Am Samstagnachmittag marschieren sie durch Dresden, 3800 von ihnen; schweigend, Fahnen tragend und in Achterreihen. Ein seltsamer Zug, der sich da durch die Stadt windet. Rauchen ist verboten, Hände in die Taschen stecken auch, ein »allgemeines Volksgemurmel« ausdrücklich nicht erwünscht. Die Veranstalter wollen das so, das haben sie den Teilnehmern vorher schriftlich gegeben. »Würdevoll« soll es zugehen, wenn sie der Opfer des »Bomben-Holocausts« gedenken, wie die Rechtsextremen die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg am liebsten nennen. Die meisten halten sich daran. Nur an der einen Kurve direkt vor der Semperoper, in der Dutzende Polizeireihen es nicht schaffen, die Gegendemonstranten außer Sicht- und Rufweite zu halten, lachen die Rechten und recken ihre Fäuste und Mittelfinger in die Luft, den »Nazis raus!«-Chören entgegen.

Dann marschieren sie an der Semperoper vorbei. Drinnen wird an diesem Nachmittag Dornröschen gegeben, ein »Ballett in drei Akten mit Prolog«, draußen an der Fassade hängt ein Transparent, hoch wie zwei Stockwerke, mit einem Tucholsky-Zitat. Die Buchstaben am Anfang des Satzes wurden so klein geschrieben, dass sie aus der Entfernung kaum zu lesen sind. Nur ein paar Worte bleiben zu erkennen: »...die Kapitulation des Geistes«. Drinnen ist gerade Pause, an den Fenstern stehen die Besucher und schauen auf den Aufmarsch unten vor der Tür, die meisten von ihnen haben so etwas noch nicht gesehen. Sie wirken ratlos.

Auch die Rechten tragen Transparente. »1945– Das Ende der FREIHEIT!« steht darauf oder »Großvater, wir danken Dir!«, gemeint ist die Wehrmacht. Die meisten, die mitmarschieren, sind deutlich jünger als 30, und sie sehen nicht so aus, wie die breite Öffentlichkeit sich einen praktischen Nazi vorstellt. Einen praktischen Nazi: so einen, dem man direkt ansieht, was er für einer ist, auch wenn er gerade kein Transparent in der Hand hält. Einen, den man an Glatze, Bomberjacke oder Springerstiefeln erkennt.

Zu denen, die unten vorbeimarschieren, gehören auch die Jungen Nationaldemokraten – die JN, das ist die Nachwuchsorganisation der NPD. Unter den Fahnen mit dem J, dem N und dem Pfeil nach rechts oben geht auch Michael Schäfer. Er ist 25, trägt einen Kapuzenpulli und kämmt seine Haare mit Gel nach hinten, er studiert Politikwissenschaften in Halle an der Saale, spricht eloquent, kann ruhig und flott argumentieren, und wenn er jemandem versehentlich auf den Fuß tritt, sagt er »pardon«. Er sieht nicht aus wie der Vorsitzende der größten bundesweiten Nachwuchsorganisation für Rechtsextreme. Insofern muss man sagen, dass Michael Schäfer ein sehr unpraktischer Nazi ist.

Das Thema Rechtsextremismus besteht in Deutschland meist aus Ortsnamen: Hoyerswerda, Mölln, Solingen, Guben – die Medien berichten über Gewaltexzesse und dann wieder über etwas anderes. Aber zumindest hat sich in der deutschen Öffentlichkeit so ein gut funktionierender Ekelreflex etabliert, der bei den praktischen Nazis mit Bomberjacken, Glatzen und platt formulierten »Ausländer raus!«-Parolen anspringt. Allerdings weiß das auch die rechte Szene. In ihren freien Kameradschaften und rechtstextremen Parteien versuchen sie seit einigen Jahren, diesen Reflex zu unterlaufen, sie wollen unter dem Radar hindurch in die Mitte der Gesellschaft tauchen. Ihr Fußvolk auf der Straße kleidet sich unauffällig, sodass nur noch Eingeweihte die »Anti-Antifa«-Buttons und Labels der Bekleidungsfirma Thor Steinar zu deuten wissen. Ihre parteipolitische Vertretung von der NPD tritt derweil bei Wahlkämpfen mit neutraleren Protest-Parolen wie »Quittung für Hartz IV« an und geriert sich als Ökopartei. Gleichzeitig behaupten sie, dass es eine »Intellektualisierung« von Partei und rechter Bewegung gegeben habe.

