Theresa Gerlach ist eine "aufgeweckte und agile Sahneschnute, die das Leben liebt". Ihre Beine sind "länger als deine in Highheels", aber Disney hat ihr "unrealistische Vorstellungen von Liebe vermittelt", daher ist sie immer noch auf der Suche nach dem "Scheiß Prinz mit seinem Gaul". Theresa studiert Physiotherapie, liebt Grey’s Anatomy , und wer auch noch wissen will, wo sie jobbt und welchen Typ Mann sie mag, braucht bloß online nachzuschlagen, im virtuellen Poesiealbum aller Studenten.

Poesiealben gab es ja schon in der ersten Klasse. Damals hatten sie einen rosa oder hellblauen Einband, und bekam man eines in die Hand gedrückt, um etwas hineinzuschreiben, fühlte man sich geschmeichelt. Von Grey’s Anatomy wusste noch keiner etwas, Lieblingsfilme und -serien kamen eher von Disney; die schrieb man dann in Schönschrift hinein.

Seit dem ersten Semester aber haben diese Büchlein eine rote oder blaue Benutzeroberfläche, und sie heißen StudiVZ und Facebook . Die beiden Netzwerkplattformen treten derzeit zum Verteilungskampf um die deutschen Studenten an: Mit einer Auskopplung in deutscher Sprache macht Facebook dem hiesigen Marktführer StudiVZ Konkurrenz – der übrigens genau wie ZEIT Campus zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört. Zwar ist das amerikanische Vorbild dem deutschen Marktführer mit seinen Anwendungen und den Verknüpfungen mit dem Rest des Netzes noch voraus; beim StudiVZ kann man weder einkaufen, noch mit virtuellen Schafen schmeißen. Trotzdem hat das VZ in Deutschland einen Heimvorteil.

In Facebook standen bei Redaktionsschluss mehr als 66 Millionen Freunde, darunter allerdings bisher erst 600.000 Deutsche. Rund 5 Millionen Freunde hatten sich bis dato ins StudiVZ eingetragen, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum. Auch der Protest gegen die Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen beim StudiVZ hat an den Zahlen wenig geändert. Die neu eingeführte Verwertung der Nutzerdaten für personalisierte Werbung scheint kaum abzuschrecken.

Zweimal pro Tag loggt sich der durchschnittliche User in seine Poesiealben ein. So kommt StudiVZ auf 6,3 Milliarden Page-Impressions, also Aufrufe der einzelnen Seiten; Facebook verzeichnet mit 65 Milliarden mehr als zehnmal so viele. Kleinere Konkurrenten sind hierzulande die Lokalisten mit 1,6 Millionen und Wer-kennt-wen mit 1,5 Millionen Nutzern.

Mehrere Millionen Menschen sind ein ziemlich großer Freundeskreis, um sein Innenleben zu teilen. Trotzdem füllen alle die Rubriken ihrer Netzwerkprofile mit ihren privatesten Details: Raucher, Nichtraucher oder Grasraucher? Langschläfer, Warmduscher oder Nasskämmer? – Es steht alles drin.

Aber warum eigentlich? Warum gibt man das alles so leichtfertig von sich preis? Und viel interessanter: Wer liest da eigentlich alles mit?

"Das Zauberwort heißt Aufmerksamkeit", sagt Jo Groebel. Der Medienpsychologe, der seit 2006 das Deutsche Digital-Institut Berlin leitet, beschäftigt sich mit Medienphänomenen von Deutschland sucht den Superstar bis MySpace. Zusammen mit einigen Kollegen hat er das Buch Privatheit im Öffentlichen Raum herausgegeben. "Für alles, was man über sich erzählt, wird man in Online-Netzwerken mit Aufmerksamkeit belohnt", erklärt Groebel. "Und diese Belohnung schmeichelt dem Ego."

