Kirche Es ist ein Kreuz
Rhetorikkurse, Gesangsstunden und Mimikübungen: Wie die katholische Kirche aus jungen Männern Priester macht – und wie diese mit dem Zölibat und der Verantwortung für eine Gemeinde umgehen
Jesus Christus. Müde sieht er aus, wie er da bei Alexander Czech als Schnitzerei aus Buchenholz über der Tür hängt, im Wohnzimmer seiner kleinen Pfarrwohnung. Czech ist seit vier Wochen Priester in Neckargemünd, einem verschlafenen Nest am Neckar mit viel Kopfsteinpflaster, einem Rummelplatz und zwei Kirchen. Jesus ist überall in dieser Wohnung. An der Wand, als Anstecker an Czechs Revers, in seinen Sätzen.
Wenn er das Handwerk der Predigt erklärt, dann nennt er das Wort oft: Jesus. Oder Gott. Und lässt es jedes Mal ein wenig im Raum schweben, um zu hören, wie es sich entfaltet, bevor er weiterspricht. »In einer guten Predigt stellt der Priester eine direkte Verbindung zwischen den Menschen und – Gott – her«, sagt er dann. Und als wolle er seine Gäste mit so viel Metaphysik nicht erschrecken, bietet er schnell Hefezopfkuchen mit Rosinen und Kaffee an.
Czech ist 38 Jahre, das ist alt für einen Berufsanfänger im Priesteramt, aber Czech war früher Vermessungsingenieur von Beruf, bis er sich vor zehn Jahren für die Priesterausbildung entschied. Czech ist muskulös, er trägt einen militärischen Bürstenhaarschnitt, und er schaut energisch in die Welt mit dem stechenden Blick eines Menschen, der etwas zu suchen scheint, so, könnte man sagen, wie ein Dichter den vollendeten Vers.
Czech sucht den vollendeten Gottesdienst. »Es gibt Priester, bei denen kommt nichts von Herzen, die spielen eine Rolle, wenn sie vor dem Altar stehen.« Er fährt aus seinem Sessel auf und demonstriert die Begrüßung der Gemeinde, so, wie man sie nicht machen sollte. Ohne Kraft steht er da, mit ausgebreiteten Armen und sagt tonlos: »Liebegemeinde, ich begrüßesie imnamendesherrn…« Dann schlägt er ein müdes Kreuz.
Jetzt machen Sie es mal richtig, Herr Czech! Es geht ein Licht an in seinen Augen, das ist sein Auftritt. Er drückt die Brust heraus, hat mit einem Mal die Körperspannung eines Tänzers und spricht in Saallautstärke: »LIEBE GEMEINDE! ICH BEGRÜSSE SIE IM NAMEN DES HERRRRN!« Kunstpause, das gerollte R braucht Raum, um nachzuklingen. »Verstehen Sie den Unterschied?«, fragt er.
Was der Zuhörer mit einem Mal versteht: Das, was jeden Sonntag hinter deutschen Altären geschieht, ist ein Gesamtkunstwerk. Ein ästhetisches Feuerwerk, bestehend aus dem frommen Klang der Kirchenmusik, der Erhabenheit der hohen Räume und der Schauspielkunst der Geistlichen. Eine über zwei Jahrtausende gereifte sakrale Glaubensshow.
Mit ihr kämpfen die Priester um ihre Gemeindemitglieder wie Unterhalter um ein Publikum, das allerdings immer öfter ausbleibt. Laut Deutscher Bischofskonferenz kamen im Jahr 1950 noch rund 50 Prozent aller Katholiken regelmäßig in den Gottesdienst, 2006 waren es 14 Prozent. Deshalb sollen Priester die Menschen zum Glauben animieren, und zwar alle, auch solche ohne Theologiediplom und allgemeine Hochschulreife. Die katholische Version des Christentums ist keine reine Kopfreligion, und darum braucht es die Posen, das geschlagene Kreuz, den Kniefall vor dem Herrn, den theatralischen Faltenschlag der Gewänder, kurz: ein bisschen Tamtam.
