ZEIT Campus : Herr Goldie, als Philosoph ist Ihre Aufgabe in erster Linie, zu denken, nicht zu fühlen…

Peter Goldie : …das sagen Sie, nicht ich!

ZEIT Campus : Was haben Sie denn etwa heute morgen gefühlt, als Sie an Ihrem Schreibtisch saßen?

Goldie : Ich arbeite gerade über Mozarts Oper Così fan tutte und die Emotionalität der Musik. Dabei denke ich nicht nur nach, sondern fühle auch etwas. Ich höre mir die Musik an und denke nach über den Kontrast zwischen der dahinschmelzenden Musik und dem Zynismus des Stücks. Dabei sind auch Emotionen im Spiel.

ZEIT Campus : Viele Wissenschaftler betonen zurzeit, wie hilfreich Emotionen sind, etwa bei schwierigen Entscheidungen. Sie dagegen warnen vor dem Einfluss, den Gefühle auf unser Denken haben können. Warum das?

Goldie : Gefühle können sehr nützlich sein. Wenn man bei einem Spaziergang plötzlich Angst vor einer giftigen Schlange am Wegesrand hat, löst das automatisch bestimmte Mechanismen aus, die das Überleben sichern: anhalten, anspannen, zurückziehen. Natürlich käme man auch durch Nachdenken darauf, dass man besser den Rückzug antreten sollte – aber da könnte es dann schon zu spät sein. Dennoch sollten wir nicht aus den Augen verlieren, dass Gefühle uns sehr in die Irre führen können. Gefühle sind nicht nur schnell, sondern auch schlicht. Sie können den Laden durcheinanderbringen, bevor der Verstand ankommt. Man sieht dann die Welt anders, verzerrt durch die Gefühle.

ZEIT Campus : Wie meinen Sie das – wenn ich etwas fühle, sehe ich die Welt anders, als sie ist?

Goldie : Nehmen wir die sexuelle Eifersucht von Männern. Das ist nicht nur eine sehr mächtige Emotion, wie ich Ihnen versichern kann, sondern auch eine, die evolutionär besonders wichtig ist für die Erhaltung der Art. Wenn Männer eifersüchtig sind, meinen sie oft zu sehen, dass ihre Partnerin mit den Gedanken bei einem anderen ist. Das Problem ist: Manchmal gibt es dafür überhaupt keine Rechtfertigung! Das ist genauso, als wenn man sich vor der Schlange auf dem Weg fürchtet, obwohl man bloß einen Zweig gesehen hat. Wenn man einmal so weit ist, hat die Eifersucht einen im Griff, und auf einmal beginnt man, nach Gründen zu suchen für das, was einem das Gefühl einflüstert. Die komplette Wahrnehmung wird verzerrt.

ZEIT Campus : Wieso können Gefühle unsere Wahrnehmung derart beeinflussen?

Goldie : Wahrnehmung ist nie neutral. Nehmen wir an, wir sind gemeinsam auf einer Party und sehen uns die Gäste und das Treiben an. Was wir sehen, ist bei uns beiden jeweils auf eigene Weise durch unsere Gefühle geprägt und auch durch unsere Interessen. Ich sehe besonders deutlich, wie meine Frau ihren Gesprächspartner anblickt, weil ich eifersüchtig bin; Ihnen fällt vielleicht besonders die Farbe des Kleides meiner Frau auf, weil Sie sich in diesen Tagen unbedingt ein neues Kleid kaufen wollen und noch nicht wissen, welches.

ZEIT Campus : Jetzt stellen Sie Interessen und Gefühle einfach auf die gleiche Stufe, obwohl es doch sehr wohl einen Unterschied gibt!

Goldie : Stimmt. Emotionen sind sehr komplexe Zustände: Das Herz klopft einem bis zum Hals, man reißt entsetzt die Augen auf, man will wegrennen. Emotionen sind qualitativ, sie fühlen sich auf bestimmte Weise an; Gedanken und Interessen tun das nicht. Außerdem sind sie immer persönlich wertend: Eine Emotion in Bezug auf etwas zu haben heißt, dieses Ding als etwas zu sehen, das mich angeht. Die Furcht vor der Schlange auf dem Weg bedeutet, dass ich sie als gefährlich für mein Leben ansehe.

ZEIT Campus : Und wie unterscheiden Sie Gefühle von der "Intuition", über die sich derzeit so viele Ratgeber begeistern?

