial-Lehrer in NRW.Mit einer Fächerkombination Deutsch und Philosophie sieht man natürlich auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ganz schön alt aus. Dennoch habe ich mich um diverse Jobs und Arbeitsplätze bemüht.Ein paar Erfahrungen aus den frühen 80ger Jahren:1. Bei einer Reihe von Vorstellungsgesprächen hatte ich das Gefühl, dass so manch einer, der mir in der Runde gegenübersaß, mit einem Strauß von „Fünfen“ in der Oberstufe mit Schimpf und Schande vom Gymnasium geflogen ist, und jetzt die Chance sah und diese tatsächlich auch nutzte, an seinen verhassten alten Lehrern Rache zu nehmen, stellvertretend  an mir armen Würstchen. Daumen nach unten, Fallbeil los und Rübe ab. Rache an den alten drangsalierenden Paukern für angeblich ungerechte Behandlung, die ich nun auszubaden hatte.2. Eine generell tiefsitzende emotionale Ablehnung von Lehrern.Ich hatte mich beim Verwaltungsdirektor der Uni-Kliniken zu Düsseldorf  um eine (für mich) recht interessante und auch finanziell lukrative Stelle beworben. Ich hatte die feste Zusage des Direktors und auch seines Stellvertreters. Jedoch war dieser Arbeitsplatz zustimmungspflichtig durch den Betriebsrat (oder wie diese Institution auch immer geheißen haben mag). Dort saßen Putzfrauen, Pförtner, diverse Arbeiter und Handwerker sowie Krankenschwestern.So hieß es da, im guten Düsseldorferisch: „Wat, ne Lährer? Ne, ne Lährer woln mer he net han.“ (Was, ein Lehrer? Nein, einen Lehrer wollen wir hier nicht haben.) Also Daumen nach unten, Fallbeil los und Rübe ab.3. Bei diversen Personalchefs, Personalreferenten, Abteilungsleitern etc. war das Vorurteil stark vertreten, Lehrer wollten nur einen „Halbtagsjob“, sie seien „kritisch“, fangen an zu stänkern und brächten Unruhe in den Betrieb, in das Unternehmen. Jedoch: Nachdem ab 1984 bundesweit die ersten Umschulungsmaßnahmen für mehrere Zehntausend arbeitslose Lehrer durchgeführt wurden, verschwand dieses Vorurteil sehr schnell. Die Leute in der sogenannten freien Wirtschaft merkten sehr rasch, dass diese „umgeschulten“ Ex-Lehrer motivierte und leistungsstarke Mitarbeiter waren, die aufgrund ihrer voraufgegangenen Ausbildung sich rasch in neue Aufgabenfelder einarbeiten konnten und zu verlässlichen Mitarbeitern wurden, die anständig was wegschaffen konnten.4. In allen Firmen, für die ich bisher gearbeitet habe, hatte ich so eine Art „Sonderstatus“ als Lehrer und „Intellektueller“. Warum? Weil meine Sprache durchsetzt ist mit einem Vokabular aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, also von mir aus einem gewissen „Jargon“, und weil ich in so manch ein Gespräch oder eine Diskussion die eine oder andere Sentenz aus einem Drama von Goethe oder ein paar Gedichtzeilen von Schiller sehr wirkungsvoll einbringe, was mir dann den Ruf des „Gebildeten“ einbringt, natürlich mit all seiner Ambivalenz.

