Innovationen Heureka!
Man muss kein Daniel Düsentrieb sein, um als Erfinder gute Einfälle zu haben. Doch kann man diesen Beruf erlernen? Eine Erfinderschule unterrichtet Kreativität für jedermann. Auch Konzerne nutzen die Ideen von Amateuren
Mit einer Idee, die ihm in seiner Freizeit gekommen ist, hat Christian Hedberg gerade 20.000 US-Dollar verdient. Hedberg ist 32 und forscht hauptberuflich als Biochemiker am Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund. Nach Feierabend denkt er über ungelöste Probleme nach. Er findet sie im Internet, zum Beispiel auf der Seite von InnoCentive , auf der Konzerne, NGOs und staatliche Institutionen Fragen aus Wissenschaft und Technik präsentieren, an denen sich Forscher bislang die Zähne ausgebissen haben.
Die Aufgabe bei InnoCentive musste er sich nur kurz anschauen, erzählt Hedberg, dann hatte er schon die Idee. Vier, fünf Tage, ein wenig Literaturrecherche, Zettel und Stift, mehr war nicht nötig. Das Nutzungsrecht an seiner Erfindung hat er abgegeben – und dafür das Preisgeld bekommen. »Ein ganz guter Stundenlohn«, sagt er.
Seine Erfindung ist eine »alternative synthetische Verbindung«, wie er verrät, aber was genau es ist, darf er nicht sagen. Für wen er gearbeitet hat, darf er selbst nicht wissen. Welches Unternehmen gibt schon gern zu, dass die eigene Forschungsabteilung nicht weiterkommt und man stattdessen auf Hilfe von außen setzt? Auf das Wissen und die Erfahrung von Wissenschaftlern, Hobbyforschern und Bastlern?
Es gibt tatsächlich einen Markt für diese Einzelkämpfer, die ohne eine ganze Forschungsabteilung Probleme wegtüfteln. InnoCentive zum Beispiel sucht Lösungen für Probleme in Wirtschaft, Physik, Mathematik, IT oder Design. Die Firma wirbt damit, dass 125.000 der »hellsten Köpfe der Welt« über diese Probleme nachdenken. Das Honorar für eine Lösung liegt zwischen 1000 und 1.000.000 Dollar, es kann sich also lohnen, Erfinder zu sein. Die Frage ist nur: Kann man diesen Beruf überhaupt erlernen?
Ordnung ist der Feind des Kreativen, und die Studenten der Potsdamer School of Design Thinking müssen einen unbändigen Schöpfungswillen haben: Papierschnipsel, Scheren, Stifte liegen kreuz und quer auf Stehpulten, vollgekritzelte Klebezettel, Fotos und Pfeildiagramme zieren die rollbaren Stelltafeln. Materialien, um die umherschwirrenden Ideen sichtbar zu machen.
Die School of Design Thinking gehört zur Universität Potsdam und versteht sich als Erfinderschule. Sie will kreatives Schaffen lehren. Knapp 40 Studenten aus 30 verschiedenen Fachrichtungen besuchen die einjährige Zusatzausbildung. Sie kommen neben ihrem regulären Studium an zwei Tagen pro Woche in den verglasten Neubau mit den verschiebbaren Wänden, um auf Sofas und Sitzkissen über die Grenzen ihres eigenen Studienfachs hinauszudenken.
In kleinen Arbeitsgruppen diskutieren sie dann beispielsweise, wie man die »intuitive Recherche« in Bibliotheken, also das Herumstöbern in den Buchreihen, technisch unterstützen könnte. Wie etwa ließe sich das Stöbern auf die Onlinerecherche übertragen, bei der einen die starre Stichwortsuche doch regelmäßig an den interessantesten Publikationen vorbeischlittern lässt? Könnte ein Chip im Buch zählen, wie oft und wie lange es von anderen Nutzern angeschaut wurde? Und wenn man schon von zu Hause aus sehen könnte, ob die Freunde in der Cafeteria sind, vielleicht wäre dann der Anreiz größer, selbst in die Bibliothek zu gehen?
Sätze wie »Das kann doch gar nicht klappen« sind hier nicht zu hören. Das ist eine der Grundregeln der School of Design Thinking: keine vorschnelle Kritik. Alles ist möglich.