Bevor ein Mann wie Alexander Czech die erhabenen Worte durch ein Kirchenschiff klingen lassen kann, muss er unterwiesen werden im Handwerk des Herrn. Denn so wie es nur einen Gott gibt, nur einen Papst und nur eine biblische Botschaft, so gibt es in der katholischen Kirche auch nur eine Form der Verkündigung; nur eine Liturgie, einen Klang des Katholizismus, weltweit. Egal, wo man in einen katholischen Gottesdienst geht, ob in Rio de Janeiro oder Grävenwiesbach, man bekommt zuverlässig ein und dieselbe Religion auf die gleiche Weise präsentiert. Neudeutsch könnte man sagen: Der Katholizismus besitzt eine weltweite Corporate Identity. Und an einem Ort wie Freiburg im Breisgau wird sie Priesteramtskandidaten eingepaukt.
Ortstermin, es ist ein wolkiger Tag. Der gotische Turm des Münsters ragt hoch aus dem Häusermeer, in seinem Schatten liegt das Collegium Borromaeum, hinter dessen dicken Mauern die Erzdiözese Freiburg ihre Priester ausbildet. Der Umkleideraum hinter dem Altar der kleinen Konviktskirche gleicht um diese Uhrzeit einer geschäftigen Bahnhofshalle, es ist ein Kommen und Gehen.
Der Dienstagsgottesdienst steht bevor, die Glocke läutet. Priesteramtskandidaten stehen vor geöffneten Garderobenschränken und versuchen ihre Kapuzenpullis und ausgelatschten Turnschuhe unter langen Roben und weißen Chorhemden zu verstecken. Der Kantor verteilt die Texte für die Fürbitten, die Messe hält heute der Chef des Priesterseminars, Regens Thomas Ochs, 43, ein dunkelblonder Mann, der oft lächelt. »Es ist gerade die Stärke der katholischen Kirche, dass es diese weltweite Corporate Identity gibt«, sagt er und klettert in seinen Talar in Englischem Grün mit Glitzerfäden.
Ein letztes Mal erklärt er den zwei Messdienern die Choreografie des Abendmahls, wann genau sie die Gaben wohin an den Altar zu bringen haben. Die Hostien dorthin. Den Wein dahin. Die Ministranten wirken etwas zappelig. Der schlaksigere von beiden reibt seine Hände, als wäre ihm kalt, »ein bisschen aufgeregt ist man immer«, sagt er, nimmt aber rasch Haltung an und geht bedächtig mit Regens Ochs durch die Holztür hinaus ins Licht des Altarraums: seine Bühne.
Ein wenig wirkt die Sakristei wie der Backstagebereich eines Theaters, und auch das Collegium Borromaeum sieht anders aus als das Bild, das sich die meisten Menschen von der Priesterausbildung malen: kein schweres Kloster am Hang, keine Männer in Kutten, die auf Holzpritschen schlafen.
Auf dem Boden spiegelt der Marmor, an den Wänden hängen alte Meister; und die Bewohner des Hauses, die Priesteramtskandidaten, sind junge Männer von einer Art, wie man sie auch in Berlin-Prenzlauer Berg treffen könnte: mit bunten Sneakers und zerrissenen Jeans, in der einen Hand den Laptop, in der anderen allerdings die Bibel. Im Keller gibt es ein Fitness-Studio, die Chorhemden für die Gottesdienste bügelt das Personal. Die Kirche ist nicht arm, und so liegt ein Hauch von Ivy League, von amerikanischer Elite-Uni, in den Gängen. Wer nicht weiß, wo er ist, könnte meinen, er habe sich in ein Führungskräfteseminar verirrt.
Nachdem der Gottesdienst von Regens Ochs vorbei ist, findet in derselben Kirche eine Predigtübung statt. Die Studenten sitzen dicht an dicht auf harten Kirchenbänken und schauen Ausbildungsleiter Christian Hess, 31, zu, wie er eine Videokamera auf den Altar richtet, um sie bei ihrem ersten Auftritt zu filmen. Die Aufgabe: Jeder Kursteilnehmer soll vom Altar aus vor der Gruppe sprechen und erklären, warum er das Predigen lernen möchte.
Ein junger Mann mit Löwenmähne geht als Erster vor, zügig, die Stufen zum Altar nimmt er in einem Schritt. Er tritt vor das Pult und erklärt, warum er predigen möchte, nämlich »aus Berufungs- und aus Berufsgründen«. Um den Menschen das Evangelium noch eindringlicher verkünden zu können.