  4. 2. Beitrag:Ein paar Anmerkungen zur Philosophie von einem, der diese Wissenschaft mal mit heißem Herzen studiert hat.1. Philosophie als UnversalwissenschaftDie Philosophie war in ihren Anfängen bei Sokrates, Platon und Aristoteles vor 2500 Jahren für (fast) alles zuständig. Für die Natur und den Menschen, sowie für dessen Geschichte und seinen Artefakten, seinen Hervorbringungen. Es war die Universalwissenschaft.Die Kerndisziplin der Philosophie war die Metaphysik.Der Gegenstand der Philosophie als Metaphysik ist das Allgemeine, „denn wenn man das Allgemeine erkannt hat, kennt man gewissermaßen alles, was dem Allgemeinen untergeordnet ist. Doch gerade dies, das Allgemeinste, ist für die Menschen am schwierigsten zu erkennen; ist doch der Abstand zu den Sinneswahrnehmungen am weitesten.“ So heißt es bei Aristoteles in seiner Schrift „Ta Meta Ta Physika“, Metaphysik.Die Philosophie als Metaphysik ist also ein Nachdenken über die jenseits der sinnlich-physikalischen Welt sich befindenden Ursachen und Prinzipien, die als das Eigentliche, als das Allgemeine, als das Substanzielle zu denken sind. Aristoteles fährt fort:„Es ist klar, dass wir diese nicht um eines anderen Nutzens willen suchen, sondern, wie unserer Meinung nach der ein freier Mensch ist, der um seiner selbst und nicht um eines anderen willen lebt, so ist auch diese Wissenschaft als einzige von allen frei; ist sie doch allein um ihrer selbst willen da.“Es ist also eine freie, an keine Interessen gebundene Wissenschaft, die um ihrer selbst willen von freien Menschen ausgeübt wird.2. Der AbstiegIm Verlaufe der Geschichte haben sich aus dieser Universalwissenschaft die einzelwissenschaftlichen Disziplinen herausgelöst, haben sich „selbständig gemacht“, ohne allerdings sich von der Philosophie ganz emanzipieren zu können, wie wir gleich noch sehen werden.Heute, im 21. Jahrhundert, betreiben wir an unseren Universitäten und Hochschulen dutzende von Wissenschaftsdisziplinen. Wir haben uns angewöhnt, diese unter dem Aspekt ihres Gegenstandsbereichs in drei Wissenschaftsarten einzuteilen:Die Naturwissenschaften, die Sozialwissenschaften und die Geisteswissenschaften.Durch diese Ausgliederung hat die Philosophie sicherlich eine Menge an Themen und Gegenständen verloren, sie hat „abgespeckt“.So kann der Philosoph Odo Marquard, ein Skeptiker und Ironiker, über die Inkompetenzkompensationskompetenz der Philosophie spotten. Sie sei zum „Fürsorgefall“ geworden, weil sie alle ihre Kompetenzen im Verlaufe der Geschichte an die (angeblich) so viel leistungsfähigeren einzelwissenschaftlichen Disziplinen abgegeben habe. Sie sei dadurch inkompetent geworden – so Marquard – und versuche nun, diese Inkompetenz zum einen durch eine Art Kompetenznostalgie wieder wettzumachen und sich damit ihre einstmalige Wichtigkeit zurückzuerschleichen, oder aber sich durch eine Flucht „in jene totale Kompetenz, die darin besteht, dass die Philosophie das absolute Weltgewissen wird“, die alte beherrschende Stellung zurückzuerobern.Ich kann den überaus geistreichen Spötteleien Marquards, was die angebliche Inkompetenz der Philosophie anbelangt, nicht zustimmen.

