Mensagespräch mit Armin Maiwald Die Mensa mit der Maus
Armin Maiwald hat in seiner Sendung ganzen Generationen die Welt erklärt. Wo hat er das gelernt? Ein Gespräch über Karl Popper, Bruce Darnell und ein Leben nach dem Tod.

Der "Maus-Erfinder" Armin Maiwald
Jeder einzelne Satz von Armin Maiwald, 68, ist eine Reise in die Vergangenheit, selbst wenn dieser Satz noch so lapidar ist. »Ich hätte gern einen Kaffee«, sagt Maiwald im »Erfrischungsraum« der Universität Köln, und schon werden die Umstehenden von seiner Stimme in die Sonntagvormittage ihrer Kindheit katapultiert.
Armin Maiwald ist der erste Lehrer ganzer Generationen gewesen: Vor fast vierzig Jahren hat er dieLach- und Sachgeschichten erfunden, die später dann zurSendung mit der Maus wurden. Noch heute klingt er so wie früher und zählt zusammen mit Christoph Biemann (dem mit dem grünen Pulli) und Ralph Caspers zu den prägenden Köpfen derMaus.
Dabei wollte Maiwald eigentlich zum Theater, hat in den sechziger Jahren in Köln Theaterwissenschaften, Philosophie und Germanistik studiert. Fast ebenso lang, wie es seine Sendung gibt, war Maiwald nicht mehr an seiner alten Uni – für ein Gespräch nahm er nun wieder Platz im Uni-Erfrischungsraum; eine Mensa wie heute gab es damals noch nicht.
ZEIT Campus : Herr Maiwald, was glauben Sie: Wie viele Kinder denken, dass eine echte Maus orange ist?
Armin Maiwald : Da muss ich raten: 30 Prozent.
ZEIT Campus : Schämen Sie sich nicht dafür?
Maiwald : Nein, auch nicht dafür, dass viele Kinder denken, dass Kühe lila oder Enten gelb sind. Die meisten Kinder leben in der Stadt und haben keinen Zugang mehr zu den Dingen des täglichen Lebens. Das war aber schon so, als wir 1969 mit den Lach- und Sachgeschichten anfingen. In den ersten drei Filmen ging es um das Ei, das Brötchen und die Milch.
ZEIT Campus : Macht Fernsehen also schlau?
Maiwald : Die Sendung mit der Maus macht einige Zuschauer vielleicht etwas schlauer, das Fernsehen allgemein nicht. Es gibt so viele Trash-sendungen: Marienhof, GZSZ, Dschungelcamp. Irgendwann wird es eine Sendung Mein Schnürsenkel bumst mit meinem Gürtel. Bin ich pervers? geben. Die Spirale nach unten ist noch lange nicht zu Ende.
ZEIT Campus : Ihr Sender, die ARD, fühlt sich offiziell dem öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag verbunden. Trotzdem gibt es dort nun eine Styling-Show mit Bruce Darnell.
Maiwald : Ich habe mir Bruce zwei Folgen lang angeschaut: Die erste bloß um zu gucken, was passiert, die zweite habe ich nach drei Minuten nicht mehr ausgehalten. Ich kann solchen Mist nicht sehen! Dass die ARD sich auf eine solche Trash-Schiene ziehen lässt, hat sie weder nötig, noch entspricht es ihrem Auftrag. Ich würde heute keine Wette mehr eingehen, dass nicht mal irgendjemand sagt: »Die Maus ist auch nicht mehr so doll wie früher, komm, wir schmeißen sie weg.« Heutzutage kann man vor nichts sicher sein.
ZEIT Campus : Dabei gilt die »Maus« heute als Qualitätsfernsehen. Als Sie mit den »Lach- und Sachgeschichten für Fernsehanfänger« starteten, haben Sie noch jede Menge Kritik bekommen.
Maiwald : Die Sendung mit der Maus würde heute keine drei Monate mehr überleben. Zwar gab es damals noch keine offiziellen Quoten, aber massive Kritik von denen, die uns heute besonders loben; die Pädagogen und Kindergärtner hätten uns am Anfang am liebsten auf den Mond geschossen. Wir haben jeden erdenklichen Vorwurf um die Ohren gehauen bekommen: Den Linken waren wir zu rechts, den Rechten zu links. Und die Lehrer haben sich beschwert, weil wir die Filme mit Schlagermusik unterlegt haben und nicht mit dem Orffschen Schulwerk.
ZEIT Campus : Sehen Sie sich selbst nicht als Lehrer?
Maiwald : Ich sehe mich als Handwerker, der seine Arbeit macht. Allerdings wollte meine Mutter, dass ich Lehrer werde. Mein Vater ist im Krieg gefallen, wir waren nach dem Krieg arm. Meine Mutter sagte: »Als Lehrer hast du ein sicheres Gehalt.« Daher habe ich auch Germanistik und Philosophie studiert – neben meinem Hauptfach Theaterwissenschaften. Doch eigentlich wollte ich immer zum Theater.
ZEIT Campus : Haben Sie einen Abschluss gemacht?