Goldie : Der Philosoph David Lewis sagt, Intuitionen sind etwas Kognitives, einfach etwas, was man denkt, ohne viele Begründungen dafür zu haben. Also eine Art Vermutung. Aber tatsächlich reden wir von Intuitionen auch in Fällen, die mehr mit Gefühlen zu tun haben. Etwa wenn man jemandem nicht vertraut und – gefragt, warum – nur sagt: Ich weiß nicht, etwas an ihm ist mir unheimlich. Intuitionen können also auf Gefühlen basieren.

ZEIT Campus : Ihr Beispiel klingt, als hätten Gefühle sehr viel mit Vorurteilen zu tun, etwa bei Fremdenfeindlichkeit.

Goldie : Das ist richtig. Um gegen Vorurteile anzugehen, hilft in den seltensten Fällen rationale Argumentation. Dazu haben Psychologen sehr interessante Erkenntnisse vorgelegt. Wenn ein Mensch in seiner eigenen Straße überfallen wurde, dann hat das einen enormen Einfluss auf seinen Glauben, wie groß die Kriminalität in der Stadt ist. Da kann man Ihnen so viele Statistiken vorlegen, wie man will, Sie werden sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen, weil da dieses persönliche Bedrohungsgefühl ist, ausgelöst durch einen Einzelfall. Um manche Vorurteile zu beheben, müsste man die emotionale Struktur der Leute ändern. Denn sonst geht es wieder so, wie wir vorhin gesehen haben: Die Menschen glauben etwas wegen eines Gefühls – und suchen dann nach den passenden Argumenten dafür.

ZEIT Campus : Wissenschaftsthemen wie "Die Macht der Gefühle" sind derzeit sehr populär, vor allem wegen vieler neuer Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychologie. Was hat die Philosophie zu diesem Thema überhaupt beizutragen?

Goldie : Ein Beispiel dafür, wo eine philosophische Frage einsetzt: Der Psychologe Paul Slovic forscht zu unseren Einstellungen gegenüber Genoziden. Er zeigt, dass wir sehr viel eher bereit sind zu helfen, wenn es um eine kleine Anzahl Leidender geht als um eine große. Er begründet das damit, dass wir für die große Anzahl Menschen kein Gefühl empfinden würden, und behauptet: Wo kein Gefühl, da keine Handlung. Doch das folgt keineswegs so einfach daraus. Ich könnte auch ganz ohne Gefühl einen Scheck ausfüllen und etwas für die Opfer von Darfur spenden. Es ist nicht einzusehen, weshalb dabei unbedingt Gefühle eine Rolle spielen sollten. Es sei denn, man hat einen sehr engen Begriff von Gefühl, nämlich einen, nach dem Gefühl nicht viel mehr als eben Motivation ist. Das aber hieße, das zu Beweisende von vornherein vorauszusetzen. Solche Denkfehler aufzuzeigen, Fragen zu stellen über etwas, das einfach als sicher angenommen wird, das ist unter anderem Aufgabe der Philosophie.

ZEIT Campus : Aber was können Philosophen über Gefühle sagen, was andere Forscher nicht können?

Goldie : Hirnforscher sind auf messbare Daten angewiesen. Dementsprechend bauen sie ihre Experimente auf, und das beeinflusst auch, wie sie über Gefühle denken: als unmittelbare Antworten auf bestimmte Ereignisse in der Umgebung. Das Paradigma dafür ist die Schlange auf dem Weg. Aber ein Großteil unseres emotionalen Lebens ist gar nicht so. Vielmehr hat es mit unserem "geistigen Leben" zu tun: an die Vergangenheit denken oder an die Zukunft, sich vorstellen, was passieren könnte, sich mit Kunst beschäftigen. Diese Emotionen können nicht alle von den Naturwissenschaften erfasst werden, rein methodisch schon nicht. Von der Philosophie schon.

ZEIT Campus : Der Psychologe Gerd Gigerenzer sagt: Für eine gute Entscheidung sollten wir nicht zu viel nachdenken, sondern unserem Bauchgefühl folgen. Wie sehen Sie das?

Goldie : Auch wenn es kantischer klingt, als ich das will, muss ich sagen: Wir sollten unsere Intuitionen immer vor das Tribunal der Vernunft stellen. Man sollte die Intuitionen respektieren, aber ihnen nicht die letzte Autorität geben. Etwa: Man hat mit jemandem zu tun und eigentlich jeden Grund, ihm zu vertrauen. Trotzdem behält man ihm gegenüber ein ungutes Gefühl. Was sollte man tun? Ihm nicht völlig misstrauen, aber darauf achten, was für Gründe es für das Gefühl geben könnte. Gibt es einen guten Grund – oder trägt er bloß zufällig denselben Namen, wie ein Mensch, der mir früher einmal geschadet hat?

Das Interview führte Eva Weber-Guskar .