Benelux
Fremd im eigenen Land
In Belgien gibt es die Universität Löwen gleich doppelt: Einmal in Flandern, einmal in Wallonien. Eine Wiedervereinigung lehnen beide Hochschulen strikt ab. Die Geschichte einer gewachsenen Feindschaft
Belgien, das ist ein Land, in dem jeder Student für ein Inlandsstudium Erasmus-Förderung beantragen kann, wenn er auf der anderen Seite der Sprachgrenze studieren will. Denn im Norden wohnen die niederländischsprachigen Flamen, im Süden die frankofonen Wallonen. Zwei Volksgruppen, die in ihrem Land seit fast 178 Jahren leidenschaftlich nebeneinanderher leben. Konflikte gab und gibt es immer da, wo beide sich begegnen: auf Verwaltungs- und Regierungsebene zum Beispiel. Oder eben an der Uni.
So war es auch an der Hochschule von Löwen, gelegen in Flandern. Hier studierten einst Flamen und Wallonen unter einem Dach. Man nannte Löwen deswegen auch nicht eine »flämische« oder »wallonische«, sondern eine »belgische« Hochschule. Doch das Jahr 1968 änderte alles: Während Studenten in ganz Europa für
love and peace
protestierten, provozierten sich in Löwen frankofone und niederländischsprachige Studenten so lange gegenseitig, bis die Stadt kurz vor dem Ausbruch von Unruhen stand.
Für viele Flamen wurde die Hochschule zu einem Symbol der gescheiterten Integration: Sie wollten keine »Franzosen« mehr an »ihrer« Uni studieren sehen. Noch im selben Jahr wurde ein Beschluss gefasst: Die Hochschule musste geteilt werden – nach fast 550 Jahren gemeinsamer Geschichte. Seitdem studieren in Leuven, wie Löwen auf Niederländisch genannt wird, fast nur noch Flamen, obwohl kein Gesetz dies vorschreibt.
Die Wallonen ihrerseits wanderten eine Bahnstunde weiter südwärts und bauten 1971 im eigenen Landesteil auf ehemaligen Rübenäckern Louvain-la-Neuve, Neu-Löwen.
»Ich würde sagen, dass die Flamen ambitionierter sind als die Wallonen«, sagt Thomas Vandormael. Er sitzt zusammen mit Kommilitonen im verrauchten Hinterzimmer der Kneipe Politika, die von Politikstudenten ehrenamtlich betrieben wird. Am Tresen hocken flämische Studenten, es laufen Songs von Johnny Cash, alle reden durcheinander. Es herrscht eine Atmosphäre zwischen Freizeitspaß und Gesellschaftstheorien.
Thomas ist Mitglied der Leuvener Fachschaftsvertretung Loko und Vorsitzender des Bereichs Politikwissenschaften. Er legt Wert darauf, dass er keiner nationalistischen Partei nahe steht und bezeichnet sich selbst eher als Flame denn als Belgier – genau wie sein Studienkollege Michiel Hertegonne.
Der Süden Belgiens ist den beiden 22-Jährigen so fremd wie die Provence oder die Biskaya; er ist ein unbekannter Staat im eigenen. Thomas und Michiel sind zwar gegen die Teilung Belgiens, sie wollen aber mehr Autonomierechte für Flandern.
Diese Meinung ist durchaus mehrheitsfähig unter den mehr als 25.000 flämischen Studenten der Katholieke Universiteit Leuven. Michiel sagt: »Flandern möchte vorwärtskommen. Aber im Moment tragen wir eine Bürde mit uns herum. Es ist frustrierend zu sehen, dass sich die Wallonen nicht um ihre Verantwortung kümmern. So schaffen sie es nicht, mit uns Schritt zu halten.« Thomas war einmal in seinem Leben in Louvain-la-Neuve. Michiel noch nie.
Das gegenseitige Fremdeln zeigt sich in Details, die für die Studenten hier ganz selbstverständlich sind: dass zum Beispiel ein Leuvener Student Erasmus-Auslandsförderung bekommt, wenn er im 40 Kilometer entfernten Louvain-la-Neuve studieren möchte. Und umgekehrt.