Hess wirkt zufrieden, nach dieser Praxisübung erläutert er seinen Schülern mit Diagrammen auf Flipcharts, wie sie ihre Predigten besser strukturieren, er zitiert Vorbilder wie Friedemann Schulz von Thun, den großen Kommunikationswissenschaftler. Jede Predigt brauche eine Ich-Botschaft, sagt Hess, etwas, was der Predigende den Zuhörern mitteilen wolle.
Und das mit der Ich-Botschaft erklärt er lieber ohne theologische Implikationen, anhand eines einfachen Satzes, zum Beispiel: »Ich esse gerne Spaghetti bolognese.« Draußen sinkt mittlerweile schon die Sonne unter den Wolken hervor, sie scheint durch das bunte Fensterglas und wirft ein Kaleidoskop aus Bonbonfarben auf eine Jesusmalerei an der Kirchenwand. Es ist der auferstandene Jesus, der seine blutleeren Wunden an Händen und Füßen vorzeigt, mal grün, mal gelb, es wirkt wie eine Mahnung zur Demut.
Rhetorik ist nicht das einzige Fach, das in Freiburg gelehrt wird, der Priesterunterricht ist eine Art Allround-Ausbildung. Psychologen erklären den Priesteramtskandidaten, wie sie als Seelsorger mit Sterbenden und Trauernden sprechen müssen, Gesangslehrer proben mit ihnen die monotonen Rezitationsgesänge, damit der erste Gottesdienst nicht zur Lachnummer wird.
Einmal jährlich spricht ein Theaterregisseur eine ganze Woche lang über Körpersprache, Mimik und Gestik – und lässt die Jungtheologen schon mal in ihren Talaren durch die Kirche tanzen, für ein besseres Körpergefühl in den umständlichen Kirchengewändern. Daneben wird die Liturgie, der Ablauf des Gottesdienstes, Stück für Stück eingeübt. Fünf Jahre geht das so, tagein, tagaus, parallel dazu absolvieren die Kandidaten ein reguläres Theologiestudium. Danach folgen drei Jahre Praxisausbildung in den Gemeinden, und erst dann kommt die Priesterweihe, mit der sie sich endgültig aus der Welt ihrer Altersgenossen verabschieden.
Priester sein, das heißt auch: allein sein, ohne Familie leben, in Steuerklasse 1 fallen, niemals Kinder oder Enkelkinder haben. So will es Canon 277 des Canon Iuris Canonici, des Gesetzbuches der katholischen Kirche. Für Priesteramtskandidaten gibt es keine Zölibatsregel, aber sie bleiben freiwillig keusch, »um sich daran zu gewöhnen«, sagen sie. Man darf sie sich nicht als Menschen vorstellen, die nicht darunter leiden. Aber sie tun es still, wie es ihre Art ist. Von den 21 Priesteramtskandidaten, die in diesem Jahr in Freiburg aufgenommen wurden, werden es laut Statistik nur zehn bis zur Weihe schaffen. Fast alle anderen verliert Regens Ochs an die Welt der Geschlechtlichkeit.
Siegfried Huber, 29, Priesteramtskandidat in Freiburg, wäre fast einer von denen gewesen, die es nicht schaffen. Er ist ein lockiger Schwarzschopf, der sich beim Sprechen bemüht, sein badisches Idiom zu verbergen. Bei ihm war die Einsamkeit irgendwann stärker als das selbst auferlegte Zölibat. Er verliebte sich in eine Theologiestudentin, einfach so, während einer Vorlesung an der Universität. Sie trafen sich, gingen ins Kino, aßen zusammen in der Mensa. »Das Beste waren die Gespräche, bei ihr konnte ich mich öffnen«, sagt er. Hübsch war sie auch. Und dann? »Wir kannten uns schon eine ganze Weile, da merkten wir, wenn wir uns so vertrauliche Sachen erzählen, dann ist da wohl mehr.« Liebe? »Ja.«
Der nächste Schritt hätte für Siegfried Huber bedeutet: seine Ausbildung aufzugeben, aus dem Priesterseminar auszuziehen, einen anderen Beruf zu erlernen. »Es stand fifty-fifty«, sagt er, fünfzig für Jesus, fünfzig für die Liebe, ein filmreifes Dilemma. Neulich guckten sie im Priesterseminar die Komödie Glauben ist alles mit Edward Norton. Sie kam zufällig im Fernsehen. Der simple Plot: Ein Rabbi und ein Priester, zwei Jugendfreunde, verlieben sich in dieselbe Frau. Eine Prügelei und ein paar Erotikszenen später bleibt der Priester standhaft und überlässt die Frau dem Rabbi. Auch Siegfried Huber blieb am Ende seinem Schwur treu. Mit der Frau ist er bis heute befreundet, mehr nicht. Bis jetzt jedenfalls.
