RechtsextremismusEloquent, geschmeidig, belesen

Rechtsextreme sehen nicht immer so aus, wie man sie sich vorstellt. Sie sind auch nicht immer so dumpf, wie man sie gern hätte. Einige von ihnen studieren sogar von Philipp Schwenke

Am Samstagnachmittag marschieren sie durch Dresden, 3800 von ihnen; schweigend, Fahnen tragend und in Achterreihen. Ein seltsamer Zug, der sich da durch die Stadt windet. Rauchen ist verboten, Hände in die Taschen stecken auch, ein »allgemeines Volksgemurmel« ausdrücklich nicht erwünscht. Die Veranstalter wollen das so, das haben sie den Teilnehmern vorher schriftlich gegeben. »Würdevoll« soll es zugehen, wenn sie der Opfer des »Bomben-Holocausts« gedenken, wie die Rechtsextremen die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg am liebsten nennen. Die meisten halten sich daran. Nur an der einen Kurve direkt vor der Semperoper, in der Dutzende Polizeireihen es nicht schaffen, die Gegendemonstranten außer Sicht- und Rufweite zu halten, lachen die Rechten und recken ihre Fäuste und Mittelfinger in die Luft, den »Nazis raus!«-Chören entgegen.

Dann marschieren sie an der Semperoper vorbei. Drinnen wird an diesem Nachmittag Dornröschen gegeben, ein »Ballett in drei Akten mit Prolog«, draußen an der Fassade hängt ein Transparent, hoch wie zwei Stockwerke, mit einem Tucholsky-Zitat. Die Buchstaben am Anfang des Satzes wurden so klein geschrieben, dass sie aus der Entfernung kaum zu lesen sind. Nur ein paar Worte bleiben zu erkennen: »...die Kapitulation des Geistes«. Drinnen ist gerade Pause, an den Fenstern stehen die Besucher und schauen auf den Aufmarsch unten vor der Tür, die meisten von ihnen haben so etwas noch nicht gesehen. Sie wirken ratlos.

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Auch die Rechten tragen Transparente. »1945– Das Ende der FREIHEIT!« steht darauf oder »Großvater, wir danken Dir!«, gemeint ist die Wehrmacht. Die meisten, die mitmarschieren, sind deutlich jünger als 30, und sie sehen nicht so aus, wie die breite Öffentlichkeit sich einen praktischen Nazi vorstellt. Einen praktischen Nazi: so einen, dem man direkt ansieht, was er für einer ist, auch wenn er gerade kein Transparent in der Hand hält. Einen, den man an Glatze, Bomberjacke oder Springerstiefeln erkennt.

Zu denen, die unten vorbeimarschieren, gehören auch die Jungen Nationaldemokraten – die JN, das ist die Nachwuchsorganisation der NPD. Unter den Fahnen mit dem J, dem N und dem Pfeil nach rechts oben geht auch Michael Schäfer. Er ist 25, trägt einen Kapuzenpulli und kämmt seine Haare mit Gel nach hinten, er studiert Politikwissenschaften in Halle an der Saale, spricht eloquent, kann ruhig und flott argumentieren, und wenn er jemandem versehentlich auf den Fuß tritt, sagt er »pardon«. Er sieht nicht aus wie der Vorsitzende der größten bundesweiten Nachwuchsorganisation für Rechtsextreme. Insofern muss man sagen, dass Michael Schäfer ein sehr unpraktischer Nazi ist.