Noch nie waren so viele Egos so groß wie heute: Laut einer Studie von Psychologen an der Universität von San Diego ist die derzeitige Studentengeneration die narzisstischste, die es je gab. 160000 College-Studenten wurden zwischen 1982 und 2006 anhand psychologischer Fragebögen getestet. Sie mussten zum Beispiel ihre Zustimmung zu Sätzen wie "Wenn ich die Welt regieren würde, wäre sie ein besserer Ort" auf einer Skala eintragen. Daraus wurden ihre Narzissmuswerte ermittelt. Bei zwei Dritteln der Studenten 2006 lagen die Narzissmuswerte über dem Durchschnitt der Generation von 1982. Ähnliche Untersuchungen in Deutschland belegen, dass man auch hierzulande von der "Generation Me" sprechen kann.

Es sei die moderne Technik, die den Narzissmus fördert, sagen die Macher der Studie. Tatsächlich war es noch nie so einfach, ein Publikum zu finden, wie im Web 2.0. Das Internet hat die Aufmerksamkeit demokratisiert, hier kann jeder senden, empfangen und empfangen werden. Im Web 1.0 war das noch mit gewissem Aufwand verbunden; wer sich dort präsentieren wollte, musste zumindest eine Homepage basteln können. Im Web 2.0 braucht niemand mehr selbst zu programmieren – die Plattformen werden von diversen Anbietern zur Verfügung gestellt. Um sich mitzuteilen, muss man nur noch reinschreiben.

Große Taten erwartet dabei niemand. Die Privatheit an sich werde zum Kunstwerk stilisiert und verhelfe zu Bekanntheit, sagt Groebel. Ein allgemeines Phänomen der Zeit – das Prominente wie Verona Pooth oder Paris Hilton erst zu solchen gemacht hat. Im Netz funktioniert das in kleinerem Maßstab für jeden. Herkömmliche Statussymbole wie Prada-Taschen und Polohemden werden hier obsolet, man schmückt sich mit anderen Dingen. So wird man für die anderen Netzwerkbewohner durch seine Menschlichkeit besonders, durch seinen Charakter mit all seinen Schwächen. Und gibt es etwas Schöneres, als für sich selbst geliebt zu werden?

Diese Menschlichkeit findet man in StudiVZ-Gruppen wieder, die sich "Kalorien sind kleine Tiere, die die Kleidung enger nähen" oder "Meine Haare feiern nachts ohne mich ne Party" nennen. Die Namen lösen ein "Hey, das kenn ich auch"-Gefühl aus, eine Freude darüber, dass es anderen genauso geht – und schon ist man beigetreten. Weniger um über Diätfrust oder Frisurprobleme zu diskutieren. Sondern um seinem Profil ein Label anzuheften, indem man mit seinen Alltagsproblemchen kokettiert.

Eine Offenheit, die viele oberhalb des Uni-Alters erstaunt oder gar erschreckt. Manche Soziologen stellen schon die Frage, ob die heutige Studentengeneration überhaupt noch ein Bewusstsein für Privatsphäre habe. Der Medienpsychologe Jo Groebel sieht das differenzierter: Die Definition von Privatsphäre sei eben sehr wandlungsfähig, sagt er.

Privatsphäre sei das, "was niemanden sonst etwas angeht", schreibt der Soziologe Wolfgang Sofsky in seinem Buch Verteidigung des Privaten . "Es ist nicht für anderer Augen, Ohren und Hände bestimmt, es wird nicht mit anderen geteilt und ist ihnen nicht zugänglich." Zur Privatsphäre gehören alle Aspekte des Alltagslebens, die sich nicht auf einen größeren Sozialverbund beziehen. Familie, Freunde und Beziehungen sind genauso privat wie Einstellungen und Gefühle.