»Eigentlich bin ich schon ein Familienmensch«, gibt er zu. Aber die Keuschheit habe auch ihr Gutes, sagt er, man sei ungebunden, sowohl emotional als auch beruflich. Viel mehr Zeit für die Arbeit, ohne Familie. Und bei einem Seelsorgegespräch mit einer Frau müsse diese nicht befürchten, der Priester schaue sie auch anders an. Bleibt die Frage, warum er Jesus wählte anstatt der Familie. »Ein Gefühl. Ich habe mich für das entschieden, worauf zu verzichten ich mir am wenigsten vorstellen konnte.«
Leicht war es nicht, natürlich nicht, sonst wäre das Gebot der Ehelosigkeit nicht das Opfer für Gott, das es sein soll. Die Leitung des Priesterseminars empfiehlt ihren Schützlingen, eine »integrierte Form von Sexualität« zu leben, eine Umlenkung der Energie in die Religion. »Und viel Sport«, sagt Regens Ochs.
Trotzdem, einfach machen die Freiburger Frauen es den keuschen Studenten nicht. »Es gibt einige, die haben den Ehrgeiz, einen Priesteramtskandidaten zu knacken, für die Selbstbestätigung«, sagt Siegfried Huber. Aber er wirkt, als habe er Frieden geschlossen mit den Regeln seines Berufs, und so steht auf seiner StudiVZ-Seite bei »Beziehungsstatus« ein trotziges: »solo.«
Es gab schon Zeiten, da wurde die katholische Kirche für ihre Strenge mehr geschätzt als heute. 1965 wurden etwa 500.000 Menschen katholisch getauft, 2006 waren es gerade noch 188000. Pro Jahr treten rund 100.000 Menschen aus der Kirche aus. Und mit der Zahl der Gläubigen schrumpft auch die Zahl derjenigen, die sich ein Leben im Dienste Gottes vorstellen können. Während in den achtziger Jahren noch bis zu 800 junge Männer jährlich zur Priesterausbildung zugelassen wurden, waren es in ganz Deutschland im Jahr 2006 gerade einmal 264.
Die Folge ist ein akuter Priestermangel. Viele Bistümer legen deshalb benachbarte Gemeinden zu sogenannten Seelsorgeeinheiten zusammen, die Zahl der katholischen Pfarreien hat sich in den letzten zehn Jahren um 800 verringert. Auch die Zahl der evangelischen Gemeinden sinkt rapide, seit dem Jahr 2000 um über fünf Prozent. Dabei ist es nicht unlukrativ, für Gott zu arbeiten, laut Beamtenbesoldungsgesetz verdient ein Diakon, ein junger Priestergehilfe, so viel wie ein Lehramtsreferendar und ein Priester so viel wie ein Gymnasiallehrer.
Auch Alexander Czech, der Priester in Neckargemünd, gehörte als Jugendlicher zu den 86 Prozent der Katholiken in Deutschland, die allenfalls an Weihnachten in den Gottesdienst gehen. Wenn überhaupt. Er hatte mal in der Bibel geblättert und dort etwas gelesen, was er nicht verstand. »Dort stand, man könne diesen Gott erfahren. Jesus lebt! Halleluja!«, ruft Czech und klatscht ironisch in die Hände. »Schön, aber wo ist er denn? In meinem Ort gab es zum Beispiel den Herrn Müller. Der ging nach dem Gottesdienst am Sonntag nach Hause und schlug seine Frau. Ich frage Sie: Wo ist da Jesus?«
Die Kirche, das war für ihn ein Haus, in dem die Sünder sich trafen, um fromm daherzureden. Priester hätte er niemals werden wollen. Stattdessen wurde er Vermessungsingenieur, einer von diesen Zahlenmenschen, die im Zweifelsfall lieber nachmessen, als einfach zu glauben. Aber dann, sagt er, »sah ich ihn«. Czech hatte keine Erscheinung, nicht die Jungfrau Maria, kein brennender Busch. Es traten Menschen in sein Leben, »die nicht nur auf dem Papier Christen waren«. Und in diesen Menschen, meint Czech, da fand er Gott.