Maiwald : Nein, damals gab es keinen Magister oder Bachelor; der einzige Abschluss war der Doktor. Ich hatte sogar ein Doktorthema: »Die Entwicklung des Kunstlichtes auf dem Theater«. Ich war schon mitten in der Recherche, als ich mir sagte: »Maiwald, bist du eigentlich bescheuert?« – Ich wollte Macher werden! Ein »Doktor« vor dem Namen wäre da tödlich gewesen; ich hätte nur als Theoretiker gegolten.
ZEIT Campus : Sie wären ein guter Professor geworden. Zumindest hätten Sie vermutlich ziemlich gute Vorlesungen gehalten.
Maiwald : Professoren benutzen sogar Folgen der Maus als Lehrmaterial – etwa die mittlerweile preisgekrönte Folge über das Erdöl. Professoren können sich einiges von der Sendung abschauen: Zum Beispiel wie man es schafft, etwas Trockenes in eine spannende Geschichte zu verpacken.
ZEIT Campus : Sind Sie mal in einer Vorlesung aus Langeweile eingeschlafen?
Maiwald : Nie! Aber manche Philosophievorlesungen waren hart – die Aula war voll, die Luft war zum Schneiden, und die Professoren formulierten so, dass man das Ende des Satzes vor lauter Begrifflichkeiten nicht mitbekam. Ich war an der Kante zum Einschlafen.
ZEIT Campus : Erklären Sie mal den kategorischen Imperativ für Kinder.
Maiwald : Ach, das ist doch einfach: Tu nichts, was du nicht willst, dass man es dir antut.
ZEIT Campus : Ihr Lieblingsphilosoph?
Maiwald : Karl Popper, ein Österreicher mit englischem Adelstitel. Ich finde toll, dass er die ganze hochschwallige Ausdrucksweise vieler Philosophen für den typisch deutschen Akademismus hielt. Viele Philosophen verschanzen sich hinter einer Mauer der Unverständlichkeit, um sich keiner Kritik auszusetzen – das ist das Gegenteil dessen, was Wissenschaft tun sollte. Sie sollte das, was sie glaubt entdeckt zu haben, zur allgemeinen Diskussion stellen. Erst dann kommt man auf die nächste Erkenntnisstufe.
ZEIT Campus : Popper ist bekannt für das deduktivistische Hypothesentesten. Am Anfang steht die Hypothese, die man dann falsifiziert. Arbeiten Sie bei der »Sendung mit der Maus« auch so?
Maiwald : Ja, zumindest bei der Suche nach Analogien, mit denen wir etwas erklären. Gerade mache ich einen Film über die Frage »Warum donnert es?«. Dann habe ich, wenn Sie so wollen: im Popperschen Sinne, eine Hypothese aufgestellt – wenn ich mir die Luftmoleküle aus Tischtennisbällen zurechtbaue und ich dann etwas hineinwerfe, passiert dann bei dieser Verbildlichung dasselbe wie beim Donner? Meine Hypothesen sind allerdings nicht theoretischer, sondern praktischer Natur.
ZEIT Campus : Über die vielleicht philosophischste aller Fragen haben Sie noch nie eine Sendung gemacht, obwohl viele Kinder Ihnen deshalb schreiben: »Wer ist Gott?«
Maiwald : Glauben ist nicht darstellbar. Indem man Gott als irgendetwas definiert, begrenzt man ihn schon. Ich kann schlecht sagen: Der liebe Gott wohnt auf Wolke sieben und hat einen langen Rauschebart. Es gibt keine harten Fakten, und ohne Fakten kann ich keine Geschichte erzählen. Glauben ist das Gegenteil von Wissen. Man kann zwar viele Dinge wissen, ab einem bestimmten Punkt aber muss man glauben.
ZEIT Campus : Ab welchem Punkt?
Maiwald : Ein Entwicklungstheoretiker sagt zwar: Es gab den Urknall. Er kann aber nicht sagen, was in der Sekunde vor dem Urknall passierte.
ZEIT Campus : Wie haben Sie den Konflikt zwischen Wissen und Glauben beantwortet?
Maiwald : Ich bin kein gläubiger Mensch im Sinne der kirchlichen Institutionen. Aber je mehr ich in wissenschaftliche Grenzbereiche eindringe, desto mehr zweifele ich, dass das alles nur Zufall sein kann. Ich habe mal eine Geschichte über Frösche gedreht. Der Biologieprofessor konnte auf den Tag genau sagen, wann ein Frosch lurcht. Aber auf die Frage: »Warum macht er das?«, kam nur die Antwort: »Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Da kann man nur gläubig werden.«
ZEIT Campus : Das heißt: Je mehr Sie wissen, desto fester glauben Sie?
Maiwald : Nein. Ich glaube nicht. Ich zweifle aber, dass alles nur Zufall sein kann.
ZEIT Campus : Was kommt nach dem Tod?