Die Suche nach Privatheit ist eine anthropologische Konstante – keine Gesellschaft, in der die Menschen nicht versucht hätten, bestimmte Bereiche von der Öffentlichkeit abzugrenzen. Im Fall der Sexualität hat das eine evolutionsbiologische Logik: Mitten im Akt ist der Mensch schutzlos und muss sich daher vor Feinden verstecken. Das "My home is my castle"-Denken hingegen, der Wunsch, irgendwo seine Ruhe zu haben, hat sich erst im bürgerlichen Zeitalter mit der Gründung der Städte entwickelt.

Privatsphäre wird aber auch in jeder Gesellschaft anders definiert. Während im antiken Rom Affären Privatsache waren, machten die Sittenwächter in der Renaissance nicht nur Vorschriften für das Familienleben, sondern auch fürs Ehebett.

Noch in den achtziger Jahren war Privatsphäre ein Politikum. Als der deutsche Staat mit einer Volkszählung die Lebensgewohnheiten seiner Bürger erfassen wollte, um seine Wohnungsbau- und Verkehrspolitik den Bedürfnissen anzupassen, formierten sich zahlreiche Initiativen gegen diese gefühlte Aushöhlung der Privatsphäre. In der Bevölkerung grassierte die Angst, man würde zum "gläsernen Bürger". Slogans wie "Meine Daten müsst ihr raten!" bestimmten den Ton.

Den ersten Anlauf der Datenerhebung kippte dann sogar das Bundesverfassungsgericht, da es die Sicherheit der Daten gefährdet sah. In seinem sogenannten Volkszählungsurteil legte es 1983 das "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" als eine Art Datenschutzgrundrecht fest, nach dem jeder selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten bestimmen darf. Dieses Recht gilt heute immer noch. Aber wie sehr sich der Umgang mit der Privatsphäre in den letzten 30 Jahren verändert hat, zeigt sich, wenn man die Fragen nach Wohnverhältnissen und benutzten Verkehrsmitteln auf den Volkszählungsbögen mit den Eingabemasken in den Netzwerken vergleicht, in die heute bereitwillig Freizeitengagement und sexuelle Orientierung eingegeben werden.

"Eine entscheidende Rolle spielen die Medien", sagt Jo Groebel. Talkshows, in denen Beziehungskrisen im Fernsehstudio ausgetragen werden, Reality-TV-Formate, in denen die Kameras auch vor dem Duschvorhang nicht haltmachen, und Minister, die sich beim Planschen mit der Geliebten ablichten lassen, haben ihr Publikum an die öffentliche Inszenierung von Privatem gewöhnt. "So hat eine schleichende Desensibilisierung stattgefunden", sagt Groebel. Die gesellschaftliche Akzeptanz aber bleibe als Messlatte bestehen. Jeder gebe weiterhin nur das von sich preis, was die anderen tolerierten.

Aus der Entblößung wird damit eine neue Maske: Jeder kreiert seine Identität aus den Facetten, die ihm am präsentabelsten erscheinen, ob er mit seiner Trinkfestigkeit angibt oder sich selbst in die Gruppe der schönsten Netzwerkmitglieder wählt. Dass dabei bloß die Spielregeln der eigenen Peergroup gelten, macht die Datenpreisgabe zusätzlich leicht.

In Facebook oder StudiVZ muss keiner das Gefühl haben, unter Unbekannten im großen weiten Netz verloren zu sein. Man trifft sich dort mit denen, die man aus der analogen Welt kennt. Man ist unter Freunden. Auch neue Bekanntschaften sind Freundesfreunde – über sechs Ecken kennt ja nach Stanley Milgrams berühmter These jeder jeden. So erscheinen die Netzwerke wie Reservate, in denen die Mitglieder vom Rest des World Wide Web geschützt sind. Und sogar die erstellen ein Profil, die sich in Foren hinter Pseudonymen verstecken und Blogs zu offenherzig finden. Im Online-Netzwerk fühlt man sich so schön aufgehoben. "Das ist eine eigene kleine Welt", sagt Theresa Gerlach, die dort ihre letzte Beziehungsgeschichte mit ihren Freunden geteilt hat – und allen, die sonst noch mitlesen wollten (siehe S. 98).