Eigentlich hätte man das ein Happy End nennen können, die Geschichte eines jungen Mannes, der zu seinem Glauben zurückfindet – wäre da nicht seine Freundin gewesen, die mit dem Kopf schüttelte, als er ihr von seiner Begegnung mit Gott erzählte. Ihr Kommentar: Du hast dich verändert. Seiner: Du verstehst mich nicht. Sie trennten sich im Guten. Czech, jetzt solo, stieg immer tiefer in den Glauben ein, fand in der Gemeinde eine andere Form von Geborgenheit, schmiss seine Promotion, packte seine Koffer und zog ins Priesterseminar zu Thomas Ochs nach Freiburg.
Zu Ochs kommen nicht nur Leute, die Priester werden wollen wie Czech. Seit Ochs hier Chef ist, hat sich das Collegium zu einer Anlaufstelle für Menschen entwickelt, die man dort eigentlich gar nicht erwartet. Im Frühjahr 2007 waren Polizeikommissare aus ganz Baden-Württemberg zu Gast, die sehen wollten, wie die katholische Kirche ihre Führungskräfte ausbildet.
Im März hielt der Stellvertreter von Ochs, Subregens Michael Gerber, einen Vortrag vor mittelständischen Unternehmern darüber, was man von Jesus Christus über Personalmanagement lernen kann. Nämlich: eine diversifizierte Mitarbeiterstruktur (die bunt gemischte Schar der Jünger), die Auswahl motivierter Mitarbeiter (die Jünger waren Fischer, ergo Menschen, die klare Entscheidungen treffen) und die Kunst des Delegierens (Lukas 10,1: Jesus entsendet die Jünger in die Welt, um zu missionieren). Gerber stand vor den Mittelständlern und sagte Sätze wie: »Innovation und Leidenschaft sind zwei Namen, die auch für Gott stehen.« Und als der Bundeswehrverband auch einmal in Freiburg zu Besuch war, sprachen die Priester mit den Soldaten über Disziplin, Hierarchien und Menschenführung.
Wundert das? Priester waren schon immer mehr als einfache Prediger und Seelsorger, sie haben als Gemeindechefs mitunter an die hundert Untergebene. Diakone, Kantoren, Pastoralreferenten, Organisten, Sekretäre, Gemeindereferenten, Kindergärtner, Hausmeister, Friedhofswärter. »Moderne Pfarreien gleichen, was den Organisationsaufwand angeht, einem mittelständischen Betrieb«, sagt Ochs. Priester sind mal Chef, mal geistlicher Begleiter, sie führen erst ein Taufgespräch, dann eines mit einem Sterbenden, danach machen sie die Heizkostenabrechnung des Gemeindezentrums.
Vielleicht ist das die Essenz ihres Berufs, dieses Pendeln zwischen der sakralen und der profanen Welt. Dieses innere Ringen, die Zerrissenheit, alles gleichzeitig sein zu müssen, Manager, Beichtvater, Seelsorger, Religionslehrer, Alleswisser und zwischendurch auch: Privatmensch.