Beide Universitäten wollen diese Form des »kulturellen Austauschs« gerne als Kooperationsleistung mit der jeweils anderen Seite darstellen. »Man denkt ja normalerweise: Erasmus-Förderung bekommt man nur, wenn man in einem anderen Land studiert«, sagt Thomas, der daran nichts Schlimmes finden kann. »Aber vielleicht heißt das ja auch nur, dass die Wallonen geistig und kulturell schon in einem anderen Land leben.«
Zwei Nationen in einem Staat. Dieses Bewusstsein ist so alt wie Belgien selbst. Lange Zeit gaben die Wallonen nach der Staatsgründung im Jahr 1830 den Ton an, weil der Reichtum Belgiens im Süden erwirtschaftet wurde. Doch auch kulturell waren die Wallonen bestimmend – Französisch war zu dieser Zeit in ganz Europa eine der führenden Sprachen. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es niederländischsprachigen Hochschulunterricht, zuerst in Gent, andere Universitäten folgten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Emanzipation der Flamen an Tempo, und nicht ganz zufällig ist deswegen das Jahr 1968 ein Wendepunkt in der Geschichte Leuvens. Die Auflösung alter gesellschaftlicher Traditionen in ganz Europa fiel mit dem stärker werdenden Wunsch der Flamen nach Selbstbestimmung zusammen.
Jan Roegiers ist Professor für Geschichte und Archivar der Universität Leuven. Er begann sein Studium im Jahr 1963. Roegiers wedelt mit seiner königsblauen Krawatte. »Als ich hier anfing, musste die jeder tragen. Wer keine hatte, wurde nicht in den Hörsaal hineingelassen.« Bis 1965 blieb er in Leuven, dann ging er drei Jahre lang auf ein Priesterseminar. Als er an seine alte Hochschule zurückkehrte, hatte sich alles verändert: keine Kleiderordnung mehr, keine überkommenen Rituale. Und die Teilung der alten »belgischen Universität« war beschlossene Sache. »Die ganze Welt hat sich in dieser Zeit so schnell und gründlich gewandelt. Die Spaltung der Universität wurde in Leuven als Teil dieser Veränderungen begriffen.«
Anfang der siebziger Jahre wurde Roegiers in den Bibliotheksrat gewählt. Sein Job war es, die Teilung des gemeinsamen Buchbestandes mitzuorganisieren. »Es war eine schwierige Aufgabe«, sagt der 63-Jährige, »die gegenseitige Liebe war nicht sehr groß.«
Man muss sich die Vorgänge von damals wohl wie eine Ehescheidung im großen Maßstab vorstellen: Flamen und Wallonen wollten nicht mehr zusammenleben, der Hausstand wurde aufgeteilt. Alle Bücher, die doppelt vorhanden waren, wurden zu gleichen Teilen nach Leuven und Louvain-la-Neuve überschrieben. Bei historisch wertvollen Schenkungen durften die Stifter und ihre Nachkommen entscheiden, Zeitschriftensammlungen wurden jeweils im Ganzen einer der beiden Unis zugesprochen. Was übrig blieb, losten beide Seiten aus: nach gerader und ungerader Registernummer.
Im Jahr 1979 war die Spaltung vollendet. Eine Wiedervereinigung lehnen beide Hochschulen bis heute strikt ab. »Die Universitäten arbeiten jetzt wieder besser zusammen«, sagt Roegiers. »Doch die Professoren und Studenten kennen sich nicht mehr so gut. Das ist ein Problem.«
Dabei wäre es einfach, sich kennenzulernen. Von der prächtigen mittelalterlichen Stadt Leuven fährt stündlich zur 33. Minute eine Regionalbahn nach Louvain-la-Neuve. Auf den Gängen wird über niederländischsprachige Witze gelacht. Kurz vor dem südflämischen Dorf St. Joris Weert nehmen fast alle verbliebenen Fahrgäste ihre Taschen und steigen aus. Die Sprachgrenze. Für drei Minuten ist es still im Waggon, der Zug wird zur Geisterbahn. Eine Station weiter steigen dann die ersten Wallonen zu, die Lederbänke füllen sich wieder, und spätestens ab Ottignies ist der Zug bis Louvain-la-Neuve vom französischen Singsang erfüllt.
Benjamin Peltier ist 20 Jahre alt und Wallone. Er blickt auf den Campus von Louvain-la-Neuve und überlegt. Dann sagt er: »Klar, ja, das mit der Sprachgrenze habe ich auch schon erlebt. Ich weiß auch noch, wie der Ort an der Grenze heißt … Pecrot oder so.« Stimmt. Sein Kollege Guillaume Lohest schaut ihn entgeistert an und fragt: »Jetzt ehrlich? Das weißt du?« – »Ja, ich war ja mal da.« Benjamin lacht ein wenig verlegen.
Die beiden Studenten gehören der Univollversammlung (AGL) der Université catholique de Louvain an. Benjamin hat zweimal Leuven besucht. Guillaume noch nie. Ihr Büro liegt unweit der Unibibliothek. In den Holzregalen stehen Dutzende Aktenordner, unter deren Pappdeckeln 35 Jahre AGL-Arbeit begraben liegen. Im Wintersemester 1972/73 haben die ersten Studenten angefangen.