Dieses Geborgenheitsgefühl ist trügerisch. Denn auch wo StudiVZ draufsteht, sind längst nicht mehr nur Studenten drin. Personalverantwortliche zum Beispiel haben die Netzwerke entdeckt, um mehr über ihre Bewerber zu erfahren – und sie suchen nicht nur in beruflichen Kontaktbörsen, in denen jeder sich von der professionellen Sahneseite zeigt. In einer Studie des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater gab ein Drittel der 300 Befragten an, sich im Netz über ihre Bewerber zu informieren. Über die Hälfte davon hatten bereits einen Bewerber aufgrund solcher Recherchen abgelehnt. So höhlt die Online-Suche das Allgemeine Gleichstellungsgesetz aus, nach dem bei der Bewerbung beispielsweise die Berufe der Eltern und der Geburtsort verschwiegen werden können, um eine Benachteiligung wegen des familiären Hintergrunds auszuschließen. Was braucht ein Personaler noch solche Auskünfte, wenn er im Internet den gesamten Freundeskreis eines Bewerbers sehen kann!

Gerade in den privaten Online-Profilen steht alles, was in der Bewerbungsmappe aus gutem Grund nicht steht: die ehrliche politische Meinung, der Grund für die Studiendauer, Krankheiten oder Hobbys mit Verletzungsrisiko. Möglicherweise ist die Hälfte davon nicht einmal so gemeint. Möglicherweise wird die andere Hälfte vom Personalverantwortlichen falsch interpretiert. Zur Richtigstellung aber bleibt keine Chance. "Es sagt Ihnen ja niemand, dass er Sie abgelehnt hat, weil er aus Ihren Partyfotos auf Alkoholismus geschlossen hat", sagt Andreas Poller, der sich am Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie mit Sicherheit im Web 2.0 beschäftigt.

Es gibt nur wenige Ablehnungen, die öffentlich bekannt werden. Zum Beispiel der Fall der Amerikanerin Stacy Snyder. Die angehende Lehrerin klagte vor Gericht, weil ihre Universität in Pennsylvania ihr wegen eines MySpace-Fotos die Zulassung als Pädagogin verweigert hatte. Ein Hut mit Totenkopf, ein gelber Plastikbecher und die Bildunterschrift "Drunken Pirate" hatten für die Universitätsleitung ausgereicht, sie zu disqualifizieren. Der Fall Snyder versus Millersville University ist noch nicht abgeschlossen.

Für Banken und Versicherungen sind die Portale ebenfalls eine Fundgrube. "Wer Ihnen einen Kredit geben oder Sie gegen Krankheit versichern soll, kann sich auf diesem Weg ebenfalls informieren", sagt Poller. "Möglicherweise macht er Ihnen von vornherein ein anderes Angebot, je nachdem, ob Sie Ingenieurwissenschaften oder Geschichte studieren."

Auch die Wissenschaft lernt, die Netzwerke zu schätzen. Wie mühsam ist es doch, Teilnehmer für eine Studie zu finden, die bestimmten soziodemografischen Merkmalen entsprechen. Im Internet hingegen findet sich ein riesiges Datenaggregat, das nur noch gefiltert muss. Soziologen der Universität Harvard und der University of California in Los Angeles (UCLA) untersuchen beispielsweise gerade die sozialen Gewohnheiten von Studenten – anhand von Facebook-Profilen, die sie im Abstand von jeweils einem Jahr herunterladen und analysieren. Als Stichprobe dient ihnen ein ganzer Jahrgang eines Colleges, der 2009 seinen Abschluss macht; der Jahrgang findet sich geschlossen im Netz. Sie bekamen dafür die Genehmigung von Face- book, allerdings nicht die jedes einzelnen Studenten.