Das Priesteramt bedeutet ein Dilemma für die Menschen, die es ausüben. Sie dürfen, und sie dürfen nicht. Sie dürfen lieben, aber nur den Herrn. Sie dürfen anderen auf die Schulter klopfen, aber nicht sich selbst. Sie dürfen um Anerkennung werben, aber nur für Gott. Sie dürfen die Schönheit lieben, aber nicht ihre eigene. Nimmt man die Bibel beim Wort, dann ist in der Kirche kein Platz für Ichlinge, dann leben Priester einen gewollten Gegensatz zu all der Eitelkeit und Egozentrik, die unsere Gesellschaft so liebt. Ein Höllenjob also? Eigentlich nicht, sagt Alexander Czech. »Eher eine Erlösung.«
Der letzte Besuch bei einem der Geistlichen, die in Freiburg ausgebildet wurden. Die Glocke der Sankt-Theresia-Kirche in Mannheim läutet, ein Gottesdienst steht bevor. Vom Bürgersteig treten langsam zwei Dutzend Menschen in die Kirche, zögerlich, als hätten sie sich verirrt, die meisten Plätze werden leer bleiben. Es riecht nach Kerzenwachs und süßem Parfüm. Einige Kinder sind da, sie kauen Kaugummi und sitzen zwischen ihren stämmigen Vätern und ihren wasserstoffblonden Müttern in grellen Oberteilen. Pfingstberg ist ein armer Stadtteil von Mannheim.
Für Stefan Märkl, 35 Jahre alt, ist das hier der Ernstfall. Er ist Diakon im letzten Stadium der praktischen Ausbildung vor der Priesterweihe, ein sanfter Mann mit einem fein geschwungenen Mund und großen Augen. Ein besonderer Tag für ihn, er darf die Predigt halten. Nicht irgendeine, der Kirchenkalender schreibt heute eine Predigt über die Geschichte von Zachäus vor, dem Zöllner, dem Jesus vergab. Den Text hat Stefan Märkl schon am Vortag geschrieben, jetzt muss er nur noch in die Sakristei, sich umziehen.
Hier, neben einem Feuerlöscher im Neonlicht, streift er das naturfaserfarbene Messgewand über, küsst die grüne Stola und legt sie an. Er fasst an seine Armbanduhr, öffnet den Verschluss und nimmt sie ab, wie vor jedem Gottesdienst. »Weil es eine besondere Zeit ist«, sagt er, weil er das brauche, »um in die Rolle zu schlüpfen«. Es ist der immergleiche Ritus, den Stefan Märkl einhält, bevor er den Altarraum betritt, es beruhigt ihn.
Die Kirchenglocke hat aufgehört zu läuten, die Orgel beginnt zu spielen. Lampenfieber habe er keines, sagt der Diakon – und zieht mit einer großen roten Bibel in der Hand zum Gottesdienst ein. Die Südmannheimer erheben sich raschelnd von ihren Plätzen. Zwei Messdiener, ein Junge und ein Mädchen, trotten hinter ihm zum Altar. Sie mit Kaugummi, er gähnend.
Als Märkl über den Maulbeerbaum und die Vergebung predigt, presst er in den Sprechpausen die Kiefer hart aufeinander und schluckt. Lampenfieber ist ein Tabu für Priester, denn nur wer eitel ist, kann es spüren – und Eitelkeit ist eine Todsünde. Also noch einmal die Frage, nach dem Gottesdienst: Ob er manchmal Angst habe, am Altar zu versagen? Nein, das lege er in Gottes Hände, sagt Stefan Märkl. Ob Kritik an seiner Predigt ihn kränken würde? Im Gegenteil, für Kritik sei er dankbar, sagt er. Ob er das Gefühl genieße, zu vielen Menschen zu sprechen? Auch nicht, sagt er.
Dann dreht er sich um und fragt ein Mitglied des Kirchenvorstands: »Und? War schön, oder?«
- Datum 16.03.2008 - 02:58 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 02/2008
- Kommentare 16
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Naja, "Priesteramtskandidaten zu knacken" ist sicher keine besonders lustvolle Betaetigung...Aber wem es Spass macht...
Aristotelismus, Augustinismus...und wenn keine Steuergelder mehr gezahlt werden wird Gott informiert die betreffende Person aus der Kirchengemeinschaft rauszuschmeißen.Obendrein keine Beerdigung. Ach wie gut hatte es doch da Franko und Pinochet.Wie war das mit der Identity und wo gilt die.