»Die Entscheidung zur Unispaltung war richtig«, sagt Benjamin. »Das Leben ist schöner hier. Wir sind nicht mehr in einer flämischen Stadt, wo alle um einen herum eine andere Sprache sprechen – dann fühlt man sich nicht so sehr daheim.«
Der Campus ist Lebenszweck von Louvain-la-Neuve, der ersten Stadtgründung in Belgien seit Charleroi im Jahr 1666. Die ganze Stadt ist aus Backstein gebaut, und ihr Vorteil liegt in ihrer Geschlossenheit: Louvain-la-Neuve funktioniert wie ein riesiges Studentenwohnheim. Mehr als 10000 der 21600 Studenten wohnen hier; es gibt rund hundert gemeinschaftlich verwaltete Projekte: Bars, Clubs, Cafés. An den Fenstern und Balkonen hängen auffällig viele belgische Fahnen. Viel mehr als in Leuven. Es ist ein politisches Zeichen: Belgien muss einig bleiben.
»Wir Wallonen wissen, dass wir nicht genug Geld haben, um ohne Flandern zu existieren«, sagt Benjamin. Auch die Universität von Louvain-la-Neuve würde in Turbulenzen geraten, sollte das eintreten, was hier niemand auszusprechen wagt: die Spaltung Belgiens.
Das gibt sogar Rektor Bernard Coulie zu. Denn die Universität wird von der französischen Sprachgemeinschaft und der wallonischen Regionalregierung finanziert. Deren Etats wiederum speisen sich großteils aus dem föderalen Finanzausgleich. Statistisch gesehen bezahlt jeder erwerbstätige Flame jährlich etwa 2000 Euro Strukturhilfe für den Süden. Sollten die Gelder ausbleiben, droht mittelfristig der Zusammenbruch der öffentlichen Infrastruktur Walloniens. »Sieh dich um«, sagt Benjamin, »das mit den Flaggen ist nicht nur in Louvain so. Du kannst sie überall in Wallonien sehen.«
Es gab einen Tag im Herbst vergangenen Jahres, an dem die Studenten aus beiden Landesteilen hätten Frieden schließen können. Sie taten es nicht. In der Leuvener Innenstadt trafen sich damals 300 Studenten aus Leuven und Louvain-la-Neuve, um sich zu umarmen und zu küssen.
»België knuffelt – Les belges s’embrassent«
hieß die Aktion.
Frei übersetzt: »Belgien hat sich lieb.«
Ein Großteil der flämischen Fachschaftsvertretung Loko boykottierte die Veranstaltung in der eigenen Stadt. »Es gab große Diskussionen darüber«, erzählt Thomas. »Da kamen Argumente wie: ›Es geht ja nur darum, Freundschaft zu beweisen.‹ Aber andere sagten, es sei ein politisches Statement für die Einigkeit Belgiens, auf diese Veranstaltung zu gehen.« Am Ende nahm die AGL teil und die Loko nicht.
Jede Aussage und jede Geste ist mittlerweile hoch politisiert. Wer für Belgien ist, spricht sich gegen die flämische Sache aus. Und umgekehrt. So muss jede noch so gut gemeinte Solidaritätsaktion im Streit enden. Selbst unter Studenten. Als Benjamin aus Louvain-la-Neuve nach Leuven kam, wurde er von einigen flämischen Mitstreitern am Bahnhof empfangen. Sie zogen gemeinsam in die Innenstadt, wo sich jedoch vor allem Wallonen untereinander lieb hatten. »Es war schon bemerkenswert: Wir aus Louvain waren klar in der Überzahl. Aber es war eine schöne Aktion.«
Michiel Hertegonne aus Leuven stand zur selben Zeit am gleichen Ort. Er hat Benjamin nie getroffen. Wie auch? Die beiden Studentenorganisationen haben keinen Kontakt. Je länger die Aktion dauerte, desto mehr ärgerte sich Michiel. »Ich war enttäuscht, weil nach allen Reden die belgische Nationalhymne angestimmt wurde«, sagt er. »Das war ein politisches Statement. Sie haben damit die ganze Veranstaltung ruiniert. Eine verpasste Chance.«
Universität Löwen
Zwei Sprachen, eine Universität: Bis 1968 besuchten Studenten aus Flandern und Wallonien die Katholische Universität Löwen in Flandern. Dann wurde die Hochschule geteilt – auf der anderen Seite der Sprachgrenze entstand eine französischsprachige Universität mit demselben Namen in der neu gegründeten Stadt Louvain-la-Neuve.
- Datum 30.4.2008 - 01:52 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 03/ 2008
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