Marie Curie will an der Uni nur lernen, sonst nichts. Als erste Frau erhält sie das Lizenziat in Physik und später zwei Nobelpreise. Was wäre heute aus ihr geworden?

Die 24-jährige Polin mit den aschblonden Locken sitzt allein in der ersten Reihe des Hörsaals, mal wieder. Kaum jemand kennt ihren Namen, sie hat nur Augen für den Professor und ihren Notizblock. Die Physik-Erstsemester des Jahres 1891 an der Pariser Sorbonne haben es nicht leicht, mit Kommilitoninnen ins Gespräch zu kommen: Es gibt ohnehin nur 23 Frauen unter den gut 1800 Studierenden an der Fakultät, und die stille Polin will lernen, sonst nichts.

Die unscheinbare Maria Sklodowska aus Warschau ist bald eine der bekanntesten Frauen Europas: Zwölf Jahre nach ihrer Immatrikulation wird sie als Marie Curie den Nobelpreis für Physik erhalten, weitere acht Jahre später den Nobelpreis für Chemie.

Um überhaupt einen Platz im Hörsaal zu bekommen, hat Marie kämpfen müssen: Im Polen des 19. Jahrhunderts dürfen Frauen nicht studieren. Zwar ist in Frankreich ein Studium für Frauen seit 1880 gesetzlich erlaubt – das aber ist teuer. Also arbeitet Marie als Hauslehrerin auf dem Land und verdient Geld, mit dem zunächst ihre ältere Schwester in Paris Medizin studieren kann. So bald wie möglich will die Ältere ihre kleine Schwester nachholen. Aber Jahre vergehen, und Marie begräbt alle Hoffnungen auf eine eigene akademische Laufbahn. Mit 20 schreibt sie an eine Freundin: "Das Leben ist es nicht wert, dass man sich seinetwegen so sehr den Kopf zerbricht."

Dann aber klappt es doch: Die Schwester schließt ihr Studium in Paris ab, wird Ärztin und heiratet – sie kann Marie für die erste Zeit in Frankreich beherbergen. Die Ersparnisse reichen gerade für die vierzigstündige Bahnfahrt Vierter Klasse auf einem mitgebrachten Klappstuhl und die Immatrikulationsgebühr an der Sorbonne. Aber die Jahre als Hauslehrerin sind vorbei. Marie schafft es 1891 endlich in einen Hörsaal.

Sie zieht ins Quartier Latin, das Studentenviertel in der Nähe der Sorbonne. Marie dichtet über ihre Dachkammer: "Elegantes Wohnen ist das nicht, / Im Winter lässt die Kälte das Gesicht erstarren, / Im Sommer ist die Kammer stickig, eng. / Und doch: Es ist ein kleiner, ruhiger Hort."

Marie lernt wie besessen. Um zu Hause Petroleum zu sparen, sitzt sie so viel wie möglich in der Bibliothèque St. Geneviève. Wenn diese abends um zehn Uhr schließt, läuft Marie in ihre Kammer und arbeitet bis um zwei Uhr weiter. Sie lebt wochenlang von Tee und Butterbroten, oft wird sie ohnmächtig vor Hunger. Sobald sie aufwacht, lernt sie weiter.

Der Eifer wird belohnt: Als erste Frau erhält Marie das Lizenziat in Physik. Sie ist Jahrgangsbeste, besser als alle Männer in ihrem Studiengang. Zwei Jahre später macht sie als Zweitbeste ihren Abschluss in Mathematik. Aber Marie hat Heimweh, sie will zurück nach Polen, sie würde dafür sogar ihre wissenschaftlichen Ambitionen hinter sich lassen.