Eine derartige Kooperation schließe er derzeit aus, sagt Marcus Riecke, der Chef von StudiVZ. Ungebetene Gäste fernzuhalten sei aber nicht einfach: "Unruhestifter werden schnell von anderen Nutzern gemeldet, aber Fakeprofile, mit denen sich Datenschnüffler einloggen, sind nicht immer klar als solche erkennbar." 70 Mitarbeiter kümmern sich bei StudiVZ um die Kundenbetreuung, dazu gehören auch die Moderatoren, die für ein konfliktfreies Miteinander im VZ sorgen sollen.

Wenn ein Fake auffällt, fragen die Moderatoren schon mal nach dem Personalausweis – aber dazu muss es eben erst kommen. "Was wir unseren Mitgliedern bieten können, sind Einstellungsmöglichkeiten, mit denen sie ihre Privatsphäre selbst schützen können", sagt Riecke. So können sie beispielsweise einstellen, dass nur Freunde ihre Daten sehen dürfen und niemand sie auf Fotos verlinken kann. Es bedarf eigentlich nicht viel Fantasie, um Gründe für die Sperrung seines Profils zu finden. Die Möglichkeit nützen nach Angaben Rieckes jedoch die wenigsten. "Ich glaube, dass unsere Mitglieder einfach eine große Chance darin sehen, sich zu vernetzen und die Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen", sagt er. Dass dabei jeder mitlesen kann, scheint nicht groß zu stören.

Im Fall von Max Brüggemann liegt er damit richtig: Der Student, der im Senat der Uni Münster für Studiengebühren gestimmt hat, ließ sogar über 1000 Meinungsäußerungen auf seine Pinnwand prasseln, ohne sein Profil zu sperren, obwohl einige davon ziemlich unter die Gürtellinie gingen. "Ich schätze das Internet als Diskursmedium", sagt Max Brüggemann (siehe S. 101).

Wenn es um Werbung geht, greifen die Netzwerkbetreiber allerdings auch gern selbst auf die Nutzerdaten zu. Wer zum Beispiel das Geschlecht eines Nutzers kennt, kann ihm gezielter passende Anzeigen zuordnen, etwa Kosmetik-Banner für Frauen und Rasierschaum-Pop-ups für Männer. Dadurch wird ein Netzwerk für Werbekunden interessanter. Durch die Eingabemaske sind die Profildaten bereits kategorisiert; sie müssen nur noch in eine entsprechende Datenbank eingespeist werden. "Personalisierte Werbung ist der logische Schritt, um unser Angebot profitabel und für die Nutzer weiterhin kostenlos zu halten", sagt Marcus Riecke.

Manche Nutzer sahen das allerdings anders. Als StudiVZ Anfang des Jahres ihre Zustimmung zu den neuen Geschäftsbedingungen einholen wollte und im Falle der Ablehnung mit Rausschmiss drohte, kippte die Atmosphäre. Die "Zwangszustimmung" machte viele misstrauisch, genauso wie die Vorstellung, dass "diese Kapitalisten" Geld mit ihrer privaten Kommunikation machten. "Ich habe erst durch die Medien erfahren, was die neuen AGBs genau bedeuten", schreibt ein Nutzer, "da ist doch was faul!"

Zahlreiche Protestgruppen bildeten sich gegen den "Datenklau" im "StasiVZ" und wurden zu Foren für die Diskussion, wie man dem Klau am besten entgehen könne. "Schwärzt eure Nachnamen!", forderten die einen. "Wenn niemand zustimmt, müssen sie die neuen AGBs zurückziehen", schlugen andere vor. Mancher Protestgruppengründer ist inzwischen nur noch als gelöschte Person vermerkt – er hat seine Drohung wahr gemacht und das Netzwerk verlassen. Andere kürzen ihren Nachnamen mit einem Buchstaben ab oder geben sich Fantasienamen wie "Onkel Sieglinde".