Maiwald : Nichts. Nichts! Ich kann nicht glauben, dass Seelen auf Wanderungen gehen. Auch nicht, dass es eine Hölle oder ein Fegefeuer gibt. Das ist mir zu billig, zu kaufmännisch gedacht. Ich habe den Krieg erlebt und weiß, dass die Soldaten aller Armeen zum gleichen Gott gebetet haben. Wenn Sie Bombennächte durchlebt haben, in denen Hunderte brennender Leute durch die Straßen rannten, dann glauben Sie nicht an ein Leben danach – und Sie haben auch keine Angst vor dem Tod.
ZEIT Campus : Sie haben Ihr eigenes Leben in einer »Nachkriegsmaus« thematisiert.
Maiwald : Das war mein schwierigster Film. Ich hatte meine eigene Vergangenheit ganz gut im Sumpf des Vergessens versenkt. Dann kam ich plötzlich wieder in den Ort, in den wir nach 1945 evakuiert wurden. Alle Erfahrungen kamen wieder hoch. Als ich mit dem Film fertig war, wollte ich ihn nie wieder sehen.
ZEIT Campus : Wie oft finden Sie Ihre Themen in der Auseinandersetzung mit sich selbst?
Maiwald
: Recht selten. Die meisten Fragen kommen von Kindern – wir kriegen bis zu 2000 Briefe pro Woche mit den unglaublichsten Fragen. Viele können sich nur Kinder ausdenken: »Woher weiß die Kopfschmerztablette, dass sie in den Kopf soll, wo ich sie doch erst in den Magen schlucke?«
ZEIT Campus : Ein paar Fragen beantworten Sie in der Sendung trotzdem nicht. Das müssen Sie jetzt hier tun. Also: Warum redet die Maus nicht?
Maiwald : Es gibt viel zu viele quatschende Charaktere im Fernsehen. So sollte die Maus nie sein.
ZEIT Campus : Ist die Maus ein Junge oder ein Mädchen?
Maiwald : Weder noch. Sie ist sächlich. Aber das ist auch völlig irrelevant!
ZEIT Campus : Ist die Maus schlauer als der Elefant?
Maiwald : Manchmal ist der Elefant auch der Klügere von beiden, obwohl er tollpatschiger scheint. Doch die beiden haben eine Art Eltern-Kind-Verhältnis.
ZEIT Campus : Ist die Maus eifersüchtig auf den Elefanten, seit der seine eigene Sendung hat?
Maiwald : Nee, überhaupt nicht.
ZEIT Campus : Warum ist die Ente immer so zickig?
Maiwald : Die Ente stiftet Chaos. Immer wenn sie auftaucht, passiert etwas Ungewöhnliches. Die Maus und der Elefant müssen das dann wieder geradebiegen.
ZEIT Campus : Ist das so wie bei Ihnen und Ihren Kollegen Christoph mit dem grünen Pulli und Ralph?
Maiwald : Christoph hat eine tollpatschige Art, er ist der Partner der Kinder, Ralph macht mehr Comedy, wirkt zynischer und auch etwas arroganter. Ich bekomme immer die schwersten Themen aufs Butterbrot.
ZEIT Campus : Warum tragen Sie in der Sendung immer eine Lederjacke?
Maiwald : Das ist das absolut praktischste Kleidungsstück– in ihr ist alles drin, was ich zum Überleben brauche: In der rechten Tasche außen habe ich Digitalkamera, Taschentücher, Handy, Zigaretten, Feuerzeug, Zahnstocher, Visitenkarten. Links außen: Autogrammkarten und Stifte. Links innen: Ausweis, Impfausweis, Hausausweise, Führerschein, Kreditkarten. Und in der rechten Innentasche habe ich Fahrscheine. Deswegen sehe ich oft aus wie ein Känguru mit Beuteln.
ZEIT Campus : Beginnen Sie jeden Beitrag mit »Das ist der Sowieso«?
Maiwald(lacht) : Nein. Auch der Satz »Klingt komisch, ist aber so« wird mir immer untergeschoben. Das ist ein bisschen wie bei Derrick – der hat auch nie »Harry, hol schon mal den Wagen« gesagt.
ZEIT Campus : Mögen Sie Kinder?
Maiwald : Kinder sind mir genauso lieb oder unlieb wie Erwachsene, Tiere oder Pflastersteine. Ich habe kein Riesenherz für Kinder, genauso wenig wie ein Riesenherz für Erwachsene oder Pflastersteine. Es gibt genauso viele tolle Kinder, wie es furchtbare gibt.
Das Interview führten Manuel J. Hartung und Susa Stephani .
- Datum 18.02.2009 - 09:29 Uhr
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- Quelle ZEIT Campus 03/ 2008
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Definitv eine meiner Lieblingssendungen und das vom ersten Fernseher der in der Familie seinen Platz in den 70' im Wohnzimmer als zusätzliches Familienmitglied eingenommen hatte... bis zu dem Tag als ich den eigenen Fernseher vor +-15 Jahren wegen der fast totalen Abwesenheit von Niveau und Intelligenz entsorgt habe... Seither keine Maus mehr...Jaja, die Maus hat vieles an das Tageslicht gebracht... für mich und bestimmt auch für viele andere.-------
"sich selbst zu verstehen,... ist das eine Entdeckung oder eine
Kreation...?"
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