Das Thema Rechtsextremismus besteht in Deutschland meist aus Ortsnamen: Hoyerswerda, Mölln, Solingen, Guben – die Medien berichten über Gewaltexzesse und dann wieder über etwas anderes. Aber zumindest hat sich in der deutschen Öffentlichkeit so ein gut funktionierender Ekelreflex etabliert, der bei den praktischen Nazis mit Bomberjacken, Glatzen und platt formulierten »Ausländer raus!«-Parolen anspringt. Allerdings weiß das auch die rechte Szene. In ihren freien Kameradschaften und rechtstextremen Parteien versuchen sie seit einigen Jahren, diesen Reflex zu unterlaufen, sie wollen unter dem Radar hindurch in die Mitte der Gesellschaft tauchen. Ihr Fußvolk auf der Straße kleidet sich unauffällig, sodass nur noch Eingeweihte die »Anti-Antifa«-Buttons und Labels der Bekleidungsfirma Thor Steinar zu deuten wissen. Ihre parteipolitische Vertretung von der NPD tritt derweil bei Wahlkämpfen mit neutraleren Protest-Parolen wie »Quittung für Hartz IV« an und geriert sich als Ökopartei. Gleichzeitig behaupten sie, dass es eine »Intellektualisierung« von Partei und rechter Bewegung gegeben habe.

Die NPD will Akademiker anlocken und Studenten, sie will Diskurse bestimmen und hat dafür eigens eine »Dresdner Schule« ausgerufen, von der sie behauptet, dass sie das rechte Gegenstück zur Frankfurter Schule um Adorno oder Horkheimer wäre. Irgendjemand muss ja auch die Denkarbeit für die Partei übernehmen, Programme entwickeln und die Strategien entwerfen, mit denen sie sich langfristig in der Gesellschaft etablieren will. Den typischen Rechtsextremen halten die meisten Menschen für einen schlecht ausgebildeten Wendeverlierer ohne Arbeitsplatz, aber mit Bierdose in der Hand. Das stimmt nicht mehr. Das hat so auch nie gestimmt. Die Rechtsextremen, sie brauchen Studierte und Studenten. Und einige davon haben sie schon.

Wenige Tage nach der Demonstration in Dresden sitzt Michael Schäfer in der Bundeszentrale der JN in Bernburg, einer Kreisstadt mit 31000 Einwohnern, genau zwischen Halle und Magdeburg. Die JN hat etwa 400 Mitglieder bundesweit, ihre kleine Zentrale versteckt sich in einem muffigen Haus am Markt, als Sitzmöbel stehen Bierbänke darin, nebenan verkauft ein Laden Nazibedarf: T-Shirts mit »White Revolution«- oder »Good Night, Left Side«- Schriftzug, CDs, Fahnen, Schals. Im Flur stehen Bücher wie Volk. Nation. Rasse. Grundlagen der Biopolitik.

Schäfer ist ein vorsichtiger Gesprächspartner. Vor dem Interview hat er sich schriftlich versichern lassen, dass ihm alle Zitate dieses Textes vor Abdruck noch einmal vorgelegt werden. Trotzdem sagt er: »Wir sind ja froh, dass mal jemand mit uns redet anstatt immer nur über uns.« Dass man über die Rechtsextremen reden muss, versteht sich von selbst; aber muss man auch tatsächlich – mit ihnen reden? Sollen sie überhaupt zu Wort kommen dürfen? In diesem Fall: ja. Ihre Argumente muss man kennen, um sie widerlegen zu können. Und man sollte ihnen zuhören, sorgfältig zuhören, um zu verstehen, was sich hinter ihren Parolen und Euphemismen verbirgt.

Das Interview mit Schäfer dauert zwei Stunden, und es ist nicht so, dass ihm in dieser Zeit irgendwann die Themen ausgehen. Die Politik seiner Partei verkauft er möglichst weich, und würde er nicht konsequent »Schlagballkappe« statt Baseballmütze sagen und »E-Post« statt E-Mail, würde er nicht doch hin und wieder ein Wort wie »Ausländerrückführung« in den Mund nehmen oder von der »Volksgemeinschaft« sprechen – manchmal könnte er klingen, als sei er einfach nur sehr, sehr konservativ und vielleicht in der CSU. Als er dann später über Wirtschaftspolitik redet, klingt er manchmal, als sei er in der PDS. Tatsächlich hat er Das Kapital gelesen und war eine Zeit lang Mitglied bei den Globalisierungskritikern von Attac, aber dort wollten sie ihn nicht haben.

