Prokrastination »Aufschieben ist auch arbeiten«
Dutzende Ratgeber geben Tipps, wie man sich das ständige Aufschieben abgewöhnt. Völlig falsch, sagt die Autorin Kathrin Passig: Aufschieber sind durchaus produktiv. Ein Tagebuch

© madochab/ photocase
Die sprichwörtliche lange Bank: Viele Studenten leiden unter chronischer Prokrastination
Das Vor-sich-Herschieben von unangenehmer Arbeit ist so verbreitet, dass es ein eigenes Fremdwort dafür gibt: Prokrastination. Dutzende Ratgeber geben Tipps, wie man es sich abgewöhnt. Völlig falsch, sagt die Autorin Kathrin Passig, Aufschieber seien durchaus produktiv. Um nicht an ihrem Buch über Prokrastination arbeiten zu müssen, hat sie zum Beispiel diesen Text geschrieben - ein Tagebuch des Aufschiebens
August 2007
Ich halte ungern Vorträge, denn sie sind erstens mit Arbeit und zweitens mit der Option verbunden, sich vor Publikum zum Löffel zu machen. Aber der Schweizer Dozent René Gisler möchte, dass ich im Herbst seinen Studenten an der HGK Luzern etwas zum Thema »Der Reichtum der Nichtverwertbarkeit« erzähle, und er fragt so nett, dass ich nicht ablehnen kann.
Den Inhalt wird man sich noch ausdenken müssen, aber als Titel schlage ich schon mal die Betreffzeile einer Spammail vor, die ich gerade erhalten habe: »Putting the Pro in Procrastination«. Damit sich die Recherche lohnt, muss der Vortrag mindestens zweimal gehalten werden.
So kommt es, dass ich schon im August zusammen mit Sascha Lobo beim »9 to 5 – Wir nennen es Arbeit«-Festival in Berlin darüber doziere, wie man die Dinge geregelt kriegt, und zwar ohne einen Funken Selbstdisziplin. Meine Hälfte bereite ich eine Stunde vor der Veranstaltung vor, denn ich bin diszipliniert. Während ich den Anfang vortrage, arbeitet Sascha im Hinterzimmer die zweite Hälfte aus. Wider Erwarten geht alles gut, und das Publikum freut sich: »Wir dachten immer, wir wären die Einzigen, die nichts geregelt kriegen!«
September
Wir beschließen, ein Buch zum Thema zu schreiben. Schließlich gibt es etwa zwei Regalmeter Literatur zum Thema Zusammenreißen und Zeitmanagement sowie unzählige Produktivitätsblogs, die einem erklären, wie man Selbstdisziplin erlangt – unter Zuhilfenahme von Selbstdisziplin. Die Welt braucht unser Buch. Das findet erfreulicherweise auch der Rowohlt Verlag.
Als Abgabetermin schreiben wir Ende Februar ins Konzept. Die handelsübliche Arbeitszeit für ein Buch beträgt zwar ein ganzes Jahr, aber wir überspringen die Hälfte des Jahres, die man sowieso nur mit Prokrastination verbringt, und steigen direkt in die Torschlusspanik ein.
Oktober
Die Torschlusspanik lässt auf sich warten. Ich lese erst mal ein paar Bücher und Artikel zum Thema. Eigentlich wollte ich nie ein Buch mit Sascha Lobo schreiben, genau genommen habe ich Freunde gebeten, mich unbedingt davon abzuhalten, sollte ich je auf die Idee kommen, zusammen mit Sascha ein Buch zu schreiben.
Holm Friebe hat es bei »Wir nennen es Arbeit« ausprobiert und damals oft über Sascha, die faule Sau, geklagt. Inzwischen arbeitet Holm an einem neuen Buch, diesmal zusammen mit dem Journalisten Thomas Ramge. Ramge erklärt uns, wie das Bücherschreiben geht: »Man setzt sich halt morgens um neun an den Rechner und schreibt bis eins, ich weiß nicht, was daran so schwierig sein soll.« Jetzt tut Holm mir ein bisschen leid. Dann doch lieber Sascha, die faule Sau.