Der Protest hatte Folgen: StudiVZ ruderte zurück und nahm zumindest die Weitergabe von Daten an Dritte zu kommerziellen Zwecken aus den Geschäftsbedingungen heraus. Außerdem wurde jedem Nutzer die Möglichkeit zugestanden, die Verwertung seiner Daten für Werbezwecke abzulehnen. Der Button dafür ist allerdings gut versteckt. Marcus Riecke schreibt die Proteste lediglich einem Kommunikationsfehler zu: "Wir hätten von vornherein besser erklären müssen, was mit den Daten passiert – und warum es auch für die Nutzer sinnvoller ist, nur noch Werbung zu bekommen, die sie wirklich interessiert", sagt er.

Während StudiVZ erst dabei ist, die neue Werbeform Wirklichkeit werden zu lassen, benutzt Facebook schon mehrere Modelle. Beacon (Leuchtturm) heißt eine Funktion, die Nutzer selbst zu Werbeträgern macht. Ihre Bestellungen bei Online-Kaufhäusern, mit denen Facebook Verträge geschlossen hat, können in ihrem Profil angezeigt werden, sodass auch Freunde auf die Produkte aufmerksam werden. Und dann gibt es Anwendungen wie Faceforce, mit der die Facebook-Profile in die Kundendatenbanken von Unternehmen gespeist werden können. Wenn Callcenter-Mitarbeiter nun jemandem telefonisch etwas andrehen wollen, können sie sein Profil nach Argumenten durchsuchen, um ihn zu überzeugen.

Diese Datenverwertung ist durchaus rechtens. Grundsätzlich dürften Internetunternehmen in zwei Fällen Nutzerdaten sammeln, sagt der Jura-Professor Thomas Hoeren, der an der Universität Münster das Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht leitet: Zum einen, wenn sie die Daten für die Abwicklung eines Auftrags brauchten, zum anderen, wenn sie vorher die Zustimmung der Nutzer einholten. So wird das vom Bundesverfassungsgericht postuliertes Recht auf informationelle Selbstbestimmung gewährleistet.

Tatsächlich erscheint bei der Anmeldung in einem Netzwerk zunächst die Aufforderung, die Geschäfts-bedingungen zu lesen und zu akzeptieren. Wer nicht einverstanden ist, darf nicht mitmachen. "Von den Nutzern werden die AGBs oft aber als lästige Klickhürden auf dem Weg zum Service-Verhältnis wahrgenommen", sagt Hoeren. "Da scrollt man nur schnell drüber, um endlich kommunizieren zu können." Und überliest, ob die Daten gespeichert, verwertet oder gar an Dritte weitergegeben werden.

Dabei hat es der Nutzer in der Hand, wie die Netzwerkbetreiber mit seinen Daten umgehen. Das ist zumindest die Ansicht von Datenschutzexperten wie dem Harvard-Professor Viktor Mayer-Schönberger: "Wenn den Angeboten, die Daten speichern und verwerten, das Vertrauen entzogen würde, wären sie mangels Nachfrage gezwungen, ihre Geschäftspraktiken zu ändern", sagt Mayer-Schönberger, der mit seinen provokanten Forderungen nach strikterem Datenschutz immer wieder für Aufsehen sorgt.

So weit die Theorie. Die Praxis sieht derzeit allerdings anders aus: Nachdem die Protestwelle abgeebbt ist, haben 90 Prozent der StudiVZ-Mitglieder den neuen AGBs zugestimmt. Den einen war es egal. Die anderen wollten nicht von der Kommunikationsplattform geworfen werden. 95 Prozent der derzeitigen Nutzer lassen auch personalisierte Werbung zu – ob sie die Werbung gut finden, sie ihnen egal ist oder ob sie den Button zum Abschalten nicht gefunden haben, ist nicht erfasst. Zwar gab es Aufrufe zum Übertritt zur spendenfinanzierten Alternative Kaioo, die nicht nur verspricht, keine Daten an Dritte weiterzugeben, sondern auch, die Einnahmen aus – nicht personalisierter – Bannerwerbung zu spenden. Aber die kritische Masse ist noch nicht erreicht; Kaioo hat erst 32000 Nutzer. "Was soll ich da, wenn meine Freunde alle im StudiVZ sind?", fragt Christian Stojnic, der die Gruppe "AGB? Datenschutz? StasiVZ? Mir doch egal – bin ich James Bond?" gegründet hat (siehe Kasten). "Es gibt doch Schlimmeres als personalisierte Werbung."