Im Gespräch umschifft er geschmeidig jede radikale Forderung seiner Mutterpartei, so wie ein normaler Politiker unangenehme Wahrheiten umspielt, die besser erst nach dem Wahlkampf angesprochen werden sollten. Das mit der Ausländerrückführung – einer Forderung der NPD, mit der sie meint, Arbeit für Deutsche zu schaffen –, das müsse man ja nicht unbedingt genau so umsetzen, sagt Schäfer. Man könne ja auch schon mit kleinen Maßnahmen viel erreichen, Kosten sparen, den Staat entlasten. Zum Beispiel: »Die Krankenkassen versichern die Familien von hier lebenden Ausländern kostenlos mit – auch wenn die im Ausland leben. Wenn man das streichen würde, hätte man die Kosten der letzten Gesundheitsreform schon wieder drin.« Das kann man richtig finden oder nicht, aber bis zum Beweis des Gegenteils klingt eine solche Forderung erst mal durchaus plausibel. Was die NPD denn von anderen Parteien unterscheide? »Wir sind glaubwürdiger«, sagt Schäfer. Und der Vorwurf, dass die Partei verfassungsfeindlich sei? »Unsere Politik kann mit dem Grundgesetz, so wie es jetzt besteht, gemacht werden«, sagt Schäfer. Zwischendurch schenkt er Wasser nach.

Darf man diese Sätze unwidersprochen stehen lassen, obwohl wenig daran stimmt? Nein, darf man eigentlich nicht. Zumindest nicht länger als die nächsten 18 Absätze dieses Textes. Aber bevor wieder Michael Schäfer und seine politischen Ideen betrachtet werden sollen, muss es auch um andere rechtsextreme Studenten und Studierte gehen. Schäfer ist ja nicht der einzige.

Leserkommentare
  1. Wenn es so viele Rechte gäbe, wie die Zeit über sie berichtet, dann wäre die NPD bei 50% der Wählerstimmen.Dieses einfache "guckt mal, wie dumm diese ganzen Nazi-Rechten sind" funktioniert meiner Meinung nach nicht.Im Gegenteil - durch die bloße Anklage von Nicht-Linken Gesinnungen werden die Rechten Parteien nur mehr Zulauf bekommen. Etwas mehr Objektivität und weniger quanititative Berichterstattung bringen mehr. 

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    • osona
    • 18. Mai 2008 15:03 Uhr

    natürlich ist die NPD nicht bei 50 %, aber meiner Meinung nach ist jeder Nazi, einer zu viel!

