Erst vor Kurzem wurde Birte Schelling, 29, mal wieder gefragt, was sie beruflich mache. Sie stand mit einer Flasche Astra in der Hand an der Theke einer Kneipe im Hamburger Schanzenviertel. Es war das zehnjährige Abiturtreffen; ab und an nahm sie einen Schluck und war eigentlich ganz zufrieden mit ihrem bisherigen Leben. Bis Mark auf sie zukam, ein ehemaliger Mitschüler, der gerade seine Doktorarbeit in Physik schreibt, und fragte: "Und? Was machst du jetzt so?"

Birte Schelling ahnte, was jetzt kommen würde. "Ich schreibe meine Doktorarbeit. Über den Wissensbegriff. Philosophie!", schrie sie Mark ins Ohr; der lauten Musik wegen. "Was willst du denn damit?", schrie Mark zurück. "Und überhaupt: Was machst du da den ganzen Tag? Denken?"

Das Urbild des Philosophen ist jetzt genau 2410 Jahre alt: ein alter Grieche mit Rauschebart namens Sokrates, der so hässlich war, dass er selbst Späße darüber machte. Sokrates hing in der Athener Mittagshitze gern unter Olivenbäumen herum und verwickelte Passanten in verzwickte Dialoge über Wahrheit und die Möglichkeit von Wissen. Er war ein Kauz; trug auch im Winter keine Schuhe und ließ sich, wie alle Athener Geistesgrößen damals, gern mit hübschen Knaben ein. Will man seine Bedeutung ermessen, muss man wissen, dass sein Schüler Platon hieß und dass der ganze Rest der europäischen Geistesgeschichte, wie es in Philosophenkreisen heißt, nur eine Fußnote zu den beiden ist.

Heute tragen Philosophen Schuhe, und sie treiben sich auch nicht mehr in Olivenhainen herum. Aber trotzdem weiß niemand, was sie eigentlich den ganzen Tag über machen. Was das für ein seltsamer Beruf ist, der nur vom Denken handelt und doch offenbar wenig produziert außer komplizierten Texten, über die der Leser noch einmal so viel nachdenken muss wie der Autor, bevor er sie versteht.

Will man Birte Schelling bei der Arbeit besuchen, muss man hoch hinaus. Das Büro der Doktorandin befindet sich im zehnten Stock des Philosophenturms der Hamburger Universität, also fast im Penthouse dieses Elfenbeinturms. Über ihr sitzen nur noch die Slawisten. Darunter: alle anderen Geisteswissenschaften. Oben angekommen, öffnet sich die Tür mit einem "Ping", und man betritt die Lebenswelt der Denker.

Vermutlich sehen so alle Philosophie-Institute Deutschlands aus und deren Bewohner auch: quietschender PVC-Boden mit dem Charme der sechziger Jahre. Fahles Neonlicht. Schlaksige Kerle in Trenchcoats aus schwarzem Leder. Und genauso viele konservativ gekleidete Männer mit Seitenscheitel. Das sind, erfährt man, meistens die Religionsphilosophen.

Birte Schellings Büro gleicht einer Landschaft mit Gebirgen aus Papierstapeln, in denen der Wind blättert, mit wiesengrünen Sofakissen und einem Uralt-Computer, der ein zufriedenes Brummen von sich gibt. Hier oben thront Birte Schelling, eine eloquente junge Frau mit roten Haaren, die nicht weiß, ob sie mit dem gleichnamigen Großphilosophen Friedrich Schelling verwandt ist, und genießt den Blick aus dem Fenster.