- Datum 12.08.2008 - 12:15 Uhr
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- Quelle ZEIT Campus 04/ 2008
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Super gut! Super lustig! Und ziemlich wahr. Wobei ich die eine Woche für die Magisterarbeit für relativ beeindruckend halte, obwohl ich für Hausarbeiten selber nur selten länger als 3 Tage brauche (irgendwie sind es aber immer die letzten 3 Tage vor der letzten Verlängerung des Abgabetermins).Man sollte auch nciht vergessen, dass sich die körperliche Fitness aufgrund steigender sportlicher Betätigung während Lern- und Hausarbeitenphasen stark verbessert. Folge: Prokrastinierer (???) leben länger!
Der kluge Schreiber sagt: „Wenn man ein Buch wirklich in der Zeit schreibt, die der Verlag sich vorstellt, kommt man ja zu gar nichts. Aufschieben ist daher Selbstschutz vor Selbstausbeutung, also doppelt selbstbewusst.”Der kluge Verleger sagt: „Wenn Du was erledigt haben willst, gib es Leuten, die viel zu tun haben.” (was sie spätestens dann haben)
ich glaube nämlich - eine durch Introspektion gewonnene Einsicht -, dass die meisten kreativen Leute ein absolut spiessiges Über-Ich haben, eins, dass zum Beispiel verlangt, wie ein Büroangestellter an Entwürfe heranzugehen. So, wie's der arme Holm jetzt soll.Dieser Instanz kann man nur subversiv begegnen, man muss sie zermürben. Wenn selbst das Über-Ich einsieht, dass die Sache- und hier kommt der Termin sehr hilfreich ins Spiel - mit der Üb'-immer-Treu-und-Redlichkeit-Methode, also sozusagen Stein auf Stein from 9 till 5, auf keinen Fall mehr zu schaffen ist, kann man es endlich so angehen, wie 's funktioniert - frisch und kreativ...
Endlich beschreibt das auch mal ein Mensch positiv. Und ein Mensch bekennt sich hier auch ganz offen dazu, dass es immer mal wieder andere Dinge gibt, die wichtig sind oder zumindest als wichtig erscheinen. Und trotzdem ist der "Aufschieber" produktiv.
Was jede(r) AufschieberIN lange schon gewusst (?) oder aber ganz fest gehofft hat, ist nun endlich publiziert. AufschieberInnen sind auch produktiv. Bringen etwas zustande.
Mich freut das.
Interessanter Artikel. Bestätigt meine latente Vermutung, daß die halbe Kreativszene Ritalin konsumiert. Möchte nicht wissen, wie viele vermeintliche Narkoleptiker so pro Woche in einer typischen Berliner Hausarztpraxis auftauchen.
Was ist das Durchschnittsalter der Zeit Leser? Was ist das Durchschnittsalter der Ritalin Nutzer in Deutschland? Der Artikel erwaehnt nebenbei die Einnahme des Medikaments Ritalin außerhalb seiner vorgesehenen Indikation, als sei dies hip. Will die Zeit sich mit diesem Raum fuer eine Glorifizierung des Abusus von Ritalin an juengere Leser ranschmeissen? Abgedrehte Ignoranz des Ritalin innwohnenden Risikos.
Der Text wirkt wie aus meinem Leben gegriffen, nur das ich keinerlei Bücher schreibe und auch keine Ambitionen habe dies zu tun. Bei eigenen Projekten dauert es immer ewig bis etwas zustande kommt. Das scheint bei kreativen Personen generell so zu sein. Da, wo ich nur als "Werkzeug" diene, arbeite ich zum Beispiel ganz anders. Schnell alles wegschaffen um dann Ruhe zu haben. Anders bei wirklich wichtigen Sachen. Auf einmal trifft man sich mit Leuten, die man ewig nicht gesehen hat, man ist sich eigentlich egal, um die Zeit totzuschlagen, die man besser nutzen sollte. Aber gut. Bisher ging es immer noch gut. Wenigstens konnte ich so schonmal den Schlaf für die noch kommenden schlaflosen Nächte, über die immer so geklagt wird, "vorholen".
Einige Artikel hätte ich gerne schon vorher kommentiert, aber ich habe es bisher nie geschafft mich hier anzumelden. Also die Anmeldung zu den Kommentaren auf heute verschoben um mich für diesen den tollen Artikel zu bedanken. Sonst hätte ich es wohl nie geschafft mich hier anzumelden. Danke. Oder aber habe ich momentan genügend anderes zu tun und bin auf der Suche nach einer neuen Ablenkung?! :-)
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