Prokrastination »Aufschieben ist auch arbeiten«Seite 3/3
Bei Sascha ist immer wieder von »stundenlanger Arbeit am Buch« die Rede, ohne dass sich Ergebnisse dieser Arbeit in den Google-Docs niederschlagen. Gut, dass der Februar in diesem Jahr 29 Tage hat. So gelingt es uns, pünktlich zur Deadline eine 250 Seiten lange Version 0.9 abzugeben. Die Hälfte dieser Seiten stammt, egal, wie oft ich nachzähle, von Sascha.
März
Zum Glück enthalten Verlagsverträge vier Wochen eingeplante Verspätung, die man wie einen Hosensaum bei Bedarf einfach auslassen kann. Vier Wochen sind erstens sehr lang, und zweitens müssen wir uns dringend von der Begegnung mit der Deadline erholen. Bis Mitte des Monats geschieht deshalb nichts und danach auch nicht sehr viel. Der Verleger hat den Fehler gemacht, im Gespräch durchblicken zu lassen, dass wir das Buch auch am 7. April abliefern können, ohne dass der Verlag gleich zugrunde geht.
April
Wir verlängern um weitere drei Tage. Aber da jede glaubwürdige Verlängerung kürzer als die vorhergehende sein muss, kann jetzt nicht mehr viel passieren. Irgendwann heißt es: »Reicht auch heute Abend noch?«, dann: »Es wird eine halbe Stunde später«, und wer will, kann jetzt noch um Sekunden feilschen.
Am 10. April ist das Buch 40 Seiten zu lang, die Kapitelüberschriften fehlen, und es gibt eine lange Liste mit dem Titel »Was dringend noch rein muss«. Aber schließlich halten Autoren ihre Bücher immer für unfertig, es handelt sich also sicher um eine optische Täuschung. Abgabe!
Epilog
Während der Arbeit am Buch habe ich ein neues Blog gegründet und mehrere vollgeschrieben, ein anderes Buch fertiggestellt, an einer Radiosendung mitgearbeitet, ein Museumskonzept, ein Kunstprojekt und diverse neue Geschäftsideen erdacht, die Buchhaltung der »Riesenmaschine« reformiert, zwölf Berge bestiegen und sämtliche verpassten Serien der Jahre 2002 bis 2008 gesehen.
In der Minute der Buchabgabe war es damit vorbei. Es gibt nichts, was ich dringend erledigen müsste, und damit fehlt jeder Antrieb, statt des Dringenden andere Dinge zu tun. Ich sitze in der Sonne herum, lese stundenlang das Internet durch und schlafe viel. Gut, dass das nächste eilige Projekt vor der Tür steht, denn ich will endlich mal das Computerspiel Sam & Max Season Two spielen. Man kommt ja sonst zu nichts.
- Datum 12.08.2008 - 12:15 Uhr
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- Quelle ZEIT Campus 04/ 2008
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Super gut! Super lustig! Und ziemlich wahr. Wobei ich die eine Woche für die Magisterarbeit für relativ beeindruckend halte, obwohl ich für Hausarbeiten selber nur selten länger als 3 Tage brauche (irgendwie sind es aber immer die letzten 3 Tage vor der letzten Verlängerung des Abgabetermins).Man sollte auch nciht vergessen, dass sich die körperliche Fitness aufgrund steigender sportlicher Betätigung während Lern- und Hausarbeitenphasen stark verbessert. Folge: Prokrastinierer (???) leben länger!
Der kluge Schreiber sagt: „Wenn man ein Buch wirklich in der Zeit schreibt, die der Verlag sich vorstellt, kommt man ja zu gar nichts. Aufschieben ist daher Selbstschutz vor Selbstausbeutung, also doppelt selbstbewusst.”Der kluge Verleger sagt: „Wenn Du was erledigt haben willst, gib es Leuten, die viel zu tun haben.” (was sie spätestens dann haben)
ich glaube nämlich - eine durch Introspektion gewonnene Einsicht -, dass die meisten kreativen Leute ein absolut spiessiges Über-Ich haben, eins, dass zum Beispiel verlangt, wie ein Büroangestellter an Entwürfe heranzugehen. So, wie's der arme Holm jetzt soll.Dieser Instanz kann man nur subversiv begegnen, man muss sie zermürben. Wenn selbst das Über-Ich einsieht, dass die Sache- und hier kommt der Termin sehr hilfreich ins Spiel - mit der Üb'-immer-Treu-und-Redlichkeit-Methode, also sozusagen Stein auf Stein from 9 till 5, auf keinen Fall mehr zu schaffen ist, kann man es endlich so angehen, wie 's funktioniert - frisch und kreativ...
Endlich beschreibt das auch mal ein Mensch positiv. Und ein Mensch bekennt sich hier auch ganz offen dazu, dass es immer mal wieder andere Dinge gibt, die wichtig sind oder zumindest als wichtig erscheinen. Und trotzdem ist der "Aufschieber" produktiv.
Was jede(r) AufschieberIN lange schon gewusst (?) oder aber ganz fest gehofft hat, ist nun endlich publiziert. AufschieberInnen sind auch produktiv. Bringen etwas zustande.
Mich freut das.
Interessanter Artikel. Bestätigt meine latente Vermutung, daß die halbe Kreativszene Ritalin konsumiert. Möchte nicht wissen, wie viele vermeintliche Narkoleptiker so pro Woche in einer typischen Berliner Hausarztpraxis auftauchen.
Was ist das Durchschnittsalter der Zeit Leser? Was ist das Durchschnittsalter der Ritalin Nutzer in Deutschland? Der Artikel erwaehnt nebenbei die Einnahme des Medikaments Ritalin außerhalb seiner vorgesehenen Indikation, als sei dies hip. Will die Zeit sich mit diesem Raum fuer eine Glorifizierung des Abusus von Ritalin an juengere Leser ranschmeissen? Abgedrehte Ignoranz des Ritalin innwohnenden Risikos.
Der Text wirkt wie aus meinem Leben gegriffen, nur das ich keinerlei Bücher schreibe und auch keine Ambitionen habe dies zu tun. Bei eigenen Projekten dauert es immer ewig bis etwas zustande kommt. Das scheint bei kreativen Personen generell so zu sein. Da, wo ich nur als "Werkzeug" diene, arbeite ich zum Beispiel ganz anders. Schnell alles wegschaffen um dann Ruhe zu haben. Anders bei wirklich wichtigen Sachen. Auf einmal trifft man sich mit Leuten, die man ewig nicht gesehen hat, man ist sich eigentlich egal, um die Zeit totzuschlagen, die man besser nutzen sollte. Aber gut. Bisher ging es immer noch gut. Wenigstens konnte ich so schonmal den Schlaf für die noch kommenden schlaflosen Nächte, über die immer so geklagt wird, "vorholen".
Einige Artikel hätte ich gerne schon vorher kommentiert, aber ich habe es bisher nie geschafft mich hier anzumelden. Also die Anmeldung zu den Kommentaren auf heute verschoben um mich für diesen den tollen Artikel zu bedanken. Sonst hätte ich es wohl nie geschafft mich hier anzumelden. Danke. Oder aber habe ich momentan genügend anderes zu tun und bin auf der Suche nach einer neuen Ablenkung?! :-)
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