Für die Ideensuche verwenden die Potsdamer dieselbe Methode wie ihre Schwestereinrichtung an der kalifornischen Stanford University. Die Formel heißt genauso wie die Schule: »Design Thinking«. Ein Ansatz, den beide von der Design- agentur Ideo aus den USA übernommen haben. Das Unternehmen hat zum Beispiel für Apple die erste Computermaus entwickelt.
Das Prinzip in Potsdam lautet: Dinge visualisieren, die Welt mit den Augen des Nutzers sehen – und vor allem »wilde« Ideen zulassen. »Wer Erfindungen haben will, muss erlauben, dass die Gedanken auch mal abschweifen«, sagt Johannes Weyer, Techniksoziologe an der Universität Dortmund.
In Unternehmen und Forschungsinstitutionen wird das allerdings immer schwieriger. Dort ist der wirtschaftliche Druck oft so groß, dass auf keinen Fall etwas erforscht und entwickelt werden kann, das später womöglich im Papierkorb landet. Das hemmt die Kreativität, und abseitige Ideen werden schneller verworfen.
Die meiste Schöpfungskraft ziehen die Potsdamer aus der Begegnung mit Vertretern anderer Disziplinen. Germanisten treffen in der Erfinderschule auf Informatiker und Philosophen auf Physiker – eine Horizonterweiterung, die viele aus ihrem regulären Studium gar nicht kennen. »Ich hatte früher manchmal den Eindruck, mit Scheuklappen zu studieren«, sagt Gesa Krey, 26, über ihr Biochemiestudium. Sie will ihren Blick für Fachfremdes öffnen. Nicht immer ohne Mühe: »Die Herangehensweise an ein Thema ist in den jeweiligen Disziplinen völlig unterschiedlich«, sagt sie. »Manchmal versteht man nicht einmal die Worte des anderen.«
Johannes Weyer von der Uni Dortmund hält diesen Ansatz für genau richtig. »Erfindungen geschehen an den Rändern von Wissensgebieten, durch den Austausch von Ideen und Konzepten«, sagt Weyer. »Ein guter Erfinder hat die Fähigkeit zur Grenzüberschreitung.«
Die Formel des Tüftlers Christian Hedberg lautet ähnlich: »Nimm das etablierte Wissen, vermische es mit deiner eigenen Erfahrung, und wende es auf das zu lösende Problem an. Die Idee mit den intelligenten Büchern jedenfalls wäre ja schon mal gar nicht so schlecht.
Wohin mit den Ideen?
1. Erfinderschule : Die School of Design Thinking richtet sich an Studierende aller Fachrichtungen der Unis Berlin und Potsdam. Die studien-begleitende Ausbildung dauert ein Jahr, die Seminare finden an zwei Tagen pro Woche statt. Die nächste Ausbildungsrunde beginnt zum WS 2008/09, Bewerbungen sind ab Juli möglich. www.hpi.uni-potsdam.de/d-school
2. Erfinderclubs
: INSTI heißt eine Initiative des Bundes, die vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft geleitet wird. Ziel des Netzwerkes ist es, freie Erfinder bei der Entwicklung und Verwertung ihrer Ideen zu unterstützen.
www.erfinderclubs.de
3. Treffpunkte
: Tüftler und Unternehmer finden etwa bei InnoCentive zusammen. Auf dem InnovationMarket können Erfinder nach Kapitalgebern und Projektpartnern suchen:
www.innovationmarket.de
Allgemeine Informationen rund ums Erfinden:
www.erfinderring.de
www.deutscher-erfinder-verband.de
4. Patente
: Der »Patentserver« gibt Informationen zu Anmeldung, Schutz und Nutzung von Patenten:
www.patentserver.de
5. Erfindermethoden
: Die TRIZ-Methode gibt dem Erfinden System. Der Russe Genrich Altschuller analysierte in den vierziger Jahren Tausende Patente und erkannte, dass die Erfinder nur etwa 40 Lösungsprinzipien verwendeten.
www.triz-online.de
- Datum 27.04.2008 - 09:49 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 03/ 2008
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