Zwie Dinge sind mir aufgefallen, die mir doch etwas mehr zu denken gaben. Zum einen: "Jesus oder Liebe fifty fifty"Für mich ist Jesus die Liebe, ich halte nichts davon das zu trennen.Zum anderen war es das Ende, die letzten 2 Sätze, die dem davor geschriebenen Absatz vollkommen widersprechen. Sehr sehr ernüchternd
warum sich der junge Mann entscheiden muss, zwischen der Liebe zu Jesus und der zu einer Frau. Ist Jesus so eifersüchtig, dass er keine Liebe außer der zu ihm selbst duldet? ... ich glaube eher nicht.
musste die katholische Kirche Millionen USD berappen, - als Ausgleich fuer homesexuelle Uebergriffe. Dass da Frauen keinen Platz haben ist doch klar!
nur wegen homosexuellen übergriffen , sondern auch wegen Pädipholie was noch schlimmer erscheint.
So sind eben viele Vatikan Mollas.
Hier können Sie auch etwas darüber Lesen.
Der Vatikan »
nur wegen homosexuellen übergriffen , sondern auch wegen Pädipholie was noch schlimmer erscheint.
So sind eben viele Vatikan Mollas.
Hier können Sie auch etwas darüber Lesen.
Der Vatikan »
Weniger Priester, mehr Bischöfe.Von den Erträgen muss die ecclesia leben. Das Kapital bleibt gesichert. Kunst wird attraktiver ausgestellt:Die Schau wird kommerzialisiert.Es gibt keinen Glauben ohne Geschäft. Und ohne geistige Bedürftigkeit.
Der Artikel bescheibt recht gut das Spannungsfeld zwischen Anspruch und menschlicher Schwäche und trotz dieser Schwäche soweit als möglich diesem Anspruch gerecht zu werden.
Die Kommentare dagegen fallen weit dahinter zurück, sie scheinen vor allem von Ignoranz gegenüber dem Menschlichen geprägt, gerade wenn Mensch versucht einem absoluten Anspruch zu genügen bzw. soweit wie möglich gerecht zu werden.
Mit den Hinweisen auf menschliches Versagen wird ja nichts besser, sondern nur versucht den Anspruch zu diskreditieren.
Mit der Verneinung des Anspruchs jedoch werden die Probleme und Ausfälle nicht besser, nicht mal verhindert. Das Vakuum würde nur anders mit den selben Makeln gefüllt werden.
Berthold Grabe
Ich finde meinen Beitrag zu diesem Absurdistan in der Tat profan. "Profanus" meint ja genau das: ungeheiligt, vor dem heiligen Bezirk liegend. Eben weltlich, der Realität verpflichtet!
In der katholischen Kirche herrscht sexuelle Gewalt. Da würde ich durchaus den bizarren Zölibat einschließen. Hier stellt sich durchaus auch die Frage nach der Grundgesetzwidrigkeit einer solchen "Einrichtung". Ich denke, dass hier ein Arbeitgeber seine Angestellten sexuell nötigt!
Und dann ein anderer wichtiger Sachverhalt: Warum fühlen sich denn so viele Pädophile von der katholischen Kirche angezogen? Doch wohl ganz einfach dadurch, dass der Pädophile im Zölibat keinen Verzicht sieht, da er sich erwachsener Sexualität nicht gewachsen fühlt!
Es ist eine Tatsache, dass die katholische Kirche permanent gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt! Ich frage mich, wie lange wir diesen Skandal noch dulden wollen?