Sich dem Netzwerkhype zu entziehen, ist auch gar nicht mehr so einfach. Natürlich wird niemand dazu gezwungen, Angaben über sich zu machen. Aber das Dilemma ist, dass die Online-Netzwerke erst dadurch ihren Nutzen entfalten, dass man dort etwas eingibt. Natürlich kann man sich unter falschem Namen einloggen. Aber dann findet einen ja keiner. Natürlich muss man kein Foto hochladen. Aber dann klickt einen auch keiner an. Der soziale Druck ist erheblich.

Und die Nutzungsmöglichkeiten werden immer mehr, egal, ob es um Musiktausch oder Partyeinladungen geht. Google hat inzwischen mit Open Social ein Standardformat für Software-Entwickler vorgestellt, das Anwendungen für verschiedene Netzwerke kompatibel machen soll. Wer ein neues Spiel für Friendster entwickeln wollte, bei dem sich die Mitglieder mit Kühen bewerfen, konnte dafür bislang nicht einfach die Schafsversion von Facebook umbauen, weil die Netzwerke unterschiedliche technische Standards verwenden. Mit Open Social soll alles gleich werden – was neue Entwicklungen erheblich beschleunigen kann.

Teilweise haben die Netzwerke bereits E-Mail und SMS als Kommunikationsmittel abgelöst, weil jeder sich morgens in der Bibliothek oder abends nach der Vorlesung einloggt. Es ist auch alltäglich geworden, sich im Internet nicht nur über das Kinoprogramm, sondern auch über andere Menschen zu informieren. In den USA gilt es schon als unhöflich, seinen Tischnachbarn beim Dinner nach dem Beruf zu fragen, man hätte ja vorher recherchieren können. Bisher wird meist noch herkömmlich gegoogelt; im Kommen sind aber Suchmaschinen wie Spock, Zoominfo oder Pipl, die das Internet gezielt nach personenbezogenen Daten wie Netzwerkprofilen durchwühlen. Spock zum Beispiel soll laut Eigenwerbung herausfinden, was Freunde und Kollegen im Internet treiben. Ein ganzes Suchnetzwerk kann erstellt werden, zu dem dann jeweils die aktuellen Daten geliefert werden. Noch existieren die meisten dieser Suchmaschinen allerdings im unausgereiften Beta-Status oder haben deutschsprachige Seiten noch nicht in ihren Datenbestand aufgenommen, die Suchmaschinen dürfen außerdem auch nicht alle Netzwerke durchforsten.

Durch die Suche verschmelzen die Netzwerkidentitäten zu einer Netzidentität. Dem Soziologen Robert Merton zufolge spielt jeder Mensch verschiedene soziale Rollen, in die er je nach Umfeld schlüpft: im Job eine andere Rolle als in den eigenen vier Wänden, vor Freunden eine andere als vor den Eltern. Im Karriere-Netzwerk Xing stellt der Mensch sich anders dar als in Facebook, und auf der alten Homepage erzählt er seinen damaligen Freunden Dinge, die ihm vor den heutigen peinlich wären. Die analogen Rollen lassen sich gut trennen– die virtuellen weniger. Eine Internetsuche findet die verschiedenen Puzzlestücke einer Person, vom beruflichen Lebenslauf über Fotoalben bis hin zu persönlichen Angaben. Rollen, die man eigentlich getrennt hält, reihen sich plötzlich aneinander. Das Netz zeigt allen alles, auch dem Chef die Party-Fotos. Die Autorin Linda Tutmann, 24, musste so feststellen, dass nicht nur ihre journalistischen Netzbeiträge, sondern auch ihr privates StudiVZ-Profil von ihren Lesern entdeckt werden (siehe S. 102).