    • LB
    • 18. Mai 2008 16:20 Uhr

    Sie haben meiner Ansicht nach Recht mit Ihrer Klage, dass es in diesem Land viel zu viel Berichterstattung über Rechtsextremismus gibt, der nach einfachen Schemen arbeitet und darauf vertraut, dass der Leser sich allein schon durch kurze Zitate dieser Schwachköpfe und die üblichen Beschreibungen von Gewalttaten abschrecken lässt. Aber genau dies ist doch dieser "antrainierte Ekel", der im Artikel von Herrn Schwenke angesprochen wird.Mein Eindruck ist, dass Sie den Artikel gar nicht oder nicht aufmerksam gelesen haben (nach dem Motto: "Ein weitere Predigt über Rechts" - nur überfliegen), denn gerade am Anfang beklagt der Autor eben das, was Ihnen so missfällt. Und da stimme ich Ihnen beiden zu. Das "Seht mal, wie dumm" und "Seht mal, wie hässlich"-Konzept und die Abarbeitung der ganzen Nazi-Klischees funktioniert nicht mehr. Im Gegenteil: Es ist höchst kontraproduktiv. Indem man solchen Leuten den Mund verbietet, ihre abstrusen Thesen gar nicht erst zur Disposition stellt, verschafft man ihnen und vielen Lesern/Zuschauern/Zuhörern (ich beziehe mich auch auf Berichterstattung in TV u. Radio) vielmehr den latenten, nicht immer offen ausgesprochenen Eindruck, dass sie Wahrheiten verbreiten würden, die unangenehm wären. Man gibt ihnen quasi den durchaus populären Status des "underdog".Daher finde ich den Artikel von Herrn Schwenke eigentlich sehr gut, denn er zeigt andere Seiten des Rechtsextremismus, die meiner Einschätzung nach viel bedrohlicher (und zugegebenermaßen auch faszinierender) sind, als die klischeehaften glatzköpfigen Schlägerhorden. Diese Horden gibt es zwar, aber sie sind deutlich zu erkennen, auf dem intellektuellen Feld klar unterlegen, und wenn sie straffällig werden, sind sie ein Fall für die dafür zuständigen Behörden. Sie sind daher meiner Meinung nach trotz ihrer abscheulichen Taten wesentlich ungefährlicher als die rechtsextremen Intellektuellen (ihre Zahl mag noch gering sein), von denen Herrn Schwenke schreibt. Sie repräsentieren eine Klasse von gut gebildeten, im Diskurs sehr fähigen Leuten, die in erster Linie Internetforen und Kommentarsektionen von Zeitungen fluten, aber auch an Unis und auf öffentlichen Veranstaltungen ihrer Parteien auftauchen. Ich musste selbst feststellen, wie zugänglich Menschen für bestimmte rechtsextreme Positionen sein können, wenn sie nur nicht mit tabuisierten Wörtern belegt werden, und sich in Begrifflichkeiten nur am äußeren Rand des Konservatismus (Nationalkonservative ist z.B. auch eine gern gewählte Selbstbezeichnung) bewegen. Meiner Auffassung nach, muss man nur genau hinsehen, aufmerksam lesen/zuhören, nachhaken und immer versuchen nachzuvollziehen, worauf bestimmte Stellungnahmen im Ernstfall hinauslaufen würden und es auch allen vorführen.MfG aus dem PottLB

    • osona
    • 18. Mai 2008 15:03 Uhr

    natürlich ist die NPD nicht bei 50 %, aber meiner Meinung nach ist jeder Nazi, einer zu viel!

    Antwort auf "und wieder einer mehr"
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    sagen Sie. Und was wollen Sie mit diesem Zuvielen machen: Vielleicht aufhängen?
     
     
     

  2. machen mir Parteien die überdeutlich rechts agieren, aber einen demokratischen Anstrich für sich beanspruchen, aka CDU.Im demokratischen Handschuh steckt eine eiserne Faust.Das sind die viel Gefährlicheren, die pseudofreiheitlich Agierenden.Gefahr droht aus der Ecke CDU/SPD.Die haben uns verraten und verkauft.

  3. 4. stimmt

    Stimmt - jeder Nazi ist einer zu viel.Für mich ist ein Nazi jemand, der die Greueltaten des 2. WK befürwortet (insbesondere die Judenvernichtung).Aber jemand, der einfach nicht dem Mainstream hinterherläuft und konservative Meinungen vertritt ist noch lange kein Nazi.Wenn eine Diskussion auf intellektuelleren  Ebenen als "Ausländer raus" stattfindet, dann ist das doch eher zu befürworten. Ich sehe die Gefahr in diesem Punkt nicht. Beispiel aus dem Bericht:es ging um die Mitversicherung von Familien:»Die Krankenkassen versichern die Familien von hier lebenden Ausländern
    kostenlos mit – auch wenn die im Ausland leben. Wenn man das streichen
    würde, hätte man die Kosten der letzten Gesundheitsreform schon wieder
    drin.«Das ist zumindest eine These, die auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden kann. Sollte sie stimmen, dann ist Kritik an diesem Punkt doch durchaus gerechtfertigt. Sollte sie nicht stimmen, dann ist sie eben falsch und kann schnell widerlegt werden. Aber warum darf so etwas nicht angesprochen werden? Hat ein Wähler kein Recht, solche Dinge zu erfahren, wenn es sie geben sollte? Das ist doch keine Naziansicht, sondern eine durchaus berechtigte Meinung, wie sie auch Menschen aus der CDU äußern könnten. Durch die Tabuisierung derartiger Debatten wird niemandem geholfen.Daher meine Meinung:Nazis nein, unkonventionelle Ansichten im Rahmen der geltenden Gesetze: unbedingt ja!