Die NPD will Akademiker anlocken und Studenten, sie will Diskurse bestimmen und hat dafür eigens eine »Dresdner Schule« ausgerufen, von der sie behauptet, dass sie das rechte Gegenstück zur Frankfurter Schule um Adorno oder Horkheimer wäre. Irgendjemand muss ja auch die Denkarbeit für die Partei übernehmen, Programme entwickeln und die Strategien entwerfen, mit denen sie sich langfristig in der Gesellschaft etablieren will. Den typischen Rechtsextremen halten die meisten Menschen für einen schlecht ausgebildeten Wendeverlierer ohne Arbeitsplatz, aber mit Bierdose in der Hand. Das stimmt nicht mehr. Das hat so auch nie gestimmt. Die Rechtsextremen, sie brauchen Studierte und Studenten. Und einige davon haben sie schon.

Wenige Tage nach der Demonstration in Dresden sitzt Michael Schäfer in der Bundeszentrale der JN in Bernburg, einer Kreisstadt mit 31000 Einwohnern, genau zwischen Halle und Magdeburg. Die JN hat etwa 400 Mitglieder bundesweit, ihre kleine Zentrale versteckt sich in einem muffigen Haus am Markt, als Sitzmöbel stehen Bierbänke darin, nebenan verkauft ein Laden Nazibedarf: T-Shirts mit »White Revolution«- oder »Good Night, Left Side«- Schriftzug, CDs, Fahnen, Schals. Im Flur stehen Bücher wie Volk. Nation. Rasse. Grundlagen der Biopolitik.

Schäfer ist ein vorsichtiger Gesprächspartner. Vor dem Interview hat er sich schriftlich versichern lassen, dass ihm alle Zitate dieses Textes vor Abdruck noch einmal vorgelegt werden. Trotzdem sagt er: »Wir sind ja froh, dass mal jemand mit uns redet anstatt immer nur über uns.« Dass man über die Rechtsextremen reden muss, versteht sich von selbst; aber muss man auch tatsächlich – mit ihnen reden? Sollen sie überhaupt zu Wort kommen dürfen? In diesem Fall: ja. Ihre Argumente muss man kennen, um sie widerlegen zu können. Und man sollte ihnen zuhören, sorgfältig zuhören, um zu verstehen, was sich hinter ihren Parolen und Euphemismen verbirgt.

Das Interview mit Schäfer dauert zwei Stunden, und es ist nicht so, dass ihm in dieser Zeit irgendwann die Themen ausgehen. Die Politik seiner Partei verkauft er möglichst weich, und würde er nicht konsequent »Schlagballkappe« statt Baseballmütze sagen und »E-Post« statt E-Mail, würde er nicht doch hin und wieder ein Wort wie »Ausländerrückführung« in den Mund nehmen oder von der »Volksgemeinschaft« sprechen – manchmal könnte er klingen, als sei er einfach nur sehr, sehr konservativ und vielleicht in der CSU. Als er dann später über Wirtschaftspolitik redet, klingt er manchmal, als sei er in der PDS. Tatsächlich hat er Das Kapital gelesen und war eine Zeit lang Mitglied bei den Globalisierungskritikern von Attac, aber dort wollten sie ihn nicht haben.

Im Gespräch umschifft er geschmeidig jede radikale Forderung seiner Mutterpartei, so wie ein normaler Politiker unangenehme Wahrheiten umspielt, die besser erst nach dem Wahlkampf angesprochen werden sollten. Das mit der Ausländerrückführung – einer Forderung der NPD, mit der sie meint, Arbeit für Deutsche zu schaffen –, das müsse man ja nicht unbedingt genau so umsetzen, sagt Schäfer. Man könne ja auch schon mit kleinen Maßnahmen viel erreichen, Kosten sparen, den Staat entlasten. Zum Beispiel: »Die Krankenkassen versichern die Familien von hier lebenden Ausländern kostenlos mit – auch wenn die im Ausland leben. Wenn man das streichen würde, hätte man die Kosten der letzten Gesundheitsreform schon wieder drin.« Das kann man richtig finden oder nicht, aber bis zum Beweis des Gegenteils klingt eine solche Forderung erst mal durchaus plausibel. Was die NPD denn von anderen Parteien unterscheide? »Wir sind glaubwürdiger«, sagt Schäfer. Und der Vorwurf, dass die Partei verfassungsfeindlich sei? »Unsere Politik kann mit dem Grundgesetz, so wie es jetzt besteht, gemacht werden«, sagt Schäfer. Zwischendurch schenkt er Wasser nach.

Darf man diese Sätze unwidersprochen stehen lassen, obwohl wenig daran stimmt? Nein, darf man eigentlich nicht. Zumindest nicht länger als die nächsten 18 Absätze dieses Textes. Aber bevor wieder Michael Schäfer und seine politischen Ideen betrachtet werden sollen, muss es auch um andere rechtsextreme Studenten und Studierte gehen. Schäfer ist ja nicht der einzige.