Es kann sogar passieren, dass den Menschen eine Rolle angedichtet wird. Gerade im Internet machen sich Daten schnell selbstständig, da dort ihrer Vervielfältigung keine Grenzen gesetzt sind. Fotos und Videos sind einfach herunter- und an anderer Stelle wieder hochgeladen, möglicherweise in einem Kontext, der dem Dargestellten gar nicht mehr behagt. Der Amerikaner Michael Fertik, der im Internet professionell nach Personendaten sucht, kann dazu einige Geschichten erzählen. Beispielsweise die von einer Kundin, die auf ein angesehenes College geht – und deren Facebook-Foto auf einmal auf einer Seite mit sexuellen Anspielungen übelster Sorte auftauchte.

"Ich war wirklich schockiert", sagt Fertik, "und dann erstaunt, dass sie so naiv gewesen war, darauf auch noch zu antworten." Das allerdings hatte sie gar nicht getan, stellte sich später heraus: Auch die Antworten waren Fakes. "Ich war selbst überrascht, wie einfach es ist, jemandem im Netz etwas anzuhängen", sagt Fertik.

Nach der derzeitigen Rechtslage ist im Internet jeder für seine Daten selbst verantwortlich. Aber das Internet ist so groß, dass er bald die Kontrolle über seine Daten verliert. "Es ist wie ein schwarzes Loch", sagt der Sicherheitsexperte Andreas Poller. "Es verschlingt alles, was man eingibt, und man hat keine Ahnung, was damit passiert." So wächst die Gefahr, von Bastarddaten und längst vergessenen Dateileichen heimgesucht zu werden.

Es müsste ein Ablaufdatum für Daten im Netz geben – diese Idee hatte der Datenschützer Viktor Mayer-Schönberger. Die Nutzer selbst müssten bei jeder Eingabe eine Zeitdauer festlegen können, nach der ihre Kommentare, Rezensionen oder Bilder automatisch gelöscht würden, um nicht für die Ewigkeit in den Tiefen des Internet zu bleiben. Die Forderung ist allerdings ohne rechtlichen Rahmen schwer durchsetzbar, denn das Speichern ist inzwischen billiger als das Löschen.

Michael Fertik hat in diesem Problem eine Markt- lücke gesehen, die er mit einem neuen Internetdienst füllen will: Sein Reputation Defender kann alle Netzeinträge zu einem Kunden suchen und die unerbetenen davon löschen. Bei einem Abonnement für 9,95 Dollar monatlich wird der Kunde im Vierwochenrhythmus per Mail über seine Internetspuren informiert, versehen mit Hinweisen, dass er dies oder jenes vielleicht nicht so stehen lassen sollte. Eine Löschaktion kostet 29,95 Dollar. Allerdings hat Reputation Defender selbst keinen Zugriff auf die Daten, sondern muss den Urheber oder Plattformanbieter darum bitten, sie zu entfernen. Bisher hat Fertik erst 4400 Kunden in den USA, seinem größten Markt, in Deutschland sind es 600. "Aber die Sensibilität nimmt zu", sagt Fertik.

Er selbst ist sein bester Kunde und lässt sich regelmäßig seinen Profilbericht erstellen. Eine ganze Reihe Beschimpfungen tauche darin auf, erzählt er, "gerade wenn man Leute daran hindert, mit den Daten anderer ihren Spaß zu treiben, macht man sich nicht nur Freunde." Die Meinungsäußerungen ließe er aber stehen, sagt er, sie gehörten eben zur Netzkultur. Persönliche Angaben hingegen stehen von ihm kaum im Netz. Was aber nicht daran liegt, dass er sie ständig löschen lasse, sagt der selbst ernannte Internet-Sheriff: "Ich bin einfach schon immer sehr vorsichtig mit meinen Daten umgegangen."