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    • PRO
    • 18. Mai 2008 16:43 Uhr

    Aber darum geht
    es doch der Zeit! Weg mit den unkonventionellen Ansichten!
    Sprachrohre wie die Zeit möchten erreichen, dass der Buerger sich nicht mehr
    traut sich kritisches über die Zuwanderungspolitik zu äußern. Oder gar zu behaupten, dass es ein Fehler ist bei der Zuwanderung auf den undemokratischten Kulturkreis zu setzen.
    Da gilt so langsam null Toleranz, wagt es doch jemand bekommt er den
    Nazistempel auf die Stirn. Das ist ein ganz einfaches Prinzip und bringt die
    Meisten zum schweigen und der Rest wird einfach in die rechte Stammtischecke
    gestellt und ignoriert.Das geht los bei Personen die keine Mosche neben ihrem Haus haben wollen und weiter bis zu Leuten die doch tatsächlich die Abschiebung von Intensivtätern fordern.
    Warum nimmt es erst heute so extreme Formen an und warum konnte man früher
    erwachsen mit der braunen Gefahr umgehen? Ich meine, dass
    es sehr bald knallen wird. Wie schon Helmut Schmidt sagte, wird dieses
    Jahrhundert schlimmer als das vorherige. Es braucht ja nur, dass ein hassgeleiteter einen Regionalzug in die Luft jagt und die Atmosphere wird sich ändern. Die Zeit möchte sicherlich nichts böses, es hat gute Gruende warum man immer und immer wieder auf das Volk einhämmert, dass die Zuwanderung durchweg ein Gewinn ist und alle Nebenwirkungen lediglich Einzelfälle sind. Man darf gespannt sein wie es weitergeht, wie sind Zeitzeugen^^

  4. Was dieser Rechte dort im Bericht behauptet, stimmt sogar - zumindest teilweise (es gibt ein derartiges Abkommen). Ob seine Schlussfolgerung stimmt, müsste nachgeprüft werden.Nachzulesen in folgender Quelle unter Frage 42 auf PDF Seite 53 von 60:http://dip.bundestag.de/b... kann man wirklich kritisieren!

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    • Manu84
    • 18. Mai 2008 16:25 Uhr

    Ja, das stimmt. Aber leider wird nciht gesagt, wer denn nun eigentlich mit "Familienangehörigen" gemeint ist. Wenn das wirklich nur die Kernfamilie ist, also Ehepartner und Kinder, ist diese Regelung doch nciht zu verurteilen; schliesslich sind deutsche Familien ebenfalls mitversichert. Auch ich habe in Lich (Hessen) im vergangenen Landtagswahlkampf Erfahrungen mit den Argumentationen der Rechten sammeln dürfen. An einem kleinen Stand auf dem Marktplatz prangerte ein Parteimitglied an, dass die Uno, die die Siegermächte des 2. Weltkrieges repräsentiere (!), noch keinen Friedensvertrag mit Deutschland geschlossen habe (!!!!!). Und die anwesenden Zuhörer waren recht überzeugt von dieser Darstellung und sahen die Annahme bestätigt, dass Deutschland immer noch ein internationaler Paria sei. Die komplette Aussage war selbstverständlich vollkommener Unfug, der aber nur mit spezifischem Fachwissen zu widerlegen ist. Und deshalb haben sie auch Erfolg damit.