  5. 3. Beitrag:3. Die Kompetenz der Philosophie heuteDie Philosophie hat ihre unbestrittenen Kernbereiche behalten; und das sind die Erkenntnis- und die Wissenschaftstheorie, die Gesellschaftstheorie und die Ethik.Ich habe aus meinen Regalen ein gutes Dutzend philosophischer Klassiker herausgeholt, die jetzt hier neben mir auf meinem Schreibtisch liegen: Aristoteles, Kant und Hegel, Weber, Popper, Heidegger, Horkheimer, Adorno, Gadamer, Luhmann und Habermas. Beim Durchblättern dieser Giganten des Geistes strömen mir Gedankenmassen entgegen.Ich will versuchen, einen Gedanken, den ich für ganz zentral halte, hier ganz kurz zu skizzieren, und ich enge meine Überlegungen ein auf die Geistes- und Sozialwissenschaften, GW / SW: Es ist der „objektivistische Schein“, mit dem sich die einzelwissenschaftlichen Disziplinen umgeben. Die Theorie, und das heißt die Wissenschaften in ihrem alltäglichen Tun, dünkt sich frei und unabhängig, sie gibt sich ganz ihrem vorgeblich reinen wertfreien theoretischen Interesse hin.Sie glaubt von sich, mithilfe des von ihr entwickelten abstrakten Begriffsnetzwerkes (das genau ist Theorie), und eines methodischen Vorgehens, objektives Wissen zu erzeugen; festzustellen, was objektiv der Fall sei. In Wahrheit bleiben sie einem gesellschaftlichen Zusammenhang verhaftet, aus dem sie entspringen, der ihnen ihre Fragen vorgibt und, in gewisser Hinsicht, auch ihre Antworten präjudiziert. Hier greift die Philosophie ein, sozusagen als Ankläger und Richter in Personalunion, die dieses falsche Bewusstsein der Wissenschaften aufklärt, indem sie als kritische Theorie die gesellschaftlich-praktischen Voraussetzungen und Implikationen reflektiert, ihre Präokkupationen, die letztlich auch ihre Ergebnisse präjudizieren.Im folgenden stütze ich mich auf Habermas. Das Sinnverstehen, um das es in den GW und SW geht, „richtet sich seiner Struktur nach auf möglichen Konsensus von Handelnden im Rahmen eines tradierten Selbstverständnisses.“Es geht in den GW und SW um Sinnverstehen, sie sind Sinnproduzenten und in diesen Sinnproduktionen, diesen Interpretationen, spiegelt sich das jeweilige Selbstverständnis einer Gesellschaft oder einer spezifischen Gemeinschaft. Sie bieten Orientierung im Handeln sowie Werte und Wertmaßstäbe und Verständigungen über die gesellschaftliche Identität von Gruppen und Individuen. „Die Welt des tradierten Sinnes erschließt sich dem Interpreten nur in dem Maße, als sich dabei zugleich dessen eigene Welt aufklärt.“ (Habermas)Nur wenn man das Allgemeine, das Allgemeinste, das „Ganze“ kennt (womit wir wieder bei Aristoteles und seiner Definition von Metaphysik angelangt sind), kann man das Tun und die Ergebnisse der einzelwissenschaftlichen Disziplinen richtig einschätzen und beurteilen.Noch einmal Habermas:„Die dem philosophischen Denken eingeschriebene Beziehung zur Totalität, und sei es nur zum Ganzen eines diffusen lebensweltlichen Hintergrunds, sträubt sich gegen jede Art funktionaler Spezialisierung. (…) Eine Philosophie, die dem arbeitsteiligen Operierens völlig entspräche, wäre ihres besten, nämlich anarchistischen Erbteils beraubt: nicht-festgestelltes Denken zu sein.“Literatur:Jürgen Habermas:Erkenntnis und Interesse. In: Wissenschaft und Technik als Ideologie.1968(Seine Antrittsvorlesung in Frankfurt, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Buch)Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Bei ReclamMan erhält für ein paar Taler hochamüsante Lektüre bei gleichzeitiger gelehrter Unterhaltung durch einen tiefblickenden Autor, der sich selber in seinem Denken manchmal nicht ganz so ernst nimmt.

    • lef
    • 29.03.2008 um 12:45 Uhr

    >Klar, Philosophie brauchen wir nicht. Ich bitte um Nachhilfe, welcher Philosoph hatdieDemokratie,die Diplomatie, und welcher hatdie Menschenrechte, die Idee, dass soziale Ungleichheit nicht einfach gottgegeben und gerecht ist etc.denn erfunden?Danke im Voraus!(IMHO sind akll diese Errungenschaften ganz pragmatisch entstanden, nämlich seitens der Wirtschaft, die feststellte, dass Organisation nötig ist (Staat, Demokratie+Diplomatie), und dass mit Menschenrechten mehr Motivation erreicht werden kann und dass soziale Ungleichheit keinen Markt für Massenprodukte schafft.Die Philosophen haben IMHO immer nur das interpretiert, was längst ohne sie entstanden warWobei ich - wie Sie hoffentlich lesen konnten - nicht gegen Philosophie, sondern gegen Schmarotzer auf Staatskosten eintrete.)... das haben alles Maschinenbauingenieure erfunden, die von der Privatwirtschaft dafür bezahlt wurden!

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  • Quelle ZEIT Campus 02/2008
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