Theresa Gerlach ist eine "aufgeweckte und agile Sahneschnute, die das Leben liebt". Ihre Beine sind "länger als deine in Highheels", aber Disney hat ihr "unrealistische Vorstellungen von Liebe vermittelt", daher ist sie immer noch auf der Suche nach dem "Scheiß Prinz mit seinem Gaul". Theresa studiert Physiotherapie, liebt Grey’s Anatomy , und wer auch noch wissen will, wo sie jobbt und welchen Typ Mann sie mag, braucht bloß online nachzuschlagen, im virtuellen Poesiealbum aller Studenten.

Poesiealben gab es ja schon in der ersten Klasse. Damals hatten sie einen rosa oder hellblauen Einband, und bekam man eines in die Hand gedrückt, um etwas hineinzuschreiben, fühlte man sich geschmeichelt. Von Grey’s Anatomy wusste noch keiner etwas, Lieblingsfilme und -serien kamen eher von Disney; die schrieb man dann in Schönschrift hinein.

Seit dem ersten Semester aber haben diese Büchlein eine rote oder blaue Benutzeroberfläche, und sie heißen StudiVZ und Facebook . Die beiden Netzwerkplattformen treten derzeit zum Verteilungskampf um die deutschen Studenten an: Mit einer Auskopplung in deutscher Sprache macht Facebook dem hiesigen Marktführer StudiVZ Konkurrenz – der übrigens genau wie ZEIT Campus zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört. Zwar ist das amerikanische Vorbild dem deutschen Marktführer mit seinen Anwendungen und den Verknüpfungen mit dem Rest des Netzes noch voraus; beim StudiVZ kann man weder einkaufen, noch mit virtuellen Schafen schmeißen. Trotzdem hat das VZ in Deutschland einen Heimvorteil.

In Facebook standen bei Redaktionsschluss mehr als 66 Millionen Freunde, darunter allerdings bisher erst 600.000 Deutsche. Rund 5 Millionen Freunde hatten sich bis dato ins StudiVZ eingetragen, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum. Auch der Protest gegen die Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen beim StudiVZ hat an den Zahlen wenig geändert. Die neu eingeführte Verwertung der Nutzerdaten für personalisierte Werbung scheint kaum abzuschrecken.

Zweimal pro Tag loggt sich der durchschnittliche User in seine Poesiealben ein. So kommt StudiVZ auf 6,3 Milliarden Page-Impressions, also Aufrufe der einzelnen Seiten; Facebook verzeichnet mit 65 Milliarden mehr als zehnmal so viele. Kleinere Konkurrenten sind hierzulande die Lokalisten mit 1,6 Millionen und Wer-kennt-wen mit 1,5 Millionen Nutzern.

Mehrere Millionen Menschen sind ein ziemlich großer Freundeskreis, um sein Innenleben zu teilen. Trotzdem füllen alle die Rubriken ihrer Netzwerkprofile mit ihren privatesten Details: Raucher, Nichtraucher oder Grasraucher? Langschläfer, Warmduscher oder Nasskämmer? – Es steht alles drin.

Aber warum eigentlich? Warum gibt man das alles so leichtfertig von sich preis? Und viel interessanter: Wer liest da eigentlich alles mit?