    • LB
    • 18. Mai 2008 16:20 Uhr

    Sie haben meiner Ansicht nach Recht mit Ihrer Klage, dass es in diesem Land viel zu viel Berichterstattung über Rechtsextremismus gibt, der nach einfachen Schemen arbeitet und darauf vertraut, dass der Leser sich allein schon durch kurze Zitate dieser Schwachköpfe und die üblichen Beschreibungen von Gewalttaten abschrecken lässt. Aber genau dies ist doch dieser "antrainierte Ekel", der im Artikel von Herrn Schwenke angesprochen wird.Mein Eindruck ist, dass Sie den Artikel gar nicht oder nicht aufmerksam gelesen haben (nach dem Motto: "Ein weitere Predigt über Rechts" - nur überfliegen), denn gerade am Anfang beklagt der Autor eben das, was Ihnen so missfällt. Und da stimme ich Ihnen beiden zu. Das "Seht mal, wie dumm" und "Seht mal, wie hässlich"-Konzept und die Abarbeitung der ganzen Nazi-Klischees funktioniert nicht mehr. Im Gegenteil: Es ist höchst kontraproduktiv. Indem man solchen Leuten den Mund verbietet, ihre abstrusen Thesen gar nicht erst zur Disposition stellt, verschafft man ihnen und vielen Lesern/Zuschauern/Zuhörern (ich beziehe mich auch auf Berichterstattung in TV u. Radio) vielmehr den latenten, nicht immer offen ausgesprochenen Eindruck, dass sie Wahrheiten verbreiten würden, die unangenehm wären. Man gibt ihnen quasi den durchaus populären Status des "underdog".Daher finde ich den Artikel von Herrn Schwenke eigentlich sehr gut, denn er zeigt andere Seiten des Rechtsextremismus, die meiner Einschätzung nach viel bedrohlicher (und zugegebenermaßen auch faszinierender) sind, als die klischeehaften glatzköpfigen Schlägerhorden. Diese Horden gibt es zwar, aber sie sind deutlich zu erkennen, auf dem intellektuellen Feld klar unterlegen, und wenn sie straffällig werden, sind sie ein Fall für die dafür zuständigen Behörden. Sie sind daher meiner Meinung nach trotz ihrer abscheulichen Taten wesentlich ungefährlicher als die rechtsextremen Intellektuellen (ihre Zahl mag noch gering sein), von denen Herrn Schwenke schreibt. Sie repräsentieren eine Klasse von gut gebildeten, im Diskurs sehr fähigen Leuten, die in erster Linie Internetforen und Kommentarsektionen von Zeitungen fluten, aber auch an Unis und auf öffentlichen Veranstaltungen ihrer Parteien auftauchen. Ich musste selbst feststellen, wie zugänglich Menschen für bestimmte rechtsextreme Positionen sein können, wenn sie nur nicht mit tabuisierten Wörtern belegt werden, und sich in Begrifflichkeiten nur am äußeren Rand des Konservatismus (Nationalkonservative ist z.B. auch eine gern gewählte Selbstbezeichnung) bewegen. Meiner Auffassung nach, muss man nur genau hinsehen, aufmerksam lesen/zuhören, nachhaken und immer versuchen nachzuvollziehen, worauf bestimmte Stellungnahmen im Ernstfall hinauslaufen würden und es auch allen vorführen.MfG aus dem PottLB

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    • T810
    • 19. Mai 2008 1:46 Uhr