Der Alteste Konzern, der älteste Slogan (Liebe deinen nächsten...), das älteste Logo (das Kreuz). Nur das Produkt das er verkauft ist mehr als mangelhaft. Wo ist die Liebe in unserer Ellenbogengesellschaft und Atomwaffenwelt? Was würde Stiftung Warentest zum Ergebnis dieser Bemühung des Konzerns sagen: Theoretische Liebe und praktische Gewalt, Zwang und oft sogar Hass. Auch Mobbing ist im Kirchenkonzern nicht selten. Das wird dann noch vom Steuerzahler unterstützt (der Staat zahlt jahrlich 60 Millionen für hohe Bischofsgehälter etc.) Anstatt der in der Demokratie vorgeschriebenen Trennung von Staat und Kirche gibt es eine Verfilzung von beiden, besonders (noch) in Bayern. War die Aufklärung eigentlich schon? Es ist ein unglaublicher Skandal: Zölibat, Heuchelei, Behauptung von Dingen die irreal und nicht beweisbare Phantasie sind, diese Art von Akzeptanz des Unlogischen wirft einen großen Schatten auf die Vernunft unserer Spezies. Deshalb: statt realer Liebe zwischen den Menschen haben wir Atomwaffen und George Bush. Die Kirche benimmt sich wie eine Diktatur! Mit einem Diktator an der Spitze, der sich wie ein Pharao auf einen angeblichen Gott bezieht, der ihn zum Herrscher krönt (Das sind Kinderphantasien)Ich kann Ihnen bei Ihrer sehr gut auf den Punkt gebrachten Formulierung nur Zustimmen:"In der katholischen Kirche herrscht sexuelle Gewalt. Da würde ich durchaus den bizarren Zölibat einschließen. Hier stellt sich durchaus auch die Frage nach der Grundgesetzwidrigkeit einer solchen "Einrichtung". Ich denke, dass hier ein Arbeitgeber seine Angestellten sexuell nötigt!Es ist eine Tatsache, dass die katholische Kirche permanent gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt! Ich frage mich, wie lange wir diesen Skandal noch dulden wollen"
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"In der katholischen Kirche herrscht sexuelle Gewalt.
Da würde ich durchaus den bizarren Zölibat einschließen. Hier stellt
sich durchaus auch die Frage nach der Grundgesetzwidrigkeit einer solchen
"Einrichtung". Ich denke, dass hier ein Arbeitgeber seine Angestellten sexuell nötigt!
Es ist eine Tatsache, dass die katholische Kirche permanent gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt!
Ich frage mich, wie lange wir diesen Skandal noch dulden wollen"
Der Alteste Konzern, der älteste Slogan (Liebe deinen nächsten...), das älteste Logo (das Kreuz). Nur das Produkt das er verkauft ist mehr als mangelhaft. Wo ist die Liebe in unserer Ellenbogengesellschaft und Atomwaffenwelt? Was würde Stiftung Warentest zum Ergebnis dieser Bemühung des Konzerns sagen: Theoretische Liebe und praktische Gewalt, Zwang und oft sogar Hass. Auch Mobbing ist im Kirchenkonzern nicht selten. Das wird dann noch vom Steuerzahler unterstützt (der Staat zahlt jahrlich 60 Millionen für hohe Bischofsgehälter etc.) Anstatt der in der Demokratie vorgeschriebenen Trennung von Staat und Kirche gibt es eine Verfilzung von beiden, besonders (noch) in Bayern. War die Aufklärung eigentlich schon? Es ist ein unglaublicher Skandal: Zölibat, Heuchelei, Behauptung von Dingen die irreal und nicht beweisbare Phantasie sind, diese Art von Akzeptanz des Unlogischen wirft einen großen Schatten auf die Vernunft unserer Spezies. Deshalb: statt realer Liebe zwischen den Menschen haben wir Atomwaffen und George Bush. Die Kirche benimmt sich wie eine Diktatur! Mit einem Diktator an der Spitze, der sich wie ein Pharao auf einen angeblichen Gott bezieht, der ihn zum Herrscher krönt (Das sind Kinderphantasien)Ich kann Ihnen bei Ihrer sehr gut auf den Punkt gebrachten Formulierung nur Zustimmen:"In der katholischen Kirche herrscht sexuelle Gewalt. Da würde ich durchaus den bizarren Zölibat einschließen. Hier stellt sich durchaus auch die Frage nach der Grundgesetzwidrigkeit einer solchen "Einrichtung". Ich denke, dass hier ein Arbeitgeber seine Angestellten sexuell nötigt!Es ist eine Tatsache, dass die katholische Kirche permanent gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt! Ich frage mich, wie lange wir diesen Skandal noch dulden wollen"
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"In der katholischen Kirche herrscht sexuelle Gewalt.
Da würde ich durchaus den bizarren Zölibat einschließen. Hier stellt
sich durchaus auch die Frage nach der Grundgesetzwidrigkeit einer solchen
"Einrichtung". Ich denke, dass hier ein Arbeitgeber seine Angestellten sexuell nötigt!
Es ist eine Tatsache, dass die katholische Kirche permanent gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt!
Ich frage mich, wie lange wir diesen Skandal noch dulden wollen"
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