Sport »Wii are the champions«
Kein Tippfehler: Die Tennisfreunde Berliin e. V. schmettern Matchbälle mit der Fernbedienung – im weltweit ersten Verein für virtuelles Tennis
»15:30.« Jakob Lehr schwitzt. Er balanciert auf einem Bein und rudert mit den Armen, als ob er Fliegen fangen wollte. Auch wenn das komisch aussieht, ist der Tennisspieler hoher Favorit – sein Name steht auf Platz 17 der Weltrangliste. Die Gegenspielerin trägt dunkle Gamaschen zu weißen Ballerinas und einen beigefarbenen Rock über den hautengen Jeans.
Die Rückhand saß, »30:30«, scheppert es aus der Box am Mini-Tennisplatz. Jakob Lehr schlägt wieder auf, seine Rockgegnerin guckt er dabei nicht an. Stattdessen starren sie beide auf eine Leinwand, die zwischen ihnen auf dem Center Court steht. Was sie da spielen, nennen sie »virtuelles Tennis«.
Auch wenn ihr Sport Tennis heißt, erinnert er eher an eine LAN-Party als an Ivan Lendl. 30 Meter Klebeband, eine Wii-Spielkonsole, zwei Controller genannte Fernbedienungen, ein Verstärker, ein Videosplitter, zwei Beamer und die Leinwand haben den Arbeitsraum in einer alten Berliner Fabrik in eine Tennisarena verwandelt. Es ist Freitagabend, Trainingszeit für die Konsolenprofis der Tennisfreunde Berliin.
Die zwei »i« in »Berliin« sind kein Tippfehler, sondern Hinweis auf das Spielgerät der Sportfreunde. Außerdem wollen sie sich von traditionellen Tennisvereinen absetzen. Jakob und die anderen 15 Mitglieder sind eine sportliche Drückerkolonne: Sie messen sich nicht mit gelben Filzbällen und Schlägern, sondern durch Drücken und Schwingen der Controller. Zwei gekreuzte Wii-Fernbedienungen, umrundet von einem Lorbeerkranz, schmücken auch das Logo des 2007 gegründeten Clubs – des weltweit ersten Vereins für digitale Leibesertüchtigung.
»45:30.« Auf Jakobs Stirn perlt der Schweiß. »Wir wollten die Konsole in die öffentliche Arena bringen, weil Videospielen bisher eine Wohnzimmerkulturtechnik war«, sagt er. Ihr Verein sei der spielerische Versuch, zu zeigen, dass Videospiele die Nutzer nicht automatisch zu gewalttätigen Verlierern machten. »Tennis kannten wir davor nur aus der
Schwarzwaldklinik«,
sagt Jakob.
Weil das Spiel sich leicht lernen lässt und Menschen zusammenbringt, war es ideal für die Vereinsidee. Dieser eher kopflastige Zugang klingt nicht nach Boris Becker. Darum sehen sich die Tennisfreunde auch eher als elektronische Kulturschaffende denn als Sportler.
Im vergangenen Jahr wurde trotzdem die erste Meisterschaft in Berlin ausgespielt – allerdings in nur einer Nacht und im Rodeo Club, zu Musik vom DJ-Pult. Die drei Tennisfreunde-Gründer kennen sich vom Studium an der Universität der Künste. Noch dieses Jahr wollen sie zurück an die Uni: Das nächste große Match planen sie im Royal College of Art in London.
Matchball. Jakob drischt ein Ass über das virtuelle Netz, das Spiel ist beendet. Er reißt die Arme hoch und rennt zur Leinwand in die Platzmitte. Dann gibt er seiner Gegnerin die Hand, sie bedankt sich mit einem Knicks. Zumindest die Abschiedsgesten hätten so auch in Wimbledon stattfinden können.
- Datum 26.05.2008 - 07:01 Uhr
- Quelle ZEIT Campus 03/2008
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