    Formulieren Sie die Zielsetzungen der neuen deutschen Rechten weniger brutal, kommen sie tatsächlich zu dem Schluss, dass rechtes Gedankengut schon lange in sehr großen Teilen der Bevölkerung etabliert ist. (Siehe ALLBUS 2004, 2006) In wissenschaftlichen Studien wurden programmatische Teile rechtsextremer Parteien in ganz normale Fragestellungen verpackt. -Und siehe da, die gefühlte "Überfremdung" wird ganz klar formuliert.
    Die mediale Verblödung hat den deutschen Michel wieder voll im Griff. Billige Schlagzeilen in billigen redaktionellen Tiefflügen haben den gesunden Menschenverstand zum willfährigen Weiterträger asozialen Gedankengutes gemacht. Die Mischung aus Pseudowissen über die tatsächliche Gefahr des Nationalsozialismus und dem Desinteresse an einer offenen Diskussion, gepaart mit dem Unmut beim eingeschränkten täglichen Konsum wird zu einem Gift für das gesunde Urteilsvermögen. Ist das nun so koordiniert gewollt, oder ist der Konsument der Medien tatsächlich und ganz bewusst auf diesem Niveau gedrillt worden. ?
    Fakt ist, das es keine neuere öffentliche Auseinandersetzung über dieses Thema gibt. Statt dessen werden wir mit uralten Fakten überhäuft und, wie nicht anders zu erwarten, relativ resistent dazu. Statt dessen tut sich nun gerade in der Altergruppe der 15 bis 25-jährigen ein großes schwarzes Loch auf. -Und genau das wird nicht mit demokratischen Grundsätzen gefüllt. Die Versäumnisse werden wider guten Wissens als Geschichtswissen in der Schule mit Noten garniert. Eine Auseinandersetzung findet aber weder auf der Grundlage der Schulbildung statt, noch hat irgend jemand an einer ständigen Aufarbeitung aktueller politischer Problemfälle ein Interesse.
    Das ist praktizierte Frankfurter Schule zelebriert von Alt-68-ern. Schade nur, dass das alles über ein Steuersystem finanziert wird, welches eigentlich ein anderes, besseres Ziel haben sollte.

    • Manu84
    • 18. Mai 2008 16:25 Uhr

    Ja, das stimmt. Aber leider wird nciht gesagt, wer denn nun eigentlich mit "Familienangehörigen" gemeint ist. Wenn das wirklich nur die Kernfamilie ist, also Ehepartner und Kinder, ist diese Regelung doch nciht zu verurteilen; schliesslich sind deutsche Familien ebenfalls mitversichert. Auch ich habe in Lich (Hessen) im vergangenen Landtagswahlkampf Erfahrungen mit den Argumentationen der Rechten sammeln dürfen. An einem kleinen Stand auf dem Marktplatz prangerte ein Parteimitglied an, dass die Uno, die die Siegermächte des 2. Weltkrieges repräsentiere (!), noch keinen Friedensvertrag mit Deutschland geschlossen habe (!!!!!). Und die anwesenden Zuhörer waren recht überzeugt von dieser Darstellung und sahen die Annahme bestätigt, dass Deutschland immer noch ein internationaler Paria sei. Die komplette Aussage war selbstverständlich vollkommener Unfug, der aber nur mit spezifischem Fachwissen zu widerlegen ist. Und deshalb haben sie auch Erfolg damit.

    Antwort auf "es stimmt sogar"
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    zum 1. Abschnitt:darüber kann man verschiedene Ansichten haben. Ich denke, wenn ein türkischer  Familienangehöriger permanent in der Türkei lebt ist es eher Sache der Türkei, sich darum zu kümmern. Warum sollte D zahlen, wenn der Angehörige nichts mit D zu tun hat?zum 2. Abschnitt:das ist in der Tat dummes Zeug.

    Nach anderen Presseberichten (WamS) schliesst "Familienangehörige" auch Eltern mit ein.siehe auch:http://www.welt.de/print-...

  5. 8. ...

    zum 1. Abschnitt:darüber kann man verschiedene Ansichten haben. Ich denke, wenn ein türkischer  Familienangehöriger permanent in der Türkei lebt ist es eher Sache der Türkei, sich darum zu kümmern. Warum sollte D zahlen, wenn der Angehörige nichts mit D zu tun hat?zum 2. Abschnitt:das ist in der Tat dummes Zeug.

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