Die Musikindustrie ist berechenbarer als jeder Finanzmarkt, deswegen hier schon mal eine Prognose: Junge, talentierte Soulsängerinnen, die irgendwie so singen wie in den Sechzigern, wird spätestens 2010 keiner mehr hören können. Die Inflation wird sie alle fressen, und schuld ist Amy Winehouse.

Nach dem überraschenden Erfolg ihres Albums Back to Black haben Plattenlabels und -läden begeistert ihr Sortiment um das Fach "Für Fans von Amy Winehouse" erweitert. Außerdem waren nun mehr als zwölf Monate Zeit, um entsprechende Nachfolgerinnen aufzubauen, und deswegen erreichen uns dieser Tage aus England unter anderem Duffy und Adele.

Die renommierte alljährliche Musikvorhersage Top New Talents List der BBC prophezeite, die beiden würden 2008 die wichtigsten neuen Künstler sein. Was ihren bisherigen Erfolg in England angeht, hatte das Orakel recht.

Adele besitzt eine Akustikgitarre und eine Stimme, die der von Winehouse in wuchtiger Größe und schwarzer Tiefe tatsächlich ähnelt. Allerdings zupft sie auf ihrer Gitarre tendenziell samtenen Pop, was insofern praktisch ist, als dass sie damit etwa bei Amazon im "Kunden kauften auch"-Feld von Norah Jones auftauchen kann.

Duffys Stimme dagegen verfügt eher über die quäkige Rappeligkeit, die Winehouse so unverwechselbar macht. Musikalisch steht sie ihr näher, weil sich ihre Songs stärker als Adeles auf alte Soul-Diven wie Shirley Bassey beziehen.

Beide, Adele und Duffy, haben sehr schöne Alben gemacht, für deren Besitz sich niemand schämen muss. Ob ihres Erscheinens allerdings muss auch niemand vor Freude schlecht schlafen, denn: Das ist alles ein bisschen zu berechenbar und zu wenig gewagt, als dass es richtig aufregend wäre.

Alben wie diese werden in den nächsten Jahren noch viele erscheinen, einige werden sich halten, viele wird die Inflation wieder hinfortspülen. So wie die Zuspätgekommenen der Deutscher-Hip-Hop-, Castingshow- und Deutsche-Band-mit-Sängerin-Welle.